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Hintergründe zur Krise Ägypten, Israel, Gaza

Die Anschlagsserie der Palästinensischen Widerstandskomitees am Donnerstag war gemäß israelischen Geheimdiensterkenntnissen von langer Hand vorbereitet. Über einen Monat lang bereiteten sich zwischen etwa 20 palästinensische Extremisten im Sinai auf die Attacke vor…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 21. August 2011

Sie nutzten, dass Ägypten schon lange vor dem Sturz von Präsident Hosni Mubarak keine feste Kontrolle auf der 1982 von Israel geräumten Halbinsel hatte. Immer wieder kam es zu schweren Anschlägen, in Taba (2004), Dahab (2006) und Scharm A Scheich (2005). Aufständische Beduinen nutzten ihre Ortskenntnis, während El Kaeda und andere Gruppierungen in das Vakuum vorstießen. Ungestört konnte die Hamas vom Iran geliefert Raketen und Waffen einlagern, ehe sie durch die Schmugglertunnel in den Gazastreifen gebracht wurden.

Der Anschlag in Israel nahe Eilat war auch eine Attacke auf Ägyptens Souveränität. Denn die Angreifer trugen ägyptische Uniformen und schossen aus der unmittelbaren Nähe eines ägyptischen Grenzpostens auf israelische Urlauberautos und Linienbusse. Noch wollen die Israelis prüfen, wo die ägyptischen Grenzpolizisten waren. Angeblich gelang es einigen Terroristen, zurück auf ägyptisches Gebiet zu fliehen. Sie lieferten sich Gefechte mit den israelischen Soldaten, über die Grenze hinweg. Bei der Verfolgungsjagd schossen die Israelis auch in Richtung Ägypten. Gemäß ersten Darstellungen israelischer Militärs seien ägyptische Polizisten bei jenem Gefecht ins Kreuzfeuer geraten. Dann hieß es, dass mehrere Ägypter durch die Explosion eines Sprenggürtels getötet worden seien, den einer der Palästinenser als Selbstmordattentäter bei sich getragen habe. Die Ägypter behaupteten, dass ein israelischer Kampfhubschraube eine Rakete abgeschossen habe.

Israel und Ägypten haben gemäß Medienberichten abgesprochen, diesen Vorfall, bei dem zwischen drei und fünf Ägypter ums Leben gekommen seien, einvernehmlich zu prüfen. Noch funktioniert die Koordination zwischen den Sicherheitskräften Israels und Ägyptens.

Derweil mischte sich die MFO ein, die internationale Beobachtertruppe „Multinational Forces of Observers“. Die haben den Auftrag, die Entmilitarisierung der Sinaihalbinsel und Grenzverstöße zu melden. Entlang dieser rund 250 Kilometer langen Grenze gibt es keine UNO-Beobachter wie sonst entlang der Grenzen Israels. Die UNO hatte sich geweigert, den Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten anzuerkennen. So entstand im Einvernehmen die von den USA geleitete MFO.

Die Angriffe (vom Sinai aus) auf die israelische Grenzstraße hat die MFO nicht beobachtet, sehr wohl aber zwei angebliche Vorstöße israelischer Soldaten auf ägyptisches Territorium bei ihrer Verfolgungsjagd.

Israels Verteidigungsminister Ehud Barak äußerte bei einer improvisierten Pressekonferenz nahe dem Ort der Überfälle seine Sorge über die verminderte ägyptische Kontrolle im Sinai. Für Kairo war diese Aussage (und ähnliche Äußerungen israelischer Kommentatoren) eine schwere Beleidigung. Dafür verlangten die Ägypter eine förmliche „Entschuldigung“.

Inzwischen hatte die israelische Botschaft in Kairo ein schriftliches „Bedauern“ über den Tod der ägyptischen Soldaten am Donnerstag überreicht. In der Diplomatensprache sei „Bedauern“ jedoch nicht gleichbedeutend mit einer „Entschuldigung“.

Während Tausende Ägypter vor der israelischen Botschaft demonstrierten und den Abbruch der diplomatischen Beziehungen forderten, hieß es am Samstag Morgen, dass Kairo seinen Botschafter aus Tel Aviv abziehen wolle. Das stellte sich jedoch schnell als „Zeitungsente“, oder auch als „gezielte Desinformation“ heraus und wurde von Offiziellen beider Seiten umgehend dementiert.

Israel half kürzlich den Ägyptern bei deren Bemühen, die Kontrolle im Sinai wieder zu erlangen. Es genehmigte die Verlegung von rund Tausend Soldaten mitsamt Panzerwagen, um die schon fünfmal gesprengten Erdgasleitungen im Norden bei El Arisch zu sichern. Der Friedensvertrag verbietet es Ägypten, Soldaten im Sinai zu stationieren. Doch das reichte nicht, im unwegsamen gebirgigen Zentrum die Beduinen und andere Gruppen wieder in den Griff zu bekommen.

Noch haben Israel wie Ägypten ein Interesse, am Friedensvertrag festzuhalten. Für Ägypten hat das nach Monaten von Aufstand und Revolution sogar existenzielle Gründe. Denn die Amerikaner haben eine Soforthilfe zur Rettung der vom Niedergang bedrohten ägyptischen Wirtschaft in Höhe von zwei Milliarden Dollar abhängig von der Verpflichtung gemacht, den Frieden mit Ägypten jetzt nicht in Frage zu stellen. Seit dem Sturz Mubaraks hat Ägypten zwei seiner wichtigsten Einnahmequellen verloren: die Erdgaslieferungen an Israel, Syrien und Jordanien infolge der Attacken bewaffneter Beduinen und der Tourismus, infolge der Unruhen.

Für die palästinensischen Extremisten des Gazastreifens war die Schwäche der Zentralregierung in Kairo und die Chance, durch einen Angriff auf Israel auch den Friedensvertrag zu gefährden, ein zusätzliches Motiv, vom Sinai aus anzugreifen und sich nicht mit dem „üblichen“ Raketenbeschuss israelischer Städte von Gaza aus zu begnügen.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com