Eine traurige Symphonie

Parascha 392. Ansprache für Freitag, den 5. August 2011 (Dewarim)…

Von Prof. Dr. Daniel Krochmalnik, Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg

Der jüdische „Volkstrauertag“ am nächsten Montagabend und Dienstag erinnert an die Zerstörung der beiden Tempel am 9. des hebräischen Monats Aw (Tischa BeAw) sowie an viele andere nationale Katastrophen. Zu diesem Anlass stimmen wir die biblischen Klagelieder sowie traurige Elegien (Kinnot) aus der späteren Leidensgeschichte Israels an. Die Klagelieder beginnen mit den Worten: „Wie sitzt einsam die Stadt die volkreiche?“ Auf Hebräisch heißen sie nach dem ersten Wort des Textes: „Ejcha“, „Wie?“. Im traditionellen Melos ist dieses erste „Wie?“ mit einem starken Pausenzeichen (Munach) versehen. Es klingt wie ein tiefer Seufzer und wie eine offene Frage: „Ach, wie?“, „Wie nur?“. Angesichts der großen nationalen Katastrophen erhob sich diese gleiche schwere Klage, diese gleiche schwere Frage immer wieder: „Wie konnte das nur geschehen?“, „Wie konnte Gott das nur zulassen?“

Der morgige Schabbat vor dem 9. Aw heißt nach der an ihm vorgetragenen Schreckensvision des Propheten Jesaja vom Untergang Jerusalems „Schabbat Chason“, „Visionsschabbat“. Die ersten Worte Jesajas lauten: „Vision Jesajas (Chason Jeschajahu) (…). Euer Land ist verwüstet, eure Städte vom Feuer verzehrt, (…) Und übrig bleibt die Tochter Zion, wie eine Hütte im Weinberg (…), wie eine belagerte Stadt (…). Wie (Ejcha) ist sie zur Buhlerin geworden, die getreue Burg! Die voll war von Gerechtigkeit, in der das Recht übernachtete, sie ist jetzt voll Mörder! (…) Deine Fürsten sind Empörer und Genossen von Dieben, alles liebt Bestechung und jagt Bezahlung nach. – Die Waisen richten sie nicht, und der Witwe Streit kommt nicht vor sie. Darum spricht der Herr, der Herr der Heerscharen, der Gewaltige Israels: Ha, ich will Genugtuung nehmen an meinen Feinden, vergelten meinen Hassern!“ (Jes 1,1. 8. 21. 24). Wieder klingt die gleiche Frage an: „Wie?“, die im gleichen elegischen Melos wie die Klagelieder vorgetragen wird. Die Frage ist allerdings eine ganz andere: Jeremia wundert sich, wie die einst mächtige, vom Leben pulsierende Stadt verlassen und verstummt daliegt, Jesaja dagegen, wie das einst durch Gerechtigkeit und Recht glänzende Gemeinwesen zur Mördergrube verkommen konnte (Jer 7, 11). Beides hängt wie Frage und Antwort zusammen. Schließlich wurde Jerusalem nicht ohne Grund zerstört. Dem äußeren Verfall ging der innere voraus. Jeremia und Jesaja gaben sich keinen melancholischen Stimmungen im Angesicht von Ruinen hin. Was die Propheten ebenso traurig wie auch hoffnungsfroh stimmte, ist der Glaube, dass die nationale Katastrophe ein verdientes Schicksal war und darum auch wieder gewendet werden kann. So schließt die Schreckensvision des Jesaja mit einem Hoffnungsschimmer: „Ich will deine Richter wieder einsetzen wie vormals und deine Ratgeber wie in früherer Zeit! Dann wird man dich nennen: Stadt des Rechts, treue Burg! Zion wird durch Recht erlöst und seine Heimkehrenden durch Gerechtigkeit“ (Jes 1, 26 – 27).

Ferner wird am morgigen Schabbat wie stets vor dem 9. Aw der erste Abschnitt des 5. Buches Mose vorgetragen. Dort erinnert Mose das Volk an der Grenze zum Gelobten Land an die ganze wechselvolle Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten. Auch hier hören wir wieder das „wie?“: „Wie (Ejcha) sollte ich allein die Mühe und Last, die ihr mir macht, und eure Streitigkeiten ertragen? Wählt aus euren Stämmen weise, kluge und bekannte Männer, ich will sie an eure Spitze stellen. In jener Zeit gab ich euren Richtern die Weisung: (…) richtet nach Gerechtigkeit. (…) Ihr sollt kein Ansehen der Person im Gerichtsverfahren kennen, den Geringsten hört wie den Größten an, fürchtet euch vor niemandem, denn ihr richtet für Gott; und was euch zu schwer ist, bringt vor mich, dass ich es anhöre“ (Deut 1, 9.12 – 18). Auf den ersten Blick ist die Wie-Frage des Moses ganz anderer Art. Es ist der Seufzer des überlasteten Befreiers, dem es an Kraft fehlt, Ordnung im streitsüchtigen Haufen entlaufener Sklaven zu schaffen. Doch näher betrachtet hängen die drei Fragen von Moses, Jesaja und Jeremia eng zusammen. Moses errichtet nach der Befreiung eine Ordnung, die weder Geringe noch Fremdlinge benachteiligt; Jesaja sieht in der Königszeit das Versagen der korrupten Obrigkeit und klagt sie wegen der Beugung des Rechts von Witwen und Waisen an; Jeremia schließlich steht vor den Trümmern des Unrechtsstaates und beklagt das Los der Mütter und Säuglinge, die der kollektiven Bestrafung nicht entronnen sind: „Wie (Ejcha)“, beginnt auch das zweite Klagelied, hat umwölkt in seinem Zorne der Herr die Tochter Zijon! (KL 2, 1). „Wie (Ejcha) ist verdunkelt das Gold, verwandelt das feine Gold! Wie (Ejcha) sind verschüttet die heiligen Steine in allen Straßenecken. Die Kinder Zions, die köstlichen, die mit gediegenem Gold Aufgewogenen, wie sind sie gleich geachtet den irdenen Scherben“ (KL 4, 1-2).

Diese Wie-Frage durchzieht wie ein Leitmotiv die Bücher Mose, die Propheten und die Schriften der Bibel, sie verbindet Mose, Jesaja und den Verfasser der Klagelieder – und alle zielen auf eine große Antwort hin: Der Besitz des Heiligen Landes ist an die Bedingung von Recht und Gerechtigkeit geknüpft!

Gewiss, der Staat Israel ist kein Gottesstaat, aber es ist ein Rechtsstaat. Wenn nötig, werden Präsidenten, Ministerpräsidenten, Minister, Generäle und Soldaten angeklagt. Umgekehrt kann jeder Bewohner des Landes das oberste Gericht anrufen. Dieses Gericht ist für seine unparteiischen Urteile bekannt. Es ist der Ruf nach internationalen Untersuchungen und Verurteilungen Israels, der parteiisch ist. Es wäre schön, wenn die Staaten, die am lautesten rufen, wie z. B. die Türkei, eine so unabhängige Justiz wie der Judenstaat besäßen. In diesem Punkt ist der Staat Israel ein Erbe der Propheten und man kann am Gedenktag der Zerstörungen Jerusalems nur hoffen, dass er die ebenso allgemeine wie ungerechte antiisraelische Kritik überlebt.

Radio Schalom. Sendung des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinde in Bayern auf Bayern 2, Freitag um 15:05 Uhr

Ein Kommentar zu “Eine traurige Symphonie

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.