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Presseschau: Der raschelnde Blätterwald

Über Nazis in der US-Presse, fromme Juden in Sachsen, Guido in Arabien oder Lala Süsskind und Sergej Lagodinski in Berlin…

Gegen Isolationismus in einer „multikulturellen“ Gesellschaft

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13.12.2011, S.8 ) beklagt Robert B. Goldmann, dass die neuere von Nazis verübte Mordserie in der US-Presse kein Thema ist. Goldmann ist freier Journalist und lebt in New York und meint, Amerika habe guten Grund, sich über die rechtsextreme Bewegung in Deutschland als einer zwar kleinen, aber dennoch gefährlichen Randgruppe zu sorgen und die Reaktion der deutschen politischen und kulturellen Welt im Auge zu behalten.
Eine besondere Verantwortung haben seiner Meinung nach auch nichttürkische Minderheiten, die unter Diskriminierung oder Angriffen rechtsextremer Elemente leiden, besonders die jüdische Gemeinschaft: …“Minderheiten haben lebenswichtige gemeinsame Interessen, und sie haben in der deutschen demokratischen Gesellschaft die Möglichkeit, diese Interessen konstruktiv zu vertreten. Doch sie pflegen einen Isolationismus, den man in der „multikulturellen“ Gesellschaft gerne als Identitätsbewusstsein herauskehrt – zum Schaden der Minoritäten wie der demokratischen Gesellschaft. Wenn Ministerpräsident Tayyip Erdogan gegen die „Assimilation“ der türkischen Bevölkerung wettert und orthodoxe Rabbiner sich nur um jüdische Interessen und Rituale kümmern, tut das ihrer Gemeinde nicht gut. Junge Leute – ob Türken oder Juden – sollten ermutigt werden, sich in die demokratische deutsche Gesellschaft einzuleben. Sonst geraten sie in gesellschaftliche Isolierung und die macht sie verführbar für rassistische und antisemitische Extremisten“.

Juden in Deutschland

In einer Religionsserie bringt BILD.de in Leipzig einen Beitrag zum Judentum. Jakow Kerzhner schreibt unter „Daran glaubt Leipzig“ am 12.12.2011: „Ich glaube an Gott. Den Namen meines Gottes darf ich nicht aussprechen. Ich nenne ihn Ha-Schem. Ich bin Jude und lebe im Waldstraßenviertel.
Es gab Zeiten, da war meine Religion nicht viel mehr als etwas wie eine fremde Nationalität in meinem Ausweis. Und das ist gar nicht lange her… Meine Familie stammt aus Kiew.
Sozialismus und Religion – das passte nicht. Auch wir Juden wurden immer herabgestuft. Da war ständig dieses Gefühl anders und nicht richtig zu sein. Deshalb beteten wir auch daheim nicht mehr. Das änderte sich aber, als wir im Februar 1995 nach Leipzig kamen. Hier fanden wir wieder zu unseren Wurzeln, hier haben wir Gott neu kennengelernt.“ …

Guido macht sich

Maram Stern geht im Tagesspiegel vom 13.12.2011 auf den Werdegang des deutschen Außenministers Westerwelle ein. Unter der Überschrift „Ein Diplomat von Format“ beschreibt er das Verhältnis von Guido Westerwelle zu Israel als nicht immer irritationslos: … „viele Juden haben nicht nur in Deutschland Westerwelles Ambivalenz im Umgang mit den damaligen antisemitischen Ausfällen Jürgen Möllemanns“ in Erinnerung…
Beim „arabischen Frühling“, so Stern, der Vizepräsident und Stellvertretender Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses (JWC) ist und in Brüssel das Europa-Büro des JWC leitet, hätten viele europäische Politiker umdenken müssen:
„Die Berechenbarkeit von Despoten weicht plötzlich der Unberechenbarkeit unzufriedener Massen“.

Auch Guido Westerwelle sei anfangs auf Positionssuche gewesen, habe aber immer mehr zu seiner Rolle gefunden, so Stern:
„Dies liegt nicht zuletzt daran, dass er die Aufgaben seines Amtes angenommen hat und erkennt: In der Stille liegt die Kraft! Die Besinnung auf die ursprünglichen westlichen Werte, die vor allem Freiheitswerte sind, hat Westerwelle dabei geholfen. Und so hat der deutsche Außenminister in den vergangenen Monaten unbemerkt von der Öffentlichkeit eine Reihe wichtiger Weichenstellungen entscheidend mit herbeigeführt und erfolgreich hinter den Kulissen gewirkt.
Dazu zählt die deutsche Unterstützung bei der Freilassung des israelischen Soldaten Gilad Shalit, der Widerstand gegen die vorschnelle Anerkennung eines einseitig ausgerufenen Palästinenserstaates auf UN-Ebene oder die beharrliche Eindämmung der iranischen Expansionsbestrebungen.
Mit seiner Arbeit im Hintergrund hat Außenminister Guido Westerwelle in internationalen diplomatischen Kreisen in jüngerer Zeit an Ansehen gewonnen. Deutschland profitiert von diesem Ansehen, denn das Land kann seine politische und wirtschaftliche Bedeutung wieder mehr und mehr in konkreten politischen Einfluss in der Sache umsetzen. Auf dieser Grundlage ist es schließlich auch einem Diplomaten möglich, seine Stimme zu erheben und sich national wie international Gehör zu verschaffen, wenn es darauf ankommt. In diesem Sinne wird vom deutschen Außenminister Guido Westerwelle in Zukunft wieder zu hören sein. Die innenpolitisch geprägte Öffentlichkeit in Deutschland wird ihr Bild von Westerwelle dann wohl erneut revidieren müssen“.

Neuer Wind oder alte Konzepte: Sergej Lagodinki oder Gideon Joffe

Aus der Berliner Gemeinde berichten zahlreiche Agenturen (dapd/kif/kos) über den Ausgang der Wahl zur Repräsentantenversammlung.

… Wer Lala Süsskinds Nachfolge als Vorstand der seit Jahren in finanzieller Schieflage sich befindenden Gemeinde antreten wird, steht noch nicht fest: …“In der vergangenen Woche hatten 2.469 Gemeindemitglieder eine neue Repräsentantenversammlung gewählt, deren 21 Mitglieder nun im Januar den neuen Vorsitzenden bestimmen sollen. Interesse für die Spitzenposition haben der Publizist Sergey Lagodinsky und Gideon Joffe angekündigt. Joffe leitete bereits von 2005 bis 2008 die Gemeinde und war zuletzt Geschäftsführer der mittlerweile insolventen Berliner Treberhilfe.

Süsskind zeigte sich vom Wahlausgang enttäuscht. Vor allem die geringe Wahlbeteiligung von 27 Prozent bezeichnete sie als „schockierend“. „Warum die Leute nicht zur Wahl gehen, weiß ich nicht. Aber es kann ja nur Desinteresse sein“, sagte Süsskind. Dass die mangelnde Mobilisierung auch als Kritik an ihrer Arbeit zu verstehen sei, wollte die scheidende Vorsitzende nicht ausschließen.“… Immerhin habe sie, als sie 2008 den maroden Haushalt von ihrem Vorgänger (G. Joffe) übernommen habe, klarmachen müssen, wie ernst die Lage sei: „Das war bis dato nicht laut gesagt worden. Natürlich waren wir die Bösen.“