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Zionismus und Emanzipation: Die Assimilation um der Menschheit willen

Die Assimilation ist keine spezifische Tatsache der jüdischen Gegenwart und Vergangenheit. Seit isolierte menschliche Horden in irgendeine Art des Verkehrs zueinander traten, steht die Assimilation von menschlichen Gruppen aneinander in keinem Moment, an keinem Berührungspunkt still, ist immer an einer oder mehreren Stellen ein massenhaftes, beschleunigtes Ineinanderfluten im Gange…

Siegfried Bernfeld: Die Assimilation um der Menschheit willen (1917), aus Zionismus und Jugendkultur pp 197, Zionistische Beiträge.
Vielleicht auch ein Beitrag zur aktuellen Integrationsdebatte

I. Teil

Blut der Gruppen mengt sich, Güter werden von der erzeugenden Gruppe an andere abgegeben, in ihnen irgendwie irgendwas bestimmend; Geist einer Gruppe dringt in die fremden; Taten werden bekannt und werden plastisch, wirksam außer der Gruppe des Täters. Und wenn die Menschheit überhaupt geleistet hat, was des Stolzes wert wäre, so ist es dadurch oder ungemindert trotzdem entstanden. Kulturen und Völker verschwinden, entstehen und verschwinden wieder. Wir haben keinerlei Möglichkeit, uns diese Tatsache der Angleichung und Aneignung des Fremden und dem Fremden aus der Geschichte herauszudenken und noch weniger aus der Zukunft wegzuwünschen.

Aber die Assimilation ist ein spezifisches Problem der jüdischen Gegenwart und Zukunft. Spezifisch, nicht als bestünde es nur für die Judenheit, aber weil es in ihr seine zahlenmäßig größte Ausdehnung, seine kulturell höchste Bedeutung und seine individuell tiefste Tragik besitzt, und weil die jüdische Assimilation eine ganz eigenartige Note enthält, die sie auch zum Problem der Gegenwart und Zukunft der assimilierenden Nationen macht. Wenn ein Volk sich einem anderen nicht assimilieren will, äußerer Zwang es aber zur Selbstenteignung führt, so lehnt es sich wild gegen diesen Zwang auf, sofern ihn etwa ein mächtiger Eroberer ausübt, oder aber es gelangt zu wehmütiger Resignation, wenn jener Zwang ausgeht von geheimen, unentrinnbaren, etwa ökonomischen Mächten. Kein Unbeteiligter wird diesen Vorgängen und Zuständen sein Mitleid versagen. Jeder wird die Größe bewundern, auch wenn sie am größeren Widerstand scheitert. Ein Problem jedoch liegt nicht vor, am wenigsten eines mit pathologischen, grotesken Auswirkungen. Auch nicht in dem Fall, den die Geschichte schon oft gesehen hat, daß in jahrzehntelanger friedlicher Arbeit zwei Völker sich zu einem verbinden oder, wie es auch zuweilen geschah, die Glut gemeinsamer Begeisterung, die Bedrohung durch gemeinsamen Feind fremde Gruppen zu einem Körper zusammenschweißte. Aber alle diese Formen gelten nicht für die jüdische Assimilation in der gegenwärtigen Zeit. Von langsamer, friedlicher Durchdringung ist hier keine Rede, von plötzlicher Liebe noch weniger und an den notwendigen Untergang der Juden glaubt kein NichtJude recht. Selbst wenn ihn etwa Theilhabers1 oder ahnliche Bücher von der Möglichkeit des Untergangs der deutschen Juden überzeugt haben mögen, so erscheint ihm doch der Jude, der ein integrierender Bestandteil europäischer Geschichte ist, seit es eine solche gibt, ganz im wörtlichen Sinne der ewige zu sein. Gerade deshalb, weil die Assimilation der Juden keine Tatsache ist, wird sie zum schweren Problem Europas östlich der Linie Berlin – Wien. Weit entfernt davon, als Problematik der Nation gegeben zu sein, die sich einer anderen angleichen muß, ohne es zu wollen, liegt sie vielmehr, paradox gesprochen, umgekehrt darin, daß Teile dieser Nation sich assimilieren wollen, ohne es zu können.

*1) Felix A. Theilhaber: Der Untergang der deutschen Juden.
Eine volkswirtschaftliche Studie. München 1911.

Trotz der großen Zahl von Übertritten, trotz der immer wachsenden Zahl von Mischehen, wachsend auch, wenn man die beträchtliche Menge der scheinbaren Mischehen zwischen Getauften und Noch-nicht-getauften abzieht, sind im ganzen auch diese assimilierten Juden nicht aufgegangen im Deutschtum. Man könnte vergleichsweise sagen, daß die Juden keine chemische Verbindung mit ihrer Umgebung eingegangen, sondern in ihr bloß aufgelöst sind. Innerhalb der Diaspora, der Versprengung beträchtlicher Volksteile über Europa, findet eine Atomisierung dieser Volksteile selbst statt, indem ihre Individuen unter die anderen verstreut sind; oft unkenntlich nach ihrer eigentlichen nationalen Zusammengehörigkeit. Das Judentum ist mancherorts in der Diaspora aufgelöst. Aber wie eine geringfügige Änderung des Gleichgewichts, das Hinzutreten irgendeines neuen Stoffes genügt, um eine Lösung rückgängig zu machen, um die gelöste Substanz aus ihr ausfällen zu lassen, so genügt eine schwache Veränderung der politischen, ökonomischen oder kulturellen Gleichgewichts, um die Juden aus der Unsichtbarkeit ihrer Lösung fällen zu lassen, um sie als Juden, als geschlossenen eigen- und fremdartigen Bodensatz bemerkbar zu machen. Innerhalb des Staates, in den kleineren Gesellschaften bis in die Geselligkeit hinein, wirkt oft eine kleine Handlung, ein Wort, eine Bewegung als fällendes Akzidens, und in der zurückweichenden Umgebung bleibt der Jude als befremdetes oder befeindetes Wesen stehen, isoliert.

Wenn dennoch der Ruf „Zurück zum Judentum“ bei den assimilatorischen Juden verhallt und auch dann verhallen würde, wenn die Einsicht verbreitet wäre, daß es nicht niedrige Instinkte, Vorurteil und Aberglauben allein sind, die deutscherseits das Aufgehen der Juden verhindern, so hat dies seinen Grund vor allem darin, daß die Assimilation eine ökonomische Forderung ist, eine Folge oder doch ein Ziel des Kampfes um die materielle Existenz, um die wohlbehagliche Existenz, den jeder Mensch in unserer kapitalistischen Zeit für sich allein auskämpfen muß. Die Möglichkeit, sich nicht assimilieren zu müssen, wäre weiten Schichten der heutigen Judenheit einzig und allein dadurch gegeben, daß sich ihnen eine gesunde Volkswirtschaft eröffnete, die mindestens die gleichen materiellen Hoffnungen zu bieten vermöchte, wie die deutsche, die polnische, die amerikanische, die aber zur Einlösung dieser Hoffnungen keine Assimilation verlangte, höchstens in gewissem Sinne die an das eben verlassene Judentum. Und wenn wir jüdischen Politiker, wir mögen uns nun Nationalisten, Zionisten oder Sozialisten nennen, Gründe haben, die Hemmung der Assimilation, soweit sie überhaupt besteht, zu wünschen, so bleibt uns allen im wesentlichen keine andere Möglichkeit als der Aufbau einer autonomen und organischen Volkswirtschaft auf jüdischem Boden. Kein Kampf mit Argumenten, Gefühlen und Wertungen kann uns dieser einzigen Pflicht entheben, kann uns dies einzige Mittel positiver jüdischer Politik ersetzen.

Aber so gewiß die Argumente der Assimilation nur sekundäre Gebilde, ideologische Hilfen für nicht selten unbewußte, ökonomische Tendenzen sind, so gewiß haben sie eine Art Eigenleben, wirken sie im Sinne ihrer Tendenzen über den primären Kreis der ökonomisch bestimmten Assimilation hinaus, einen weiteren, sekundären schaffend, in dem sich die Beziehung von Argument und ökonomischer Triebkraft umkehrt. Sie erzeugen eine Sphäre der Assimilation, in der das Argument zum primären Motor wird und erst so die ökonomische Tendenz auch in diesem Kreise sich durchsetzt. Drei Volksschichten sind es vor allem, die in der assimilatorischen Tendenz von der assimilatorischen Ideologie her festgehalten oder erst in sie getrieben werden. Erstens, die ökonomisch weitgehend Unabhängigen; die Besitzer bedeutender Kapitalien und der wichtigsten Produktionsmittel, die durch keinerlei private Gesinnung und Übung, durch keinerlei öffentliches Eintreten und Auftreten gefährdet sind. In gleichem Fall mit diesen sind, zweitens, jene, denen umgekehrt keinerlei Gesinnung und Auftreten irgendeine Hoffnung bringt, in der gegenwärtigen Gesellschaft oder unter den augenblicklichen Zuständen etwas zu gewinnen; so gewisse Kreise des jüdischen Proletariats und vor allem ein großer Teil der mittellosen jüdischen Akademiker. Aber nicht im ganzen Umfang, noch weniger in ganzer Kraft gilt das Gesagte für diese Kreise. Bei jenem Teil der Jugend, die einem langdauernden Studium gewidmet ist, trifft es aber tatsächlich im wörtlichen Sinne zu, daß sie von der Ideologie her ihre Einstellung zur Assimilation erhält. Und das ist der dritte Kreis der jüdischen Bevölkerung, dem der jüdische Politiker sonach eine besondere Aufmerksamkeit zuwenden muß: die Jugend der höheren Schulen und der Universitäten. Die allgemeine Einstellung auf geistiges Bewerten bei einer beträchtlichen Zahl unter dieser Jugend und die Tatsache, daß sie nicht direkt in das Wirtschaftsleben eingegliedert ist, sondern nur durch Hörensagen von dem wirtschaftlichen Nutzen, der wirtschaftlichen Notwendigkeit der Assimilation erfährt, ohne beides am eigenen Leibe, an der eigenen Seele zu spüren, erzeugt in ihr die Einstellung, die Notwendigkeit der Assimilation für sich als ungültig zu empfinden oder als aus wirtschaftlichen Erfordernissen erflossen und also von geringerem Entscheidungswert aufzufassen. Sie hat demnach die Möglichkeit, zwischen Assimilation und einem anderen zu wählen, während der übrigen Judenheit auch diese Möglichkeit nur sehr eingeschränkt oder auch gar nicht gegeben ist. Wofür sich nun einer konkret entscheidet, das ist freilich das Ergebnis sehr mannigfacher Bedingungen, unter denen aber die Sympathie für eine bestimmte Ideologie wohl sehr im Vordergrunde steht. Möchte man diese Bedeutung der Ideologie bezweifeln, so sei doch bedacht, wie zwar der Vater in Familien, die uns hier vorschweben, in seinem beruflichen Leben, vielleicht auf Schritt und Tritt, gewiß aber auf den wichtigen Wegen, zu assimilatorischen Taten gedrängt wird und ihr Unterlassen sich im wirtschaftlichen Gefüge der Familie sehr bald rächt, wie aber das Verhalten und Meinen seiner Kinder vollkommen neutral ist für das materielle Wohl der Familie.

Zwei Tatsachen stützen dies auch außerdem: daß immer und überall gerade die akademische Jugend antiassimilatorische Tendenzen zuerst aufweist, und daß zweitens ganz allgemein immer und überall die Erwachsenen den akademischen Idealen ihrer Jugendzeit untreu werden, weil nämlich mit ihrem Eintritt ins Berufsleben die Umstellung rasch oder langsam und unvermeidlich eintritt; früher bestimmt von der Ideologie, wandeln sie jetzt die Ideologie nach den wirtschaftlichen Tendenzen, denen sie verfallen sind.

Wenn unsere Aufgabe die Hemmung der Assimilation ist (später soll deutlicher werden, was allein damit gemeint wird), so sind demnach zwei verschiedene Wege zur gleichen Zeit einzuschlagen. Wirtschaftliche Maßnahmen dort, wo wirtschaftliche Tendenzen und Kämpfe der Motor der Assimilation sind und die Ideologien sich erst sekundär stützend und fördernd erzeugen. Kampf gegen die Ideologie dort, wo diese das entscheidende Movens ist. An einem Beispiel sei im folgenden als kleiner Beitrag zu diesem Kampfe die Idee der Menschheit analysiert, die ein wichtiger Inhalt aller assimilatorischen Gedankengänge und vielleicht der wichtigste in jener Jugend ist, von der wir eben sprachen und in deren Kreis vor allem der Schauplatz des ideellen Kampfes um die Assimilation liegt und in Zukunft erst recht wird liegen müssen.

Erschienen im August 2011 in der Bibliothek der Psychoanalyse, psychosozial-verlag.de

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Siegfried Bernfeld: Zionismus und Jugendkultur
Seine Vision bestand in der Errichtung eines sozialistisch geprägten jüdischen Gemeinwesens in Palästina. Organisiert nach dem Vorbild der Freien Schulgemeinden sollte dies insbesondere durch die jüdische Jugend geleistet werden, was Bernfeld in seiner Schrift »Das jüdische Volk und seine Jugend« detailliert beschrieb. Von Bernfelds utopischem Entwurf sind bemerkenswert viele Elemente in den israelischen Kibbuzim wiederzufinden…