Wieviel jüdische Ethik?

Seit Ende letzten Jahres kommen wir regelmäßig zusammen: Eine Gruppe jüdischer Pädagogen trifft sich auf Initiative des American Jewish Comittee (AJC) in Berlin und fragt, wie sich die jüdische Ethik im Unterricht am Besten vermitteln lässt. Aus den luftdurchfluteten Räumen über Berlin Mitte am Leipziger Platz sieht man einiges klarer. Und so wird auch klar, dass man bei dieser Frage zweierlei unterscheiden muss: Einerseits geht es darum, wie wir den jüdischen Schülern die Inhalte ihrer eigenen Tradition schmackhaft machen. Andererseits fragen wir uns, wie und wieviel Judentum ihre nichtjüdischen Mitschüler im allgemeinen Ethikunterricht brauchen…

Von Dr. Jessica Schmidt-Weil

Zunächst das Offensichtliche: Dass jüdische Ethik ein Kernstück des jüdischen Religionsunterrichts bildet, steht außer Zweifel. Doch welche ethischen Themen sind hierbei auszuwählen und wie vermittelt sie ein Lehrer im Unterricht?

Die letztere Frage ist diffiziler als ein Laie sich denken mag: Kann doch die Vermittlung völlig unterschiedlich vonstatten gehen, etwa chronologisch in Abfolge der Schriften oder anders – in Themenpaketen, die nicht an die Schöpfungsgeschichte, sondern an thematische Blöcke anknüpft, etwa: die Menschenwürde, Gemeinschaft, Frieden oder Gerechtigkeit.

Gerade Letzteres erlaubt, spontan auf Schülerbedürfnisse einzugehen, um die jüdische Ethik für sie alltagsrelevant erscheinen zu lassen. Ethische Werte schließlich müssen für die Schüler nachvollziehbar sein, sonst gehen sie auf Dauer verloren. Aber neben Anknüpfungspunkten bildet auch die Deutungsvielfalt eine wesentliche Komponente: Auf Basis der Tora lassen sich talmudische und philosophische Diskussionen, aber auch neuere Auslegungen unterrichten.

Es klingt einfacher und harmonischer als es ist. Gerade dort, wo Ethik konkret wird, hört die Einigkeit auf: Bei Themen wie Homosexualität oder Mamserim (Nachkommen aus einer verbotenen Beziehung zwischen zwei Juden) trennen sich die einzelnen jüdischen Traditionen und fangen an, sich miteinander zu streiten. Dies muss im Unterricht mutig aber geschickt angegangen werden: Es ist nicht die Aufgabe des jüdischen Unterrichts Partei für die eine oder andere Auslegung zu ergreifen, sondern vielmehr den Schülern das argumentative Arsenal mitzugeben, mit dem sie sich ihre eigene jüdische Position erarbeiten können. Gerade in diesem Zusammenhang scheint mir ein Unterrichtswerk unter Einbezug ethischer Werte für den jüdischen Religionsunterricht unerlässlich, das bislang in Deutschland noch nicht vorliegt, und so sind hiesige Lehrer nach wie vor auf Kopien oder ausländische Materialien angewiesen.

Ganz anders die Frage nach der jüdischen Ethik im staatlichen Ethikunterricht. Hier, wie im Geschichtsunterricht werden zwar jüdische Themen behandelt, doch häufig unangemessen: Juden werden immer noch als Verfolgte, Opfer und Objekte skizziert. Im Fach Ethik bildet das Thema heutiges Judentum in Deutschland stets ein abgeschlossenes Kapitel, losgelöst vom restlichen Stoff.

Wenn es um allgemeine ethische Themen wie Freundschaft, Gerechtigkeit, Freiheit Verantwortung oder Solidarität geht, finden wir neben den klassischen philosophischen Texten zuweilen Hinweise zu christlichen, aber nicht zu jüdischen Quellen.

Und so geht den nichtjüdischen Schülern eine reiche Tradition verloren, die das heutige kulturelle Erbe so entscheidend geprägt hat und für unser heutiges Leben so bereichernd sein kann: Auch für nichtjüdische Schüler kann es interessant sein, Hillels Ausführungen zu einem gerechten Urteil (Sprüche der Väter 2:4) kennenzulernen oder über Mosche ben Maimons Ausführungen zum Thema Freier Wille und Verantwortung (Führer der Unschlüssigen) zu hören.

Wie so oft bei Bildungsthemen, sind derartige Fragen schwerlich rein theoretischer Natur. Hier geht es um mehr. Man könnte gar sagen, hier es geht um unsere jüdische Kontinuität. Hier sind wir, jüdische Pädagogen, gefordert. Uns kommt die wichtige, ja die schwere Aufgabe zu, die Mannigfaltigkeit jüdischer Denkkultur und damit die Kernbereiche jüdischer Ethik immer wieder den folgenden Generationen vermitteln zu dürfen, und so jeder Generation in der Auseinandersetzung mit den existenziellen Fragen in unserer heutigen Welt zu einer starken jüdischen Identität und damit zu einer eigenen Position zu verhelfen. Doch ist dies alleine kaum ausreichend, um diese kolossale Aufgabe zu bewältigen. Wir brauchen mehr als Fachwissen und Enthusiasmus. Wir brauchen eine Institution: Eine übergeordnete Institution, die – angedacht als jüdische Akademie in Anlehnung an Franz Rosenzweigs Idee -, denominationalsneutral wie die HfJS in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Gremien die Fragen der jüdischen Pädagogik und jüdischer Ethik bearbeitet, könnte eine Antwort auf die Herausforderungen sein. Doch wir beginnen erst einmal in kleinen Schritten: Der Arbeitskreis am Leipziger Platz ist ein Anfang. Die Fortsetzung folgt.

Dr. Jessica Schmidt-Weil ist Lehrerin und Fachkonferenzleiterin für Ethik in Berlin.

Ein Kommentar zu “Wieviel jüdische Ethik?

  1. Hallo Frau Dr. Schmidt-Weil,

    mit Interesse haben ich Ihren Artikel hier auf Hagalil gelesen. Dabei bleiben allerdings zwei Fragen für mich ungeklärt.

    1) Können zwei Mensch, die ethisches Denken, „etwa: die Menschenwürde, Gemeinschaft, Frieden oder Gerechtigkeit“, vertreten, über „Mamserim“ in Streit geraten? Verbietet sich die Einteilung in „Mamserim“ nicht schon deswegen, weil dies zum einen einer „Blut-Reinheits-Ideologie“ sehr nahe kommt und zum andern Kindern  die „Schuld“ ihrer Eltern aufbürdet?

    2) Sie beklagen, dass „im staatlichen Ethikunterricht … zwar jüdische Themen behandelt (werden), (dies) doch häufig unangemessen (sei): Juden werden immer noch als Verfolgte, Opfer und Objekte skizziert“. Ist die Empörung jüdischer Kreise nicht mindestens genauso groß, wenn Juden NICHT mehr als Verfolgte und Opfer dargestellt werden? Hier auf Hagaliol gibt es sehr aufschlussreiche Diskussionen, in denen „die Deutschen“ sowohl dafür angefeindet werden, dass sie zuviel „gedenken“ als dafür, dass sie zu wenig „gedenken“. Ich glaube, dass sich dann die meisten Pädagogen auf die vermeindlich „sicherere Seite“ begeben.

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