Vorbereitungen für den Gefangenenaustausch

Noam Schalit machte erst einmal Gartenarbeit und bewässerte den vergilbten Rasen vor seinem Haus im galiläischen Mitzpe Hilah. Aviva Schalit räumte das Zimmer ihres Sohnes Gilad auf. Vor über fünf Jahren ist der damals 19 Jahre alte Panzerschütze Gilad Schalit von einem Hamas-Kommando auf der israelischen Patrouillenstraße beim Gazastreifen entführt und in den Gazastreifen verschleppt worden. Seitdem gab es nur wenige Lebenszeichen von ihm, zuletzt 2009 kurze Filmaufnahmen. Selbst das IKRK hatte keinen Zugang zu ihm, entgegen jeglichen Konventionen. „Ich weiß nicht, was für ein Kind ich zurückerhalten werde“, sagte Aviva…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 14. Oktober 2011

Seit Jahren hausen Aviva und Noam auf einem Bürgersteig in Jerusalem, in einem Zeltverschlag, knapp hundert Meter von der Residenz des Ministerpräsidenten entfernt und in Sichtweite des Café Moment, wo im März 2002 ein Selbstmordattentäter der Hamas 11 Menschen, überwiegend Friedensaktivisten, ermordete und 54 verletzte.

Tausende pilgerten zu dem Verschlag. Täglich wurde da eine große Zahlentafel aktualisiert. Zuletzt, am Donnerstag, stand da 1934, die Zahl der Tage und Nächte Gilads in Geiselhaft.

Jetzt gilt es für die Familie Schalit, wieder zu einem normalen Leben zurückzufinden. Auch die Menschen in Israel müssen nach fünf Jahren Kampf um die Befreiung des Soldaten wieder „zur Normalität“ zurückfinden. Die Geiselhaft war ein hoch-emotionales Phänomen. Es hatte die ganze Gesellschaft erfasst. Autofahrer hatte sich Sticker auf die Stoßstangen geklebt und ein gelbes Bändchen an die Rückspiegel gehängt. Sie beteiligten sich an Demonstrationen und Kundgebungen. Kinder ließen bemalte Luftballons in die Luft.

Und jetzt gilt es, den jungen Soldaten zum „militärischen Sperrgebiet“ zu erklären, um ihn vor einem Ansturm der Presse, vor zu viel Freude und Überschwenglichkeit zu schützen, so ein Schalit-Aktivist.

Eine namentlich nicht genannte Quelle hatte einem israelischen Rundfunkreporter erzählt, dass Gilad Schalit „völlig überrascht“ gewesen sei, als seine Wächter ihm die bevorstehende Freilassung mitteilten. Man habe ihm frische Kleidung organisiert und die Haare geschnitten. Vertreter des IKRK würden Schalit nicht bei seinem Versteck in Empfang nehmen dürfen. Die Hamas werde ihn zur Grenze nach Ägypten bringen. Von dort werde er zur israelischen Grenze gebracht, wo er im Schutze vieler Truppen empfangen und mit einem Jasur-Hubschrauber zum Luftstützpunkt Tel Nof geflogen werde. Nur Premierminister Benjamin Netanjahu, der Verteidigungsminister und der Generalstabschef sowie die Eltern dürfen Schalit begrüßen. Lediglich ein Armeefotograf werde die Szene dokumentieren.

Generalstabschef Benny Gantz, Oberbefehlshaber der israelischen Armee, hatte am Donnerstag die Schalit-Familie in Mitzpe Hila besucht, um „vor allem technische Dinge“ zu besprechen. Niemand kennt den Zustand des seit fünf Jahren in Isolierhaft sitzenden Soldaten, ohne jeden Kontakt zur Außenwelt. Psychologen müssen ihn begleiten. Wenigstens die erste Nacht in Freiheit werde er in seinem Bett zuhause schlafen. Sein Elternhaus soll großräumig abgesperrt werden. Mitzpe Hila wird zum Sperrgebiet erklärt.

Ebenfalls am Dienstag, so die Planung, werden 450 der zur Freilassung vorgesehenen palästinensischen Häftlinge „an Händen und Füßen gefesselt“ in Bussen zum Grenzübergang nach Gaza, nach Jerusalem und ins Westjordanland gefahren. Dort erwartet vor allem die „schwergewichtigen“ Gefangenen mit mehrfachen lebenslänglichen Haftstrafen ein Heldenempfang.

Doch die Freude ist getrübt. Laut unbestätigten Angaben der Hamas dürfen gemäß dem Deal nur 272 von 450 Häftlingen heimkehren. Der Rest werde deportiert, in den Gazastreifen und in Drittländer. Schweden und Norwegen wurden genannt. Zudem verbleiben noch etwa 8000 Gefangene in israelischen Gefängnissen, darunter namhafte wie Ahmed Saadat und Marwan Barghuti. Deren Familien sind über die Hamas empört, sie „vergessen“ zu haben.

Empört sind auch rechtsgerichtete Israelis, dass es keine Lobby gebe für eine Amnestie für zwölf jüdische „Terroristen“ wie Ami Popper oder Chagai Amir (dem Bruder des Rabin-Mörders). Die haben Mordanschläge auf Araber geplant oder verübt.

Unmut über den Gefangenenaustausch kam auch beim 27 Jahre alten Shvuel Schijveschuurder auf. Er hat das Rabin-Denkmal in Tel Aviv mit weißer Farbe und Sprüchen besudelt. Schijveschuurder hatte 2001 in der Jerusalemer Pizzeria Sbarro seine Eltern und drei Geschwister verloren und ist seitdem in die Drogenszene abgedriftet. Die bildhübsche und bis heute reuelose wie hasserfüllte Ahlam Tamimi hatte den Selbstmordattentäter zu Sbarro gefahren und dafür 16 mal „lebenslänglich“ erhalten. Sie wird am Dienstag wieder frei sein.

Solange keine offizielle Liste der Freigelassenen vorliegt, lässt sich nicht errechnen, wie viele Morde an Israelis ungesühnt bleiben. Geheimdienstchef Yoram Cohen sagte im Rundfunk, dass 60 Prozent vorzeitig freigelassener Terroristen zu ihrem alten Geschäft zurückkehren und 15 Prozent wieder im israelischen Gefängnis landen. Allein der 2004 vom deutschen BND-Vermittler ausgehandelte Tausch des im Libanon festgehaltenen Drogenhändlers Elhanan Tenenbaum und Leichen von drei Soldaten für 435 Gefangene habe 27 Israelis das Leben gekostet.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com

Ein Kommentar zu “Vorbereitungen für den Gefangenenaustausch

  1. nur die wenigsten auserhalb Israels können wirklich verstehen wie wichtig es ist für die Familie und für Israel das Gilad nach Hause kommt,

    In der Geschichte des Volkes Israel in den letzten 2000 Jahren kam es immer wieder zu Entführungen und Erpressung der Jüdischen Gemeinden.

    Ein Beispiel ist der Rabbiner zu Rothenburg der von dem Herrscher entführt wurden ist um von der Jüdischen Gemeinde viel Geld zu Erpressen.

    Der Rabbiner selber hat es zu seinen Lebzeiten der Gemeind verbote Lösegeld für ihn zu bezahlen.
    Der Rabbiner starb in der Zelle des Herrschers und selbst danach wurde die Leiche nicht für die Jüdische Gemeinde frei gegeben. Erst nach einer riesen Geldsumme konnte die Jüdische Gemeinde von Rothenburg ihren Rabbiner nach jüdischer Tradition Beerdigen.

    Raub Entführung Erpressung ist leider Altag für das Jüdische Volk schon immer gewesen und trotzdem sind wir bereit alles zu tun für eine Jüdische Seele. 

     

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