Friede fängt mit Zuhören an

peacecamp 2011, 4. – 14. Juli 2011 in Reibers und in Wien…

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Eine im Vorfeld erfolgte, eingehende Vorbereitung zu relevanten Kapiteln Zeitgeschichte und die darauf aufbauenden Polit-Debatten unter der Leitung zweier Experten (Botschafter a.D. Ilan Baruch aus Jerusalem und Markus Priller aus Österreich) machte die Besonderheit des neunten peacecamps aus, das heuer zum fünften Mal in Reibers im Waldviertel und in Wien stattfand.

Vier Gruppen von Jugendlichen (arabisch-israelische PalästinenserInnen aus Haifa, Israelis aus der regionalen Schule des Kibbuz Yagur, ungarische Jugendliche aus Budapest und eine Gruppe österreichischer Gymnasiasten aus Wien und Graz) setzten sich mit den Gegebenheiten auseinander, die der Gründung des Staates Israel vorausgingen, sowie mit den sich daraus ergebenen Konflikten zwischen Juden und Palästinensern und deren Ringen um nationale Anerkennung und Souveränität auf dem von beiden Völkern als rechtmäßige Heimat beanspruchten Land Israel/Palästina. Silvio Gutkowski, israelischer Psychiater mit argentinischen Wurzeln, leitete die täglich stattfindende „Large Group“, in der sich bis zu 60 Personen mit ihren Gefühlen, Traumata und emotionalen Verstrickungen auseinandersetzten.

Bei beiden, Polit-Debatten und Large Group-Gesprächen, stand das Zuhören im Mittelpunkt. Einzelne Personen waren dazu aufgefordert, der Gruppe ihre Sichtweise, ihre Gedanken und Gefühle mitzuteilen; man durfte sie dabei nicht unterbrechen, nur ruhig zuhören und das Gehörte auf sich wirken lassen, bis man selbst am Stuhl neben dem Gruppenleiter Platz nehmen und das Wort ergreifen konnte. Dann durfte die Rednerin/der Redner mit der vollen, uneingeschränkten Aufmerksamkeit der gesamten Gruppe rechnen und für die Darlegung des eigenen Standpunktes so viel Zeit und Raum in Anspruch nehmen, wie sie oder er wollte.

Mit dieser Entwicklung hin zu Ernsthaftigkeit und fundiertem, authentischen Gedanken- und Gefühlsaustausch erreichte das diesjährige peacecamp eine neue Dimension, ohne etwas von der Leichtigkeit, Kreativität und Schaffensfreude zu verlieren, die dieses wie alle bisherigen peacecamps auszeichnen. Vier Künstler/KunsttherapeutInnen regten dazu an, für das Berichtete und Erlebte kreative Ausdrucks- und Umsetzungsformen zu finden. Morgendliche Meditations-, Tanz- und Bewegungsübungen öffneten für tiefgreifenden Dialog, Konfrontation und Austausch Geist und Sinne und ermöglichten es, über die Gräben gegenseitiger Kränkungen und Verletzungen Brücken der Versöhnung und ein Fundament von wahrhaftiger Verbundenheit und Freundschaft aufzubauen. Einige TeilnehmerInnen sprachen das etwa so aus: „Ich hätte nie gedacht, dass es möglich ist, sich so zu konfrontieren und zugleich auch wahre Freundschaft entstehen zu lassen.“

Vielleicht fängt Friede ja wirklich mit Zuhören an.

Evelyn Böhmer-Laufer
Initiatorin und Leiterin des peacecamp-Projekts
http://peaceamp.net

Interview mit Evelyn Böhmer-Laufer

Eine eindrucks- wie stimmungsvolle Dokumentation von peacecamp 2011 ist der Film „Around the Ginkgo Tree“ von Gerald Muthsam und seinen vier AssistentInnen – TeilnehmerInnen früherer peacecamps. Der Film wurde bei der show4peace/Reibers am 12.7.2011 uraufgeführt, am 13.7. bei der show4peace/Vienna im Dschungel/MQ gezeigt und ist mittlerweile auf youtube abrufbar:

peacecamp Reibers 2011 Teaser

peacecamp Reibers 2011 Part1/2

peacecamp Reibers 2011 Part2/2

15 Kommentare zu “Friede fängt mit Zuhören an

  1.  
     
    Doch, das tut es. So was nennt man Öffentlichkeit. Wenn Sie die suchen, hat es keinen Sinn, auf sachliche Kritik allergisch zu reagieren.
     
    Solcherart Projekt geht nicht an die Öffentlichkeit, es ist öffentlich und somit jederzeit gefährdet, unqualifiziert beflegelt zu werden, wie man sieht: Sie sind offensichtlich unqualifiziert und ein Flegel.
     
    So richtig Sie bei Sahm lagen, so falsch liegen Sie hier.
     
     

  2. „es steht ihnen nicht zu, das, was ich mache, als “unsinnig” zu bezeichnen“
    Doch, das tut es. So was nennt man Öffentlichkeit. Wenn Sie die suchen, hat es keinen Sinn, auf sachliche Kritik allergisch zu reagieren.

  3. Und noch ein Aspekt, der mir sehr wichtig erscheint:
    Teilnehmer des Peacecamp 2011 waren ja auch Österreicher und Ungarn. Bekanntlich gibt es in Ungarn ebenso wie in Österreich auch Probleme im Umgang mit nationalen Minoritäten, in beiden Staaten erreichen rechts-populistische Parteien teilweise hohe Wahlerfolge, nicht zuletzt leben Ungarn wiederum als Minorität in Nachbarstaaten. In Ungarn sind vor allem Rrom betroffen, es gibt aber auch wachsende antisemitische Tendenzen. In Österreich spielt möglicherweise – da kenne ich mich nicht so aus – das Thema „Islam“ eine größere Rolle, ähnlich wie in Deutschland.
    Ungarn hat sich von Österreich gewissermaßen in einem vergleichbaren Prozess abgespalten, wie dies in den Nachwehen des Untergangs des Osmanischen Reichs zur Entstehung neuer Nationalstaaten, einschließlich Israels, geführt hat.

    Die Teilnehmer aus allen 4 Gruppen können daher durch die „Spiegelungen“, die sich ergeben, viel voneinander lernen.

  4. In meinem Projekt geht es hauptsächlich darum, dass jede Person für sich selbst spricht und niemand stellvertretend für jemand anderen. gerade im diesjährigen peacecamp stand übrigens nicht so sehr das sprechen wie vielmehr das ZUHÖREN im vordergrund. im übrigen, sehr geehrte/r herr/frau  koshiro müssen Sie die wahl der an meinem projekt beteiligten gruppen und personen schon mir überlassen. es steht ihnen nicht zu, das, was ich mache, als „unsinnig“ zu bezeichnen. wenn SIE ein projekt machen, dürfen hingegen Sie wählen, was für SIE machbar und/oder (un)sinnnig ist. MfG., E. Böhmer-Laufer

  5. Liebe Frau Böhmer-Laufer,
    ich möchte Ihnen an dieser Stelle meinen Dank für Ihr langjähriges Engagement bei diesen Peace-Camps ausdrücken. Es ist ganz wunderbar, was Sie, zusammen u.a. mit ihrem wunderbaren Kollegen Josef Shaked, im letzten Jahrzehnt geschaffen haben. Eine wirkliche Friedens- und Versöhnungsarbeit, die in mehreren Fernsehdokumentationen vorgestellt worden sind. Vergleichbar der wegweisenden Arbeit von Neve Shalom.Wenn ich mehr Zeit hätte würde ich hierüber öfter schreiben.
    Ein zusatz: Ihr Mitstreiter Josef Shaked hat kürzlich seine klinische Arbeit in seinem Buch „Ein Leben im Zeichen der Psychoanalyse (Psychosozial Verlag, 2011, 456 S.) dokumentiert. (Die biografischen Anteile sowie seine Beziehung zu Israel kommen hierin leider – aber dies ist nur mein persönliches Empfinden, ich habe das Buch bisher auch nur überflogen – etwas zu kurz.)
    Also: Ich hoffe sehr, dass Sie Ihre wunderbare Arbeit fortsetzen und ausreichend Unterstützung erhalten, auch finanzieller Art.
    Herzlichen Dank und Grüße
    Uri

  6. Ich habe überhaupt nichts dagegen, dass arabische und jüdische Israelis einander besser verstehen lernen. Nur dass man arabische Israelis quasi stellvertretend für die Palästinenser der besetzten Gebiete heranzieht, halte ich für ganz und gar unsinnig. Die sollten schon für sich selber sprechen dürfen. 
    Sie sehen doch hoffentlich selber, dass es nicht gerade optimal ist, bei einem Konflikt eine Hauptgruppe von Betroffenen erst einmal außen vor zu lassen, weil es praktischer ist. Dass ein Palästinenser aus Haifa die gleiche Situation hat wie einer aus Gaza sehe ich im Übrigen nicht.

  7. So ein Friedenscamp kann nicht das Nahostpoblem lösen – das wäre ja auch zuviel verlangt.

    Aber es ist ein toller Ansatz, die beiden Hauptbevölkerungsgruppen Israels einander näher zu bringen.
    Und jeder junge Pali, der jüdische Freunde (gewonnen) hat, wird nicht mehr so leicht seinem Vetter in den besetzten Gebieten helfen, Raketen zu bauen.
    Und jeder junge Jude, der palestinensische Freunde (gewonnen) hat, wird sich als Soldat ein bischen besser benehmen.
    Und so lindert so ein Friedenscamp durchaus die Unmenschlichkeit des Nahostkonflikts auf beiden Seiten.

  8. Koshiro, eventuell sollten Sie selbst mal an so einem Friedenscamp teilnehmen, oder wenigstens die Videos anschauen und den Jugendlichen zuhören, dann würde es Ihnen nicht einfallen, ein so großartiges Projekt mit einer derartig lapidaren Bemerkung kleinzureden.

  9. Welchen Sinn hat das, wenn keine Palästinenser aus den „Gebieten“ anwesend sind? Zwischen Ungarn, Österreich und Israel bestehen meines Wissens keine territorialen Konflikte.

    • es gibt – jedenfalls im zusammenhang mit den von meinem projekt erfassten parametern –  keinen unterschied zwischen palästinenser von „da“ oder von „dort“ – ebensowenig wie es einen unterschied gibt zwischen österreichischen, ungarischen, deutschen oder israelischen juden. die palästinenserInnen, die an meinem projekt teilnehmen, haben angehörige in der westbank oder in gaza und verstehen sich als angehörige derselben gruppe. aus formal-rechtlichen gründen ist es für das projekt  leichter, palästinenserInnen mit  (israelischen) pass nach österreich zu bringen. für etwaige, zukünftige friedensgespräche zwischen israel und bewohnern der westbank oder gaza können außerdem israelische palästinenser – eben aufgrund der tatsache, dass sie sowohl hier wie auch dort zugehörig/verwurzelt/zugehörig sind – und beide kulturen bestens kennen einmal eine wichtige mediatoren-funktion ausübern. Israelis können von ihnen viel über die palästinensische denkweise und identität lernen, ebenso können die israeischen palästinenser am peacecamp viel von ihren israelischen mitbürgern, und über diese lernen, ie ahnen vielleicht nicht, wie weit 30 km sein können, die einen teil der bevölkerung von der anderen trennen. peacecamp ist meist das allereerste mal, wo eine wahre begegnung zwichen israeiu und palästiunensern möglich wird. „I never came as close to jewish people“ (original zitat eines palästinensischen teilnehmers aus haifa). hoffe, Ihnen mit dieser information gedient zu haben. MfG., e. böhmer-laufer

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