Der Eintrag „Israel“ im DDR-Lexikon von 1982

Welches Israel-Bild hegten die deutschen Kommunisten jenseits des „Eisernen Vorhangs“? Welches, möglicherweise von der Rhetorik des „Kalten Krieges“ beeinflusste, Vokabular verwendete man in der DDR zur Charakterisierung des Ideologie- und Klassenfeindes, des „kapitalistischen“ Israel?…

Inwiefern unterscheidet sich das Israelbild der westdeutschen politischen Linken von dem im ehemaligen Arbeiter-und-Bauernstaat geprägten? Auf welchem, in DDR-Zeiten vermittelten Israelbild, bauten die älteren der aus dem Osten Deutschlands stammenden Politiker der LINKEN ihre heutige Sichtweise (mit) auf? Welche eventuellen Parallelen zu früheren Formen deutscher (und russischer) Judenfeindschaft lassen sich aus der Schreibweise der offiziellen DDR-Lexikographie zu Israel erkennen? Solche und ähnliche Fragen soll der Eintrag „Israel“ in einem DDR-Nachschlagewerk beantworten helfen.

Von Robert Schlickewitz

Das herangezogene „BI-Lexikon A bis Z in einem Band“ des VEB („Volkseigener Betrieb“) Bibliographisches Institut Leipzig erschien erstmals 1980. Es wurde im darauffolgenden Jahr überarbeitet und erschien 1982 in seiner dritten, hier betrachteten, Auflage mit angegebenen (insgesamt) 320.000 Exemplaren und in einem Umfang von 1072 Seiten. Parallel zu diesem Nachschlagewerk existierten in der DDR noch ein „BI-Handlexikon“ in 2 Bänden und weitere eigene Lexika.

Die diplomatischen Beziehungen zwischen der DDR und Israel müssen für die meiste Zeit über als ‚frostig‘ bezeichnet werden. Die Sowjetunion als der große „Bruderstaat“ der DDR hatte als Unterstützer der arabischen Länder den Kurs vorgegeben und größere Abweichungen von dieser Linie glaubte ganz besonders die DDR-Spitze sich nicht leisten zu können, wie auch in anderen Bereichen die DDR als einer der treuesten Verbündeten der UdSSR galt.

Umso freundlicher stand man in der „Deutschen Demokratischen Republik“ den palästinensischen Freischärlern unter ihrem damaligen Anführer Yasser Arafat gegenüber. Man gestattete diesem im Juli 1973 in Ost-Berlin die Eröffnung eines eigenen PLO-Büros. Die Retourkutsche aus Israel kam jedoch prompt und möglicherweise für die Herren im „Politbüro“ unerwartet: Als zwei Monate später die Aufnahme der DDR in die UNO auf der Agenda stand, legte der nahöstliche Staat Einspruch ein.

Konstruktive diplomatische Beziehungen zwischen der DDR und Israel, wurden erst nach dem Fall der Mauer geknüpft. 1990 erörterten Arbeitsgruppen aus beiden Ländern im Verlaufe dreier jeweils dreitägiger bilateraler Gespräche in Kopenhagen Entschädigungsfragen. Ebenfalls noch 1990, genauer am 5. April, bekannte sich die frei gewählte DDR-Volkskammer zur „Verantwortung der Deutschen in der DDR für die Geschichte“ und verurteilte die Shoah. Im Juni 1990 besuchte die DDR-Volkskammerpräsidentin Sabine Bergmann-Pohl gemeinsam mit Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth Israel.

Israel

Staat Israel: Republik in Vorderasien, 14 000 qkm, außerdem (1948) 6700 qkm okkupiert; 3,5 Mill. Ew., davon 15 % Araber; Hptst. Tel Aviv. – Am Mittelmeer schmale fruchtbare Küstenebene, östl. davon Gebirge u. Hochland, im S die Wüste Negeb; winterfeuchtes Mittelmeerklima; küstennahe mediterrane, sonst Steppen- u. Halbwüstenvegetation. – Kapitalist. Ind.staat mit entwickelter Landwirtschaft; vom (bes. US-amerikan.) Auslandskapital stark abhängig; zunehmende Militarisierung der Volkswirtschaft vorwiegend durch hohe Anteile der Ind.bereiche an der Rüstungsprod.; Bergbau und Eisenerz, Phosphat, Kali, Kupfererz u.a. Schwarz- u. Buntmetallurgie, Maschinen- u. Fahrzeugbau, chem., Elektro-, Textil-, Leder-, Baustoff-, Lebensmittelind.; Schleifereien für südafrikan. Diamanten. In der Landwirtschaft kapitalist. Genossenschaften (Kibbuzzim); seit 1964 einseitige Nutzung des oberen Jordan zur Bewässerung. Anbau von Zitrusfrüchten, Gemüse, Oliven, Tabak; ferner auch von Getreide; Geflügel- u. Milchwirtschaft. Ausgebautes Verkehrsnetz (Seehäfen Haifa, Ashdod u. Eilat); Ausfuhr von geschliffenen Diamanten (50 %), Ind.produkten, Zitrusfrüchten (10 %).

Geschichte: Am 14. 5. 1948 wurde der Staat I. gemäß einem UN-Beschluß auf einem Teil des palästinens. Territorium gegr. Die antidemokrat. Innenpolitik der herrschenden zionist. Großbourgeoisie entspricht den ständigen Aggressionshandlungen gegen die arab. Völker. 1948/49 erster israel.-arab. Krieg, der zur Vertreibung Hunderttausender Araber u. der Annexion großer arab. Gebiete führte. 1956 Beteiligung I.s an der brit.-französ. Aggression gegen Ägypten. Im Juni 1967 führte der militär. Überfall auf die VAR, Syrien u. Jordanien zur Okkupation der Sinai-Halbinsel, der syr. Golan-Höhen u. des 1948/49 von Jordanien annektierten Westjordanlandes. Das Hauptziel des Krieges, die fortschrittl. Bewegung in den arab. Staaten aufzuhalten, wurde durch den Widerstand der Volksmassen aller arab. Länder u. die internat. Solidarität, vor allem der sozialist. Staaten, nicht erreicht. Die 1973 ausgebrochenen arab.-israel. Kämpfe führten zu einer Schwächung der militär. Positionen I.s u. zwangen es zur Rückgabe des Ostufers des Suezkanals u. eines Gebietsstreifens im Golangebirge. Neben der Fortsetzung der brutalen Unterdrückung der arab. Bev. in den von I. okkupierten Gebieten versucht die israel. Regierung, bes. nach 1975, durch separate Verhandlungen mit Ägypten die antiisrael. Front der arab. Staaten zu sprengen. Nach dem militär. Überfall I.s auf Südlibanon forderte der UN-Sicherheitsrat den Rückzug aus diesen Gebieten und setzte zu dessen Überwachung zeitweilig UN-Truppen ein. Im Ergebnis der Aggressionen wurden die Positionen der äußersten Reaktion gestärkt, die antidemokrat. Maßnahmen gegen alle progressiven Kräfte, insbes. gegen die KP, verschärft durchgeführt. Auf der Konferenz in Camp David (USA) im Sept. 1978, an der die Präs. der USA u. Ägyptens, Carter u. Sadat, sowie der israel. Ministerpräs. Begin teilnahmen, setzte I. mit Unterstützung der USA wesentl. Forderungen der herrschenden zionist. Kreise gegenüber den arab. Staaten u. der Palästinens. Befreiungsorganisation (PLO) durch. Die vertragl. Vereinbarungen mit Ägypten vom 26. 3. 1979, die unter direkter Beteiligung des Präs. Der USA Carter zustande kamen, sehen den Abzug der israel. Truppen von der Sinai-Halbinsel in einem Zeitraum von 3 Jahren vor, beinhalten jedoch keine Beendigung des israel. Besatzungsregimes im Westjordanland, im Gaza-Streifen u. auf den syr. Golan-Höhen.

Quelle:
BI-Lexikon A bis Z in einem Band, 3. Aufl. (201. -320. Tsd.), Leipzig 1982

Anmerkung:
Der Originaltext wurde unverändert übernommen, Hervorhebungen der Lexikonredaktion kursiv wiedergegeben.

Deutsch-israelische Beziehungen:
http://www.hagalil.com/israel/deutschland/40jahre.htm

Noch mehr DDR-Lexikoneinträge aus den 1960er Jahren, als Doku auf YOUTUBE (2009); Stichworte hier: Faschismus, Freie Demokratische Partei, Gottesbeweis, Imperialismus, Internationaler Währungsfonds, Israel(2.32), http://www.youtube.com/watch?v=x2wcIN8gDKE.

9 Kommentare zu “Der Eintrag „Israel“ im DDR-Lexikon von 1982

  1. „Das ist das Eine, das Andere aber ist – jedes Volk hat das Recht, selbstbestimmt innerhalb seines Staates eine Hauptstadt zu benennen, und, Jerusalem ist nun mal die Hauptstadt Israels. Ob das nun, warum auch immer, anerkannt wird oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.“

    Stimmt, Jim. Da aber jerusalem nur zu einem Teil innerhalb des israelischen Staats liegt, darf das Israelische Volk eben NICHT ganz jerusalem zu seiner Hauptstadt erklären .. jedenfalls brauch es sich nicht zu wundern, wenn dies nicht anerkannt wird.

  2. … Der deutsche Botschafter in Israel, Dr. Harald Kindermann, wies in seinem Grußwort noch einmal darauf hin, dass die DDR nicht Teil der deutsch-israelischen Beziehungen war. Seit der Wiedervereinigung sind jedoch die neuen Bundesländer wichtiger Teil der guten Beziehungen zu Israel. Der ehemalige Botschafter Israels in Deutschland und Vorsitzender des Israel Council on Foreign Relations, Avi Primor, erinnerte daran, dass es international und auch in Israel Zurückhaltung gegenüber der deutschen Wiedervereinigung gegeben hatte. Die DDR wäre der feindlichste Staat gegenüber Israel im Ostblock gewesen. In Israel war man damals besorgt gewesen, dass die feindseligen Beziehungen der DDR zu Israel Auswirkungen auf das zukünftige Verhältnis des vereinten Deutschlands zu Israel haben könnte. Dies sei jedoch nicht der Fall gewesen – im Gegenteil, so Primor: Als Botschafter habe er keine Feindseligkeiten gegenüber Israel festgestellt, nur sehr viel Neugierde, die in den neuen Bundesländern besonders groß gewesen sei. Offenbar habe es einen großen Unterschied zwischen der offiziellen DDR-Politik bzw. DDR-Propaganda und der Meinung der Menschen gegeben. „Die Beziehungen haben sich seit der Einheit hervorragend entwickelt”, so Primor…
     
    http://www.kas.de/israel/de/publications/20077/

  3. Liebe Ruth Spicker,
    es waren Sozialisten und Kommunisten, die die ersten Opfer des Nationalsozialismus waren, und von daher war es enttäuschend, dass Israel mit Adenauers Globkes sich vertrugen. Die BRD war der Rechtsnachfolger Nazideutschlands, nicht die DDR!
    und warum Israel gefragt wird, wenn die BRD Panzer in das diktatorische Saudi Arabien (Taliban in Seidentuch) liefern will… (ich bin übrigens dagegen)

    PS: Netanjahu und Liberman sind nicht Israel!





  4. Ja warum steht die Welt dann denn überhaupt noch? Moment. Sie steht nicht. Sie dreht sich um ihre Achse, und die geht bedauerlicherweise nicht durch Jerusalem. Ist ne Frechheit, ich weiß, aber da gibt es nix dran zu rütteln.
     
    Würde vorschlagen, dieses Thema nicht so flapsig respektlos abhandeln zu wollen. Immerhin gibt es Menschen, für die geht die Achse durch Jerusalem, genau genommen, exakt durch den Tempelberg: Jahrhunderte der Diaspora galt zB: „Nächstes Jahr in Jerusalem“.

    Das ist das Eine, das Andere aber ist – jedes Volk hat das Recht, selbstbestimmt innerhalb seines Staates eine Hauptstadt zu benennen, und, Jerusalem ist nun mal die Hauptstadt Israels. Ob das nun, warum auch immer,  anerkannt wird oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.




     
     

  5. „Das spiegelt mal wieder den typischen SED Antisemitismus aus…“
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    Genauso wie den derjenigen übrigen Welt, deren Staaten, soweit sie Israel anerkennen (mehr als 2 Drittel)  ihre Botschaften, außer El Salvador und Costa Rica eben nicht in Jerusalem haben, sondern meist  in Tel Aviv, sogar die USA (nur ein Konsulat haben sie in Jerusalem für palästinensische, nicht israelische Belange), weil sie der Ausrufung Jerusalems als Hauptstadt mit bis dato ungeklärtem Status nicht zustimmen.
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    Ja warum steht die Welt dann denn überhaupt noch? Moment. Sie steht nicht. Sie dreht sich um ihre Achse, und die geht bedauerlicherweise nicht durch Jerusalem. Ist ne Frechheit, ich weiß, aber da gibt es nix dran zu rütteln.
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  6. Hier von Antisemitismus zu reden ist leichtfertig und verharmlost den Antisemitismus, insbesonderer aber den Nationalsozialismus. Wer billigend in Kauf nimmt, dass Fruchtbäume gerodet oder gar vorsätzlich rodet, sollte sich überlegen, wie weit er noch Berechtigung hat auf dem Grunde Berge Zions zu stehen.
    Antizionismus ist kein Antisemitismus und Faschismus kein Nationalsozoalismus und ISrael heute ist nicht Israel 1948.

  7. Es war schlimm, übel, bis zum gehtnichtmehr.
    Im Lehrbuch „Geschichte“ 9.Klasse meines Sohnes (Jg.1968 geb.) -nur beispielsweise-
    war die Verfolgung der Juden im NS-Deutschland- ganze neun Zeilen lang.
    Dafür ein ganzes Lehrbuch über kommunistischen Widerstand.
    Juden, komm.Juden kamen nicht vor.
    Um kein falsches Bild aufkommen zu lassen; es hat seine Berechtigung den komm.Widerstand nicht kleinzureden.
    Aber absurd ist es wenn sich „Linke“ Parteimitglieder darauf berufen. Denn dafür sind die Meisten viel zu jung, um sich dahinter zu verstecken. Die Wenigen, die das können, sind heute über 80 Jahre alt und zumeist krank.
    Historiker in der DDR, die Bücher über Israel schrieben…..
    Das war eine einzige Lachnummer, denn sie sahen die KP sozusagen als die wahren Volksvertreter des jüdischen Volkes und sonst Niemand.
    Ruth Spicker.


     

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