Predappio und Braunau

Der Bürgermeister von Predappio diskutiert am 24. September 2011 im Rahmen der 20. Braunauer Zeitgeschichte-Tage im Gugg mit dem Bürgermeister von Braunau am Inn über das schwierige Erbe der Geburtsstädte von Benito Mussolini und Adolf Hitler. Aus diesem Anlass sprach Camilla Brunelli mit Bürgermeister Giorgio Frassineti …

Interview: Camilla Brunelli

Herr Bürgermeister Frassineti, was bedeutet es, Bürgermeister eines Ortes wie Predappio zu sein, in dem Benito Mussolini geboren wurde?

Ich bin vor 47 Jahren in Predappio geboren. Es ist für mich eine große Ehre, meine Mitbürger zu vertreten, viele von ihnen sind Freunde. Wir wissen genau, wo wir geboren sind, wo wir leben. Es ist eine Ehre aber auch eine große Verantwortung, da hier Benito Mussolini begraben ist, eine der – auf tragische Weise – bekanntesten Persönlichkeiten des zwanzigsten Jahrhunderts. Heute noch wird unserem Ort großes Interesse entgegengebracht, aber nicht nur im historischen, sondern leider auch im politischen Sinn … In Predappio war auch Adone Zoli geboren, bedeutender Jurist und italienischer Premierminister in den Jahren 1957-1958. Und er war es auch, der beschloss, die sterblichen Überreste von Mussolini nach Predappio zu bringen. Einen Ort braucht man auch, sonst hält man es wie die Amerikaner, die Osama Bin Laden eingeäschert und im Meer zerstreut haben. Zoli sagte auch, dass demokratische Institutionen sich nicht davor fürchten müssen, Spuren einer solchen Vergangenheit zu bewahren. Einfach ist es aber nicht. Der italienische Journalist Enzo Biagi sagte einmal, Predappio sei zur Geisel für das Exil eines Toten geworden. Für mich ist Predappio eine der vielen Etappen der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, wie Braunau und Mauthausen. Und wir müssen diese Erinnerung aufrecht erhalten, aber nur, damit jene Zeiten nie wiederkehren!

Sagen Sie uns etwas  über die sogenannten „Pilgerfahrten“ zur Krypta von Mussolini. Wie reagiert die Bevölkerung?

Es handelt sich um regelrechte Gedenkfeiern, die drei Mal im Jahr stattfinden, am Geburts- und am Todestag von Mussolini und am Jahrestag des „Marsches auf Rom“. Die Beteiligung an diesen Veranstaltungen und die Besuche am Grab sind seit 1957 nicht stärker geworden, sondern konstant geblieben, ca. 100.000 Menschen pro Jahr. Aber während es früher hauptsächlich „Schwarzhemden“ waren, d.h. echte Faschisten die den „römischen Gruß“ machten, sind heute auch viele Schaulustige dabei. Diese Veranstaltungen werden von einem Lefèvre-treuen Priester organisiert, einem gewissen Giulio Tam von der neofaschistischen Partei Forza Nuova, der aber inzwischen seines Priesteramtes enthoben wurde. Ich verurteile diese Veranstaltungen zutiefst und habe dies wiederholt bekräftigt. Ich bin aber auch nicht mit dem Vorschlag einverstanden, die Krypta zu entfernen, was hat das für einen Sinn? Diese Präsenz gehört zu unserer Geschichte. Predappio muss sich selbst verstehen lernen, was es im zwanzigsten Jahrhundert gewesen ist. Und gerade deshalb müssen gerade wir die Frontlinie der Demokratie sein. Und die Bevölkerung weiß genau, was Predappio bedeutet. Die Leute sind bei uns an all dies gewöhnt, sie tolerieren es. Auf jeden Fall ist es seit den 80er Jahren sehr viel ruhiger geworden. In den 70ern ließ mich meine Mutter als Kind in gewissen Zeiten nicht aus dem Haus, da man sich auf den Straßen von Predappio schlug. Faschisten und Kommunisten kamen zu uns und schlugen sich …

Wie wird der Bürgermeister von Predappio bei seinen Auftritten in Italien aufgenommen?

Oft denkt man automatisch, dass ich politisch ganz rechts stehe und so auch der Großteil unserer Bevölkerung. Manchmal hat man mich auch lautstark angepöbelt. In Wahrheit bin ich aber Mitglied des Partito Democratico, der hier bei uns die Kommunalwahlen gewonnen hat …

Sie sind nächste Woche eingeladen worden, in Braunau am Inn in Österreich, dem Geburtsort Adolf Hitlers, an den Braunauer Zeitgeschichte-Tagen teilzunehmen. Halten Sie es für interessant, sich mit vergleichbaren Situationen zu konfrontieren?

Natürlich. Braunau hat sich seiner Geschichte gestellt und sie sich zu eigen gemacht. Wir haben uns oft nur dafür geschämt. Wir müssen weiterhin kulturelle Veranstaltungen ins Leben rufen, wie die Ausstellungen, die wir im Geburtshaus von Mussolini zeigen. Hier werden nicht etwa das Bett des Duce oder andere „Reliquien“ gezeigt, sondern auf jene Zeit bezogene kulturell relevante Ausstellungen. Nur durch Kultur kann man etwas erreichen. Ich werde den Veranstaltern in Braunau eine ähnliche Tagung in Predappio vorschlagen!