Der Staat Israel im Gebet

Jeden Schabbat erbitten wir in der Synagoge den Segen unseres Vaters im Himmel für den Staat Israel. Es ist ein Gebet um Unterstützung für die Bewohner und Beschützer des Landes, ein Gebet für die Sammlung und Rückkehr der Zerstreuten ins Land, ein Gebet für die Erfüllung der messianischen Hoffnung Israels und der ganzen Menschheit…

Von Prof. Dr. Daniel Krochmalnik, Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg

Sind aber  Gebetsformeln, die den Judenstaat zum „ersten Spross unserer Erlösung“ (Reschit Zmichat Ge’ulatenu) erklären, keine nationalistische Verirrung?

Wie sie verstanden werden sollen, kann man aus der Liturgie entnehmen, die das israelische Oberrabbinat für den israelischen Unabhängigkeitstag festgelegt hat. Aus dem 5. Buch Moses werden das Kapitel 7 und 8 vorgelesen, die wir auch an diesem Schabbat in der Synagoge hören. In diesen Kapiteln ermutigt Moses das Volk Israel an der Schwelle zum Gelobten Land, es solle nicht fürchten, „zu zahlreich sind mir diese Völker“ (Deut 7,17), es solle sich auf seinen Gott verlassen, der ihm – wie immer – helfen werde. Er warnt das Volk jedoch auch davor im paradiesischen Land, wo Öl und Honig in Strömen fließen, die göttliche Hilfe auf der langen Durst- und Hungerstrecke in der Wüste zu vergessen und sich einzubilden: „Meine Kraft und die Stärke meiner Hand hat mir all dies Vermögen geschafft“ (Deut 8, 17). Sonst drohe ihm wie seinen Vorgängern der Landverlust. Der Landbesitz ist an den Bund mit Gott geknüpft und dieser besteht in der Herrschaft von Recht und Gesetz. Das aber ist etwas ganz anderes als ein „Recht-ist-was-dem-Volke-nützt“-Nationalismus und ein „UnserPlatz-an-der-Sonne“-Imperialismus.

Der Kontrast wird noch durch die anschließende Lesung aus den Propheten betont. Es handelt sich um die Kapitel 11 und 12 aus dem Buch Jesaja. Am Anfang der Lesung stehen noch zwei Verse aus dem 10. Kapitel, in dem der Untergang Assyriens in Aussicht gestellt wird. Assyrien war eine Militärmacht, wie sie die Welt bis dahin noch nie gesehen hatte. Das assyrische Reich hatte mit brutalsten Mitteln den ganzen vorderen Orient unterworfen. Die assyrischen Berichte rühmen sich ganzen offen eben der Verbrechen, die die Propheten scharf verurteilen: Völkermord und Folter, Deportation und Plünderung (Jes 10, 5 – 11, 10). Nichtsdestotrotz sehen die Propheten Assyrien als „Zuchtrute“ Gottes (10, 5). Mit dieser Rute wird auch das Volk Israel gestraft, weil es das Recht der Schwachen gebeugt und das Gut der Bedürftigen geplündert hat. Doch die Großmacht verfolgte ihre eigenen imperialistischen Pläne und hatte nur Rauben und Zerstören im Sinn (7). Darum soll der Hochmut Assyriens gestraft und der stolze Blick seines Königs niedergeschlagen werden (12). An dem assyrischen Heer, das wie ein Wald gen Jerusalem vorrückt, werde der Herr die Axt anlegen. Das Kapitel klingt mit dem Bild von gefällten Zedern aus.

Am  Bild von den gefällten Riesen knüpft das nächste Kapitel an. Es sieht einen jungen Sprössling aus dem Baumstumpf treiben; eine neue Weltordnung hervorbrechen. Anstelle der Gewaltherrscher tritt ein gerechter Herrscher, der die Rechtlosen zu ihrem Recht kommen lässt und das Unrecht mit seinem Rechtsspruch überwindet. Diese neue Zeit wird mit dem Bild des messianischen, des wiedergekehrten paradiesischen Friedens auf dem Berg Gottes illustriert: „Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Tiger liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe hütet sie. Kuh und Bär freunden sich an, ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange“ (11,6-9). Jesaja nennt diese neue Herrschaft des Rechts und des Friedens ein „Zeichen für die Völker“ (Nes Amim) und ein Signal für den zerstreuten Überrest seines Volkes (10 u. 12). Auch an seinem Nationalfeiertag erinnert die Leseordnung der Synagoge Israel also an seine universale Mission.

Ein anderes Bild des Propheten Jesaja ist zum universalen Symbol für diese Mission geworden: „Und geschehen wird es in späten Zeiten (Acharit HaJamim)“, sagt der Prophet, „da wird aufgerichtet sein der Berg des Hauses des Herren über den Bergen, und er überragt die Hügel, und es strömen zu ihm all die Völker. Und viele Nationen werden ziehen, und sprechen: Wohlan, lasset uns hinaufgehen zum Berge des Herren, zum Hause des Gottes Jakobs, das er uns lehre von seinen Wegen, und wir wandeln auf seinen Pfaden, wenn von Zion wird ausgehen die Lehre, und das Wort des Herren von Jerusalem. Und er wird richten zwischen den Völker, und entscheiden zwischen vielen Nationen, und sie werden schmieden ihre Schwerter zu Pflugscharen, und ihre Lanzen zu Winzermesser. Nicht wird mehr erheben Volk gegen Volk das Schwert, und nicht lernen sie den Krieg“ (Jes 2, 2-5). Das ist keine nationalistische Version  vom siegreichen Endzeitkönig, keine imperialistische Vision eines neuen Weltreichs. Vielmehr kommen die Völker von selbst zum Weltgericht auf dem Zion um ihre Konflikte friedlich beizulegen und abzurüsten. Vielleicht stört hier noch die Zentralstellung des Zions, die nach zionistischer Nabelschau klingt. Ein weiterer kühner Spruch Jesajas zeigt, was es damit auf sich hat: „An selbigem Tage (BaJom HaHu) wird eine Straße gehen von Ägypten nach Assyrien, und es kommt Assyrien nach Ägypten, und Ägypten nach Assyrien (…). An selbigem Tag wird Israel sein das Dritte zwischen Assyrien und Ägypten, ein Segen inmitten der Erde (Beracha BeKerew HaArez). Welches der Herr der Heerscharen so segnet: Gesegnet sei mein Volk Ägypten, und meiner Hände Werk Assyrien, und mein Erbe Jisrael“.

Die Schwerter-Pflugscharen-Vision Jesajas ist das Motto der Friedensbewegung geworden. Vom Sowjetkünstler Jewgeni Wiktorowitsch Wutschetitsch in Stein geschlagen, steht er als wuchtiger Koloss vor dem UNO-Hauptgebäude in New York. Dieses Geschenk eines atheistischen Imperiums an die Weltgemeinschaft bezeugt die ungebrochene Gegenwärtigkeit der biblischen Vision. Dass der Weltfrieden freilich nicht ganz ohne Waffen zu schaffen ist, weiß auch schon die Bibel. So kehrt der Prophet Joel in seiner Vision über das Weltgericht den Jesaja-Spruch um: „Schmiedet eure Sicheln zu Schwertern, und eure Winzermesser zu Lanzen; der Schwächling spreche: Ein Held bin ich“ (4,10).

Radio Schalom. Sendung des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinde in Bayern auf Bayern 2, Freitag um 15:05 Uhr