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21 Stunden Amsterdam

Wie ist Göring eigentlich ums Leben gekommen? Diese Frage müßte mich erstaunen, angesichts des Mannes, der sie gestellt hat. Doch Dr. Hans Keilson, der mir im Hotelfoyer gegenübersitzt, wird mir als der Mann mit den vollen Rucksäcken in Erinnerung bleiben; mit diesem Bild erklärt er seine gelegentlichen Gedächtnislücken…

Von Nadine Englhart

Dr. Dr. Hans Keilson wurde 1909 in Freienwalde geboren. Er ist Arzt, Psychologe, ehemaliger Turn-, Sport- und Schwimmlehrer, Dichter und Schriftsteller. Dr. Keilson wurde, nachdem er das medizinischen Staatsexamen in Berlin bestanden hatte, vom weiteren Studium ausgeschlossen, emigrierte 1936 in die Niederlande und überlebte unter einem Decknamen die deutsche Besatzung der Niederlande, wobei er, trotz der Gefahr, von den Deutschen gefaßt und ermordet zu werden, versteckten jüdischen Kindern mit psychologischer Betreuung beistand.

Nach dem Krieg studierte er erneut Medizin, später Psychologie. Seine Doktorarbeit, die er im Alter von siebzig Jahren fertigstellte, „Sequentielle Traumatisierung bei Kindern“, speiste sich aus den Erfahrungen während der deutschen Besatzung. Bis zum Alter von 97 Jahren praktizierte Dr. Keilson als Psychoanalytiker.

Wir holten Dr. Keilson eine gute Stunde zuvor in seinem Haus in Bussum ab, Peter Finkelgruen lenkte seinen Wagen wieder auf die Autobahn, und die beiden Herren unterhielten sich, während ich die vorüberziehende Landschaft betrachtete. Als wir in Amsterdam angekommen vor dem Hotel aussteigen, riecht es nach Salzwasser und Fisch, und der böige Wind läßt einen ahnen, wie nah man dem Meer ist.

Ich erkläre Dr. Keilson, daß Göring sich in seiner Zelle das Leben genommen hätte, und er nickt. Im weiteren Gespräch stellen wir fest, daß „Mein Kampf“ eine recht langweilige Lektüre ist, die wir beide frühzeitig abgebrochen haben. Dr. Keilson bedauert dies, und ich versuche, ihn mit der Bemerkung zu trösten, daß vermutlich nur Leute, die ohnehin von Hitlers Ideen begeistert gewesen wären, imstande gewesen sein dürften, das Buch auch wirklich durchzulesen — da kommt auch schon das Taxi.

In der Altstadt von Amsterdam ist es so: Eine Fahrt mit dem Auto dauert, wenn man mal eben um die Ecke fahren will, wesentlich länger, als sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad um diese Ecke zu bewegen. Das System der kleinen Straßen an den Grachten entlang ist kompliziert und nur in jeweils eine Richtung befahrbar. Nach etwa zwanzig Minuten hält der Fahrer vor dem Goethe–Institut, am späteren Abend werden wir feststellen, daß der Fußweg höchstens zehn Minuten in Anspruch nimmt.

Einige Teilnehmer und Gäste der heutigen Veranstaltung sind bereits eingetroffen; sie warten im Foyer, unter ihnen Günter Kunert, unser Mitglied Heinz Schneeweiß und unser Schatzmeister, Daniel Cil Brecher, den ich bereits eine Stunde zuvor im Foyer des Hotel Eden kennengelernt habe.

Ebenfalls anwesend ist Michael Defuster, der derzeitige Direktor der Organisation Castrum Peregrini, die von 1951 bis 2008 eine Literaturzeitschrift des gleichen Namens herausgab. Dieser Name bezieht sich ursprünglich auf eine Pilgerburg in Haifa und wurde im 2. Weltkrieg als Deckname für das Haus in der Heerengracht 401 benutzt, in dem der deutsche Schriftsteller Wolfgang Frommel jüdische Jugendliche vor den Deutschen versteckte.

Castrum Peregrini hat diesen Abend mit ermöglicht und eine kleine Ausstellung von Büchern unserer Mitglieder und Mitbegründer organisiert, die auf einem Tischchen im Gang des ersten Stockes ausgebreitet liegen. Sie stammen von den beiden Amsterdamer Exil–Verlagen Querido und Allert de Lange, allesamt Nachdrucke von Werken, die in Deutschland massenhaft auf den Scheiterhaufen gelandet waren. Der Mitbegründer und Namensgeber des Querido–Verlages, Emanuel Querido, ist 1943 zusammen mit seiner Frau Jane Querido–Kozijn in Sobibor ums Leben gekommen. Walter Landauer, der Leiter von Allert de Lange überlebte Bergen–Belsen nicht, er starb im Dezember 1944.

Darüber hinaus steht ein Büchertisch der Buchhandlung „Die weiße Rose“ bereit, wo man Werke der heutigen Teilnehmer käuflich erwerben kann, nur leider nicht unsere Anthologie. Daniel Cil Brecher teilte uns bereits im Hotel mit, daß der Koffer von Gabrielle Alioth verlorengegangen sei.

Man führt uns, nachdem wir die beiden Büchertische bewundert haben, in einen prachtvollen Raum, offenbar ein Büro, das zu einem Speisezimmer mit Büffet (verschiedenerlei Quiches, Hühnerbeine und Salate) improvisiert worden ist. In der Zwischenzeit sind auch Dr. Marita Keilson, Gabrielle Alioth und Reinhard Klimmt zu uns gestoßen, wir bedienen uns am Büffet und unterhalten uns über alles mögliche, bis irgendwann zur Veranstaltung getrommelt wird. Wir nehmen in einem Saal Platz, der ebenso beeindruckend ist wie zuvor das Büro, ich verschanze mich in der letzten Reihe, während Gabrielle Alioth, Dr. Keilson, Günter Kunert, Daniel Cil Brecher und Peter Finkelgruen auf der Bühne zu einem stimmungsvoll ausgeleuchteten Gruppenbild mit Dame und Mikrofonen arrangiert werden.

Daniel Cil Brecher, der die Veranstaltung moderiert, charakterisiert die Zusammensetzung unseres PEN–Zentrums als das Ergebnis mehrer geschichtlicher Katastrophen, die sich im vergangenen Jahrhundert im Zusammenhang mit Deutschland ereignet haben: das Dritte Reich, der Zweite Weltkrieg und das Auseinanderfallen der Welt in zwei sich bekämpfende Systeme nach dem Zweiten Weltkrieg.

Nach einem sehr charmanten Interview mit Dr. Keilson leitet er zu Peter Finkelgruen über, der seinen Anthologiebeitrag „Der Bus war halbvoll“ verliest, die Geschichte seiner Ankunft im Israel der frühen fünfziger Jahre. Günter Kunert hingegen trägt Stücke aus seiner launigen bis tragikomischen Miniaturensammlung „Der alte Mann spricht mit seiner Seele“ vor. Gabrielle Alioth weiß vom Erfinder des Wolf Man und Donovan’s Brain zu erzählen, dem Exilautor Curt Siodmak, den sie auf seiner Farm Three Rivers mitten in der Wüste Kaliforniens kennenlernte. Sie beschreibt diese Begegnung in ihrem Roman „Die Erfindung von Liebe und Tod“, aus dem sie vorträgt.

Draußen dämmert es sehr schnell, und wenn man aus dem hohen Fenster hinaussieht, bemerkt man das Wetterleuchten. Eines der seltenen Gewitter in Amsterdam, wird mir ein Taxifahrer am nächsten Tag erklären, und ich werde laut die Vermutung äußern, daß wohl ich eins mitgebracht hätte.

Der interessanteste Punkt der anschließenden Diskussion wird in meinen Augen von einer seit Jahren in den Niederlanden lebenden Deutschen aufgeworfen, die ihre persönliche Furcht vor Sprachverlust thematisiert, da sie sich von der modernen Sprachentwicklung abgeschnitten fühlt. Die Reaktionen darauf reichen von einer vehementen Verteidigungshaltung gegen „Auswüchse“ wie Denglisch oder Jugendsprache durch Günter Kunert, bis hin zu der trockenen Feststellung Gabrielle Alioths, daß Sprache eben nie etwas Statisches sei.

Der Abend endet mit einem Umtrunk in der Kantine des Goethe–Instituts, nachdem wir uns von Dr. Keilson und Frau Dr. Keilson verabschiedet haben, er endet außerdem im ehemaligen Emigrantentreffpunkt Café Schiller und zuletzt im Foyer des Hotels. Am nächsten Tag reicht es leider nur noch für einen kurzen Besuch des Rijksmuseum und einen Spaziergang entlang dem Spui sowie für ein kleines Mittagessen in einem Café, das Bagels in allen Variationen anbietet, ehe wir, um dem Pendlerverkehr ein wenig voraus zu sein, gegen 14:00 Uhr aus Amsterdam abreisen, im Gepäck Tee und etwas Hoffnung, daß die Menschen in hundert Jahren sich eher an Persönlichkeiten wie Dr. Hans Keilson, die Queridos und Walter Landauer erinnern werden als daran, wie Göring zu Tode gekommen ist, was nun wirklich nicht zu den Dingen zählt, an die man sich erinnern müßte.

© 2009 by Nadine Englhart

Zum Tode von Hans Keilson