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Israelische Inflation

Der Ben Gurion Flughafen verzeichnet Rekordzahlen israelischer Urlauber, die mit Kind und Kegel ins Ausland fliegen. Fast 1,4 Millionen Passagiere wurden allein im Juli gezählt, die meisten davon Israelis. Die beliebtesten Urlaubsziele sind Griechenland, die USA und Deutschland…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 8. August 2011

Derweil gehen die Proteste der „verarmten“ Mittelklasse in der Zeltstadt auf dem Rothschildboulevard in Tel Aviv weiter. Immer mehr Gruppen beteiligen sich: Mütter mit Kinderwagen protestieren gegen schwieriges Einsteigen in Bussen, Milchbauern gegen Käseimporte, Taxifahrer gegen zu teures Dieselöl, Studenten gegen einen Mangel an Mietwohnungen, Polizistenfrauen gegen niedrige Renten, Hüttenkäse wird boykottiert, obgleich die Supermärkte ihn zum halben Preis anbieten. Die Gesellschaftsgruppe „Eltern“ protestiert gegen zu teure Schulbücher.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat schon „einfühlsame und verantwortungsvolle“ Lösungen versprochen, während der Finanzminister sich weigert, den Staatshaushalt zu sprengen. „Einfühlsam“ hat die Regierung trotz steigender Erdölpreise eine Verteuerung des Benzins um 6 Cent verhindert. „Verantwortungsvoll“ halbierte die Regierung eine Verteuerung des Strompreises: anstelle von 19 % müssen Stromkunden künftig nur 10 % mehr zahlen.

Die Demonstranten wissen, dass Israel wirtschaftlich boomt, die Finanzkrise schadlos überstanden hat, die niedrigste Arbeitslosenquote in der OECD hat und mit 4,8 Prozent ein Wirtschaftswachstum im Jahr 2011 erreichen wird, von dem viele Länder nur träumen können.

In parlamentarischen Demokratien werden „Ausschüsse“ geschaffen, wo gesellschaftliche Probleme dann monatelang geprüft werden. Weil die Abgeordneten der Knesset gerade in die Sommerpause gegangen sind, nachdem sie sich noch schnell eine erhöhte Kleidungszulage gegönnt haben, dachte sich Netanjahu eine neue Lösungsmethode aus. Er verkündete die Schaffung eines „runden Tisches“. An dem sollen Wirtschaftsexperten, Fachleute für soziale Fragen und Finanzspezialisten über die „Krise“ beraten. Jetzt fragt sich, wo Netanjahu seinen gigantischen Tisch aufstellen will, an dem auch 19 (neunzehn) von ihm ernannte Minister seiner Mammutregierung Platz finden sollen.

Am Wochenende gab es angeblich die größte Demonstration in der Geschichte Israels. Die Medien konnten sich nicht entscheiden, ob es eine Viertel-Million Israelis waren oder gar 300.000.

Fröhlich ging es zu, denn die beliebtesten Popsänger traten ohne Honorar auf und genossen die live-Übertragungen im Fernsehen. Viele Demonstranten kamen zu dem sommerlichen Happening wegen dem kostenfreien Pop-Konzert und nicht wegen der Reden unbekannter „Sprecher“ der bunten Protestbewegung.

Politiker blieben ausgeschlossen, weil sich die Demonstranten vor keinen Karren irgend einer Partei spannen lassen wollen. So ist es weder der kaum noch existenten Linken, noch der regierenden Rechten, der schweigenden Opposition, den Frommen oder gar den unbeteiligten Arabern gelungen, die Proteste zu lenken. Da gegen das seit Jahrzehnten entstandene „System“ protestiert wird, trägt jede Partei vergangener Regierungskoalitionen Mitverantwortung. Das ist so, als würden in England die Menschen gegen den Linksverkehr, in Deutschland gegen den Bierkonsum oder in Frankreich gegen die Zahl der Käsesorten auf die Straße gehen. Die Ziele der israelischen Demonstranten unter dem Motto „Mehr soziale Gerechtigkeit“ sind diffus und werden selbst von ihren Wortführern nicht definiert. Es geht jedenfalls nicht um Siedlungen, Palästinenser, Frieden oder Menschenrechte. Die Regierung wollen sie nicht stürzen, sondern eine Quadratur des Kreises: niedrigere Steuern und Subventionen für alles, was man im Leben so braucht, vom Hüttenkäse bis zur billigen Wohnung.

Ausgerechnet die wirklich notleidenden gesellschaftlichen Gruppen beteiligen sich nicht, zum Beispiel die Ultraorthodoxen und die Araber, denen die Kindergelder drastisch gekürzt worden sind. Oder die Pensionäre und Menschen in den „Entwicklungsstädten“, wo es Arbeitslosigkeit, keine Eisenbahnverbindungen und wenig kulturelle Abwechslung gibt. Auch mittellose Holocaustüberlebende, unterbezahlte Krankenschwestern, Behinderte und Lehrer bleiben zu Hause.

So fragt sich, trotz Popsängern und Happening im Sommer, warum die Mittelklasse dennoch so massenhaft demonstriert, während gleichzeitig die keineswegs billigen Restaurants, Suschi-Bars und Nachtklubs mit Besuchern überquellen.

Wahrscheinlich sind die Zahlen übertrieben. Ein Reporter hat sich die inflationären Teilnehmerzahlen an den Demos, im wahrsten Sinnte des Wortes, unter die Lupe genommen.

Die „Demo der 300.000“ am Samstag fand auf Tel Avivs Kaplan-Straße statt. Die ist 564 Meter lang und durchschnittlich 30 Meter breit, macht also 17.000 Quadratmeter. Sogar in Israel passen keine 17 Menschen auf einen Quadratmeter. Realistisch gezählt haben sich wohl nicht mehr als 65.000 Menschen an der vermeintlich „größten Demo in der Geschichte Israels seit 64 Jahren“ beteiligt.

In Jerusalem hätten sich – so die Pressemeldungen – 30.000 Menschen auf dem Pariser Platz nahe der Residenz des Ministerpräsidenten versammelt. Uri Radler der Zeitung Maariv hat sich ein Foto der Menschenmenge vorgeknöpft, das von einem Dach aus aufgenommen worden war. Mit Hilfe einer Lupe hat er einzeln die sichtbaren Köpfe gezählt und kam auf genau 2457. Selbst wenn man auf dem Foto nicht sichtbare Menschen in Nebenstraßen hinzuzähle, dürften es keine 5000 gewesen sein.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com