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Pro und Kontra: 1027 für Einen

Israel diskutiert über das Abkommen zur Freilassung des entführten Soldaten Gilad Shalit. Die Mehrheit der Bevölkerung sieht den Grundsatz, der israelische Staat müsse alles tun, um seine Zivilisten und Soldaten nach Hause zu holen als richtig an und unterstützt das Abkommen. Andere haben Sorge, ein solches Abkommen unterstütze den Terrorismus. Wir dokumentieren beide Positionen in zwei Kommentaren…

Es geht nicht um den Preis
Von Hirsh Goodman

In der Regel sagt man, Eltern seien stolz auf ihre Kinder. Wenn es jemals den Fall gab, dass ein Kind stolz auf seine Eltern sollte, dann ist das der Fall von Gilad Shalit. Ich habe niemals eine Familie mit größerem Durchhaltevermögen und größerer Beharrlichkeit dafür kämpfen sehen, dass ihr Sohn nach Hause geholt wird – dies sage ich, ohne auch nur einen der heldenhaften Kämpfe anderer Eltern in der Vergangenheit kleinreden zu wollen.

Doch dies Mal war es anders.
Fünf lange Jahre haben seine Eltern jeden Tag und jede Stunde all ihre Energien in die Befreiung Gilads investiert, sind durch die Welt gereist, haben Staatsoberhäupter angefleht, sind zu den Vereinten Nationen gegangen und mussten sogar mit Jimmy Carters kalter Schulter zurechtkommen, als sie versuchten, den ehemaligen US-Präsidenten dazu zu bringen, seine Kontakte mit der Hamas für Gilad einzusetzen.

Und dann, nach Monaten der Frustrationen und Enttäuschungen, der Schwur, von dem nur wenige geglaubt hatten, dass sie ihn wirklich würden halten könnten: die Zeltstatt, die sie und Hunderte Freiwilliger auf der Türschwelle des Ministerpräsidenten errichtet hatten, nicht zu verlassen, bis Gilad nach Hause zurückkehren würde.

Und da waren sie, Tag um Tag, manchmal allein, oft mit Sympathisanten und Unterstützern. Die Zeltstatt wurde schnell eine Art transpolitischer nationaler Schrein. Ganze Busladungen von Schulkindern aus dem ganzen Land kamen, um ihr Respekt zu zollen; Synagogen hielten Freitagabend-Gottesdienste dort ab, und oft wurde ein langer Tisch für ein Abendessen zum Shabbat gedeckt, damit die Shalits nicht alleine wären.

Als nächstes kam der massive leere Stuhl, den jemand in einem Akt der Solidarität mit dem verschleppten Soldaten auf den Bürgersteig gestellt hatte – ein Symbol, das bald im ganzen Land seine Nachahmer fand – und ein weißes Laken wurde an einen Zaun gehängt und war innerhalb weniger Tage mit Tausenden von Namen bedeckt. Es war wie eine Gedenktafel, die Gilad bei seiner Rückkehr einen greifbaren Beweis liefern sollte, dass sogar in seinen dunkelsten Stunden, auch wenn er vielleicht dachte, es gäbe keine Hoffnung mehr, Tausende, Zehntausende jeden Tag an ihn gedacht haben und gekommen waren, um ein Zeichen zu setzen.

Es ist fair zu sagen, dass obwohl es Solche gab, die gegen den Deal waren, es einen nationalen Konsens gab, dass Gilad nach Hause gebracht werden müsse. Das gilt auch für den Preis, den Israel zahlen musste – 1.000 zu 1.
Es ist eine nicht zu verneinende Logik, dass das horrende Ungleichgewicht scheinbar eine Botschaft der Schwäche an Israels Feinde sende, und Ängste schürt, dass dies nur zu noch mehr Entführungen führen könnte.

Unter den zu Entlassenden sind Serienmörder, die in vielen anderen Demokratien bereits vor langer Zeit ihren Kopf verloren hätten und die jetzt theoretisch frei sein werden, neue Morde zu planen.

Das alles ist wahr. Doch es geht hier nicht um den Preis, und Israel kann sehr gut mit der potentiellen Bedrohung durch Menschen umgehen, die wir genau kennen, die verbannt wurden und die nun auf den Radarschirmen jedes Geheimdienstes sind, der der Bekämpfung des internationalen Terrorismus verpflichtet ist – sogar so unwahrscheinlicher Verbündeter wie Israel und der Saudis.

Es geht darum, das Israel nie einen verwundeten Soldaten auf dem Feld zurücklässt, dass seine Soldatinnen und Soldaten wissen – auch wenn sie in dem dunkelsten Loch woauchimmer festgehalten werden – dass zu Hause keine Anstrengung unterlassen wird, sie zurückzuholen. Kein Preis wird dafür zu hoch sein.
Das Land hat sich hinter die Shalits gestellt, weil dies das ist, was die Mütter und Väter, die Soldaten und Kinder des Landes, die einmal eingezogen werden, hören wollen. Wir stehen zu euch, durch dick und dünn. Welche Nachricht könnte sowohl für Eltern als auch für Kinder wichtiger sein in einem Land, in dem der Militärdienst für alle (nun gut, für fast alle) verpflichtend ist? Und welch stärkere Botschaft der nationalen Stärke und Einheit könnte Israel aussenden? Es ist ein Trugschluss, das Abkommen als Schwäche auszulegen.

Fragen Sie die Hamas. Ismail Haniya, ihr Anführer, hat in einem Interview gesagt, dass er die Verpflichtung Israels, seine Soldaten zurückzuholen, als eine der wichtigsten Eigenschaften des Landes ansehe. Manchmal muss man auch ein Kompliment vom Feind annehmen können.
Der Fall Shalit ist, unglücklicherweise, nicht einmalig.

Wir alle erinnern uns an ähnliche Abkommen in der Vergangenheit, wenn auch in einem kleineren Verhältnis. Der Fall von Gilad ist allerdings eine Bestätigung des Prinzips von der Heiligkeit des menschlichen Lebens, der Verpflichtung des Volkes Israel denen gegenüber, die in seinem Namen dienen und ihren Familien, in ihrem fundamentalsten Sinne.

Im Dezember 2009 war bereits ein Plan auf dem Tisch, der Gilad im Gegenzug für die Freilassung von etwa 460 Gefangenen hätte nach Hause bringen können, einige davon wären verbannt worden. In der letzten Minute machte der Ministerpräsident einen Rückzieher, vor allem wegen der offenen Opposition einiger Personen aus den Sicherheitskreisen, namentlich Mossadchef Meir Dagan.

Im Sommer 2011, als wieder ernsthafte Verhandlungen aufgenommen wurden, betrug der „Preis“ bereits über 1.000 Gefangene.
Es bestand auch keine militärische Option. Es war keine Frage der Geheimdienste. Sogar wenn Israel genau gewusst hätte, wo Shalit genau festgenommen wurde (und man kann sich vorstellen, dass Israel es wusste, da der Gaza-Streifen nicht besonders groß ist), hätte es keine Möglichkeit gegeben, Shalit lebend zu befreien. Wer erklärt, eine solche Option habe bestanden, ist wissentlich unaufrichtig. Es gab diese Möglichkeit nicht. Ein Scheitern war garantiert.
Dieses Land ist dafür berühmt, dass seine Offiziere sagen: „Mir nach.“

Wenn Shalit im Stich gelassen worden wäre, wäre mehr als ein Leben weggeworfen worden. Auch die israelische Moral wäre beschädigt gewesen, ebenso das Herzstück des militärischen Kodex, der die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte zu der kämpfenden Truppe macht, die sie sind.
Die Hamas kann mit oder ohne die Freilassung Shalits einen weiteren israelischen Soldaten entführen. Die Grenze zum Sinai, die nur einen Tunnel vom Gaza-Streifen entfernt ist, ist durchlässig, und wir alle kennen die Soldaten, die an den Straßen auf eine Mitfahrgelegenheit warten.

Der Preis ist nicht das Problem.
Das Problem sind Menschen wie Moshe Ya“alon, ehemaliger Fallschirmjäger, Chef des Militärischen Nachrichtendienstes, Oberster Befehlshaber und jetzt Minister für strategische Angelegenheiten, einer der drei Minister, die gegen den Austausch gestimmt haben.
Was für ein Beispiel sendet er an die jungen Soldaten, oder die, die eingezogen werden sollen, oder an ihre Eltern oder die, die für Israel in den Kampf ziehen? Und dies ist der Minister, der für die langfristige Sicherheit Israels zuständig ist.
Dies bereitet mir mehr Sorgen, als dass wir nicht 1.000 Terroristen mehr am Tag füttern müssen.

(Jerusalem Post, 17.10.11)
Der Autor ist Journalist und Senior Research Fellow am „Institute for National Security Studies“ an der Universität Tel Aviv.

Stimmen gegen den Austausch:
Die Opfer werden noch einmal ermordet
Ich war nie gegen die Freilassung von Gilad Shalit. Das Gegenteil ist der Fall. Ich habe Massengebete in Diaspora-Gemeinden für ihn organisiert und sichergestellt, dass sein Name bei Feiertags- und Shabbat-Essen genannt wurde, an denen ich teilnahm…