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Eine Nestbeschmutzung

Burschenschaftler in der postnazistischen Kleinfamilie…

Von Stephan Grigat

Österreich ist ein merkwürdiges Land. Am heutigen Abend werden Burschenschaftler der im WKR zusammengeschlossenen Olympia, Cimbria und Teutonia in der Hofburg das Tanzbein schwingen. Das ist in etwa so, als würde die bundesrepublikanische NPD ihre nächste Party am 9. November im Berliner Schloss Bellevue, dem Sitz des deutschen Bundespräsidenten abhalten. All diese Korporationen spielen eine zentrale Rolle als Scharnier zwischen dem gerade noch legalen Rechtsradikalismus und dem offen neonazistischen Milieu. In einem Land, das der auch in Deutschland nur partiell wirksamen reeducation der Alliierten allein schon durch die Lüge von Österreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus entging, gehören selbst Politiker, die in solchen Gruselvereinen assoziiert sind, zum normalen Inventar der Nation.

Das ist wohl auch der Grund dafür, dass sie mit sozialdemokratischen und konservativen Stimmen in höchste Staatsämter gewählt werden. Die Olympia hat Holocaustleugner wie David Irving auf ihre Buden eingeladen – und Nazi-Barden wie Jörg Hähnel und Michael Müller. Kostprobe gefällig? „Mit 6 Millionen Juden da fängt der Spaß erst an, bis 6 Millionen Juden da bleibt der Ofen an.” Der dritte Nationalratspräsident ist bis heute stolzes Mitglied dieser Verbindung. Über einen der wichtigsten Nazis Österreichs, der in Italien in Abwesenheit wegen mehrfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, sagt er: „Ich habe Norbert Burger immer geschätzt und tue das auch über den Tod hinaus.“

Einige Gegner des WKR-Balls machen nun allerdings den Fehler, dass sie sich auf das Terrain der Nationalisten begeben. Wäre es nur das von vielen Protestierenden beschworene „Ansehen Österreichs im Ausland“, das durch den Ball beschädigt würde, warum sollte man sich bei Minusgraden auf Demonstrationen die Beine in den Bauch stehen? Wäre es nicht geradezu wünschenswert, wenn das Ansehen eines Landes, das als eine Art postnazistische Kleinfamilie seit 60 Jahren die Resultate des Nationalsozialismus mal großkoalitionär, mal unter direkter Mitwirkung der FPÖ verwaltet und von ihnen profitiert, ein klein wenig leidet? Sollten „Nestbeschmutzung“ und „Vaterlandsverrat“, die von den deutschnationalen Recken ebenso gerne als Vorwurf bemüht werden wie von austropatriotischen Heimattümlern, nicht die vornehmsten Disziplinen eines jeden Menschen sein, der die Unterordnung unter nationale Kollektive schon aus Gründen der Selbstachtung für verwerflich erachtet?

Doch es geht um mehr, nämlich um die Frage, ob die Rechtsradikalen aus dem miefigen Burschenschaftlermilieu weiterhin als „drittes Lager“ zum integralen Bestand dieser Republik gerechnet werden. Solange es sowohl in der Sozialdemokratie als auch in der ÖVP gewichtige Stimmen gibt, die sich die Option einer Koalition mit der FPÖ nach den nächsten Wahlen unbedingt offen halten wollen, wird sich daran nichts ändern. Das Problem in diesem Land ist, dass Mitglieder von Burschenschaften wie der Olympia in den Medien als ganz normale Diskussionspartner durchgehen. Mit deutschvölkischen Burschenschaftlern sollte es aber nichts zu debattieren geben, sonst erklärt man ihre antisemitische Ideologie und ihre abgrundtiefe Menschenfeindlichkeit für diskutabel. Solche Leute sind schlicht nicht satisfaktionsfähig.

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter an der Universität Wien und Herausgeber des Buches „Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert“, das 2012 im ça ira-Verlag erscheint.

In redaktioneller Bearbeitung erschienen am 27.1.2012 in der „Presse“.