Die jüdische Gemeinde Frankfurt a. d. Oder bekommt wieder einen eigenen Friedhof

Morgen, am Montag, den 27.6. übergibt Brandenburgs Kulturministerin Sabine Kunst den neuangelegten Friedhof der Gemeinde…

Das Gelände, das 250 Gräber umfassen kann, befindet sich in der Nähe des Frankfurter Hauptfriedhofes und wurde von der Stadt durch die Gemeinde erworben.

Der ehemalige im 14. Jahrhundert gegründete Friedhof der Gemeinde befindet sich heute in Slubice, auf der polnischen Seite der Stadt, und wird nicht mehr genutzt.

Die jüdische Gemeinde Frankfurt a. d. Oder zählt heute rund 200 Mitglieder. Mit der Neuanlegung dieses Friedhofes werde ein weiteres deutliches Zeichen für das nach der Zerstörung in der Nazizeit wieder entstandene jüdische Gemeindeleben gesetzt, betonte die Ministerin.

2 Kommentare zu “Die jüdische Gemeinde Frankfurt a. d. Oder bekommt wieder einen eigenen Friedhof

  1. Nachdenklich Stimmendes aus dem Frankfurt an der Oder des 21. Jahrhunderts und dessen Umgebung:
     
    Wie jüngste Fälle zeigen, ist der Antisemitismus in Deutschland trotz seines hohen Alters hoch aktuell. Da verbrennen Jugendliche im sachsen-anhaltinischen Pretzien Ende Juni 2006 bei einer öffentlichen „Sonnenwendfeier“ ein Exemplar der Tagebücher der Anne Frank. Mitte Oktober 2006 wird ein 16-Jähriger in Parey, ebenfalls in Sachsen-Anhalt, von Mitschülern gezwungen, mit einem Schild: „Ich bin am Ort das größte Schwein, ich lass mich nur mit Juden ein“ über den Schulhof zu laufen.
    Am 9. November 2006 werden in Frankfurt (Oder) Kerzen und Kränze, zuvor niedergelegt an einem Gedenkstein am Ort der ehemaligen Synagoge zum Gedenken an den Novemberpogrom von 1938, auf die Straße geworfen und die Polizei mit „Sieg Heil“-Rufen begrüßt.
    Bedenklich ist es, wenn vor allem hierzulande Israel oder „die Juden“ selbst für den Antisemitismus verantwortlich gemacht werden, wenn sich dieser im Mantel der Israel- oder Zionismus-Kritik versteckt, wenn Aktionen des Staates Israel mit den Untaten des Naziregimes verglichen oder entsprechende Andeutungen gemacht werden (z.B. Israel betreibe die „Endlösung der Palästinafrage“). Denn diese Vergleiche zielen tendenziell oder eindeutig fast immer darauf, die Opfer von einst zu den Tätern von heute zu machen.
    Meinungsforscher fragten Deutsche, ob sie gern einen Nachbarn jüdischen Glaubens haben möchten. Solche Umfragen ergaben, dass etwa 13 Prozent der deutschen Bevölkerung antisemitische Vorbehalte haben.
    Die Neonazis bemühen sich seit zwei Jahren hier in der Grenzstadt Frankfurt (Oder), einen Ortsverband aufzubauen. Asylbewerber und Zuwanderer werden immer wieder Opfer rechter Gewalt. Am 27.01.2006 fand ein Aufmarsch der Neonazis statt. Doch dagegen stand die antifaschistische Kundgebung am Alten Kino, an dem sich viele Frankfurter beteiligten.
    Schüler des Friedrichsgymnasiums haben seit Jahren gute Kontakte nach Israel, auf der Internetseite des Friedrichsgymnasiums lesen wir: „Plötzlich wird Vergangenheit lebendig… Die Ausmaße des Zweiten Weltkrieges kann unsere Generation nur noch sehr gering nachvollziehen und einige lässt es sogar kalt. Vielleicht begegnen die Wenigen diesem Thema nur so gleichgültig, weil sie es als Pflicht ansehen, den jeweiligen Unterrichtsstoff stupide zu erlernen. Wird es aber nicht interessanter, faszinierender und anschaulicher, wenn man ein ‚Stück lebende Geschichte’ vor sich in greifbarer Nähe zu sitzen hat, es betrachten und befragen kann? Plötzlich wird die Vergangenheit lebendig und das menschliche Schicksal, welches wir nur aus Büchern kennen, wirkt persönlicher. Hier in unserer Schule haben wir die Gelegenheit dazu: Hermann Arndt, auch bekannt als Zvi Aharoni, ehemaliger Schüler des Friedrichsgymnasiums stellte sich interessierten Schüler. […]
    Hermann Arndt wurde am 6.2.1921 in Frankfurt (Oder) geboren und besuchte das Friedrichs­gym­na­sium. Doch die letzten Jahre in der Schule waren für ihn alles andere als angenehm. Hermann Arndt war einer von den zwei jüdischen Schülern in seiner Klasse. Sie wurden ständig schikaniert, beleidigt und gedemütigt. 1935 zog die Familie nach Berlin um und Hermann verließ die Schule mit einem schlechten Eindruck und schrecklichen Erfahrungen. Im Mai 1937 starb der Vater. Ein Jahr darauf verließ die Familie Berlin und damit begann die Flucht. Die Reise ging über Holland, England, Frankreich, Italien und das Ziel war Palästina (Ankunft: 19.9.1938), wo sich sein älterer Bruder aufhielt. […] Im Jahre 1947 nahm er ein Architekturstudium auf. Wenige Wochen danach trat er in die israelische Armee ein und 1960 in den israelischen Geheimdienst Mossad, der sich auf die Jagd nach ehemaligen Nazis spezialisiert hatte. Einsatzort für Aharoni war unter anderem Buenos Aires in Argentinien. Am 11. Mai 1960 entführten er und eine Gruppe von Agenten den „Endlöser der Judenfrage“ und Schreibtischmörder Adolf Eichmann. Eichmann wurde gekidnappt und nach Israel überführt, wo er 1961 zum Tode verurteilt wurde. Aharoni führte aufgrund seiner Deutschkenntnisse die Verhöre mit Eichmann durch. Diese Festnahme Adolf Eichmanns durch den israelischen Geheimdienst ermöglichte es, dass die systematische Ermordung der Juden mit allen Details, in allen Phasen und aus allen Perspektiven zum ersten Mal vor einem israelischen Gerichtshof verhandelt wurde.
    Obwohl die heutige jüdische Gemeinde keinen Bezug zu den deutschen Juden in Frankfurt hat, eröffnete sie im Herbst 2006 in ihrem Gemeindehaus eine informationsreiche Ausstellung über das jüdische Leben in Frankfurt (Oder).
    Auch in Frankfurt gibt es die „Aktion Stolpersteine“, d.h. an verschiedenen Orten in der Stadt sind auf den Bürgersteigen kleine kupferne Gedenksteine an jüdische Bürger zu finden.
    Im Sommer 2007 wird das Antichristfenster in der Marienkirche eingebaut und lädt alle Besucher ein, über die Bilder des Fensters, deren Aussagekraft, aber auch über die Komplexität der jüdischen Geschichte gerade an diesem Ort nachzudenken.
    http://www.transodra-online.net/de/node/1806

  2. Wahrscheinlich seit dem 13. Jh. gab es jüdisches Leben in Frankfurt an der Oder.
    Juden waren damals bes. im Handel tätig und in einer Art Ghetto in der Lebuser Mauerstraße wohnhaft. Neben einer Synagoge besaßen sie auch einen eigenen Begräbnisplatz, ab 1399 einen, den ihnen die Stadt zur Verfügung gestellt hatte, außerhalb der Stadtbebauung. Dieser Friedhof ist heute einer der ältesten Friedhöfe Brandenburgs.
    Leider liegt ein Gutteil der frühen Frankfurter Judengeschichte im Dunkel, so weiss man nicht mit Sicherheit, ob die Juden der Stadt unter den Vertreibungen des 15. und beginnenden 16. Jh. leiden mussten, oder nicht. Erst für das spätere 16. Jh. liegen Nachweise für Vertreibungen vor. Der Kurfürst zog es damals vor nur reichen, und somit ihm persönlich nützlichen, Juden (befristetes) Bleiberecht einzuräumen. Christen und Juden standen sich in jenen Zeiten anscheinend eher feindlich gegenüber, aus wirtschaftlichen Gründen (Konkurrenz).
    Als der Kurfürst Joachim II. 1571 starb, bedeutete dies das Aus für die Juden in der Stadt, sie wurden gezwungen abzuwandern. Erlaubt blieb ihnen jedoch weiterhin der Handel mit den Stadtbewohnern.
    Erst für Beginn des 18. Jh. ist wieder von in der Stadt ansässiger jüdischer Bevölkerung auszugehen. Darunter Buchdrucker, die im Dienste der Universität standen. An dieser Bildungseinrichtung durften erfreulicherweise auch Juden studieren.
    Das Bürgerrecht erhielten 1812 die meisten der in Frankfurt lebenden Juden. In den 1820er Jahren entstand die neue Synagoge (Richt-/Tuchmacherstr.) und wenig später eine jüdische Elementarschule.
    Um 1900 war ein beträchtlicher Zuzug von Juden zu verzeichnen, der den Bau einer großen Synagoge erforderlich machte (Einweihung 1911). Juden der Stadt lebten um die Jahrhundertwende bes. vom Handel und Kleinhandel, waren aber auch in anderen Berufen, darunter akademischen Berufen, vertreten.
    Weil sie deutsche Staatsbürger bleiben wollten, zogen ab 1918 Juden aus den bis dahin deutschen und nun polnischen Provinzen, Posen und Westpreußen, nach Frankfurt. Andere Juden der Stadt kamen aus dem Osten, aus Westrussland, Weißrussland, der Ukraine, Ostpolen. Viele waren mit knapper Not den Pogromen in ihrer alten Heimat entkommen. In Deutschland schlug diesen Menschen zum einen der Hass deutscher Antisemiten, zum anderen die Ablehnung der etablierten deutschen Juden entgegen. Bayern etwa, vertrieb zu Beginn der 1920er Jahre seine Ostjuden mit brutaler Gewalt.
    In Frankfurt a.d.O. existierten bis 1934 zwei jüdische Gemeinden, die reformierte und die orthodoxe. 1935 waren Juden im Handel, bes. Textil und Bekleidung, im Kleinhandel aber auch als Ärzte, Rechtsanwälte, Apotheker und u.a. als Handwerker tätig, vier von ihnen hatten es zum Fabrikbesitzer gebracht.
    Die erste Auswandererwelle ging 1933 von der Stadt ab, nach Verhängung der Boykottmaßnahmen durch die neuen Machthaber.
    Unter Hermann Menachem Gerson vereinigten sich jüdische Jugendliche im Bund der „Werkleute“, der für eine landwirtschaftliche Tätigkeit in Palästina ausbildete. Die hebräische Sprache wurde dort unterrichtet, in jüdischer Geschichte und Religion unterwiesen.
    Auch ein „Beth Chaluz“ existierte in Frankfurt, das Jungen und Mädchen in handwerklichen bzw. hauswirtschaflichen/pflegerischen Berufen ausbildete.
    In den kommenden Jahren schickten zahlreiche Juden ihre Kinder nach Großbritannien in Sicherheit.
    Die Reichspogromnacht verschonte auch die Frankfurter Synagoge sowie jüdische Läden und Geschäfte nicht. Frankfurter Juden wurden bestohlen, maltraitiert, verhaftet und einige ins KZ Sachsenhausen deportiert.
     
    Frankfurter Juden wurden 1941/42 von ihren christlich-deutschen Landsleuten in die Vernichtungslager in Polen und nach Theresienstadt abtransportiert. 1943 galt die Stadt gemäß einem Pressebericht als „judenfrei“.
    Man nimmt an, dass etwa 110 Juden der Stadt den Holocaust nicht überlebt haben.
     
    Bezeichnend für die Unfähigkeit in Deutschland Ost wie West ehrlich mit der Vergangenheit umzugehen, ist der Spruch, der am 50. Jahrestag der Reichspogromnacht, also im Jahre 1988, auf einem Gedenkstein für die Synagoge enthüllt wurde:
     
    Hier stand die Frankfurter Synagoge, die im Jahre 1938 von den Faschisten zerstört wurde. Wohl dem Menschen, der Einsicht gewinnt.
     
    Die hier beschworene „Einsicht“ hätte man den Verantwortlichen für diesen Text gerne gewünscht, die Einsicht nämlich, dass diese Faschisten DEUTSCHE waren und niemand sonst, dass man ferner gut daran getan hätte, Deutsche auch Deutsche zu nennen und sich nicht eines Tabubegriffs zu bedienen.
     
    Inzwischen musste der Gedenkstein einem Luxushotel weichen und wurde woanders aufgestellt, mit einer Bronzetafel ergänzt.
     
    Der alte jüdische Friedhof von jenseits der Grenze, in Polen liegend, wurde übrigens Ende der 1970er Jahre beseitigt und eingeebnet (von den „bösen Kommunisten“).
     
    2005 zählte die junge jüdische Gemeinde von Frankfurt/Oder rund 220 Personen.
     
    Juden in Frankfurt an der Oder:
    um 1600 – keine
    um 1700 – 74
    um 1785 – 623 Juden – entspricht 6%  der Stadtbev.
    um 1807 – ca. 300
    1864 – ca. 800
    1895 – 777
    1910 – 625
    1925 – 669
    1933 – ca. 570
    1944 – 62
    1945 – keine Juden
     
    (nach: K.-D. Alicke, Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, Gütersloh/München 2008)

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