Danke Schang!

Jean Jülich, genannt Schang, kürzlich verstorbener Edelweißpirat und Karnevalist, hätte seine Freude gehabt: Da stürmte doch Ende November die Kindertanzgruppe Jan von Werth die Bühne der Köln-Mülheimer Stadthalle und verwandelte diese in ein musikalisches Bewegungsinferno. Das Publikum hingegen war eindeutig älter – der Altersdurchschnitt der 900 Besucher dieser Erinnerungsveranstaltung dürfte wohl bei knapp 55 Jahren gelegen haben…

Von Roland Kaufhold

Und eine Kölner Erinnerungsveranstaltung war es. Erinnert wurde an ihn selbst: An den am 18.4.1929 in Köln geborenen, am 19.10.2011 ebendort verstorbenen Jean Jülich. Ihn, der sich immer wieder auf die ehemals von der Mehrheitsgesellschaft, den politisch Verantwortlichen, auch den Kölner Sozialdemokraten kriminalisierten Edelweißpiraten bezogen, an sie erinnert hat. Immer wieder. Unermüdlich.

An diese mutigen Jugendlichen, die sich dem nationalsozialistischen Kollektiv mittels ihrer Lieder sowie vereinzelter Widerstandshandlungen entgegengestellt hatten. Einige von ihnen wurden ermordet, als Jugendliche. Einige der wenigen noch lebenden Edelweißpiraten waren auch unter den Trauer-, den Feiergästen, wurden vom Organisator, dem Begründer des Edelweißpiratenfestes Jan U. Krauthäuser öffentlich begrüßt.


Jean mit der Gruppe “De Familich” auf dem Edelweißpiratenfestival 2008, Foto: Jan. Ü. Krauthäuser / Edelweißpiratenfestival

Den Brückenschlag zu den nachwachsenden Generation zu schlagen, die so lange verfemte Tradition der Edelweißpiraten immer wieder in Erinnerung zu rufen, ihre Lieder lebendig zu halten, diese an die nächsten Generationen weiter zu geben – darum ging es diesem Kölner Original. Und so stand auch die  Jugendband vom Edelweißpiratenfestival Memoria auf der Bühne, ihr jüngstes Bandmitglied dürfte 14 Jahre alt sein – und intonierte auf ihre Weise die Texte der Edelweißpiraten.

Gekommen, ohne Gage, waren alle, die in Köln Klang und Namen haben und sich einer gemeinsamen Idee verbunden fühlen: Der 86-jährige Grandseigneur des Kölschen Liedes Ludwig Sebus, der Kölner Bezirksbürgermeister Andreas Hupke, die Brings + Kai Engel, Rolly Brings, Bömmel, Hartmut und Kafi von den Bläck Fööss, das Markus Reinhardt Ensemble – eine Kölner Zigeunerkombo, die Rheinbündischen, die Holunder Singers, die kölsche Folkband De Familich, unterstützt durch Schangs Enkelin Ines Rademacher, Wicky Junggeburth, der Südstadtchor Die Brausen, die lateinamerikanische  Band La Papa Verde sowie die Schlagsaite.


Ludwig Sebus, Foto: Jan Ü. Krauthäuser / Edelweißpiratenfestival

Dementsprechend reichte das bunte musikalische Spektrum in der Mülheimer Stadthalle – diese hatte Jean Jülich viele Jahre zuvor als Gastronom betrieben, dort Karnevalsveranstaltungen in Eigenregie zelebriert – von den romantischen und kämpferischen Liedern der Edelweißpiraten über alte und neue Kölsche Lieder bis hin zu Zigeunermusik und modernen Klängen. Unterbrochen und verlebendigt wurden die Musikstücke immer wieder durch Anekdoten über Jean Jülich, durch persönliche Erinnerungen und durch das Erinnern an gemeinsame Projekte. Geblieben ist das Publikum bis zum Schluss, 4 ½ Stunden lang.


Kindertanzgruppe Jan von Werth, Foto: Jan Ü. Krauthäuser / Edelweißpiratenfestival

Herzuheben bleibt die Rede Peter Finkelgruens, der an die lange Vorgeschichte der Ehrung Jean Jülichs durch Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ im Jahre 1984 erinnerte – an welcher Finkelgruen maßgeblich beteiligt war. (Zum Redetext)

Diese Ehrung durch Yad Vashem bedeutete Schang sehr viel, immer wieder sprach er über diese frühe, hohe Auszeichnung in Israel. Unvergesslich war ihm, dass dieser Auszeichnung in Jerusalem Dutzende ehemaliger, von den Nazis vertriebene jüdische Kölner beiwohnten, die ihn in breitestem Kölsch fragten, ob denn der Dom in Kölle noch stehe und wie ihre ehemalige Heimatstadt Köln heute aussehe.

Erinnert wurde auch, u.a. von Rolly Brings und dem Moderator Helmut Frangenberg, an das privinzielle Gezerre der Kölner CDU, die eine Ernennung Jean Jülichs zum Kölner Ehrenbürger verhinderte – wie bereits 30 Jahre zuvor die Ernennung Heinrich Bölls. Das Publikum war sich jedoch einige: Jean Jülich, Schang, bedurfte dieser Auszeichnung: Im Herzen ist er schon lange Ehrenbürger Kölns.

Und gesungen wurden immer wieder, von den Bands wie auch vom gesamten Publikum, die von Jean Jülich selbst verfassten Lieder, vor allem sein legendäres Stück „Es war in Shanghai“ – mit dem zugleich ein Brückenschlag zu dem am 9.3.1942 in Shanghai geborenen Peter Finkelgruen geschlagen wurde. Dieses sei abschließend wiedergegeben:

Jean Jülich: Es war in Schanghai

(Zu hören hier)

Es war in Schanghai
Um Mitternacht in der Ohio-Bar,
da trafen sich drei Tramper,
die durch die Welt gezogen war´n.
Jim Parker, der kam aus Frisco,
aus Hamburg der lange Hein
und Charly, der machte den Vorschlag:
„Kameraden, wir trampen zu drein.“

Auf einem Schoner
Fuhren sie hinüber nach Hawaii,
unter Kokospalmen
sangen leis ein Liedel, die drei,
ein Lied voll von Liebe und Treue,
ein Lied voll von Heimat und Glück,
doch keinen, den packte die Reue
und keiner, der sehnte sich zurück.

Es zog sie weiter,
bis hinunter an das schwarze Meer,
sie bohrten Öl und wurden Reiter
in Koltschaks weißem Freiheitsheer.
Sie schlugen sich durch Russlands Steppe
Bis hinunter an den Wolgastrand,
sie kämpften für Freiheit und Rechte
und für ein geknechtetes Land.

Ach Jim, ach Jimmy,
wir müssen nun verlassen dich,
dort drunten in der Taiga,
liegt ein Grab unter säuselndem Gebüsch.
Hier hast du nun endlich deinen Frieden,
hier hast du vom langen Trampen Ruh´,
doch wir müssen weiter nun ziehen,
immer weiter nach dem Süden zu.

Am Lagerfeuer,
ein Wind weht über die Prärie,
zur Klampfe greift der Mexikaner
und José sang ja wie noch nie.
Er sang von der dunklen Rose
und von der Puszta und Prärie,
und Charly, der kleine Franzose,
hatte Sehnsucht nach Paris.

Und weiter drunten
In einem unbekannten Afrika,
wo lichte Sterne funkeln,
weiß ich im Urwald noch ein Grab.
Ade, du mein lieber Charly,
warst mir immer ein guter Kamerad,
allein kehr zur Heimat ich wieder,
denn ich hab ja das Trampen so satt.

Kommst du nach Hamburg,
in die Hafenbar zum „Schwarzen Hai“,
da findest du bei Kümmel und Rum
den langen Hein, den Vagabund.
Er erzählt dir von Jimmy und Charly
und von der Puszta und Prärie
und denkt auch zurück gern an Schanghai,
wo sich dereinst trafen sie.

Jean Jülich (2003): Kohldampf, Knast un Kamelle – Ein Edelweißpirat erzählt aus seinem Leben (Kiepenheuer & Witsch)

Zum Weiterlesen:
http://www.hagalil.com/2011/10/30/juelich/
http://www.hagalil.com/2011/07/03/edelweisspiraten/
http://www.ksta.de/html/artikel/1319018239642.shtml
http://www.museenkoeln.de/ausstellungen/nsd_0411_schanghai_neu/track01.htm
http://www.stadtrevue.de/archiv/archivartikel/494-litfasssaeulen-des-widerstands
http://www.eg.nsdok.de/default.asp?typ=interview&pid=47&aktion=erstes
http://transparent-photo.de/tv/ewp-info.html
http://www.youtube.com/watch?v=R1NK8snRPbM
http://www.ksta.de/html/artikel/1302709555319.shtml
http://www.lvr.de/app/presse/index.asp?NNr=2563