Erinnerungen an Jean Jülich

Diese Rede hat Peter Finkelgruen am 26.11. auf der Erinnerungsveranstaltung für Jean Jülich in Köln-Mülheim gehalten…

Meine eindringlichste Erinnerung an Jean Jülich geht zurück auf das Frühjahr 1984. Jean Jülich, seine Frau, sein Sohn und seine Tochter waren in meinem Wohnzimmer in Jerusalem versammelt. Es war Frühjahr, sie Sonne schien, und das große Fenster gab den Blick auf die Judäischen Berge frei. Es war nicht nur die biblische Landschaft, die mich an den sprichwörtlichen Propheten denken ließ, der im eigenen Land wenig gilt, denn direkt uns gegenüber lag Yad Vashem, die Gedenkstätte an die Opfer des Holocaust.

Dort aber wird nicht nur der Opfer gedacht: In der Allee der Gerechten steht ein Baum für jeden, der in der Zeit der größten Not, als Millionen von europäischen Juden von den Nazis und ihren Helfern verfolgt, vertrieben und ermordet wurden, geholfen hat. Am darauffolgenden Tag sollten dort zwei Bäume gepflanzt werden: einer für den von der Gestapo hingerichteten Bartholomäus Schink und einer für Jean.

Drei Jahre zuvor, im Sommer 1981, hatte ich ihn für diese Ehrung vorgeschlagen und alle Unterlagen, die ich im Zusammenhang mit den Recherchen über die Edelweispiraten gesammelt hatte, der Prüfungskommission übergeben. Ein knappes Jahr später erfolgte die Anerkennung und an diesem Frühlingstag im Jahr 1984 nunmehr endlich auch die Ehrung, an der auch der deutsche Botschafter teilnahm und auch Gerhart Baum, noch Bundestagsabgeordneter und ehemaliger Innenminister der Bundesrepublik Deutschland.

Für mich hatte diese Konstellation eine ganz besondere Bedeutung, insbesondere im Gedenken an einen weiteren Geehrten, dessen Anerkennung als „Gerechter unter den Völkern“ am gleichen Tag bekannt gegeben wurde, wie die Bartholomäus Schinks und Jean Jülichs: Der wenige Monate zuvor verstorbene Dr. Michael Jovy, ehemaliger Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, gegen den ein jahrelanges Hausverbot für das Auswärtige Amt in Bonn verhängt worden war, weil noch Jahre nach dem Sturz der Nationalsozialisten gegen ihn  wegen seiner Verurteilung wegen „bündischer Umtriebe“ und „Vorbereitung zum Hochverrat“ im Dritten Reich ermittelt wurde.

Als der deutsche Botschafter anlässlich Michael Jovys Ehrung durch Yad Vashem die Worte sprach, dieser sei „Ein mutiger Deutscher, einer von denen, die es wagten, die Kräfte des Bösen herauszufordern…“, war dies, das bestreite ich nicht, nicht nur für Jean Jülich eine Genugtuung, sondern auch für mich, hatte ich doch in den siebziger Jahren erleben müssen, wie das politische Establishment, ebenso wie weite Teile der bürgerlichen Gesellschaft, noch immer versuchten, die Widerständler des Dritten Reichs zu diskreditieren und, wo möglich, auch zu kriminalisieren.

Diese Tage in Jerusalem mit Jean Jülich und seiner Familie aber waren unbeschwert von diesen Dingen. Ich versuchte, ihnen, vor allem Jean, etwas von Jerusalem zu zeigen, wollte mich dafür erkenntlich zeigen, dass ich Köln eigentlich erst durch ihn richtig kennengelernt hatte. Erst durch die Auseinandersetzung um die Anerkennung der Edelweißpiraten als Widerstandsgruppe erfuhr ich überhaupt, dass es in den 1940er Jahren nennenswerten Widerstand gegen die Nazis in dieser Stadt gegeben hatte. Ich hatte schon beinahe zwei Jahrzehnte in dieser Stadt gelebt, wußte alles über die Römer und die Geschichte dieser Stadt, aber so gut wie nichts über den dortigen Widerstand gegen die Nazis – was auch ein „Verdienst“ der damaligen Stadtoberen war.

Bis heute verstehe ich nicht so recht, was die damaligen Oberen der Stadt Köln so geritten hat, die wenigen Widerständler, welche die Stadt aufzubieten hatte, in einer Weise zu behandeln, wie es im Fall der Edelweißpiraten geschehen ist. Verstanden habe ich aber auch, daß Köln mehr, viel mehr war und ist, als die Mehrheitsgesellschaft und ihre politischen Vertreter damals glauben machen wollten. Und das verdanke ich Jean.

Unvergesslich ist für mich auch die Fahrt durchs Siebengebirge an jene Orte, wo er sich als Jugendlicher mit anderen jungen Menschen, die nicht im Gleichschritt der Nazis marschieren wollten, an den Wochenenden traf. Dort drehten wir den ersten Fernsehbericht über Jean Jülich und die Edelweißpiraten, damals für das Dritte Programm des WDR.

Und nicht zu vergessen die Karnevalsabende im „Blomekörvche“ in der Josephstraße. Das „Et Blomekörvche“ wurde von Jean betrieben und war der Ort einer unverstellten kölschen Eigenkultur.

Ich wundere mich immer noch darüber, daß uns die Decke nicht doch auf den Kopf gefallen ist: Dort habe ich zum ersten Mal einen anderen Karneval, den urtümlichen, wilden Kölner Karneval kennen lernen dürfen.

Jean Jülichs „ Blomekörvche“ war aber auch der Ort einer weiteren, sehr emotionalen Situation: Ich besuchte ihn dort mit Freuden aus Israel, darunter Joshua Sobol, den bekannten Dramatiker und Regisseur. Jean sprach kein Hebräisch, sie kein Deutsch, doch als Jean sich mit uns in den Nebenraum setzte, die Gitarre aufnahm und die alten Lieder der Edelweißpiraten anstimmte, waren die Verständigungsprobleme wie weggeblasen.

All das verdanke ich Jean Jülich, diesem wahrhaftigen Bürger der Stadt Köln, der sich in all den Jahren nicht unterkriegen hat lassen und den zum Ehrenbürger zu erklären, dieser Stadt sehr wohl und sehr gut angestanden hätte.


Peter Finkelgruen, Foto: Jan. Ü. Krauthäuser / Edelweißpiratenfestival

Zum Weiterlesen:
http://www.hagalil.com/2011/07/03/edelweisspiraten/
http://www.hagalil.com/98/05/film.htm
http://www.hagalil.com/2009/11/06/finkelgruen-3/
http://buecher.hagalil.com/sonstiges/finkelgruen-1.htm
http://www.hagalil.com/alenu/presse/finkelgruen.htm