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Masal tow, Rachel Margolis!

Die jüdische Widerstandskämpferin und Chronistin der Shoa feiert am 28. Oktober ihren 90. Geburtstag…

Von Jim G. Tobias

„In der Nacht des 23. auf den 24. Juni 1941 erblickte ich deutsche Panzer auf dem Lucki-Platz mitten im Zentrum der Stadt. Das war das Ende meiner Jugend“, schreibt die ehemalige Ghettokämpferin und Partisanin Rachel Margolis in ihrer Autobiografie. Als einzige ihrer großen Familie hat die 1921 in Wilna geborene Arzttochter die Shoa überlebt.

Kurz nach der Besetzung Wilnas leitete SS-Standartenführer Karl Jäger als „Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD für den Generalbezirk Litauen“ die Ausrottung der Wilnaer Juden ein und ordnete die Errichtung eines Ghettos an. Schon wenige Tage später fanden die ersten Massenerschießungen an der berüchtigten Vernichtungsstätte Ponary statt. Rachel Margolis, die zu dieser Zeit außerhalb der Stadt lebte, entschied sich daraufhin, ihr Versteck zu verlassen, um mit ihren Freunden im Ghetto Widerstand gegen die Mörder zu leisten. Sie schloss sich der im Aufbau befindlichen „Farejnigte Partisaner Organisatije“ (FPO) des charismatischen Zionisten und Dichters Abba Kovner an, der in seinem berühmten Aufruf vom Januar 1942 die Wilnauer Juden zum Kampf aufforderte: „Lasst uns nicht wie Schafe zur Schlachtbank gehen! Brüder, es ist besser, als freie Kämpfer zu sterben, als von der Gnade der Mörder zu leben.“

Doch nicht nur kämpfend wollte man sich wehren, der Widerstand wurde auch im politischen, sozialen und kulturellen Bereich organisiert. Im Ghetto entstanden Schulen, Kindergärten, ein Sportclub, ein Theater und sogar eine Bibliothek. In dieser von Herman Kruk aufgebauten und geleiteten Ghetto-Bücherei erhielt Rachel Margolis einen Arbeitsplatz. Schon damals wusste die junge Frau, wie wichtig es war, die Gewohnheiten einer zivilisierten Existenz beizubehalten: „Mit Hilfe der Kultur haben die Menschen versucht, sich psychisch zu retten und Widerstand zu leisten.“ Solange es den Todgeweihten möglich war, mit dem Buch zu leben, triumphierte der menschliche Geist über die nationalsozialistische Barbarei. Schon ein Jahr nach Gründung der Bibliothek feierte man 100.000 Buchausleihen im Saal des Ghettotheaters. Die Mitarbeiter der Bibliothek durften sich auch während der Sperrstunden frei im Ghetto bewegen, um etwa entliehene Bücher zurückzuholen. Die Widerstandskämpfer nutzten dieses Privileg und konnten dadurch ihre Aktionen besser vorbereiten. Zudem waren die Räume der Bücherei ein idealer Ort für konspirative Treffen der Untergrundbewegung. Im Keller des Hauses fanden sogar Ausbildungskurse an der Waffe statt.

Doch schon bald war den Ghettokämpfern klar, dass der Kampf gegen die deutschen Mörderbanden aussichtslos ist. Mit einer der letzten Gruppen verließ Rachel Margolis Anfang September 1943, kurz vor der endgültigen Liquidierung des jüdischen Wohngebietes, das Ghetto und schloss sich einer sowjetischen Partisaneneinheit an. Bis zur Befreiung ihrer Heimatstadt Wilna kämpfte sie mit ihren Kameraden in den Rudniki-Wäldern gegen die deutschen Truppen und führte Sabotageaktionen durch. Im Frühjahr 1944 sammelte ihre Einheit einige erschöpfte und traumatisierte jüdische Männer auf. Sie waren von der Massenexekutionsstätte in Ponary geflohen, wo sie die Leiber von zehntausenden Ermordeten verbrennen mussten. „Einige mussten die Leichen ausgraben, ein Zahnarzt hatte ihnen die goldene Zähne auszureißen, ein anderer ihnen die Ringe abzunehmen. Andere schleppten Holzscheite heran und bauten aus dem Holz und den Leichen eine Pyramide. Diese Pyramiden brannten eine Woche lang. Der Rauch war in der ganzen Umgebung sichtbar. Dann siebten sie die Asche“, berichtet Rachel Margolis über dieses ihr noch heute präsente Zusammentreffen: „Man roch förmlich den Tod, die Körper der Überlebenden waren durchdrungen vom Gestank der verwesten Leichen“. Unter den etwa 100.000 in Ponary ermordeten Menschen waren auch Rachels Eltern und ihr kleiner Bruder Josef.


Rachel Margolis vor dem Gedenkstein an die jüdischen Opfer in Ponary (2004), Foto: jgt-archiv

Nach dem Krieg schrieb Rachel Margolis die Aussagen der Angehörigen des „Enterdungskommandos“ auf und archivierte die Berichte im Jüdischen Museum Wilna. Die schrecklichen Ereignisse von Ponary kamen auch vor dem Internationalen Gerichtshof in Nürnberg zur Sprache, wo Rachels Kampfgefährte aus der FPO, Abraham Suzkewer, die Verbrechen bezeugte. Über 200.000 litauische Juden waren durch die Deutschen und ihren Helfershelfern ermordet worden. Doch die Hoffnung der Überlebenden auf einen Neuanfang erfüllte sich nicht. Im Zuge der von Stalin durchgeführten antisemitischen und nationalistischen Politik wurde alles Jüdische verboten, die Sprache, der Glauben und die Kultur. „In Ponary wurde auf dem Denkmal die Zeile das ermordete jüdische Volk entfernt und durch sowjetische Bürger, die starben ersetzt. 1949 schloss man das Jüdische Museum in Wilna“, erinnert sich Rachel noch heute mit Verbitterung.

Rachel Margolis blieb jedoch in ihrer Heimatstadt, heiratete, bekam eine Tochter, studierte Biologie und wurde Professorin an der Universität Wilna. Erst mit der Liberalisierungspolitik von Michail Gorbatschow und der damit greifbaren Unabhängigkeit Litauens war eine Wiedergeburt der jüdischen Kultur möglich. Vierzig Jahre nach der zwangsweisen Schließung des Jüdischen Museums Wilna wurde ein neues Museum eröffnet. Rachel Margolis, nun Rentnerin, engagierte sich dort vom ersten Tag an; sie sammelte Dokumente und Berichte und initiierte eine der ersten Ausstellungen, die sich der Vernichtung des litauischen Judentums widmete.

Dabei entdeckte sie auch das Tagebuch des polnischen Journalisten Kazimierz Sakowicz, der unweit der Massenexekutionsstätte von Ponary wohnte und akribisch das tägliche Morden dokumentierte. Seine Aufzeichnungen waren nach der Befreiung Wilnas von jüdischen Historikern in vergrabenen Flaschen gefunden worden und zunächst dem Jüdischen Museum Wilna übergeben. Nach der Auflösung des Hause 1949 gelangten sie ins Litauische Nationalmuseum, wo sie über vier Jahrzehnte unbeachtet dem Verfall preisgegeben waren. „Mit großer Mühe“, so entsinnt sich Rachel Margolis, „gelang es mir die vergilbten Blätter zu entschlüsseln – der Bestand war mit dem Stempelaufdruck unleserlich versehen.“ In jahrelanger, mühevoller Kleinarbeit erstellte Rachel Margolis eine Reinschrift des Tagebuchs, das 1999 erstmals in einem polnischen Kleinverlag veröffentlicht wurde.

Erst durch eine Übersetzung ins Deutsche, vier Jahre später, nahm die breite Öffentlichkeit Notiz von einem „der erschütterndsten Dokumente des Holocaust“, wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ schrieb. „Ohne Zweifel handelt es sich um eines der wichtigsten und zugleich entsetzlichsten Zeugnisse des Holocaust.“ Es ist das Verdienst von Rachel Margolis. Sie hat mit dieser Arbeit allen ermordeten Menschen ein ewiges Denkmal gesetzt. Auch Rachel Margolis ist mittlerweile so etwas wie ein Denkmal. Sie ist eine der letzten aus der Generation der jüdischen Kämpfer gegen den Nationalsozialismus, die letzte noch lebende Gefährtin von Abba Kovner, Abraham Suzkewer und den rund 15.000 jüdischen Partisanen und Ghettokämpfern in Litauen, der westlichen Sowjetunion und in Polen, die den heldenhaften Kampf gegen die Nazi-Barbaren aufgenommen hatten.


In einem kleinen Holzhaus dokumentiert das Jüdische Museum Wilna den Überlebenskampf der litauischen Juden. Foto: jgt-archiv

Wenngleich Rachel Margolis 1994 nach Israel emigrierte, reiste sie jedes Jahr im Sommer für einige Monate nach Wilna, um im Jüdischen Museum unentgeltlich zu arbeiten und Besucher aus aller Welt über das Schicksal der litauischen Juden zu informieren. Bis zum Jahre 2008: Zu dieser Zeit ermittelte die litauische Staatsanwaltschaft gegen Mitglieder einer sowjetischen Partisaneneinheit, die im Januar 1944 angeblich 38 litauische Zivilisten ermordet haben sollen. Wegen dieses „Kriegsverbrechens“ sollten neben Jitzak Arad, ehemaliger Leiter von Yad Vashem, auch Rachel Margolis als „Zeugen“ vernommen werden. Erst aufgrund von massiven internationalen Protesten ruderte die litauische Strafverfolgungsbehörde zurück, da die Drohung im Raum stand, Wilna den Titel „Kulturhauptstadt 2009“ abzuerkennen. Doch Rachel Margolis’ Vertrauen in die Justiz ist erschüttert. Sie traut den Litauern nicht über den Weg und fühlt sich in ihrer neuen Heimat, in der israelischen Stadt Rechovot, sicherer.

Liebe Rachel, wir wünschen Dir alles erdenklich Gute und vor allem Gesundheit zu Deinem 90. Geburtstag und noch viele weitere Jahre. Masal tow, ad mea we-esrim!

Zusammen mit Rachel Margolis hat der Autor das „Ponary Tagebuch“ 2003 in einer deutschen, kommentierten Übersetzung herausgegeben. Eine Taschenbuchausgabe ist unter dem Titel: Die geheimen Notizen des K. Sakowicz. Dokumente zur Judenvernichtung in Ponary 1941-1943 beim Fischer Verlag erhältlich.

Zum Weiterlesen:

Rachel Margolis, Als Partisanin in Wilna. Erinnerungen an den jüdischen Widerstand in Litauen, Frankfurt a. M. 2008
Rachel Margolis, A Partisan from Vilna, Brighton (MA) 2010