Das Chaos im DP-Camp 7 wird überwunden

Die ALTE KASERNE in Deggendorf nach dem Zweiten Weltkrieg, Teil VI…

Von S. Michael Westerholz

Am 18. Dezember 1945 meldete das  JDC – das American Jewish Distribution Committee – 1223 Personen im DP-Camp 7 Deggendorf. Zu diesem Zeitpunkt gab es in den deutschen Westzonen 227 DP-Camps, in Österreich 25. Schon zeichnete sich ab, dass der Rücktransport der Juden in den Osten und innerhalb Deutschlands nicht gelingen würde. Die Masse von ihnen beharrte auf einer Auswanderung. Das ehemals als Heimat empfundene Deutschland war keine Option, mochten jene Politiker auch noch so locken, die nach und nach wieder Verantwortung übernehmen wollten. Deshalb stieg die Zahl der DP-Camps bis zum Juni 1947  auf 762: 8 in Italien, 21 in Österreich, 416 in der amerikanischen und 272 in der britischen Zone Deutschlands. Die enorme Steigerung war die Folge der Pogrome und Abweisungen jüdischer Heimkehrer in Osteuropa. Sowohl katholische , als auch orthodoxe Kirchenkreise und die kommunistische Parteien der nunmehr erheblich ausgeweiteten UdSSR und ihrer neuen Vasallenstaaten trugen für die schaurigen Ereignisse die Verantwortung. An sich war die Rückführung von DP eine logistische Höchstleistung gewesen: Denn die UNRRA hatte vom 1. November 1945 bis zum 30. Juni 1947 in den drei Westzonen Deutschlands 611.469 DP betreut. Am 1. August 1948 waren es nur noch 493.928, darunter  die Polen mit 131.961 und die Juden mit 122.708 die größten Gruppierungen.

Ende Juli 1945 hatten die JDC-Helfer aus Deggendorf berichtet, „dass die Situation fast untragbar sei. Nach einer Nachrichtensperre verbesserten sich die Konditionen. Im September kamen 300 Juden aus Polen an, unter ihnen Auschwitz-Überlebende wie  Maurycy („Moniek“) Nossal, der bis an sein Lebensende die eingebrannte Häftlingsnummer 142466 am Unterarm trug. Mignon Langnas wurde er zum brüderlichen Freund. Ende Oktober wurde berichtet, dass die Bewohner zufrieden seien. Die Verpflegung sei angemessen und ein ausgedehntes kulturelles und Bildungsprogramm seien entwickelt worden. Ein ausgezeichnetes UNRRA-Team arbeitet im Camp, so dass kein JDC-Vertreter (mehr) benötigt wird.“

Noch im September hatte das UNRRA-Team veranlasst, dass alle nichtjüdischen Insassen die ALTE KASERNE  verließen, um die unüberbrückbaren Spannungen zwischen den einzelnen Gruppen abzubauen. Die JDC-Vertreter fassten – leider übertrieben euphemistisch – in ihrem Bericht zusammen, was sie in den sämtlichen DP-Camps in Bayern festgestellt hatten: „….dass bezüglich Unterkunft, Verpflegung, medizinischer Versorgung, allgemeiner Moral  etc. beachtliche Verbesserungen in den Lagern stattgefunden hätten.“   


Die ALTE und die neue KASERNE in Deggendorf um 1935: Unten das spätere DP-Camp 7, in den Neubauten war ab 1945 eine jüdische Schule untergebracht. Die alte Kaserne ist als neues „Palais im Stadtpark eine Hoffnung für psychosomatisch, chirurgisch und Schmerzkranke. In der neu7en Kaserne ist jetzt eine Einheit der Bundespolizei stationiert. (Foto: Sammlung Westerholz)

Einschub: Nicht nur am Rande sei bemerkt: Das JDC, die jüdische Ehrenamtseinrichtung für humane Hilfen arbeitet heute in über 70 Ländern der Welt, seit neuestem in Japan, seit Jahren aber auch in Ländern, deren Regierungen dem Staates Israel ablehnend bis dezidiert feindlich gegenüberstehen.

Die  UNRRA = United Nations Relief and Rehabilitation Administration übernahm in Zusammenarbeit mit den US-Militärregierungen die Betreuungsaufgaben in den DP-Camps: Diese Nothilfe- und Wiederaufbau-Verwaltung der Vereinten Nationen war bereits am 9. November 1943 auf Initiative der USA, Sowjetunion, Großbritanniens und Chinas gegründet worden. Sie sollte unter anderem die Rückführung der DP in ihre Heimatländer organisieren. Das erwies sich als Schwerstaufgabe. Denn auch im Sammellager Plattling schnitten sich zahlreiche ehemals sowjetische Kriegsgefangene russischer Nationalität, aber auch Wlassow-Soldaten die Pulsadern auf, erhängten sich, sprangen unterwegs vor allem auf Brücken über die Donau aus den Waggons in den Tod: Die ukrainischen Wlassow-Soldatfen, aber auch verzweifelte Sowjets hatten zuletzt auf der deutschen Seite gekämpft, angelockt von dem Versprechen der Unabhängigkeit ihrer Heimatländer. US-Offiziere hatten viele Sowjetsoldaten informiert, dass sie in der Heimat stante pede nach Sibirien verfrachtet würden . Es gab mitleidige US-Soldaten, die Russen entkommen ließen. Andere pochten aber auf unverrückbare Verträge der Alliierten untereinander und mit Stalin.

Die UNRRA stellte ihre Arbeit in Europa am 31. Dezember 1946 ein: Es hatte sich herausgestellt, dass eine Vielzahl der insgesamt 11,3 Millionen DP in Deutschland und den mit den Deutschen verbündeten oder von ihnen besetzten Ländern, davon rund 7 Millionen in West-Deutschland, nicht in die Heimat zurückgebracht werden konnte. Zum Beispiel,

  •  weil es in Polen neuerliche, mörderische  Pogrome gegeben hatte: So waren nach Morden in Kielce im Sommer und Herbst 1946 rund 100.000 Holocaust-Überlebende und aus der Sowjet-Emigration Heimgekehrte nach Deutschland geflohen;
  •  weil Stalin Zwangsverschleppte und befreite Kriegsgefangene aus seinen Ländern ermorden, mindestens jedoch in Arbeitslager schaffen ließ. Aber auch,
  • weil die überlebenden Juden nun in jene Länder drängten, in denen sie Verwandte wussten. Oder darauf setzten, in einem eigenen Staat Israel ein gesichertes Leben führen zu können. Den politischen und materiellen Schwierigkeiten, knapp sieben Millionen DP aus dem geteilten Deutschland zurückzuführen, von denen rund eine Millionen nicht heimkehren konnten, trug die Gründung der IRO Rechnung.

Zwar wurden von Anfang Mai bis Ende September 1945 fast sechs Millionen DP repatriiert, das waren 80 % der DP. Doch die vergleichsweise kleine Gruppe der überlebenden Juden hatte bis auf das Leben fast alles verloren. Sie besaß  im Gegensatz zu anderen DP weder Heimat, noch Familie. Für die meisten von ihnen war also die Zeit zwischen der Befreiung aus den Konzentrationslagern oder aus ihren Verstecken und der Gründung des Staates Israel nur eine Übergangsphase ihrer Flucht aus Europa. Ihre Betreuung war auch deshalb sowohl für die alliierten Streitkräfte, das Rote Kreuz, die UNRRA und zahlreiche jüdische Organisationen eine besondere Herausforderung, weil die meisten der bis zum Sommer 1946 allein in Bayern rund 140.000 Menschen physisch und psychisch erheblich gezeichnet waren. Im Dezember 1948 wurden in den amerikanischen und französischen Zonen, in Berlin und Bremen noch 163.107 jüdische DP betreut, davon 108.035 in DP-Camps, 4.313 in Kinderzentren, 4.067 in landwirtschaftlichen Trainingszentren, 2.526 in Krankenhäusern und 44.166 in Gemeinden.

Die IRO = International Refugee Organization = Internationale Flüchtlings-Organisation   übernahm die Aufgabe, die DP bei ihrer Suche nach einer neuen Heimat zu unterstützen.

Denn vor allem die (im Oktober 1945) in Bayern lebenden 22.500 jüdischen  DP = nämlich „Personen, die nicht an dem Ort (ihrer gegenwärtigen Unterbringung) beheimatet sind“ ,  und jene, die sich nach und nach ihnen zugesellten, konnten unhd wollten sich  nicht vorstellen, im Lande der Täter zu bleiben. Zalman Grinberg, später Vorsitzender des erswten Zentralkomitees der befreiten Juden in Bayern:  „Wir haben das Lachen verlernt; wir können nicht mehr weinen;  wir verstehen unsere Freiheit nicht. Wir leben nicht; wir sind noch tot!“ Sama Wachs schrieb im Januar 1946: „Keine Rache, keine Strafe könnte Dich zufriedenstellen angesichts des Todes Deiner Eltern, Deiner Brüder und Deiner Schwestern!“

Der Jüdische Weltkongress empfand Überlegungen, Juden in Deutschland wieder heimisch  werden zu lassen, als so abwegig, dass er 1948 erklärte: „Kein Jude betritt künftig deutschen Boden!“ Die sich langsam organisierenden Kultusgemeinden nahm der Weltkongress einerseits nicht zur Kenntnis, entschied andererseits aber 1950, dass jüdische Organisationen im Land der Mörder nur Interimscharakter haben sollten, bis sie dem letzten Juden zur Ausreise verholfen hätten.

„Für die zionistischen Politiker und die Funktionäre jüdischer Organisationen war ausgemacht, dass die spärlichen Reste des Judentums in Deutschland so rasch wie möglich wieder verschwinden müssten. Die Tradition der assimilierten deutschen Juden sollte nur im Ausland gepflegt werden, in einem Institut, das den Namen Leo Baecks trägt und drei Arbeitszentren mit Archiv, Bibliothek und Forschungstätten in New York, London und Jerusalem unterhält“, schrieb Wolfgang Benz , der Leiter des Zentrums für Antisemitismus-Forschung an der Technischen Universität Berlin.

Einschub: Leo Baeck (1873 bis 1956) war Rabbiner und als Hochschullehrer ein bedeutender Theologe gewesen, ein Idol nicht nur der liberalen jüdischen Deutschen. Hilfsangebote für eine sichere Flucht oder die legale Ausreise hatte er abgelehnt, sich bis zur Festnahme für die noch im Reich lebenden Juden eingesetzt. Als er 1943 in Berlin festgenommen wurde, zahlte er erst noch seine Gasrechnung. Dann folgte er seinen Häschern nach Theresienstadt, wo er unter der Nummer 187 894 im Prominentenlager registriert wurde. Hier wirkte er im ÄLTESTENRAT mit, unterrichtete unter unsäglichen Schwierigkeiten Kinder, hielt hochwissenschaftliche Vorträge, ermutigte seine Mitgefangenen. Seine Schwestern starben, aber Leo Baeck überlebte und reiste im Juni 1945 nach England aus. Er nahm sofort wieder seine religiöse Tätigkeit und die Betreuung seiner überlebenden Glaubensgefährten auf. Für diese Serie über die ALTE KASERNE zu Deggendorf wurden zahlreiche Archivalien der Leo-Baeck-Institute verwendet.

Nur zehn Tage nach der Resolution des Weltkongresses wurde der Zentralrat der Juden in Deutschland  gegründet – ein Triumph über das mörderische Nazi-Regime. „Wir waren noch da und wir waren entschlossen, uns zu behaupten, obwohl die auch von uns geförderte Auswanderung jener Überlebenden, die das wollten, uns der kulturellen und geistigen Substanz beraubte, die zwischen 1945 und 1952 in den DP-Lagern entstanden war“, berichtet der langjährige Vorsteher der Israelitischen Kultusgemeinde Straubing für Niederbayern, Israel Offmann, Überlebender des KZ Flossenbürg im Nebenlager Ganacker, später auch Mitglied des Direktoriums des Zentralrats.

Offmann war ein Vertreter des eher orthodoxen Flügels mit der überlieferten Schtetl-Tradition und –Frömmigkeit, sein Vorstandspartner in Straubing, Erich Spitz, hingegen einer des liberal-aufgeklärten Reformjudentums der einstigen Mehrheitsgemeinde in Deutschland. Und doch führten sie beide Strömungen zusammen, ohne Streit, ohne Hass, ohne Rachegedanken. Wahrscheinlich dank dieses Vorbilds gelang es in dieser Gemeinde auch, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten zumeist aus den GUS-Staaten eingewanderten Juden einzugliedern, so dass sich die Gemeinde von zuletzt rund 125 Mitgliedern ab 1990 auf derzeit über 1200 ausdehnte. Auch die Juden Deggendorfs gehören dieser Gemeinde an. Am 18. Dezember 1945 registrierte der JDC in einem Report an seine Zentrale in New York in Bayern zehn Camps mit insgesamt 6.671 befreiten Juden, davon fünf landwirtschaftliche Trainingsfarmen als Vorbereitung auf die Auswanderung nach Palästina. Allein 100 meist sehr junge Juden trainierten auf dem fränkischen Pleikershof des Julius Streicher, der mit seiner Hetzzeitung „Der Stürmer“ zu den übelsten Verbrechern wider die Juden gehört hatte. Überdies meldete der JOINT 33 neugegründete jüdische Gemeinden mit insgesamt 5.781 Mitgliedern, darunter Plattling mit 55 Überlebenden des örtlichen Flossenbürger Nebenlagers. Obwohl es in der ALTEN KASERNE in Deggendorf nun aber eine Synagoge und regelmäßige G´ttesdienste gab, und obwohl viele der Insassen des Camps 7 Deggendorf deutschen jüdischen Gemeinden angehört hatten, gründeten sie hierorts keine Gemeinde. Sie wollten ja weg aus Deutschland und konzentrierten alle ihre Bemühungen auf dieses Ziel. Die Plattlinger Juden der neuen  Gemeinde hingegen stammten überwiegend aus Polen und anderen östlichen Ländern und warteten ab, ob es eine Heimkehrmöglichkeit gäbe. Als die entfiel, lösten sie ihre Gemeinde  auf und wanderten nach Palästina oder in die USA aus.

Das DP-Camp 7 Deggendorf wandelte sich nach dem energischen Eingreifen Trumans und Eisenhowers zu einem Zentrum jüdischer Kultur und jüdischer Religiosität. Das Leben in den Ghettos setzte sich hier fort, nun aber ausgedehnt auch auf jüdische Deutsche, die das Ghettoleben nicht gekannt hatten. Die nunmehr ausschließlich jüdischen Bewohner des Camps Deggendorf zeigten zwar Interesse an der Landschaft und nutzten Fahrt- und Ausflugsmöglichkeiten bis hinauf nach Bayerisch Eisenstein. Sie quartierten sich auch hier und da in den Dörfern der Umgebung ein, wenn solche Rehabilitations-Maßnahmen gesundheitliche Besserung versprachen. Doch nur wenige  zeigten Interesse an ihrer deutschen Umgebung. Die meisten  lehnten Kontakte und Zusammenarbeit strikt ab. Margot Friedländer: „Das Lager und den Park habe ich im Gedächtnis, die Stadt an sich nicht!“

Unter letztendlich rund 30.000 in den deutschen Westzonen zurückbleibenden Juden waren nur wenige jüdische Deutsche. Alter, Traumata, chronische Erkrankungen, totale Hoffnungslosigkeit und Verlassenheit hielten  jüdische Menschen im Lande. Viele erleben bittere Enttäuschungen. So Familienvater Kreuzer. Zwar wurde er von der Reichs-, der heutigen Deutschen Bundesbank in Hannover wieder eingestellt. Jedoch saßen neben und über ihm die alten Nazigenossen. Nur e i n e Beförderung wurde ihm noch gewährt. Seine Töchter erlebten so manche Demütigung, mehr Hohn und Spott als Mitleid oder gar Reue. Der DP-Begriff in der oben angeführten Übersetzung wandelte sich rasch hin zu “Personen, die vom Ort ihrer gegenwärtigen Unterbringung nicht in ihre Heimat zurückgeführt werden können!“

Die ursprüngliche DP-Defination stammte von dem Migrationsforscher Eugene M. Kulischer (1881 bis 1956), einer nachgerade klassischen Displaced Persons: Geboren und ausgebildet in Kiew, nach der Russischen Revolution 1920 nach Deutschland geflohen, 1933 nach Dänemark, 1936 nach Paris und 1941 illegal ins noch unbesetzte Südfrankreich, hatte er es geschafft, in den USA aufgenommen zu werden. Sein Bruder Alexander war unterwegs von Deutschen gefangen genommen und  in einem KZ ermordet worden.

In strenger Auslegung der ursprünglichen Begriffsbestimmung waren die deutschen Juden keine DP – theoretisch hätten sie nach der Befreiung unverzüglich in ihre Heimat heimkehren, ihre Besitztürmer wieder beanspruchen können. Die Realität sah anders aus: Mignon Langnas hatte dies schon in Wien hinnehmen müssen, andere Heimkehrer erfuhren es auf drastische Weise, wie der bereits genannte jüdische Textilhändler Aaron Kirsch aus Wuppertal: Sein „arisiertes“, also geraubtes Geschäft war ausgebrannt, Kapital zum Wiederaufbau nicht zu bekommen, die amtliche Rücküberschreibung des wertvollen Innenstadt-Grundstücks durch Beamte erschwert, die Kirsch dahin schickten, was man in Bayern „zum Buchbinder Wanninger“ nennt: Von Amtsstube zu Amtsstube, vom Grundbuchamt zum Vermögensamt und von dort zu Gerichten, die sich für unzuständig erklärten. Das lief so lange, bis die entnervten Opfer aufgaben. Und die Erinnerungen so mancher Juden an die Ereignisse zwischen 1933 und ihrer Festnahme spätestens 1942, vor allem an die Reichspogromnacht am 9./10. November 1938, waren so grauenerregend, dass sie sich eine  „Heimreise“ ersparten.[01]

Kontaktnöte und neue Postideen

Die postalische Isolation lockerte sich erst auf, nachdem die deutschsprachige jüdische Zeitung DER AUFBAU in New York am 12. Oktober 1945 eine erste Liste der „Juden im Camp 7 Deggendorf“ veröffentlicht hatte. Weitere aus der Donaustadt und anderen Camps folgten. Weil die innerdeutsche Wiederaufnahme des Briefverkehrs nur schleppend vorankam, organisierte der als GI im Lande stationierte Rabbiner Eugene Lipman  von Oktober 1945 bis Mai 1946 eine Paket- und Briefzustellung in Bayern. Von Köln aus hatte er ab Mai 1945 über 180 Tonnen Lebensmittel und Gegenstände des täglichen Bedarfs in DP-Camps verteilt. Gleichzeitig organisierte er ein innerdienstliches Postwesen: Tausende Briefe wurden unter Lipmans Namen verschickt, immer mehr Campinsassen empfingen Post unter seinem Namen. Als die Briefpost anschwoll, schickte Lipman große Pakete mit Briefen an jüdische Organisationen auf der ganzen Welt, die die Post weiterleiteten. Für den Pakettransport benötigte er bald schon LKW-Konvois. Die Friedländer, Freimark, Louis Rosenberg, Mignon Langnas fasssten neuen Mut  und teilten zahllosen Verwandten, Freunden und Bekannten in aller Welt zwei Adressen mit, die sie für Erfolg versprechend ansahen:

CHAPLAIN LIPMANN
CCR FOURTH ARMORED DIV. A.P.O 254
c/o POSTMASTER NEW YORK

Dazu musste dann der eigentliche Empfängername geschrieben werden, zum Beispiel

Adolf und Margot Friedländer
DP-Camp 7 Deggendorf.

Rabbiner Lipmann, der auch im Korea-Krieg Soldaten betreute, danach an US-Universitäten lehrte und 1961 die Synagoge Temple Sinai in Washington/DC übernahm, starb 1994.

Ferner gab es die Postleitung

Mignon Langnas
(oder Louis Rosenberg, Eheleute Freimark u.a.)
c/o JOINT DISTRIBUTION COMMITEE
19 RUE DE TEHERAN
PARIS 8, FRANCE

Dass sich dank dieser Adressen die Kontakte verbesserten und wesentlich mehr Post eintraf und weggeschickt werden konnte, machte die Überlebenden glücklich. Und Mignon Langnas konnte es nicht fassen, als sie Rabbi Lipmann dann auch noch persönlich in Deggendorf traf: Am 28. Oktober 1945 schrieb sie viele Briefe, zumal sie den ersten aus den USA empfangen hatte. Dann schleppte sie sich ins Theater, um eine Kontaktperson zu finden: „Wir sitzen in der zweiten Reihe + vor mir – sitzt Lipmann.“

Über Hoffnungen, Träume und gedankliche Daseinsstützen der DP berichtete die im DP-Camp Deggendorf geborene  Germanistin, Literaturwissenschaftlerin und Philosophin Rachel Salamander: „Vor unserem Haus im DP-Lager bei Deggendorf stand eine Holzkiste, etwa eineinhalb auf einen Meter groß. Darin sammelte mein Vater, der Spengler war, Werkzeug, das er von erspartem Geld gekauft oder selber gemacht hatte. Es sollte den Grundstock legen für eine neue Existenz in Israel. Darauf warteten wir alle. Täglich. Mitten im Land der Täter. Hoffnungsträger der vom Holocaust gezeichneten Erwachsenen und Hinweis auf die Zukunft waren wir Kinder – und der Postbote. Alle nannten ihn ehrfürchtig den `Konsul´. Er hatte in der Hand, wer gehen durfte, denn er teilte die Visa aus. Unser Visumsantrag für Israel wurde abgelehnt, weil meine Mutter krank war; lange Zeit wurde sie im Lager behandelt, zuletzt in einem Münchner Krankenhaus, wo sie 1953 starb. Als die Absage kam, schickte Vater die Werkzeugkiste seinem Bruder nach Israel und gab damit sein eigenes Leben auf; nur die Verantwortung für meinen fünf Jahre älteren Bruder und mich war ihm noch wichtig….“[02]


Jüdische Schüler holen im DP-Camp 7 Deggendorf nach, was sie min der Zeit der Verfolgung und KZ-Haft versäumt haben (Foto: Holocaust-Memorial Washington, Sammlung Westerholz)

  1. Bericht über die jüd. Bevölkerung in der US-Besatzungszone Deutschlands vom 31. 3. 1946; Dr. H. Schneider: Jüdische Displaced Persons in Deutschland nach 1945  in: H.-Ch. Seidel und K. Tenfelde (Hg): Zwangsarbeit im Europa des 20. Jahrhunderts, Klartext Essen 2007, S. 40ff; . WIKIPEDIA über JDC, UNRRA, IRO, aufgerufen am 4., 7. Und 11. 1. 2011;  W. Benz in SPIEGEL Spezial Nr 2/1992;  I. Offman/Straubing wie oben 9; DP-Definition von E. M. Kulischer, WIKIPEDIA, aufgerufen am 3. 4. 2011; A. Königseder/J. Wetzel: Lebensmut im Wartesaal, Fischer Taschenbuch 1994. []
  2. A. Karen, Entwurzelte im Land der Täter, SPIEGEL Spezial, 1/2006, S. 44 f; A.  Wörn: Die jüdische Bevölkerung in Stettin in den Jahren 1945 bis 1950 und ihr Weg via Bayern nach Palästina, in: Einsichten und Perspektiven, S. 16; R. Salamander: Ein Leben aufs Neu, Wien 1955, Salamander-Interview am 11. Mai 1998 im BR-Alpha-Forum, ferner : Schweigend im Land der Täter  Meine Lehrjahre, aufgezeichnet von M. Prinzing. []