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Als im fränkischen Weißenburg ein Rabbiner lehrte

Berühmter Judaist war nach 1945 Vorsitzender der jüdischen Gemeinde…

Von Jim G. Tobias

Weißenburg, eine kleine Stadt im westlichen Mittelfranken, beherbergt seit etwa einem halben Jahrtausend keine Juden mehr. Eine Synagoge sowie eine Mikwe lassen sich bis etwa 1520 nachweisen. Wohin die Menschen danach gingen und was mit den Gebäuden geschah, darüber geben die Chroniken keine Auskunft. Jedoch siedelten sich nach 1945 für einige Jahre bis zu 100 Juden in der Stadt an und gründeten eine Gemeinde. Vorsitzender und das spirituelle Oberhaupt war der bedeutende Rabbiner Jechiel Jakob Weinberg.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit lebten in Franken rund 16.000 Überlebende der Shoa. Die meisten von ihnen waren in sogenannten Displaced Persons (DP) Camps untergebracht, wie sie etwa in Ansbach, Fürth, Windsheim oder Bamberg nachweisbar sind. Dort warteten die entwurzelten und an Leib und Seele verletzten Menschen sehnsüchtig auf ihre Ausreise nach Palästina oder Übersee. In einigen fränkischen Gemeinden wurden Juden aber auch in regulären Wohnungen oder Häusern einquartiert, die zuvor von der US-Militärregierung beschlagnahmt worden waren. Die Verwaltung der Jüdischen Gemeinde Weißenburg befand sich am Westring 16, das gesellschaftliche und religiöse Leben fand in der Gaststätte zum Schlachthof statt.


Jechiel Jakob Weinberg als junger Rabbiner in Pilwischki (vor 1914)

Am Kriegsende war Rabbiner Weinberg bereits einige Jahre lang in der Nähe von Weißenburg auf der Wülzburg, einer historischen Bergfestung, inhaftiert gewesen. Der 1885 im litauischen Pilwischki geborene Judaist hatte zwischen 1924 und 1938 das Amt der renommierten orthodoxen „Hildesheimer Rabbinerschule“ in Berlin bekleidet. Nach der vom NS-Regime verfügten Schließung der Lehranstalt flüchtete Weinberg nach Osteuropa. Dort fiel er zum Anfang des Krieges den Deutschen in die Hände.

Vermutlich um 1941 wurde Weinberg auf Anordnung des Reichsicherheitshauptamtes mit „sowjetrussischen Staatsangehörigen“ in das „Internierungslager Wülzburg bei Weißenburg“ verschleppt. Aufgrund der schlechten Lebensbedingungen und der schweren Zwangsarbeit starben viele von den bis zu 1.000 Häftlingen. Im April 1945 befreiten US-Truppen die Gefangenen; darunter befanden sich neben Jakob Weinberg weitere Juden, denen Unterkünfte in Weißenburg zur Verfügung gestellt wurden. Rasch schlossen sich die ehemaligen Häftlinge von der Wülzburg und andere jüdische Überlebenden zu einer Gemeinde zusammen, die im Dezember 1945 schon 70 Mitglieder zählte und drei Monate später auf 100 Personen anwuchs. Das „Jüdische Komitee Weißenburg“, so der offizielle Name, war Teil des „Zentralkomitees der befreiten Juden“ mit Sitz in München. Ein regionale Untergliederung dieser jüdischen Selbstverwaltung befand sich in Bamberg. Dort erschien auch die jiddischsprachige Zeitung „Undzer Wort“: Das Mitteilungsblatt der in Franken gestrandeten Juden informierte ausführlich über das soziale und politische Leben in den jüdischen Gemeinden und Lagern. So erschienen auch Berichte über die Wahlen zu den Selbstverwaltungskomitees: In Weißenburg wurde Rabbiner Weinberg zum Vorsitzenden der Gemeinde gewählt.

Aufgrund der jahrlangen Haft war Weinberg jedoch gesundheitlich schwer angeschlagen und musste diesen Posten wahrscheinlich im Laufe des Jahres 1946 abgeben. Nach einem Aufenthalt in einer Nürnberger Klinik erhielt er auf Inititiative eines ehemaligen Schülers ein Visum für die Schweiz, in die er 1947 übersiedelte. Das milde Klima in Montreux am Genfer See trug maßgeblich zur Verbesserung seines Gesundheitszustandes bei, sodass der Rabbiner sich bald wieder seinen religiösen Studien widmen konnte. Bis zu seinem Tod im Jahre 1966 galt Jechiel Jakob Weinberg als halachische Autorität, dessen Rat weltweit von orthodoxen Gemeinden eingeholt wurde.


In der Gaststätte „Zum Schlachthof“ fand im Dezember 1946 wahrscheinlich die „imposante und gefühlvolle“ Chanukka-Feier statt. Etwa 80 Juden feierten hier „an festlich gedeckten Tischen“ das jüdische Lichterfest. Repro: Stadtarchiv Weißenburg

Die Jüdische Gemeinde Weißenburg bestand vermutlich bis 1949. Im Januar 1948 verzeichnet eine vom Zentralkomitee der befreiten Juden herausgegebene Übersicht noch 74 Mitglieder. Mit der Gründung des Staates Israel im Mai 1948 und der Liberalisierung der Einwanderungsbestimmungen in den USA, Kanada und Australien hatten die Überlebenden der Shoa nun endlich die Möglichkeit Deutschland zu verlassen.

Der Autor arbeitet zurzeit an der Erstellung eines Internetlexikons, in dem alle jüdischen DP-Lager und -Gemeinden in Bayern verzeichnet werden. Die Datenbank wird – mit ersten Einträgen – Anfang Februar 2012 online gestellt: www.after-the-shoah.org

Ausführliche Informationen über die fränkischen DP-Camps und Communities sind in dem Buch „Vorübergehende Heimat im Land der Täter. Jüdische DP-Camps in Franken 1945-1949“ zu finden.