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David Ranan Lesereise: Verweigerung in Israel

Der Auslöser für dieses Buch war ein Besuch vor kurzer Zeit bei israelischen Freunden von mir. Zweien von ihren drei Söhnen war es gelungen, sich aus dem Militärdienst herauszuwinden. Nur der mittlere Sohn hatte sich für den Dienst in der Armee entschieden und leistete einen kompletten dreijährigen Dienst in einer Kampfeinheit ab…

Vorwort v. David Ranan zu „Ist es noch gut, für unser Land zu sterben?“

Ich spreche von »sich entscheiden«, doch natürlich hatte er sich nicht dafür »entschieden«, beim Militär zu dienen.
Der Militärdienst ist Pflicht für die meisten israelischen Männer ebenso wie für unverheiratete Frauen, und seine Pflicht nicht zu erfüllen ist ungewöhnlich. Indem der Sohn meiner Freunde einrückte, folgte er nicht nur dem Gesetz, sondern auch der Norm. Und trotzdem war ich nicht von der Tatsache überrascht, dass – einst fast unmöglich – Einberufungen umgangen werden; das ist mittlerweile nichts Unbekanntes in Israel. Allerdings war ich überrascht, dies in einer in Israel geborenen aschkenasischen (aus Mittel- oder Osteuropa stammenden) und säkularen Familie anzutreffen. Säkulare aschkenasische Juden waren die treibende Kraft bei den erfolgreichen zionistischen Bemühungen, den israelischen Staat und seine Einrichtungen einschließlich Zahal, der Israelischen Verteidigungsarmee, zu gründen. Es ist auch die Schicht innerhalb der israelischen Gesellschaft, die in der Vergangenheit stets die Elitesoldaten des Landes hervorgebracht hat.

Was ist los in Israel?
David Ranan in Gespräch mit Micha Brumlik
Wann: Mittwoch, 25. Januar um 19:00 Uhr / Wo: Uni Frankfurt, Campus Bockenheim, Jügelhaus, Hörsaal H14

In Israel müssen, mit Ausnahme ultraorthodoxer junger Männer und Frauen, alle jungen Leute zum Militär gehen. Das Militär selbst stellt in Israel tatsächlich noch eine Schule der Nation dar, insofern dort alle jungen Leute prägende Erfahrungen ihrer Adoleszenz machen und unmittelbar mit den moralischen und existentiellen Fragen ihres Staates und ihrer Gesellschaft konfrontiert sind. Aus dem, was sie glauben und für richtig halten, lässt sich daher ein authentisches Bild der israelischen Gesellschaft und ihrer Zukunft gewinnen.
Der einer deutsch-jüdischen Familie entstammende, jetzt in London lebende Autor David Ranan hat eine Fülle höchst aufschlussreicher Interviews mit Soldatinnen und Soldaten geführt und diese nun auch in seinem kürzlich auf deutsch erschienenen Buch „Ist es noch gut, für unser Land zu sterben?“ publiziert.
Diese biographisch und erziehungswissenschaftlich bedeutsamen Gespräche stellt der Autor öffentlich zur Diskussion. Dazu lädt Professor Brumlik am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft des Fachbereich IV herzlich ein.

Seit meiner Einberufung im Sommer 1965, zwei Jahre vor dem Sechstagekrieg, hat sich viel verändert. Das Land hat sich verändert, seine demografische Zusammensetzung hat sich verändert, sein Verhältnis zu den arabischen Nachbarn hat sich verändert, und in der Folge hat sich ebenso – im Vergleich zu dem, was von Soldaten zu »meiner Zeit« verlangt wurde – das Wesen der Aufgaben verändert, mit denen Kampfsoldaten betraut werden.

Der Anpassungsdruck ist hoch, und manchmal ist der innere Konflikt nicht mehr zu ertragen, so wie für Khalil Givati-Rapp, einen jungen israelischen Soldaten, der, seinem Vater zufolge, hin- und hergerissen war zwischen seinem Pflichtbewusstsein gegenüber Staat und Gesellschaft und dem Gefühl, dass die Armee am Unrecht der Besatzung beteiligt war. Im April 2010 beging der zwanzigjährige Soldat Selbstmord. In seinem Abschiedsbrief schrieb Khalil: »Diese Welt ist voller Übel, Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Schmerz. Mein ganzes Leben lang stand ich zwischen der Wahl, etwas dagegen zu unternehmen (obwohl fast alles, was ich tat, ebenfalls bedeutungslos war) oder es aus der Distanz zu beobachten. Vom Augenblick meiner Einberufung an wurde ich immer mehr zu einem Teil jener Seite, die diese Lage verursacht, und damit konnte ich nicht fertig werden […]«2 Um zu verstehen, wie sich junge Israelis mit ihren möglichen Zweifeln und moralischen Bedenken auseinandersetzen und wie Israel mit dem Thema der Motivation für den Militärdienst umgeht, habe ich über fünfzig Israelis im Alter von achtzehn bis dreißig Jahren interviewt. Mit einigen sprach ich im letzten Schuljahr vor ihrer Einberufung, mit anderen nach Beendigung ihres Militärdiensts.

Dieses Buch enthält 27 dieser Interviews, gekürzt um die Fragen, die ich gestellt hatte. So sind aufschlussreiche Monologe entstanden, die einige der Probleme, die diese Generation beschäftigen, enthüllen.
In den Monologen äußern sich Jugendliche vor ihrem Militärdienst, und zwar einige, die ganz scharf darauf sind (Ofer, Nadav, Gal), ein ultraorthodoxer Junge, der nicht zum Militär gehen wird (Mosche), einige Dienstverweigerer aus Gewissensgründen oder auch Drückeberger (Noa, Amir, Matan), eine junge Frau, die den Dienst erst verweigern wollte, doch dann ihre Meinung änderte (Dana), sowie ein junger Mann, der ins Gefängnis musste, weil er sich seiner Einberufung widersetzte, und im Nachhinein glaubt, dass dies ein Fehler war (Omer). Zwei der Jugendlichen wurden vor das Militärgericht gestellt und mussten ins Gefängnis, weil sie nicht in den besetzten Gebieten3 dienen wollten (Ido, Maor); zwei weitere kamen mit ihrem regulären Militärdienst gut zurecht, konnten ihre Aufgaben aber nur noch schwer akzeptieren, als sie einige Jahre später zum Reservedienst einberufen wurden (Nir, Daniel). Zu Wort kommen außerdem: einige religiöse Idealisten (Lior, Alon) ebenso wie eine idealistische Kämpferin (Nofar); linksgerichtete Soldaten, die die Besatzung missbilligen und glauben, dass Israel die Siedlungen auflösen und verschwinden sollte, aber eine Weigerung, der Einberufung Folge zu leisten, nicht für rechtmäßig halten (Eran, Dor, Ronen, Roy); und sogar einer, den man vielleicht als »Immoralisten« beschreiben könnte (Eli).

Zu den Aufgaben, die israelische Soldaten in moralische Nöte bringen können, gehören wohl insbesondere jene, die sich aus der Verantwortung ergeben, die Kampfeinheiten während ihres Dienstes in den besetzten Gebieten tragen. Obwohl einige Kampfeinheiten inzwischen auch für Soldatinnen offen sind, bleiben die meisten Funktionen in diesen Einheiten männlichen Soldaten vorbehalten. Am wichtigsten für meine Untersuchung sind daher Männer, die in einer Kampfeinheit dienen oder kurz davor stehen – vor allem sie habe ich als Interviewpartner gewählt.

Israels Militär besteht aus drei Komponenten: einer kleinen Berufsarmee, einer regulären Armee von Wehrpflichtigen und einer großen Reservearmee.

Der Wehrdienst ist nach israelischem Gesetz Pflicht; Männer müssen drei Jahre und Frauen zwei Jahre dienen. Diese Pflicht besteht aber nicht für alle israelischen Bürger: Die drei Hauptgruppen, die nicht einberufen werden, sind israelische Araber4, ultraorthodoxe Juden, die eine Jeschiwa5 ganztägig besuchen, und Frauen, die angeben, religiös zu sein und aus diesem Grund vom Dienst befreit werden möchten. Diese Gruppen sind über die Jahre angewachsen und umfassen mittlerweile fast vierzig Prozent der israelischen Frauen und mehr als fünfundzwanzig Prozent der israelischen Männer. Es wird geschätzt, dass um 2020 herum die Hälfte der achtzehnjährigen israelischen Männer entweder zu der Gruppe der israelischen Araber oder zu der der Ultraorthodoxen gehören wird.
Soldaten, die ihren regulären Wehrdienst beendet haben, werden Teil der Reservearmee. Viele Männer, insbesondere jene aus den Kampfeinheiten, werden für die Dauer von etwa einem Monat pro Jahr zum Reservedienst eingezogen, bis sie weit über vierzig sind. Für Offiziere sind die Reservedienstzeiten pro Jahr oft noch länger. In Kriegszeiten können die Einberufungszeiträume sehr viel ausgedehnter sein. Eine wachsende Anzahl von Männern entschließt sich daher, den Reservedienst zu umgehen, und findet auch Wege, dies zu tun.

Seit 1967 haben israelische Soldaten, die ausgebildet werden, im Falle eines Krieges ihr Land zu verteidigen, eine weitere Aufgabe: die Überwachung der besetzten Gebiete. Um den dadurch eingetretenen Wandel zu verstehen, ist es erforderlich, ins Jahr 1967 zurückzugehen, das Jahr des Wendepunkts.Im Buch befindet sich eine Hintergrundskizze um dem Leser dabei helfen, diese Veränderungen besser nachzuvollziehen und die Umstände zu begreifen, unter denen junge Israelis in den Dienst für ihr Land geschickt werden. […]

Lesungen aus „Ist es noch gut, für unser Land zu sterben?“ im Januar – Februar 2012
(genauere Informationen zu aktuellen Terminen gibt es beim Autor)