Es gärt in der Westbank

In Taybeh fand zum siebten Mal das palästinensische Oktoberfest statt. Besucher aus der ganzen Region zieht es zum Maßkrugstemmen, zu Shawarma, HipHop – und vor allem frischgezapftem Taybeh-Bier…

Von Marc-Oliver Maier und Christoph Schwarz
Jungle World v. 20.10.2011

»Wir haben keinen Staat, aber wir haben unser eigenes Bier«, sagt der 53jährige Brauer Nadim Khoury. Er hat seine Biermarke, die er in den Varianten Golden, Amber, Dark und alkoholfrei anbietet, nach seinem Heimatdorf benannt. Taybeh, was auf Arabisch so viel wie »lecker« oder »gut« bedeutet, ist das einzige Bier im Nahen Osten, das gemäß dem deutschen Reinheitsgebot von 1516 gebraut wird.

Von Ramallah aus ist Taybeh, mit seinen 2 100 Einwohnern nach offiziellen Angaben das letzte mehrheitlich christliche Dorf in der Westbank, in einer guten halben Stunde zu erreichen. Das Oktoberfest, das von der Konrad-Adenauer-Stiftung und anderen internationalen Geldgebern gefördert wird, findet dieses Jahr auf dem Gelände des Kindergartens statt. Es gibt diesmal keinen Schuhplattler, wie die Organisatorin Maria Khoury im Gespräch mit der Jungle World entschuldigend einräumt. Neben dem Namen und dem Bier ist die einzige Reminiszenz an die Münchner Wies’n das Maßkrugstemmen. Der 21jährige Flo Bieringer, der einzige deutsche Stemmer auf der Bühne, gibt als erster auf. Das Publikum applaudiert. »Die kopieren hier nicht das Münchner Oktoberfest, das finde ich gut«, sagt Bieringer, der hier als einziger ein krachledernes Beingewand trägt.

Alles an diesen zwei Tagen ist um die Bühne herum organisiert, wo neben palästinensischen HipHop-Gruppen auch die örtliche Folklore-Gruppe auftritt, die modernisierte Formen des traditionellen Dabka-Tanzes aufführt. Dabei wird auf der Bühne viel mit kleinen Nationalfähnchen gewedelt und zum Abschluss noch einmal eine große Palästina-Fahne vor dem Oktoberfestbanner ausgerollt. Doch verglichen mit der Münchner Wies’n ist das Programm in Taybeh internationaler: Folklore aus Sri Lanka, eine Karate-Performance japanischer Gäste und zwanzigminütige Crash-Kurse in Deutsch vom Goethe-Institut.

Statt Hendl und Haxen findet man jede Menge Falafel-, Shawarma- und Pizza-Stände, auch die örtliche Landfrauenkooperative und Süßigkeitenläden bieten ihre Waren feil. »Ich wollte das hier im palästinensischen Stil machen«, erläutert Nadim Khoury. »Die Idee ist, dass die ganze Gemeinde mitmacht und alle ihre Produkte verkaufen können. Das Ganze gibt einem das Gefühl von Normalität.«

Dennoch darf die Politik nicht fehlen. In allen Reden und Pressemitteilungen werden das einzige palästinensische Bier und das Oktoberfest in Taybeh als nationale Symbole präsentiert. Nadim Khourys Bruder David, der Bürgermeister von Taybeh, bezeichnet das Fest in seiner Eröffnungs­rede als »friedlichen Widerstand im siebten Jahr«. Emphatisch fordert er die Unterstützung der UN-Initiative Mahmud Abbas’ und Jerusalem als Hauptstadt eines künftigen Staates. In den Grußworten des katholischen, orthodoxen und armenischen Klerus ist bei der Eröffnung viel vom Frieden die Rede. Die diesjährige Pressemitteilung bemüht das Motto der aktuellen Werbekampagne: »Taste the Revolution.« Auf diesen Slogan angesprochen, lacht Nadim Khoury und sagt: »Es geht einfach darum, dass wir in Palästina unter Besatzung leben und trotzdem exzellentes Bier machen – das ist eine Revolution. Wir wollen, dass unser Produkt in der ganzen Welt verkauft wird, damit die Welt sieht, dass wir friedliche Leute sind. So kann Palästina aufgebaut werden, durch die Schaffung von Arbeitsplätzen hier. Israel wurde auch so geschaffen, durch Leute, die von außerhalb kamen und im Land investiert haben. Wir sollten dasselbe machen, Palästinenser von außerhalb ermutigen, hierher zu kommen und hier zu investieren, anstatt auf europäische Hilfsgelder zu warten.«

Khoury hat in Boston Betriebswirtschaft studiert und schon während seines Studiums in Sacramento das Brauhandwerk erlernt. Seit nunmehr 16 Jahren betreibt er seine Brauerei als Familiengeschäft. Taybeh hat im vorigen Jahr 6 000 Hektoliter Bier produziert. Etwa 30 Prozent davon werden in Israel verkauft, wobei die Kontrollen an den Checkpoints ein großes Hindernis darstellten, wie Khoury betont. Weitere zehn Prozent werden in Länder wie Chile, Japan oder Schweden exportiert. »Wir haben außerdem ein Franchising in Deutschland, von dort verkaufen wir in andere europäische Länder«, sagt der Brauer.

Doch 60 Prozent der Produktion werden auf dem palästinensischen Markt abgesetzt. Auf die Frage, ob auch Muslime sein Bier kauften, sagt Khoury: »Die Nicht-Muslime machen hier nur ein Prozent der Bevölkerung aus – die können nicht alleine den ganzen Alkohol konsumieren, der in Palästina verkauft wird. Und während des Ramadan bricht unser Verkauf ziemlich ein. Die Schlussfolgerung überlasse ich jedem selbst.« Das Nationalbier mit einem Alkoholgehalt von fünf Prozent wird Gerüchten zufolge auch in den Gaza-Streifen geschmuggelt, wo die herrschende Hamas den Konsum von Alkohol strikt verboten hat. Inzwischen wird Alkohol jedoch auch in konservativeren muslimischen Orten der Westbank wie Hebron oder Jenin nicht mehr toleriert. »In den dortigen Markt versuchen wir mit unserem alkoholfreien Bier einzusteigen«, sagt Khourys 26jährige Tochter Madees, die wahrscheinlich einzige Bierbrauerin weit und breit. Das Alkoholfreie ziert ein Etikett in grün, der Farbe des Islam.

Die Christen der Westbank, die vor einigen Jahrzehnten noch ein Fünftel der Bevölkerung ausmachten, sind eine im Verschwinden begriffene Minderheit. Die israelische Besatzung ist bei weitem nicht der einzige Grund für den christlichen Exodus. Viele Konflikte in der palästinensischen Gesellschaft werden konfessionalisiert. Taybeh wurde vor sechs Jahren von Einwohnern des benachbarten, mehrheitlich muslimischen Dorfes Deir Jair angegriffen, 14 Häuser wurden geplündert und niedergebrannt. Auslöser war eine Affäre zwischen einem Christen aus Taybeh und einer Muslimin aus Deir Jair.

Doch angesprochen auf die muslimisch-christlichen Beziehungen, betonen die meisten palästinensischen Gäste die Gemeinsamkeiten. Dimitri aus Beit Sahour sagt: »Vor allem Christen aus der Region kommen hierher, aber auch einige meiner muslimischen Freunde. Manche mögen dagegen sein, aber es gibt immer radikale Spinner, und die können sonst wohin gehen.« Yussif, der neben ihm steht, lacht: »Ich bin Moslem, aber das hier ist kein Bier, sondern Taybeh.«

Manche Gäste wollen ausdrücklich keine Fragen zur Politik beantworten. Fred Schlomka, Chef einer Agentur für alternativen Tourismus in Israel, sagt: »Das Oktoberfest ist eigentlich vollkommen apolitisch, es erlaubt Leuten mit den unterschiedlichsten Hintergründen endlich einmal, zusammenzukommen und die Politik zu vergessen.« Der 32jährige Ari ist zum dritten Mal auf dem Oktoberfest, dieses Jahr backt er Brezeln. Er ist vor zehn Jahren aus den USA nach Israel ein­gewandert, arbeitet in Tel Aviv als Bäcker und organisiert regelmäßig Konzerte, auf denen er auch Taybeh verkauft. »Taybeh ist das billigste Bier, und die Hersteller sind trotz der Hindernisse zuverlässige und kulante Lieferanten. In der israelischen Linken und unter Friedensaktivisten gibt es definitiv Unterstützung für dieses palästinensische Bier.« Auf die Frage nach der »Bier-Revolution« winkt er ab: »Ich bin nicht gut darin, das zu intellektualisieren. Das kann man machen, wenn das Bier schlecht schmeckt. Aber Taybeh ist sehr gutes Bier, und das Oktoberfest ist einfach das lustigste Event, das ich kenne.«

5 Kommentare zu “Es gärt in der Westbank

  1.  
    @SonjaT
    Unter „Besatzung“ stellt man sich doch eigentlich soetwas vor, wie etwa die Besatzung Japans von Korea oder China (etc), (oder heute Tibet durch China, zB) und das war dann alles nicht so schön.
    Wenn man dann als Bierbrauer so ein Wort (das meines Wissens auch recht normaler Sprachgebrauch in Israel ist) verwendet in solcher Wendung, dann hat’s einen gewissen Charme, klingt nach Chuzpe, ist’s aber nicht.
    Genausowenig, wie es das eben war im von den Siegermächten besetzten Deutschland. Das ist jedoch ein sehr hinkender Vergleich.
     
    Und für das Gebiet Samaria/Judäa das Wort „Besatzung“ ausgerechnet von Judäern und Samaritanern (sozusagen) zu wählen, hat schon eine besondere Ironie.
     
    Bedenkt man dabei, daß „Besatzung“ selbst eher als Kampfwort Verwendung findet, denn als Wiedergabe der tatsächlichen Verhältnisse (unter Berücksichtigung auch aller historischer Fakten), dann ist jedoch auch der Witz bei dieser Ironie schnell sehr bitter, bzw tot…
     
    Den Bier- (bzw Taybeh-) Liebhabern soll man ihr Fest herzlich gönnen (ist ja nicht so, als wenn ich gefragt wurde 😉 ).
     
    Jerusalem, um auf einen Nebensatz einzugehen, jedoch gehört den Juden, schon immer seit David, alle anderen, die jemals in Jerusalem „Recht“ sprachen, waren immer nur Leute, die mit dem Schwert ihr „Recht“ durchsetzten, das gilt für Christen, und auf das Zeitverhältnis gemünzt (aber auch die jordanische Besatzung) insbesondere auch für Moslems.
     
    So oder so, einfach menschlich: lechaim!
     
     
     
     

  2. Erfreulich, mal etwas normales aus der Gegend zu lesen. Aber irgendwie putzig:
    »Es geht einfach darum, dass wir in Palästina unter Besatzung leben und trotzdem exzellentes Bier machen – das ist eine Revolution.“ 
    In Deutschland wurde unter der Besatzung auch jahrzehntelang Bier gebraut 😉 

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