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Eros und Kabalah: Die Vereinigung des Heiligen mit der Gegenwart

Das Judentum wird allgemein als die Quelle des Monotheismus aufgefasst. Dies scheint die deutlichste Aussage der Religionsgeschichte zu sein. Jedoch ist in vielen Versionen des Gebetbuches, des am meisten verbreiteten jüdischen Buches, eine alarmierende aramäische Formel zu finden: Le-shem jihud qudesha berikh hu u-shekhinteih…

leSchem Jihud Keduschah berikh hu uSchehinatajkh…
Eine kabbalistische Kernformel

Moshe Idel in KABBALA UND EROS

Dieser kabbalistische Ausspruch findet sich in vielen Fassungen des Gebetbuches, welches schon seit vielen Generationen der vorneuzeitlichen jüdischen Geschichte täglich von den meisten Juden benutzt wird. Er geht der Rezitation einiger Gebete und dem Vollzug einiger Gebote, oder gemäss anderer Varianten, aller Gebote voraus. Wörtlich übersetzt lautet er: „[Die Liturgie wird vollzogen] um der Vereinigung willen zwischen dem Heiligen, gepriesen sei er, mit seiner göttlichen Gegenwart.“

Obwohl diese Formel erst in der Mitte des 16. Jahrhunderts Teil der jüdischen Kulthandlungen wurde, stellt sie den Kristallisationspunkt einer langen Entwicklung dar, welche in einigen Zirkeln, besonders in den Hauptschulen der Kabbala, stattfand. Sie spiegelt das höchste Ziel einiger wichtiger religiöser Handlungen wider: die Verschmelzung herbeizuführen, welche eine sexuelle Vereinigung zwischen einem männlichen Attribut einerseits — mit verschiedenen Termini wie Tiferet, „der Heilige gepriesen sei er“, oder „die sechste Sefira“ benannt — und der weiblichen Manifestation des Göttlichen andererseits, welche mit einer Vielzahl von Namen wie z. B. Shekhina, Malkhut, Knesset Jisrael, Atara und „zehnte Sefira“ bezeichnet wird, darstellt. Die folgenden Erörterungen werden einen Überblick über die wichtigsten Stationen jüdischen Denkens geben, welche im ausgehenden Mittelalter die oben genannte Formel hervorgebracht haben.

Eine der Hauptthesen dieser Studie ist, dass in einigen wichtigen Strömungen der mittelalterlichen Kabbala und des aschkenasischen Chassidismus die Entdeckung einer tragenden Rolle der weiblichen göttlichen Macht eine Polarität zwischen derselben und der männlichen göttlichen Macht entstehen liess. Und genau diese Polarität wird wiederum durch die Ausführung des jüdischen Rituals überbrückt. Solch ein Ritual wurde als das Herbeiführen einer erotischen und sexuellen Begegnung dieser Mächte verstanden, die die Einheit der göttlichen Welt herstellte.

Somit konnte der Rhythmus des innergöttlichen Lebens in kühnen erotischen Vorstellungen zum Ausdruck gebracht werden, und die Hauptschulen der Kabbala beschrieben Methoden, wie man an diesem Rhythmus teilhaben und ihn durch seine religiösen Praktiken beeinflussen konnte. Mein Anliegen ist es nicht, hier die Ursprünge dieser einen einflussreichen Formulierung nachzuzeichnen, was ein rein philologisch-historisches Unterfangen wäre, sondern ich bin mehr daran interessiert, im folgenden die Diskurse zusammenzuführen, die sich mit den Konzepten, die diese Formel entwickelten und in ihr ihren Höhepunkt fanden, und mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Dabei sind für mich allgemeine Überlegungen von Bedeutung, welche sich mit den spekulativen Impulsen beschäftigen, die diese Art des Denkens hervorbrachten. Für die meisten Leser, die eine oberflächliche Kenntnis des Judentums besitzen, mag solch eine Hervorhebung der notwendigen Vereinigung von göttlichen Kräften und nicht weniger die sexuelle Natur dieses Geschehens sehr überraschend sein. Wer ein vereinfachtes Verständnis vom Judentum hat und es in seiner Ganzheit als Verkörperung oder Ausdruck eines rein geistigen Monotheismus betrachtet, als eine Religion, die angeblich die Ansicht billigt, dass der göttliche Bereich eine Sphäre der unveränderlichen Perfektion ist, oder anderen theologischen Klischees anhängt, die in vielen jüdischen und nichtjüdischen Vorstellungen von Judentum vorherrschen, mag sich über die Aufnahme der obigen Formel ins Gebetbuch wundern. Zweifellos spiegelt diese wichtige Sammlung von Texten mehr als eine Strömung der jüdischen Gotteslehre wider, auch wenn die kabbalistische Formel in vielen Versionen des Gebetbuchs fehlt. Jedoch die Fragen, welche mich hier beschäftigen, sind diejenigen, warum solch eine Formel überhaupt in einem liturgischen Buch mit solch weltweiter Verbreitung Aufnahme fand, und mehr noch, warum solch eine Formulierung überhaupt in jüdischen Kreisen auftauchen konnte.

Natürlich fragt man sich, warum und wie eine sexuell differenzierende Konzeption der Gottheit in Erscheinung trat und warum sie in einigen recht autoritativen Kreisen als ein Kernthema der jüdischen Religion angesehen wurde.

Nicht minder von Bedeutung sind folgende Fragen:
Aus welchem Grund verursacht die Durchführung eines Rituals durch einen Juden eine sexuelle Vereinigung zwischen göttlichen Kräften? Repräsentieren solche Entwicklungen einen unerwarteten und relativ späten Bruch im jüdischen Denken oder das Entstehen einer spezifischen Vorstellung? Kristallisieren sich in ihnen viel ältere Impulse, die lebendig geblieben waren und nun nach Ausdruck suchten? Und daraus folgend fragt man sich: Was bedeuten die erotischen und sexuellen Darstellungen der göttlichen Sphäre für das Verständnis einiger Juden in bezug auf menschliche Erotik und Sexualität?

MOSHE IDEL: KABBALA UND EROS
Aus dem Englischen von Elke Morlok
VERLAG DER WELTRELIGIONEN

Judentum als erotische Kultur