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Irgendetwas ist in Ungarn nicht in Ordnung

Im der Fidesz nahe stehenden Wochenblatt Magyar Demokrata schlug Ádám Pozsonyi  Ende Oktober 2009 vor, in die öffentlichen Büchereien zu gehen und dort die Bücher von verhassten linksliberalen Schriftstellern wie György Konrád, Péter Nádas und Péter Esterházy„ zu stehlen und zu vernichten”…

Von Karl Pfeifer

Solche „Ideen“ fallen in Ungarn auf fruchtbaren Boden.*

Wie die deutschsprachige, sich mit Ungarn auseinandersetzende Website Pusztaranger berichtet, eröffnete am 2. Juni der bekannte Schriftsteller Péter Esterházy am Erlauer Esterházyplatz die 82. Buchwoche. Wegen der Drohung von rechtsextremistischen Internetseiten, die zum Protest gegen Esterházy aufgerufen haben, musste dieser von Bodyguards und Zivilpolizisten begleitet werden. Einige dieser “Patrioten” hielten ein Poster hoch: “Wir brauchen keinen Kulturdreck.” Außerdem verteilten sie Flugblätter, in denen mit „magyarenfeindlichen“ Zitaten aus Esterházys Werken „bewiesen“ wird, dass er „unwürdig“ sei, diese Veranstaltung zu eröffnen und es gab auch antisemitische Zwischenrufe gegen den nichtjüdischen Schriftsteller. Kein Wunder wurde doch in der Öffentlichkeit darüber diskutiert, ob der bekannte Schriftsteller „Halbjude” oder „Volljude” sei.

Irgendetwas ist hier nicht in Ordnung

Unter diesem Titel erschien im Budai Sófár (2011 Juni) folgender Artikel:

„Es ist leicht, die miteinander schreienden Autofahrer nicht zu bemerken – wie im Verkehrsstau bei geöffnetem Fenster –, wenn nach einem Hupen als Antwort kruder Antisemitismus kommt.

Es ist leicht, nicht zu bemerken beim Bezahlen im Geschäft dessen Stammkunde ich bin, wie hinter meinem Rücken mich jemand leise antisemitisch beschimpft.

Es ist leicht, als namhafter Arzt zu erfahren, wie Kollegen miteinander flüstern und die kodierten antisemitischen Spitzen am Arbeitsplatz Tag für Tag von sich geben.

Es ist leicht als junger Mensch in ein Vergnügungslokal zu gehen, wo man nicht bedient wird, weil Deine Hautfarbe ein wenig dunkler ist als andere (auch wenn sie noch gar nicht wissen, dass Du auch Jude bist).

Es ist leicht während eines Spazierganges mit dem Hund, auf heraussprudelnden Antisemitismus aufmerksam  zu werden, als Teil eines Dialogs eines distinguierten, nicht wie eine Extremistin ausschauenden Mädchens und eines Burschen, als Teil eines einfachen, gewöhnlichen Gesprächs.

Und was nicht leicht ist, und weswegen ich doch denke, dass die Lage nicht ganz wolkenlos ist und es Antisemitismus gibt:

Eine Budapester Synagoge. Während der Pessachwoche. Das Telefon läutet.

Hallo!

– Guten Tag wünsche ich!

Wir möchten vom Rabbiner Schweinefleisch kaufen.

Das Gespräch wird unterbrochen. Sicher ein Spaßvogel, ein Mensch der über viel Freizeit verfügt (obwohl wir solche spontan nicht treffen). In letzter Zeit kommen viele solche Anrufe…

Egal. Er hat von irgendwo die Telefonnummer der Synagoge bekommen. Die Angelegenheit ist abgeschlossen!

Aber vielleicht ist es nicht egal.

Exodus, das Fest der Freiheit, Pessach, der zweite Sederabend (das letzte Abendmahl), Gottesdienst. Während des Gebets versuchen drei Skinheads über den Zaun zu klettern. Der junge Sicherheitsmann ist am Platz, er bringt die Burschen davon ab hereinzukommen.

Sie sagen:
Wir suchen den Rabbiner, weil wir von ihm Schweinefleisch kaufen wollen…

Wir töten den Rabbiner!

Ende des Gesprächs (wenn man es überhaupt so nennen kann).

Das ist alles? Ein herausragender Fall? Möglich, sogar sicher, aber das ist nicht eine aus ihrem Kopf herausgesprungene, plötzlich entschiedene witzige Tat. Das ist etwas anderes. Leicht zu bemerken? Nun…

Wir sollten es bemerken und nicht abwinken! Irgendetwas ist hier nicht in Ordnung. Man muss nicht alarmiert sein, aber es kann so nicht weitergehen…“

Dieser Artikel des Budapester Rabbiners Tamás Verö sollte auch uns zu denken geben. Der geschilderte Vorfall ereignete sich in der Synagoge Thököly út in der Pessachwoche 2011.

 

* Ádám Pozsonyi: Auf zum Kampf!

(Magyar Demokrata [Ungarischer Demokrat]. Nr. 43. 2009., p. 40.)

“Die Errichtung einer Kulturpolizei hätte ich schon seit langem betrieben, jedoch leider, weder ich noch meine Anhänger kamen in Positionen, in denen einer solchen praktischen Empfehlung Geltung verschafft werden konnte.

Sagen wir es offen: Das geistige Leben Ungarns steht schon seit langen Zeiten unter fremdem Einfluss, aber in einem solchen Ausmaß wurde der noch übrig gebliebene ungarische Gedanke aus der öffentlichen Gesinnung
weder in den dunkelsten Jahren des XX. Jahrhundert nicht ausgejätet, wie dies in unseren Tagen geschieht. Da unsere politische und geistige Elite aus Fremden besteht, müssen wir – wie unsere heldenhaften Vorfahren während der Kämpfe gegen die Türken, oder zur Zeit der Landeszerstückelung von Trianon – handeln.

Bilden wir kleine Hauskommandos. In Gruppen von drei–vier Personen kämmen wir die Bibliotheken durch und entwenden wir, vernichten wir die Geschwürherde der linksliberalen Vaterlandsverräter und ihre Geschmacklosigkeiten. Falls das Herausschmuggeln der Bücher nicht möglich ist, zerreißen wir die Blätter, bekritzeln sie, machen wir den Sudele dieser begünstigten Niemanden, den unsere verräterischen Medien auf allen Ebenen propagieren, für weitere geistige Vergiftung unbrauchbar.

Unterschätzen wir diese Aufgabe nicht. Das Schicksal der Welt wird auf geistiger Ebene entschieden, und es ist nicht egal, durch was die Seele unserer Jugend vergiftet wird. Was kann sie der nächsten Generationen noch weitergeben.

„Spiró ist Schorf, Konrád Fluch, wegen Nádas muss ich gleich Kotzen!” Dies sei die Marschmusik der aufzustellenden kleinen Freikorps, die in einen heldenhaften, heiligen Kampf für die Reinigung des ungarischen geistigen Lebens, in die Schlacht ziehen. Wir sollen keine moralischen Hemmungen haben. Diese Leute sind Mörder, ihre Gifte sind aus unserem Organismus auszurotten. Wenn es schon die „ungarische” Regierung, der „ungarische” Schriftstellerverband, der Verband der „ungarischen” Buchhändler dies nicht tun. Nebenbei gesagt: auch sie schalten uns aus, nur haben sie einen wesentlich mächtigeren Hintergrund, handeln wesentlich gemeiner, und sie
verheimlichen dies gar nicht.

Das Ziel ist, dass wenn ein ungarischer Mensch einen Esterházy-Band erblickt, soll er aus seinem Schlaf geweckt in Richtung des Mülleimers blicken, und mit noch halb geöffneten Augen, eventuell das Gähnen unterdrückend, eine Wurfbewegung machen.

Auf in die Schlacht meine Freunde, zum Kampf, auf zum heiligen Krieg!”