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Shalit und die israelische Öffentlichkeit

Das Abkommen zur Befreiung von Gilad Shalit ist die schwerste Reifeprüfung, die die israelische Gesellschaft zurzeit zu bestehen hat, schwerer noch als die Zeltproteste. Für beide gibt es noch keine Abschlussnote, doch sie deuten auf einen tiefergehenden Prozess des israelischen Erwachsenwerdens hin…

Von Fania Oz-Salzberger

In der Mäßigung und Gewandtheit des zivilen Protestes, in dem emotionalen Mut, den die Zustimmung zum Shalit-Abkommen beinhaltet, hat sich Israel nicht nur als die am besten geführte unter den Nationen präsentiert sondern auch als eine der am besten abwägenden und vernünftigsten. Auf jeden Sprayer der „Preisschild-Aktionen“ und Moscheen-Anzünder kommen Tausende Menschen, die demokratisch denken und Demokratie praktizieren. Die israelische Regierung steht heute vor einer meinungsstarken, vielstimmigen Öffentlichkeit, die sich auszudrücken weiß. Unabhängig von ihrer Meinung zu den umstrittenen Fragen sind die Israelis heute die aktivste und kommunikativste Zivilgesellschaft der Welt.

Selbstverständlich weckt die Shalit-Affäre nach beiden Seiten starke Emotionen. Doch gerade die rationalen Aspekte des Diskurses sind es, die so spannend sind. Sowohl die Unterstützer als auch die Gegner der Freilassung Tausend verurteilter Terroristen für einen einzigen Soldaten haben gewichtige Argumente. Im Schatten des Sturms der Gefühle, der teilweise auch von Instinkten geleitet wird, wird ein echter, tiefgreifender moralischer Diskurs geführt. Wie es bei solchen Diskursen in der Ideengeschichte der Fall ist, sagen beide Seiten auch sensible Dinge. Hillel und Schamai, Emanuel Kant und John Stuart Mill würden in diese Grundsatzdiskussion hervorragend hineinpassen.

Als Unterstützerin der Entscheidung für den Austausch aus Gründen, die ich aus dem Gesellschaftsvertrag und der zivilgesellschaftlich-republikanischen Tradition ableite, achte ich jene, die das Abkommen aus in anderen philosophischen Auffassungen verankerten Gründen ablehnen. So können sich beispielsweise beide Seiten auf den Utilitarismus berufen. Doch welche Konsequenzen sollten wir bedenken? Die zukünftigen Opfer oder die gesellschaftliche Solidarität? Was ist der Status des einzelnen, ist er ein Ziegelstein einer Mauer oder das Herzstück der Gesellschaft?

Es gibt nicht eine richtige Antwort. Eine tiefgehende Polemik zwischen vielen Teilnehmern wird eine bessere Entscheidung herbeiführen. Das ist es, was die Weisen der Mischna und die Lehrer der Gemara, Marcus Tullius Cicero und John Stuart Mill ungefähr gemeint haben.

Philosophen in Oxford und Princeton diskutieren die Frage nach dem Gewicht der unmittelbaren Lebensgefahr für einen spezifischen Menschen gegenüber einer zukünftigen Lebensgefahr für viele Anonyme. Bei uns ist diese Frage Realität, und ein ganzes Volk beschäftigt sich mit ihr.

Wir können bereits neugierig auf die zukünftigen israelischen Philosophen sein, die neue Kapitel in der Lehre der Moral schreiben, auf Basis der gravierenden Probleme der Gerechtigkeit, die unser Leben für uns bereithält. So war es im antiken Griechenland und im England der Früh-Moderne. Auch die israelische Situation im 21. Jahrhundert verlangt nach einem neuen philosophischen Denken. Eine Philosophie in ihrer drängenden, lebendigen und aktuellen Bedeutung, wie sie es in Griechenland und England war, eine Philosphie, die noch voll von Blut und Schlamm ist, doch kritisch und wohl begründet.

Es treffen so viele Problemstellungen aufeinander: Wie ist die Gewichtung zwischen Individuum und Allgemeinheit? Wofür sollte man sterben und bei was nicht nachgeben, bei was sollte man nachgeben und nicht dafür sterben? Was ist Niederlage, was ist Sieg?

Und es gibt so viele Assoziationen: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“, „Dass nicht der Unbeschnittenen Töchter jauchzen.“* Und die sich widersprechende Dichotomie von Zeev Jabotinsky: „Im Anfang war die Nation, und im Anfang war der Einzelne“.

„Sagt´s nicht zu Gat“ gilt für uns nicht mehr. Wir haben´s ja schließlich sogar in Gaza herausgerufen. Und wenn die Töchter der Philister jauchzen und dort auf den Straßen ihre Mörder-Helden umtanzen, dann ist bei uns die Freude mit Trauer vermischt, mit Furcht, doch auch mit einem stillen Stolz.

Denn die Diskussion selbst ist wie eine Ehrenurkunde für diese Gesellschaft. Auch hier hat das Prinzip des Diskussionskreises funktioniert. Es ist sehr wichtig, dass unser Diskurs auf den Straßen Aschkelons der internationalen Medien widerhallt. Es ist ein tiefgreifender und kreativer Diskurs. Auch Fragen von Leben und Tod werden hier beinahe immer mit der Zunge entschieden und nicht mit der Speerspitze. Und dies ist, eigentlich, keine schlechte Antwort auf die Frage, wer gewonnen hat.

* Oz-Salzberger bezieht sich im Folgenden auf 2. Samuel 1,20ff.

Die Autorin ist Professorin für Geschichte an der Universität Haifa. Sie ist die älteste Tochter des Schriftstellers Amos Oz.

Haaretz, 23.10.11, Newsletter der Botschaft des Staates Israel