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„Guter Ort“ wider das Vergessen

Die Erhaltung des jüdischen Friedhofs in Rosenberg an der Moldau…

Von Karl W. Schubsky, NachbarnKennen v. 02.01.2012

Immer wieder hört man davon, dass es in Böhmen, Mähren und Schlesien drei „Nationalitäten“ gegeben habe, die das Land geprägt hätten: Tschechen, Deutsche – und Juden. Diese Einteilung in Nationalitäten ist auch auf den alten Listen der Volkszählungen zu finden, die noch aus der 1. Republik vor 1938 bekannt sind, in denen sich jeder Bürger zu einer Nationalität bekennen musste, die allgemein auf der jeweiligen Umgangssprache beruhte. „Jüdisch“ wird in diesen Listen zwar auch als eine eigene „Nationalität“ aufgeführt, doch irgendwie fielen die Zahlen unter dieser Rubrik immer sehr niedrig aus, da sich die meisten böhmischen Juden zur deutschen Nationalität bekannten.

Dies galt besonders für die Grenzregionen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch auf den Grabsteinen auf dem neuen jüdischen Friedhof in Rosenberg an der Moldau die Inschriften auf Hebräisch und Deutsch gehalten sind, also in zwei Sprachen, die man in Südböhmen heutzutage nicht unbedingt mehr wahrhaben möchte. – Interessant sind dabei auch die Namen der Herkunftsorte der Verstorbenen, die heutzutage nicht mehr existent zu sein scheinen, wie z. B. „Kaplitz“ oder „Unterhaid“ und natürlich auch „Rosenberg“. – Die Bezeichnung „Guter Ort“ für Begräbnisplatz wird von deutschsprachigen Juden auch heute noch benutzt.

Im südböhmischen Grenzgebiet zu Bayern und Österreich gibt es eine „endliche Menge kultureller Denkmäler, die häufig nur noch deshalb fortbestehen, weil sich Enthusiasten aus Nachbarländern für deren weiteren Fortbestand einsetzen und sich ihrer Pflege angenommen haben. Dabei handelt es sich meist um Gruppierungen früherer Bewohner – oder inzwischen auch schon deren Nachkommen – aus den einzelnen, heute nicht mehr unter ihren früher genutzten Ortsnamen bewohnten Gemeinden, die sich aus alter Verbundenheit darum kümmern und Sorge tragen. Diese „Pfleger“ haben zu den Denkmalen einen direkten Bezug, da es sich dabei zumeist um Kirchen, Kapellen oder Marterl handelt, also christliche Zeugnisse. Hier sei auf die Kirche in Ottau, heute nur noch Zátoň, hingewiesen.

Um einen ganz anderen Fall handelt es sich bei dem jüdischen Friedhof, der auf der Gemarkung von Rožmberk nad Vltavou – oder Rosenberg an der Moldau – liegt und keinen christlichen Hintergrund besitzt. Auch um ihn kümmern sich Leute aus der Nachbarschaft, die zumeist in Linz ansässig sind. Dabei handelt es sich um den Verein „Wider das Vergessen“ und seinen Initiator, Dr. Helmut Fiereder. Der kleine Judenfriedhof ist von einer Steinmauer eingefriedet und kann durch ein Tor betreten werden. Der ummauerte Raum liegt inmitten der südböhmischen Landschaft, an der von Rosenberg nach Krummau führenden Landstraße, etwa zwei Kilometer außerhalb der Stadt, moldauaufwärts. Es ist der „neue“ Judenfriedhof von Rosenberg, ein „guter Ort“, an dem an einen Teil der Geschichte der Region erinnert wird. Es sind die steinernen Zeugnisse der jüdischen Vergangenheit, die an diesem Ort sichtbar sind und die Zeiten überdauert haben. Wie die meisten anderen jüdischen Zeugnisse sind sie von den Menschen verlassen, auf die sie zurückzuführen sind. Die Juden Böhmens sind verschwunden und nur noch wenige leben entweder in der Tschechischen Republik, gehören vielleicht einer der wenigen wieder erstandenen Kultusgemeinden an, oder sie und meist ihre Nachkommen leben in der „Verbannung“ über der ganzen Welt verstreut. Die jüdische Gemeinde in Tschechien ist nicht in der Lage, all die Friedhöfe, die ihr landesweit zurückgegeben wurden, zu pflegen. In Rosenberg hat der Verein „Wider das Vergessen“ aus Linz diese Aufgabe übernommen, deswegen auch, weil es historische Verknüpfungen zwischen Rosenberg und Linz über die Jahrhunderte gab.

Es ist ein kalter Wintertag und das Eisentor zum jüdischen Friedhof mag man nicht ohne Handschuhe angreifen. Die Begräbnisstätte wurde seit etwa 1870 genutzt und es ruhen hier die jüdischen Toten der südböhmischen Bezirke Krummau und Kaplitz. Die letzte Beerdigung, die am jüdischen Friedhof von Rosenberg im Jahre 1950 stattgefunden hat, war die einer Überlebenden der Shoa. Danach gab es in der Stadt keine Juden mehr. Nach jüdischem Brauch liegen auch Steinchen auf den Grabdenkmälern, die Besucher mitgebracht haben. Die Grabinschriften auf manchen Gräbern sind lesbar: „Hier liegt unsere teure Mutter, Rosalie Kuh, Kaufmannswitwe aus Unterhaid“, „Hier ruht Herr Markus Weil aus Friedberg“. Deutsch ist neben hebräischen Gebeten die Sprache der Inschriften, da Südböhmen vor dem Zweiten Weltkrieg vorwiegend deutschsprachig besiedelt war und die Juden gehörten zur deutschsprachigen Bevölkerung.

„Das kommunistische Regime hat danach den unbelegten Grund der Gemeinde zugeordnet und mit einer Mauer den verbleibenden Friedhof abgeschlossen“, berichtet Helmut Fiereder vom Linzer Verein „Wider das Vergessen“. Danach blieb das „Haus der Gräber“ unbelästigt, aber Verfall und Wildnis machten sich ans Werk. Heute bietet die Anlage, dank des Vereins, einen würdigen Eindruck, ist wieder frei, das Gras gemäht und die Einfriedungsmauer repariert. „Unser nur 16 Mitglieder zählender Verein mit Sitz in Linz nennt sich ‚Wider das Vergessen‘. Als Verein gegründet haben wir uns im Jahr 2000, bis dahin habe ich mich alleine, aber mit finanzieller Hilfe der Stadt Linz, seit 1995 im Rahmen meiner Möglichkeiten um den Rosenberger Friedhof gekümmert“, sagt Dr. Helmut Fiereder. Er berichtet weiter, dass sämtliche von seinem Verein in Auftrag gegebenen Arbeiten ausschließlich von Gewerbebetrieben aus der nächsten Umgebung ausgeführt wurden.

Die finanziellen Mittel für die Instandsetzungsarbeiten stammen alle von nicht tschechischen Geldgebern. „Im vergangenen Jahrzehnt konnte der Verein rund 10.000 Euro zur Erhaltung und Sanierung des Friedhofs, so namentlich der Grabstätten und eines Teils der Umfassungsmauer, aufbringen. Möglich wurden diese Leistungen durch Subventionen der Stadt Linz, des Vereins der Rosenberger zu Linz und anderer Vereine, des Schwarzen Kreuzes, und nicht zuletzt auch von privater Seite. Dank der finanziellen Hilfe des Landes Oberösterreich (€ 8000,-), der Stadt Linz (€ 8000.-), der jüdischen Gemeinde von Linz und Oberösterreich (€ 4500.-) und der Diözese Linz (€ 3500.-) konnte 2010 die vom Einsturz bedrohte Umfassungsmauer generalsaniert werden.“ Die Stadt Rosenberg konnte finanziell keinen Beitrag leisten, befürwortet aber die vom Verein „Wider das Vergessen“ durchgeführten Arbeiten. „Für 2012 planen wir“, so Dr. Fiereder, „insbesondere die Erfassung der Grabstellen zur Vorbereitung der Sanierung der Grabsteine, vor allem der Restaurierung der Inschriften. Projektiert haben wir darüber hinaus verschiedene Arbeiten, wie die Schaffung eines behindertengerechten Zugangs im Hinblick auf eine allfällige Einbeziehung des Friedhofs in das Ensembles der für 2013 in Aussicht genommenen Landesausstellung Südböhmen/Oberösterreich.“