SA-Heim, Auffanglager und Psychiatrie auf dem Leeb-Gut zu Mainkofen

Ein Haus der Schrecken und neuer Hoffnung – die Alte Kaserne in Deggendorf…

Von S. Michael Westerholz/Deggenau

Zwischen 1933 und 1934 hatten die Nazis in wahnsinnigem Tempo das Reich mit ihren Ideen, Politikern und teils fanatischen Anhängern durchdrungen und auch die letzten demokratischen Errungenschaften weggefegt. Noch war der mittlerweile unmodern gewordene Deggendorfer Irrenanstaltsbau aus braunroten Ziegeln teilweise mit Kranken belegt. Die erhielten trotz aller neuen medizinisch-neurologischen Erkenntnisse und dem Aufschwung der Psychologie und Psychiatrie so gut wie keine medizinische Heilbehandlung. Das war ein auffälliger Gegensatz zur neuen Anstalt im benachbarten Mainkofen: Dort gab es medikamentöse Behandlungen, Arbeitstherapien, medizinisches, handwerkliches und Agrar-Fachpersonal: Denn Mainkofen war auf einem Landwirtschaftsgut errichtet worden. Das hatten die Eheleute Otto und Eleonore Leeb verkauft – Mitglieder einer der größten und ältesten Familien Altbayerns. Schon im 15. Jahrhundert lebten sieben Leeb als Grunduntertanen des Klosters Niederaltaich. Das besteht heute noch und spielte in der frühen Reichsgeschichte eine Rolle.[01]

1732 hatten Leeb das Gut übernommen. Der Standort war seit der jüngeren Steinzeit vor rund 5000 Jahren fortwährend besiedelt, früh als bronzezeitlicher, keltischer, dann als römischer Gutshof, bis 1803 als Besitz der Benediktinerabtei Metten an der Donau. 1908 verkauften die Leeb, achte Generation auf dem Gut, ihren Besitz an den politischen Verwaltungsbezirk Niederbayern. Der errichtete eine architektonisch wunderschöne Jugendstilanlage, dazu Werkstätten, Gärtnerei und Landwirtschaft, in denen Patienten unter Anleitung arbeiteten. In dieser herrlichen Umgebung mit Parkanlagen, Theatersaal und Kirche, mit modernsten Behandlungsräumen und stets neuen Behandlungsmethoden wurden von Ärzten ohne Moral und Scham 623 Patienten für die Vergasungs- und Giftanstalt Schloss Hartheim in Oberösterreich ausgewählt und Hunderte wehrlose Patienten für die gewaltsame Sterilisierung im Hause oder in den umliegenden Krankenhäusern. Ähnlich wie bei der öffentlichen Würdigung des in Deggendorf geborenen ersten deutschen Radiologie-Professors Dr. Hubert Grashey mit einem Denkmal an der Alten Kaserne und einem Straßennamen in der Stadt wird seit 2010 auch im nahen Plattling über die Straßennamens-Ehrung für einen Arzt gestritten, der zur zwangsweisen Sterilisierung wehrloser Patienten berechtigt war und entsprechend handelte.[02]

Zu den Leeb gehörten freilich auch der Wehrmachts-General Emil Leeb und sein Bruder, Generalfeldmarschall (von Hitlers Gnaden) Wilhelm Ritter von Leeb (1877 bis 1956). Der hatte zwar 1942 im Konflikt mit Hitlers katastrophalen operativ-militärischen Fehlentscheidungen und wegen völkerrechtswidriger Anordnungen seine Entlassung durchgesetzt. Doch im September 1941 hatte er von Hitler einen Scheck über 250.000 Reichsmark angenommen, im August 1944 den Staatswalddistrikt XXIII des Forstamtes Seestetten zwischen Vilshofen und Passau. Dann schrieb er einen devoten Brief:

„Mein Führer!
Ich danke Ihnen herzlich für die großzügige Überlassung des Gesamtbetrages für den Waldbesitz und benütze die Gelegenheit, Ihnen für die wunderbare Errettung vor dem ruchlosen Anschlag (Anm.: vom 20. Juli 1944!) meine tiefgefühlten Glückwünsche auszusprechen.
Sieg dem deutschen Heere!
Heil Hitler! Leeb.“

Aber gleich nach dem verlorenen Krieg, der in der Zeit zwischen dem gescheiterten Attentat und dem bedingungslosen Ende mehr Menschenleben gefordert hatte als in den fünf Jahren seit 1939, fiel auch Leeb ein, dass er ein „insgeheimer Gegner Hitlers“ mit Gefühlen des „inneren Widerstands“ gewesen sei. Autor Siegfried Westphal beurteilte in seinem Buch „Der deutsche Generalstab auf der Anklagebank“ den zweifach dotierten Wilhelm Ritter von Leeb ungerührt als einen „der charakterlich wertvollsten“ Generalfeldmarschälle. In Wahrheit hatte auch der sich als Mann ohne Rückgrat erwiesen. Als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Nord widersetzte er sich im Januar 1942 zwar Hitlers Plänen, Leningrad auszuhungern. Er wurde auf eigenen Wunsch entlassen. Dieser Augenblick des Anstandes bewahrte ihn nach 1945 vor der Auslieferung an die Sowjets. Ein Jahr nach dem Abschied war ihm aber eingefallen, dass es doch schön wäre, zu Besitz zu kommen wie rund 15 seiner Feldmarschalls-Kameraden. Das teilte der im Ersten Weltkrieg wegen „Tapferkeit vor dem Feind“ Geadelte der Reichskanzlei Hitlers ohne jegliche Skrupel mit:

„Wilhelm Ritter von Leeb
Schellenberg
26. März 1943

Es wäre mir erwünscht, auch einen Besitz auf dem Lande zu haben, um dort im Sommer einige Monate in Ruhe und fern von den täglich drohenden Fliegerangriffen verbringen zu können.
Heil Hitler! Leeb.“

Aus einer Gesamtsumme von 40 Millionen Reichsmark, die Hitler zu Dotationen an Gefolgsleute und geschätzte Offiziere in den Höchsträngen zur Verfügung stand, finanzierte er Leebs „erwünschten“ Waldbesitz. Dessen brieflich-speichelleckerischer Dank:

„Ich bin sehr erfreut darüber, einen deutschen Wald besitzen zu dürfen, dessen pfleglichste Behandlung ich mir besonders angelegen sein lassen werde.“

Im Nürnberger Generalsprozess klangen Leebs nachträglich entdeckte widerständliche Haltung und die Erinnerung an die Jahre, in denen er seine Bettel- und Dankesbriefe schrieb, dann so: „Wir sahen uns Entwicklungen gegenüber, die unseren Grundsätzen und unserem Wesen widersprachen.“

Dass ausgerechnet dieser Wald ausgewählt wurde, könnte mit einer menschlichen Tragödie zusammenhängen: Forstamtsleiter dort war nämlich der 1877 in der Schweiz geborene Josef Planke, illegitimer Sohn eines Jesuitenpaters. Er begann seine Forstlaufbahn in der Oberpfalz und geriet am jenem Tage ins Visier der Nazis, an dem Adolf Hitler zum Reichskanzler berufen wurde. Planke weigerte sich, an seinem Dienstgebäude die Hakenkreuzfahne zu hissen. Als pflichtbewusster Beamter und Staatsbürger mit tadelsfreiem Charakter wurde er nicht zum Mitläufer, sondern behielt sich vor, Wahrheiten frei auszusprechen. Er geriet immer mehr in Bedrängnis, wurde nach unsäglichen Denunziationen und erfolgreichen Entlastungs- und Beistands-Bemühungen einiger Vorgesetzter mit einem Rest an Anstand ins niederbayerische Seestetten in eine ausgesprochen fanatische Umgebung versetzt und hier neuerlich denunziert. In der hier einsetzenden widerwärtigen Treibjagd auf Josef Planke mag dieser sich entschieden haben, sich einer offenen Kritik wegen des Walddiebstahls zugunsten eines Feldmarschalls zu enthalten. Nach Plankes widerrechtlicher Festnahme auf Antrag des Passauer NS-Kreisleiters Moosbauer fehlte nicht viel zum Todesurteil vor dem Würzburger „Volksgerichtshof“. Der Antrag seines Verteidigers, Planke auf seinen geistigen Zustand zu untersuchen, und ein Bombentreffer in der Würzburger Psychiatrie im Februar 1945 unterbrachen den Prozess, dessen Fortsetzung in den Wirren der letzten Wochen des Krieges unterblieb.

Planke gelangte nach seiner Freilassung aus dem Zuchthaus Straubing in einem überaus gefährlichen Gewaltmarsch über 45 Kilometer zu seiner Tochter im niederbayerischen Hengersberg, wo er nach dem fast gleichzeitigen Einmarsch von US-Soldaten endlich außer Gefahr war. Doch das ihm angetane Unrecht der letzten zwölf Jahre, die fortdauernden Ängste und sein trotzdem unerschütterlicher Mut und Anstand, sich jeglicher Hitlerei zu widersetzen, forderten jetzt ihren Tribut: Oberforstmeister Josef Planke starb am 5. Mai 1945 im Hause seiner Tochter, einer Ärztin, an den Folgen einer Mischinfektion. Unklar ist sein Verhalten nach dem Unrecht des Staates zugunsten des gierigen Feldmarschalls von Leeb – Unterlagen darüber sind nicht erhalten geblieben. Den Wald gab Leeb nach dem Krieg nicht zurück. Er befindet sich heute noch im Familienbesitz – ein Wert von rund fünf Millionen Euro! Und von jenen Kollegen, die den – später rehabilitierten, dienstlich untadeligen – unglücklichen Josef Planke bis aufs Blut verfolgten, wurden zwar einige auf Dauer oder für begrenzte Zeit aus dem Dienst entfernt. Strafrechtlich wurde jedoch nicht einer zur Rechenschaft gezogen.[03]

Dass in der alten Anstalt in Deggendorf einige Patienten mangels Hilfspersonals von Angehörigen gepflegt wurden, milderte deren schauriges Dasein ein bisschen. Da hielten Deggendorfer SA-, vermutlich auch Gruppen der Hitlerjugend (HJ) Einzug in den Gebäudekomplex im Stadtpark. Mit dem Fantasiebegriff „Reichsunterkunftsamt“ tarnten die Nazis ihren Verstoß gegen den Friedensvertrag von Versailles, als sie die ersten Soldaten in den Bau verlegten und ihn klammheimlich zur Kaserne machten. Als sie 1935 die Wehrhoheit des Deutschen Reiches durch einseitige öffentliche Verlautbarung wieder herstellten, hieß der Komplex plötzlich „Heeresstandortverwaltung“. Da hatten die Nazis schon Soldaten aus den Standorten Regensburg, Landshut und Passau für eine neue Infanterie-Einheit nach Deggendorf versetzt.

Seit 1934 war der Staat Eigentümer der einstigen Irrenanstalt. Die war für 400.000 Gulden gebaut worden – eine Summe, die den ursprünglichen Etat weit überstiegen hatte. Jetzt zahlte das Reich 300.000 Mark und brachte bis zu 1000 Soldaten und Verwaltungsleute dort unter. Neben einer seit dem Bau angelegten Zisterne mit einem Fassungsvermögen von 150.000 Litern Wasser zur jederzeitigen eigenständigen Versorgung wurde nun unter freiem Himmel ein Schwimmbecken für die Soldaten angelegt. 1945/47 war es offiziell den US-Soldaten vorbehalten. Gutmütige US-Boys hinderten aber Kinder aus der Umgebung nur selten an Badefreuden in der Anlage. 1947/49 durften nur Insassen des DP-Camp 7 Deggendorf in dem jetzt umzäunten, aus einem Wachhäuschen heraus ständig überwachten Bereich baden. In Wirklichkeit aber entwickelte sich der Freibad-Bereich zum Dauer-Schwarzmarkt, in dessen Bereich in dunklen Nächten sogar heimlich geschlachtet wurde.

Verwunderlich aber das kurze Gedächtnis so mancher Deggendorfer und der Neubürger: Nachdem die Deutschen bereits in den frühen dreißiger Jahren Juden die Benutzung deutscher Bäder, ja der Bänke in öffentlichen Parkanlagen und diese Erholungsanlagen selbst strikt untersagt hatten, empörten sie sich jetzt, dass die DP-Campleitung ihnen den Zugang zum Schwimmbad verwehrte. Ab Mitte 1949 bis September 2003 war es dann Deggendorfs Städtisches Freibad.

Ab Sommer 1933 residierte bereits eine SA-Vorausabteilung im teilweise noch mit Patienten belegten Krankenhaus, 1934 zogen nach und nach das Reichsunterkunftsamt (Tarnname für Heeresstandortverwaltung), Wehrbezirkskommando, das Wehrmeldeamt, der Ausbildungsleiter und ein Wehrmeldeamt des Reichs-Arbeitsdienstes (RAD) dort mit ein. Es folgte eine Heeresfachschule. Als im Herbst 1935 von den Infanteristen die neue Kaserne bezogen werden konnte, diente die nunmehrige Alte Kaserne ab Herbst 1939 der Aufstellung von Reserveeinheiten für die in den folgenden Jahren immer schneller ausblutenden kämpfenden Einheiten an den Fronten des vom Deutschen Reich ohne Not ausgelösten Krieges. In der Zwischenzeit aber blieben Offiziere samt ihrem Kasino und einer eigenen Küche in der ALTEN KASERNE. Und ein weiterer Generalfeldmarschall spielte zeitweise hier seine üble Rolle im System der Verbrecher: Walter von Reichenau (1884 bis 1942), Hitler-Bewunderer, Juden- und Kindermörder.

Der gelernte Maler und Anstreicher Heinz Vogt (*29. 11. 1914) aus Krefeld war durch eine frühe Liebschaft Gaststättenmitarbeiter geworden. Als er 1935/37 wehrpflichtiger Soldat war, wurde er zunächst als Ordonanz ins Deggendorfer Offizierskasino versetzt. Dessen Koch wurde entlassen und Vogt wurde zu dessen Nachfolger angelernt. „Ich kaufte täglich Gemüse bei den Neustifter-Schwestern im Deggendorfer Rathaus, Fleisch und sonstige Frischware ein und kochte für zehn bis 25 Offiziere des Deggendorfer Bataillons aus dem Regensburger 22. Infanterie-Regiment und deren Gäste oder dienstliche Besucher aus anderen Standorten. Die Offiziere bekamen natürlich anstatt der vielen Eintöpfe der einfachen Soldaten wechselnde frische Menüs. Ihr oberster Kommandeur war General von Reichenau.“

Walter von Reichenau, Sohn eines preußischen Generals und selbst seit 1903 Soldat, war ein Bewunderer Hitlers, seit er diesen 1931 erstmals gesehen und angehört hatte. Er propagierte und förderte die Eingliederung der bis dahin parteipolitisch neutralen Reichswehr in den NS-Staat, machte die von ihm ausdrücklich so genannte „nationalsozialistische Wehrmacht“ zum Instrument dieses diktatorischen Unrechtsstaates – und wurde mit raschen Beförderungen belohnt: Im Oktober 1935 nach dem rücksichtslosen Bruch aller Bestimmungen des Friedensvertrages von Versailles durch Hitler wurde er Kommandierender General des VII. Armeekorps in München und damit auch Chef der Soldaten in Deggendorf, das er häufig aufsuchte. „War ja auch ein schönes Städtchen“, sagt der einstige Koch Vogt, der heute wieder in Hüls bei Krefeld lebt.

General von Reichenau, seit 1940 Generalfeldmarschall, befahl am 22. August 1941 die Erschießung von 90 jüdischen Kindern anschließend an den Mord an deren Eltern in Belaja Zerkow. Wehrmachtssoldaten unter seinem Kommando beteiligten sich am 29./30. September 1941 an der Ermordung von 33.000 Juden in der Schlucht von Babi Jar in Kiew/Ukraine. Sein berüchtigter, von Hitler gepriesener geheimer „Reichenau-Befehl“ vom 10. Oktober 1941, der bis hinunter zu den Kompanien verlesen werden musste, übernahm das Mordsystem wider die Juden, so wie es im Deutschen Reich und in den Konzentrationslagern in den besetzten Gebieten ohnehin schon praktiziert wurde. Der „Befehl“ kostete zahllose unschuldige Menschen in der Sowjetunion und in Einflussgebieten der Sowjets das Leben. Zugleich stellte er die deutschen Mörder und ihre Helfer straffrei! Als von Reichenau nach einem Schlaganfall und nach einem Unfall während seines Krankenfluges in die Heimat starb, beschenkte Hitler dessen Angehörige mit Grundbesitz im Gesamtwert von über einer Millionen Reichsmark.

Der Soldat und Koch Vogt hatte während seiner Deggendorfer Dienstzeit eine Arzthelferin Weber aus Ranzing/Lalling in der Deggendorfer Umgebung kennengelernt. Sie heirateten 1938. Bald darauf begann Hitler seinen Vernichtungskrieg. Vogt wurde wieder Koch, erlebte die Kämpfe in Belgien und Frankreich, wurde auch in der Sowjetunion eingesetzt, landete aber in Belgien in der Kriegsgefangenschaft. Er wurde über Irland nach Schottland verlegt, bekochte in Irland bis zu 1036 Mitgefangene und wurde 1948 entlassen. Er kehrte in seinen Beruf als Maler und Anstreicher zurück, wurde aber auch als Kunstmaler bekannt. Seine 2001 gestorbene Frau gebar eine Tochter. Durch den Kontakt zu den Verwandten seiner Frau im Bayerischen Wald riss auch der nach Deggendorf nicht ab. Und das Schicksal schlug eine kleine Volte: In der ALTEN KASERNE befindet sich heute unter anderem eine Fachklinik, die psychisch und physisch Abhängigen ins Leben zurück verhilft. Eine der vielen Mitarbeiterinnen dort ist Sonja Ebner-Gamarra, eine Großnichte von Heinz Vogt, deren Ehemann ein in der Welt gefeierter, in Deggendorf leider kaum beachteter Maler ist.

Von 1941 bis 1944 war die Kaserne auch Unterkunft für 660 Unteroffiziers-Vorschüler: Viele der 14- bis 16-Jährigen wurden ganz zum Schluss noch nach Norddeutschland verlegt und dort in sinnlose Abwehrkämpfe gegen die unaufhaltsam vorrückenden alliierten Truppen gejagt, teils unter Gewaltandrohungen und mit vorgehaltener Waffe nach vorne getrieben. Die gebürtige Wuppertalerin Josefa (1908 bis 2007) Vogt-Niesing in Coesfeld, eine Cousine des Elberfelder Textilhändlers Aaron Kirsch: „Mein erster Mann widersetzte sich dem Befehl, diese Kinder in die Kämpfe zu schicken, riet ihnen vielmehr, sich in den Stallungen und Scheunen der Bauern in den Streusiedlungen der Norddeutschen Tiefebene zu verstecken. Da wurde auch er mit Waffengewalt in das Feuer gehetzt. Er ist dort gefallen, wie viele der armen Kinder auch!“ Den Vorschülern folgten von Januar 1944 bis April 1945 Unteroffiziersschüler.

Was noch vor der Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht als massiver Verstoß gegen den Versailler Vertrag von 1919 in der Alten Kaserne geschah, kann angesichts der nahen Grenze sowohl zur Tschechoslowakei, als auch zu Österreich den späteren Kriegsgegnern nicht verborgen geblieben sein – dennoch gab es keine Einsprüche! Offenkundig gehörten die relativ kleinen Schritte raus aus den engen Grenzen, die der Friedensvertrag setzte, zu den Provokationen, mit denen Hitler die einstigen Weltkriegssieger immer häufiger herausforderte: Nach der Ausbildung deutscher Offiziere in der Sowjetunion schon während der Zeit des 100.000-Mann-Heeres in den zwanziger Jahren, der Errichtung von Kasernen unter Decknamen, dem Einmarsch ins Rheinland folgten 1938 die Großtests der von Adolf Hitler wörtlich so genannten „Heimholung meiner Heimat Österreich“ ins Deutsche Reich und die anfangs teilweise, bald darauf völlige Besetzung der Tschechoslowakei. Solche Ziele Hitlers waren spätestens seit dem Bau militärisch-strategischer Autobahnen in Deutschland und zum Beispiel der so genannten „Ostmarkstraße“ von Cham in der Oberpfalz bis Regen im Bayerischen Wald und weiter ins Gebiet des 1803 aufgelösten, in Bayern eingegliederte Fürstbistum Passau im grenznahen Bereich in Sichtweite der tschechischen Nachbarn unübersehbar geworden.[04]

Kaum waren Wehrmachtssoldaten in Deggendorf eingezogen, begann 1934 der Bau einer neuen, der so genannten „Riga“-Kaserne nur rund 500 Meter von der nunmehr „Alte Kaserne“ genannten Anlage entfernt. Die Alte Kaserne wurde in den letzten Kriegstagen 1945 Unterkunft von Teilen des Oberkommandos des deutschen Heeres, während sich im Park vor dem Bau bereits versprengte deutsche Truppenteile und Soldaten verbündeter Staaten, aber auch Flüchtlinge niederließen, die keine andere Unterkunft mehr fanden. Am 28. April 1945 wurden beide Deggendorfer Kasernen von US-Einheiten besetzt. Meist osteuropäische Söldner der erneut vernichtend geschlagenen Deutschen, ausgesiedelte, geflohene und vertriebene Deutsche aus dem Osten und Evakuierte aus dem Westen Deutschlands, aber auch befreite Kriegsgefangene und entlassene Zwangsarbeiter suchten nun ein Unterkommen in dem Bauwerk. Es muss ein grausiges Chaos geherrscht haben. In den ersten Tagen galt allein die Macht der Stärkeren, auch noch, nachdem die ersten THERESIENSTÄDTER eingetroffen waren. Die allerersten Transporte mit rund 400 Befreiten waren nach Winzer in ein ehemaliges RAD-Lager umgeleitet worden, als sich zeigte, dass in Deggendorf absolut nichts vorbereitet war, um die traumatisierten Juden aufzunehmen.

Schließlich gelang es US-Soldaten, die Masse der Menschen so unterschiedlicher Herkunft aus dem Bau heraus zu drängen. Und nun wurde die Alte Kaserne bis 1949 das DP-Camp 7 Deggendorf für heimatlose Menschen, überwiegend Überlebende des KZ Theresienstadt, darunter etwa 60 Prozent jüdische Deutsche und Österreicher. Exakt drei Jahre nach dem Abtransport der wenigen jüdischen Deggendorfer im April 1942 waren nun zeitweise bis zu 1965 Juden in der Stadt. Deren uralte Wallfahrt war eines der Symbole des Judenhasses in Deutschland. Sie ging auf den Mord an den Deggendorfer Juden im Jahre 1338 zurück. Damals hatten die Deggendorfer ihre jüdischen Mitbürger ermordet, um sich ihrer Schulden zu entledigen. Und sie hatten eine Kirche gebaut, die sie als „Sühnekirche“ bezeichneten, eine Blasphemie sondergleichen, aber nicht einzigartig in der katholischen Kirche des christlichen Abendlandes. Sechzig Jahre nach dem Mord erfanden sie als vorgebliche Schuld der Juden eine Hostienschändung – ein klassisches Motiv vieler Pogrome im mittelalterlichen Deutschland.

Die Tragödie der Juden, die Verbrechen der Deutschen, die binnen zwölf Jahren sechs Millionen jüdische Mitmenschen in industrieller Perfektion und Rationalität ohne jegliche Emotion ermordet hatten, war den Deggendorfern, ihren Priestern, Bischöfen und Äbten dennoch nicht Fanal genug, nun endlich ihre antisemitische Wallfahrt zu beenden. Bis zu 100.000 Wallfahrer lockte die alljährlich in die kleine Stadt an der Donau. Dass deren wichtigste Ablässe, also der Erlass zeitlicher Sündenstrafen, teils schon seit Jahrhunderten von der Kirchenobrigkeit im Vatikan aufgehoben waren, verschwiegen die darüber informierten Priester und Bischöfe den Wallfahrern. Schlimmer noch: Der letzte gnadenlose Propagandist dieser Wallfahrt, Stadtpfarrer Josef Pommer, beteuerte noch 1987 in einem Zeitungsbericht, der Vatikan habe den wichtigsten, namengebenden Ablass von 1401 soeben ausdrücklich bestätigt: Aber ausgerechnet dieser Ablass, die GNAD genannt, war schon wenige Jahre später von einem Papst aufgehoben worden.

Kirchliche Bestimmungen über die Mindestzahl der zu besuchenden Gottesdienste, der Beichte und sonstiger religiöser Verrichtungen schufen den Rahmen für wirtschaftliche Umsätze in den bis zu 15 Brauereien, den Gaststätten und Wachszieherläden in der Stadt, sowie für einen speziellen Markt, den in der alljährlichen GNAD-Woche nach der Haupterntezeit nur einheimische Händler beschicken durften. Auf die gewaltigen Umsätze und die exzellenten Gewinne wollte niemand verzichten. Erst 1992 schaffte ein verständigerer Regensburger Bischof Manfred Müller die unheilige Schand-Wallfahrt endlich ab.

Von den zuletzt drei jüdischen Familien in der Stadt, Scharf, Röderer und Lauchheimer , hatten nur Töchter der Röderer-Lauchheimer und der Sohn Felix (heute Ephraim) der Familie Scharf überlebt. Felix` Vater hatte alle Warnungen seines Sohnes in den Wind geschlagen: „Ich war doch Soldat im Weltkrieg, ich wurde noch 1935 ausgezeichnet – uns Kämpfern, vor allem mir als Kriegsbeschädigten, tun die nix!“ Vater, Stiefmutter und die erst neunjährige Halbschwester Regina Scharf waren mit allen anderen Juden in der Stadt und aus der Region nach entsetzlichen Demütigungen und nach dem totalen Verlust ihrer Habe durch eiskalte Arisierer am Karfreitag (04. 04.)1942 vor dem Rathaus Deggendorf am hellen Tag und in aller Öffentlichkeit auf Lastwagen gestoßen und in das Regensburger „Judenhaus“ Schäffnerstraße 2 gebracht worden. Zwischen 1942 und 1944 wurden Lauchheimer und Scharf, sowie die mit ihnen gemeinsam aus Deggendorf abtransportierten Emma (?) Schwarz aus Viechtach und die Eheleute Lederer aus Hengersberg in Bahn-Sammeltransporten „in den Osten“ verschleppt, wo sie elendiglich zugrunde gingen. Emma Röderer, geborene Neuburger, (*1885 in Cham), wurde mit Transport Ost V/44 nach Auschwitz geschafft und starb irgendwann 1944. Ihr Mann Leopold, * 1876 in Schmieheim, scheint in einem anderen Zug gewesen zu sein. Er starb vermutlich unmittelbar nach seiner Ankunft in Auschwitz, am 26. Januar 1944.

Von Regina Scharf blieb in Deggendorf nur eine Puppe als stumme, mahnende Erinnerung an ein unschuldiges, freundliches Kind zurück. Die in England überlebenden Schwestern Lauchheimer lehnten später jeglichen Kontakt mit Deggendorf und einstigen Freunden ab. Felix Ephraim Scharf hielt Kontakt mit Freunden seiner Familie in der Donaustadt. Er lebt heute mit Frau, Tochter und zwei erwachsenen Enkeln in Jerusalem und ist an Deggendorfer Vorgängen lebhaft interessiert.[05]

Wo Oskar Schindler den KZ-Chef Josef Leipold fasste

Wer Oskar Schindler (1908 bis 1974) und seine Frau Emilie, geb. Pelzl (1907 bis 2001) waren, muss nicht mehr beschrieben werden: Dass sie durch Mut, Gerissenheit, Chuzpe, aber auch mit viel Glück und ihrer Bereitschaft, ihr Leben und ihr gesamtes Vermögen zu riskieren, rund 1200 Juden retteten, gehört heute zum Allgemeinwissen. Es erregt deshalb Bewunderung, weil der Lebemann, Charmeur, hemmungslose Weiberheld und bedenkenlose Zocker des Glücks, der opportunistische Nazi und Spion im Dienste des später ermordeten deutschen Abwehrchefs und Admirals Canaris, Oskar Schindler, auf den ersten Blick nichts weniger als ein Gutmensch gewesen war. „Ein Held im entscheidenden Augenblick“ nannten ihn Juden wie Mietek Pemper, die während seines gefährlichen Spiels mit dem eigenen Leben nolens volens an seiner Seite standen.

Am Tag der „bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reichs an allen Fronten zu Lande, zu Wasser und in der Luft“, am 8./9. Mai 1945, schenkten die soeben befreiten, von Schindler geretteten Juden dem nunmehr heimat- und besitzlosen Böhmen Schindler einen Ring, den sie aus Zahngold angefertigt hatten. Darin eingraviert ist zu lesen: „08. 05. 1945 Wer auch nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt.“ Als Schindler sich 1945 zunächst in Regensburg in Sicherheit brachte, fand er in der Alten Nürnberger Straße bei einer Witwe Unterschlupf, die sich in den Nazijahren widerborstig gezeigt hatte. Sie leistete keinen aktiven Widerstand, widersetzte sich aber dem allgemeinen Opportunismus rein aus Eigensinn und Selbstbewusstsein. „Es gab unaufhörlich Aufmärsche, Fastentage, Sammlungen. Tuch-Massen wurden für Fahnen verschwendet. Ergebenheitsadressen häuften sich. Nie zuvor waren so viele Uniformen auf unseren Straßen gesehen worden, nie zuvor so viele kleine, mittlere und hohe Befehlshaber vorhanden, angefangen bei den Blockwarten in der Nachbarschaft. Wer sich den leisesten Spott erlaubte, wer einen Witz erzählte, wer in die Kirche ging, musste mit Denunziationen, mindestens aber mit anzüglichen Warnungen rechnen. `Gib a Ruh, oder du kimmst nach Dachau´, hörte ich fast an jedem Tag. Niemand sollte mich bevormunden“, erzählte die individualistische Oberpfälzerin später Reportern. Gegen ihren Willen war der desertierende Regensburger Nazichef vor dem unmittelbar bevorstehenden Einmarsch der US-Soldaten in ihr Haus geflohen. Und während er zum „Kampf bis zur letzten Patrone“ aufrief, trug er nun – wie bereits früher einmal – Kostbarkeiten in die einstigen felsigen Bierkeller hinter und unter dem Haus – ein ebenso geheimes, wie gefährliches Versteck: „Hätten die siegreichen Amerikaner davon Wind bekommen, wer weiß, wie´s mir an den Kragen gegangen wären“, entsetzte sich die Frau noch Jahrzehnte später.

Die Eheleute Schindler bezogen zwei Kammern ohne Küche und Bad. Als Schindler bald darauf einen jungen, heimatlosen Mann und dessen Braut kennenlernte, nahm er sie mit in die Miniwohnung auf. Das junge Paar entschloss sich zu heiraten, aber um ins Rathaus gehen zu können, musste Schindler seinen einzigen Anzug und das einzige Paar Schuhe herleihen. „So war er“, sagen die Eheleute Müller noch Jahrzehnte hernach, mittlerweile in Regenstauf daheim. „Vom einstigen Schindler -Reichtum `drüben´ in Böhmen und von der noblen Herkunft der Frau Schindler hatten wir ja keine Ahnung. Für Beide war es selbstverständlich, uns zu helfen!“

Was genau Schindler in den Jahren danach machte? Zeitzeugen haben unterschiedliche Erinnerungen. Jedenfalls fand er Kontakt zu den Amerikanern, kam in der Oberpfalz und in Niederbayern herum. Der amerikanische Historiker und Biograf Schindlers, David M. Crowe, hat in „Oskar Schindler“ berichtet, der Judenretter habe „sich ernsthaft bemüht, Arbeit zu finden. Er war aber auch bei der Suche nach Kriegsverbrechern aktiv.“ Wann genau er das DP-Camp 7 Deggendorf und das Chaos dort entdeckte, ist ungeklärt. Denkbar ist, dass er systematisch nach Lagern suchte. Es gab sie zahlreich und in unterschiedlichsten Ausrichtungen. Es gab aber auch Verbindungen der einzelnen Camps untereinander. Einerseits, weil die US-Militärverwaltung und nach ihr UNRRA und IRO im ganzen Besatzungsgebiet eng miteinander verknüpft waren. Andererseits aus rein pragmatischen Gründen, wenn zum Beispiel Lebensmittel-, Textilien-, Medikamenten- und Transporte mit Heizmaterial nach Zweckmäßigkeit von einem zum anderen Camp geleitet wurden: So war die Mutter der Anglistin, Germanistin, Literaturwissenschaftlerin und Autorin Ruth Klüger (* 1931 in Wien), Überlebende der KZ Theresienstadt, Auschwitz/Birkenau und Christianstadt, heute in Irvine/Kalifornien und Göttingen daheim, in Straubing bei der Militärregierung angestellt. Sie war dort für die Versorgung der Camps sowie der außerhalb von Camps lebenden DP in der gesamten Region zuständig.

Im Raum Plattling-Deggendorf befanden sich am 11. September 1945 neben dem

  • DP-Camp 7 ALTE KASERNE in Deggendorf mit 1259 Personen das
  • Camp Metten mit 1025 und
  • Camp Winzer mit 463 Personen.

Der wegen offensichtlicher Überforderung bald wieder abgesetzte Bürgermeister Dr. Anton Reus hatte am 15. Juni 1945 neben der eingesessenen Stadtbevölkerung und den bei ihr einquartierten Flüchtlingen im Stadtgebiet Ausländer in folgenden Bauwerken zu versorgen:
3800 überwiegend Jugoslawen in der ALTEN KASERNE,

  • 555 überwiegend Italiener im Gasthaus Kroiß in der Altstadt, sowie auf der Festwiese am Rande der Altstadt Deggendorfs,
  • 175 Deutsche und Jugoslawen im Lager Deggenau, in dem gegen Kriegsende unter sehr scharfer SS-Bewachung zumeist Italiener gefangen gewesen waren.

UNRRA-Teams betreuten am 19. Oktober 1945 neben den Camps Deggendorf, Winzer und Metten folgende Lager in der Region Deggendorf-Straubing:

  • Straubing mit maximal 1500 Hilfsbedürftigen; der Unterkunft sollte ein Haus für 100 Kinder zugesellt werden.

Am 15. Mai 1945 hatten rund 700 Überlebende der Flossenbürger KZ-Nebenlager Ganacker und Plattling, sowie der unterschiedlichen Todesmärsche im oberpfälzisch-niederbayerischen Raum ihren ersten Nachkriegs-G´ttesdienst in der wie durch ein Wunder unzerstörten, aber schwer beschädigten und aller religiösen Gegenstände beraubten Straubinger Synagoge feiern können. Darunter Israel Offmann, in Ganacker befreit, damals 19 Jahre alt und noch ganze 29 Kilogramm wiegend. Ein Angehöriger des katholischen Ordens der Barmherzigen Brüder, die bis heute in Straubing ein Krankenhaus betreiben, hatte ihn unter den Leichen unzähliger Juden des Flossenbürger KZ-Nebenlagers Ganacker und der Todesmärsche herausgezogen und mit persönlich-animalischer Wärme ins Leben zurückgeholt.

„Es hat so viele Juden gegeben, die nach dem Grauen der KZ mit G´tt haderten oder ihn gar leugneten“, erzählt Offmann. „Aber bei diesem G´ttesdienst der Geretteten zweifelte niemand an der Gegenwart G´ttes!“ Als im August 1945 die Sanierung und Restaurierung der 1907 eröffneten Synagoge begann, waren bereits alle Personen namentlich bekannt und veröffentlicht worden, die sich an ihrer Beschädigung und Entweihung vor allem zur Zeit des November-Pogroms von 1938 beteiligt hatten. Aus jeder Familie dieser Täter musste sich mindestens ein Mitglied beim örtlichen Arbeitsamt zur unbezahlten Sühnearbeit melden.

Den Todesmärschen allein der rund 2000 Häftlinge aus dem KZ Flossenbürg waren in Stadt und Kreis Straubing etwa 350 Personen zum Opfer gefallen. Um den 27. April 1945 herum wurden zwischen Cham und Straubing nur rund 300 Überlebende von US-Soldaten befreit und vorzugsweise in Häusern bekannter Nazis einquartiert. Auch zur Exhumierung und würdigen Bestattung wurden vor allem bekannte Nazigrößen herangezogen. Die Bevölkerung in den Städten, Marktgemeinden und Dörfern, in denen Tote gefunden und meist rasch verscharrt worden waren, war nicht nur aufgefordert, solche Notbegräbnisstätten zu melden, sondern wurde auch an den aufgebahrten Leichen vorüber geführt. Die US-Soldaten zwangen sie vor allem deshalb, weil bereits wenige Tage nach dem Ende des Krieges die Verdrängung begonnen hatte, ja, die Untaten eiskalt geleugnet wurden. Angesichts der Massen an Toten wurde dieses gemeine Leugnen nun als unzweifelhafte Lüge entlarvt.

In den exakten Ausländerzahlen für die Stadt und den Landkreis Straubing und den später eingegliederten Landkreis Bogen sind auch Zahlen der jüdischen DPs enthalten, laut der Meldung vom 19. Oktober 1945

  • In Furth bei Bogen, maximal 225,
  • in Muckenwinkling, maximal 175.

Stadt Straubing
Juli 1945, im Lager cirka 485 Personen, außerhalb 405,
November 1946, UNRRA-Camp: DP 799, Ausländer außerhalb des Camps 1615,
Juni 1947, IRO-Camp: DP 646,
Juli 1948, IRO-Camp: DP 317, Ausländer außerhalb des Camps 1118,
Dezember 1948, Ausländer außerhalb 965,
Juni 1949, Ausländer außerhalb 807,
Juli 1950, Ausländer außerhalb des Camps 540.

Landkreis Straubing
In Muckenwinkling und Ittling lebten
im Juli 1948 exakt 533 Ausländer außerhalb der Camps,
im Dezember 1948 noch 504,
im Juni 1949 exakt 433
im Juni 1950 noch 252.

Landkreis Bogen
In Furth bei Bogen waren es
Im Juni 1948 noch 157,
im Dezember 1948 noch 155,
im Juni 1949 noch 135
im Juni 1950 noch 110 Ausländer.

Am 16. August 1946 gab der Landrat von Deggendorf der Militärregierung folgende Zahlen bekannt:

  • In Deggendorf 1215 Juden unterschiedlicher Nationalität in der ALTEN KASERNE,
  • 176 im heutigen Stadtteil Mietraching und
  • 138 Juden aus der Tschechoslowakei im Bezirkskrankenhaus Deggendorf-Mainkofen.
  • Im Camp Natternberg (heute ebenfalls Stadtteil von Deggendorf) waren 875 DP unterschiedlicher Nationalität untergebracht,
  • auf einem landwirtschaftlichen Gut in Natternberg 38 Juden aus der Tschechoslowakei.
  • Im Camp Winzer hausten 449 Ukrainer,
  • Im Sanatorium Hausstein, Gemeinde Schaufling, cirka 20 jüdische Überlebende, die aus der ALTEN KASERNE in Deggendorf oder aus den befreiten Flossenbürger KZ-Nebenlagern Plattling und Ganacker dorthin gebracht worden waren. Dass jüdische Deutsche und Tschechen getrennt voneinander untergebracht waren, war schon in Theresienstadt beobachtet worden. Dort lebten die jüdischen Kinder aus beiden Nationen in getrennten Heimgruppen, wie sich die Wienerin Ruth Klüger erinnert.

Ferner gab es Lager

  • bis Mitte 1946 für bis zu 2200 Kriegsgefangene in Plattling,
  • für bis zu 12.000 NS-Verdächtige und Zeugen (Internierte) in Plattling, darunter um die 1000 SS-Soldaten,
  • für rund 4000 NS-Funktionäre und Zeugen in Natternberg. Die Zeugen, meist NS-Mitläufer geringer Bedeutung in der Partei, wurden für geplante Kriegsverbrecher-Prozesse festgehalten. Spätere Erzählungen zeigen, dass solche Mitläufer auch Jahrzehnte danach nicht begriffen, dass ihr Opportunismus das NS-Verbrechersystem erst ermöglicht und zwölf Jahre gestützt hatte. Dieses System der laut dem US-Sozial- und Politikwissenschaftler Daniel Goldhagen (*1959) „willigen Vollstrecker“ hatte einen Weltkrieg entfacht, an dessen Ende rund 60 Millionen Menschen tot waren und mit der Nutzung der Atomkraft als Waffe eine fortdauernde Bedrohung des Weltfriedens, ja der gesamten Menschheit geschaffen war. Spätere Vernehmungen durch US-Ermittler haben allerdings auch ergeben, dass zum Beispiel in diesem Natternberger Lager befreite Kriminelle lebten, auch solche aus Zuchthäusern und Gefängnissen. Deren Zellen waren von den Siegern geöffnet worden, weil sie sich als NS-Opfer geriert hatten.
  • 220 Kriegsgefangene befanden sich in einem Landshuter Camp, darunter rund 40 deutsche Generäle, die später nach Natternberg verlegt wurden. Und es gab Lager und Unterkünfte
  • für ungarische Kampfeinheiten, Regierungsmitglieder und –beamte in Metten und Iggensbach. Für an die 130.000 Ungarn, darunter etwa ein Drittel Familienangehörige alleine in Oberfranken, gab es keine wirklichen Gefangenen- und Internierungslager, sondern Unterbringungen in zahlreichen Dörfern und kleineren Gemeinschaften. Bis Mitte 1947 dürften mehr als 80.000 Ungarn in ihre Heimat zurückgekehrt sein. Bis dahin und oft noch Jahre weiter lebten Ungarn in Gruppen in einem abgestellten Zug in Osterhofen, im einstigen RAD-Lager Künzing, in Buchhofen, im Kloster Metten, in Michaelsbuch, Bad Aibling, Iggensbach, Beilngries-Hirschberg, im RAD-Lager Offenberg. Bis heute gibt es in Kastl ein Ungarisches Gymnasium.

Ferner gab es Lager

  • für Vertriebene und Flüchtlinge in Winzer, neben denen auch befreite polnische Zwangsarbeiter und Soldaten lebten,
  • für bis zu 8000 ukrainisch-russische Wlassow-Soldaten in Landau an der Isar, in Plattling und Michaelsbuch.
  • In dem Natternberger Lager waren auch Funktionäre der einstigen Hitler-Vasallenstaaten Osteuropas eingesperrt, so der Ex-Innenminister der Slowakei.
  • Bis zu 20.000 Kriegsgefangene waren in Cham, bis zu 15.000 in Tittling und etwa 2000 in Landau an der Isar.

Ein stetiges Ärgernis zwischen den in Deggendorf untergebrachten Juden und den US–, später den UNRRA-Betreuern war, dass schwerkranke KZ-Opfer entweder in das Sanatorium am Hausstein oder ins das Kinderheim Kostenz gebracht wurden und es dann zwischen dem DP-Camp 7 Deggendorf und den genannten Häusern keinen Kontakt mehr gab: Krankenbesuche waren mangels Transportfahrzeugen unmöglich! Dabei lag Hausstein nur 20 Kilometer von Deggendorf entfernt, Kostenz allerdings zwischen Straubing, Mitterfels und Cham nur mühsam erreichbar. Unter dem Titel: „Gemeinschaftsgeist – Achtung vor dem Einzelleben“ griff Dr. Isa Herrmanns (*1910 in Bonn) in der CENTER REVUE das Thema auf. Sie lebte mit Ihrem Vater Toni (*1878 in Wetzlar) in Deggendorf und wusste, wie wichtig Kontakte zwischen Kranken und ihren Angehörigen waren. „In den Jahren des Greuels 1933 bis 1945 hatte das einzelne Leben überhaupt keinen Wert. Verhaftungen, Krieg, Vernichtung: alles geschah in Massen. In den Lagern kämpfte die Ärzteschaft noch in altem Berufsethos Tage und Nächte um ein einziges Leben, während Millionen ins Gas gingen. Ende Oktober 1944 saßen wir in Terezin auf den Trümmern eine unbegreiflichen Ethik. Diese Zeiten haben wir überstanden; doch wir haben an Leib und Seele Schaden gelitten; denn anders könnte man manches nicht entschuldigen.“ Ehrfurcht vor jedem einzelnen Leben forderte sie ein, beschwor den Gemeinschaftsgeist: „Wir haben die Kranken aus Theresienstadt mitgebracht, und sie wollen bis zur Auswanderung unser Schicksal mit uns teilen. Dass manche zur Gesundung und zu unserer Sicherung vor Ansteckung an für sie geeignetere Plätze gekommen sind, enthebt uns nicht der Verantwortung für sie. U n s geht es an, wie es ihnen ergeht, wenn wir wirklich Gemeinschaftsgeist haben.“

Redaktion und Lagerleitung bemühten sich um eine Lösung. Doch das darin leider unsensible UNRRA-Team blieb dabei: „Uns geht das nichts an, die Regensburger Betreuer sind zuständig.“ Viele Angehörige von Patienten gerieten fast in Panik, glaubten nicht an eine medizinische Behandlung – sie trauten Deutschen nicht! Einige wagten es, klammheimlich nach Hausstein zu laufen, wohin 24 Insassen des DP-Camps 7 Deggendorf gebracht worden waren und einige starben.

Schindler sah das Elend der hilflosen, traumatisierten Ex-KZ-Häftlinge und brachte auf vollbeladenen US-LKW Lebensmittel nach Deggendorf. Er schaute sich im DP-Camp 7 um – und dann entdeckte er ihn, JOSEF LEIPOLD, einen üblen SS-Verbrecher. Er hatte sich dreist bei den Flüchtlingen und Zwangsausgesiedelten unter anderem aus Wolhynien und dem Warthegau (Polen) sowie den jüdischen Überlebenden aus Theresienstadt eingenistet. Leipold zu begegnen muss ein Schock für Oskar Schindler gewesen sein. Er informierte die Militärregierung, die in der Villa eines Deggendorfer Reeders residierte. Leipold wurde verhaftet.

Der Friseur und Kaufmann Josef Leipold war 1913 in Alt-Rohlau in den Sudeten geboren worden. Der Familienname ging auf den 1136 gestorbenen österreichisch-böhmischen Landespatron Luitpold Markgraf von Österreich zurück und war 1325/1345 in Böhmen bereits weit verbreitet – in Juden freundlicheren Zeiten auch unter integrierten jüdischen Familien. Untadelige Nachfahren der Familie des SS-Verbrechers Josef Leipold leben in Bayern, unter anderem auch in der Region Deggendorf. Nicht absolut geklärt werden konnten Hinweise auf eine jüdische Linie der ursprünglich böhmischen Familie: So war der jüdische Ehemann der Köchin Leipold, die 1853 als Witwe in Regensburg eine koschere Garküche führte, aus den Sudeten zugewandert.

Von Oktober 1935 bis September 1937 hatte Josef Leipold in der tschechoslowakischen Armee gedient, zuletzt als Feldwebel. Im November 1938 trat er in der mittlerweile von den Deutschen okkupierten Tschechoslowakei in die NSDAP ein, war zuvor aber auch schon Mitglied der illegalen Sudetendeutschen (Nazi-)Partei gewesen. Bereits im August 1938 hatte er sich der Allgemeinen SS angeschlossen. Als er im selben Jahr als Freiwilliger zum Wehrdienst einrückte, schickten ihn seine reichsdeutschen Vorgesetzten auf eine SS-Offiziersschule in Braunschweig. Leipold, der blindlings jeden Befehl befolgte und sich zu unsäglichen Grausamkeiten hinreißen ließ, war zuletzt SS-Obersturmführers der SS, dem Leutnantsrang der Wehrmacht vergleichbar.

Er wurde ins KZ Mauthausen versetzt, 1941 in eine Schreibstube des KZ Lublin. Als letzter Kommandant des im Herbst 1942 eröffneten KZ-Zwangsarbeiterlagers Budzyn von Januar bis Juni 1944 ließ er die bis zu 3000 Häftlinge einmal acht Tage hungern. Vier wieder eingefangene Ausbrecher ließ er stundenlang zwischen den lebensgefährlichen Elektrozäunen stehen. Alle Häftlinge wurden schließlich über Auschwitz und Plaszow nach Groß-Rosen verlegt. Von Oktober 1944 bis Februar 1945 war Leipold Lagerleiter in Brünnlitz und hier allmächtiger Chef der Schindler-Mannschaft. Oskar Schindler gelang es, Leipold in Schach zu halten, so dass diesem und seinen Mordgesellen zuletzt sogar der Zutritt in die Schindler-Firma untersagt war.

Unter den „Schindler-Juden“ verbreitete sich das Gerücht, Leipold habe sich selbst in den Fuß geschossen, um einem drohenden Fronteinsatz zu entgehen. Wahr ist aber, dass Schindler und vermutlich auch aktive SS-Offiziere Leipold „überredeten“, sich freiwillig zum Kampfeinsatz in der SS-Panzer-Division „Horst Wessel“ zu melden. Nicht nur SS-Offiziere, sondern auch solche der Wehrmacht durchstreiften in den letzten Monaten des Krieges wiederholt das Reich und die noch besetzten Gebiete, um kampffähige Männer einzufangen und an die Fronten zu schaffen: „Heldenklau“ nannten Menschen diese fanatischen Offiziere, die immer noch wider jegliche Vernunft den „Endsieg“ propagierten und zur Abschreckung zahlreiche versprengte Soldaten unabhängig von ihren Rängen oft ohne Urteil standrechtlich erschossen oder an Bäumen und Telefonmasten aufknüpften. Wie es Leipold gelungen war, der Kriegshölle der letzten Tage vor dem totalen Ende unter dem Feuer der Sowjets in das DP-Camp 7 Deggendorf zu entkommen, ist nicht bekannt.

Josef Leipold wurde am 23. Januar 1947 aus der Haft der Alliierten an Polen ausgeliefert. Nach einem rechtsstaatlich einwandfreien Prozess wurde er am 9. November 1948 in Lublin für nachgewiesene persönliche Mordverbrechen zum Tode durch den Strang verurteilt. Das Urteil wurde im März 1949 vollstreckt.[06]

Seit dem 10. Juni 2010 ist Oskar Schindlers ehemalige Emaillewarenfabrik in der Krakauer Lipowa-Straße das öffentliche Museum „Fabryka Emalia Oskara Schindlera“. Es beherbergt die Ausstellung „Krakau unter der deutschen Besatzung 1939 – 1945“.[07]

  1. W. Ritter von Leeb, Die Leeb vom Donaugau, Bibliothek Familiengeschichtlicher Arbeiten, Band XII, S. 88 f., Verlag Degener & Co, 1950. []
  2. Wie oben 1.; ferner Chronik: 80 Jahre Bezirkskrankenhaus Mainkofen, hier: H. Kapfhammer über 623 Euthanasieopfer; M.-E. Fröhlich-Thierfelder: Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen, S. 233 ff. in C. Cording: Die Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll/Regensburg im „Dritten Reich“; dortselbst Cording, Deggendorf betreffend, S. 177 ff, Deutscher Wissenschafts-Verlag, 2003. []
  3. P. Meroth: Vorschuß auf den Endsieg, STERN Nr. 25/1960, S. 86 ff; M. Waldherr: Die ‚Verfolgung des Oberforstmeisters Josef Planke im Dritten Reich, in PASSAUER JAHRBUCH LII/2010, S. 257 ff., ergänzende Mail Waldherrs an den Verfasser vom 13. 04. 2011. []
  4. E. Kandler sen., Geschichte der Alten Kaserne zu Deggendorf, ungedr. Manusk., 23. 06. 1975; Die Alte Kaserne wird in diesem Monat hundert Jahre alt, DEGGENDORFER ZEITUNG (DZ), 15. 08. 1968, o. V.; Nachrichten aus dem Wehrkreis VII, Jahrgänge unbekannt, unterschiedliche Verfasser aus dem Mannschafts-, Unteroffiziers- und Offiziersstand über die Kaserne Deggendorf; H. Vogt/Krefeld-Hüls: Tel. Mitteilungen über seine Dienstzeit 1935/37 in Deggendorf am 04. 05. 2011 dank der Vermittlung seiner Großnichte S. Ebner-Gamarra, Mitarbeiterin der Dr. Buchmüller-Klinik Am Stadtpark, DEG; Ergänzungen über Feldmarschall Walter von Reichenau siehe WIKIPEDIA, zuletzt aufgerufen am 04. 05. 2011; „Reichenau-Befehl“ mit Reichenau-Begleitschreiben siehe Kriegstagebuch, Anlage Nr. 1032, Geheimstempel zu Oberkommando der Heeresgruppe Süd, Ia Nr. 2682/41 geh., mit Unterschriften der Kommandeure, inklusive General der Pioniere Koluft und Generalfeldmarschall Gert von Rundstedt; Alte Kaserne: Eine kleine Stadt am Rande der Kleinstadt, DZ 06. 03. 1952, Autor: ps (Pseudonym vermutlich für Peter Schäfer); Kameradschaft überdauerte an die 50 Jahre, PLATTLINGER ANZEIGER (PA), 09. 05. 1991, Autor: ss (ein verunglücktes Pseudonym für den Polizist und freien Mitarbeiter Schorsch – eigentlich Georg! – Suttner); Aaron Kirsch/Elberfeld, sel. A. 1956, J. Niesing/Coesfeld, + 2007: Erinnerungen. []
  5. Briefwechsel F. E. Scharf-S. M. Westerholz seit 1970; S. M. Westerholz: Die Mauer des Schweigens – Stadt und Landkreis Deggendorf in der NS-, Kriegs- und Nachkriegszeit, Herausgeber S. M. Westerholz/ R. Meister, Deggendorf, Verlag Ebner, DEG, 1995; H. Feichtinger: Baden und Schwimmen in Deggendorf, www.hans-feichtinger.de/feichtinger/schwimmsport, zuletzt aufgerufen: 11. 03. 2011; zur DEGGENDORFER GNAD siehe www.hagalil.com , 14., 19. und 27. 07. 2009, oder unter Google: S. Michael Westerholz. Über Emma und Leopold Röderer vergl. S. Wittmer: Regensburger Juden, Universitätsverlag Regensburg, 1996, S. 412. []
  6. E. v. Salomon, Der Fragebogen, darin Lagererlebnisse in Plattling und Natternberg, Rowohlt- Verlag Hamburg, 1951; Leipold wie oben 6 und PemperWiki, Kap. 10. Da Leipold-Daten in den verschiedenen Veröffentlichungen stark voneinander abweichen, wurden die häufigst übereinstimmenden verwendet. Zu den Lagern R. Klüger: weiter leben, dtv. 17. Auflage März 2010, S. 195, 197; H. Erwert: Feuersturm, Zigarettenwährung und Demokratie, Verlag Attenkofer, Straubing, 1998, S. 206 ff.; Erinnerungen der Maria Denk/Deggenau über das Lager Deggenau; T. Bullemer: Das Kriegsende in Cham, S. 95 f. , Stadtarchiv Cham; F. Markmiller in Der Storchenturm, Heft 59, 31. Jgg. 1996: Am 1. Mai 1945: Katastrophales Ende Zukunftsorientierter Neubeginn; freundl. Mitteilung des Stadtarchivs Landshut und eigene Archivalien-Sammlung; Dr. I. Herrmanns in CENTER REVUE Nr.5 v. 12. 01. 1945, S. 7. []
  7. Wikipedia, Oskar Schindler, zuletzt aufgerufen am 19. 05. 2011. []

4 Kommentare zu “SA-Heim, Auffanglager und Psychiatrie auf dem Leeb-Gut zu Mainkofen

  1. Sehr geehrter Herr Westerholz,
    auf die Fortsetzung bin nicht nur ich schon sehr gespannt, sondern ebenso andere Leser.
    Wie ich kürzlich erfahren habe, nimmt eine immer größer werdende Anzahl engagierter und interessierter Bürger, darunter auch mehrere ev. Pfarrer, aus unserer näheren und ferneren Umgebung, Anteil an dem, was wir auf haGalil veröffentlichen. Möge es uns und unseren Lesern gelingen immer mehr Menschen zu sensibilisieren und den längst überfälligen Wandel, unser Anstand, unser Gewissen, unsere Ehre fordern es, einzuleiten.
     
    Was ich Ihnen noch mitteilen wollte: Mein Kellnberger-Wehrmachtsdeserteurs-Artikel stieß auf ein sehr geteiltes Echo. Auf der einen Seite dankbare und anerkennende Zustimmung, auf der anderen schroffe Ablehnung.
    Ich habe mich mit meinen Kritikern eingehender unterhalten.
     
    So teilt offensichtlich eine größere Anzahl unserer niederbayerischer Mitbürger folgendes Weltbild: Deutschland traut man durchaus noch eine beträchtliche Menge an ‚Leichen im Keller‘ (m.a.W.: unbekannt gebliebene nationale Schweinereien der Vergangenheit) zu – nicht jedoch Bayern. Bayern wird verklärt als der letzte Hort, ja – als der Rückzugsort, als das Refugium der Anständigen im Lande. Auf Deutschland zu schimpfen, fällt vielen Niederbayern leicht. Die eigene (bayerische) Region in Misskredit zu bringen – nein – niemals, ‚da sei Gott davor!‘. Diese Haltung verhindert bei Menschen, keineswegs nur der Unterschicht, sich eingehender auch mit kritischen Themen, wie etwa der Minderheitengeschichte Niederbayerns oder sogar Bayerns generell, zu beschäftigen. Man will es nicht. Will vielmehr um jeden Preis das unbefleckte Eigenbild bewahren, behalten, konservieren.
     
    Die Mauer im Kopf (oder Herzen) existiert also nicht nur bei der CSU-Regierung, die es so geschickt ‚versäumt‘ hat, die Menschen über ihre wahre Geschichte in Kenntnis zu setzen, sondern bei vielen unserer Mitbürger höchstselbst.
     
    Es liegt daher noch allerschwerste Kärnerarbeit vor uns diese gedankliche bzw. gefühlsmäßige Wand allmählich und mit argumentativer Überzeugungskraft einzureißen! Begrüßenswert und erfreulich: die ersten Löcher und Risse im einst so stabil erscheinenden und doch morschen Mauerwerk sind bereits auszumachen.

  2. Sehr geehrter Herr Schlickewitz,
    herzlichen Dank für die Ergänzungen. Vor allem der Bericht über den Tod eines GNAD-Besuchers war mir unbekannt. In der bevorstehenden Fortsetzung der Geschichten aus der ALTEN KASERNE kann ich weitere Neuigkeiten zur unseligen, gnadenlosen GNAD mitteilen. Sie betreffen einen Überlebenden aus Terezin, Dr. Treitel, und einen Regensburger Rabbiner. Hier finden Sie dann auch den Hinweis auf einen Stadtpfarrer Dr. Stich, dem wie Grashey und Hindenburg eine Straße gewidmet ist – wie lange noch? 
       

  3. Schau, schau, auf dem München-Sollner Waldfriedhof liegt er begraben, der Wilhelm von Leeb:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_von_Leeb
     
    Und sein Bruder Emil Leeb war sogar an der Entwicklung von B-Waffen (Bio-Waffen) beteiligt:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Emil_Leeb
     
    Eine ‚feine‘ Familie, die Leebs.
     
    Der Radiologe Grashey – seine Biografie enthält eine Menge Fragezeichen. Der Wikipedia-Eintrag verschweigt bedauerlicherweise ebenfalls mehr als über den Mann inzwischen bekannt geworden ist. Zum Beispiel das tragische Schicksal von dessen Sohn (Tod im KZ). Bezeichnend für unsere derzeitige ‚Schwamm-drüber‘-Mentalität ist ferner dieser Wortlaut:
    Grashey zählt zu den bekanntesten Söhnen Deggendorfs. In seiner Heimatstadt wurde ein Denkmal für ihn errichtet und eine Straße nach ihm benannt. Im Mai 2007 wurden Denkmal und Straßenbenennung unter Hinweis auf Grasheys Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus in Frage gestellt. Die Stadt beauftragte einen Historiker mit Nachforschungen und sprach sich gegen vorschnelle Entscheidungen aus: Eine NSDAP-Mitgliedschaft alleine sei kein Grund für die Rücknahme der kommunalen Ehrungen.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Grashey
     
    Walter von Reichenaus Einstellung gegenüber „Untermenschen“ geht hier deutlich hervor:
    Am 10. Oktober 1941 erließ er den so genannten „Reichenau-Erlass“, der bis hinunter auf die Ebene der Kompanien verteilt und vorgelesen wurde:

    „[…] Das wesentlichste Ziel des Feldzuges gegen das jüdisch-bolschewistische System ist die völlige Zerschlagung der Machtmittel und die Ausrottung des asiatischen Einflusses im europäischen Kulturkreis. Hierdurch entstehen auch für die Truppe Aufgaben, die über das hergebrachte einseitige Soldatentum hinausgehen. Der Soldat ist im Ostraum nicht nur ein Kämpfer nach den Regeln der Kriegskunst, sondern auch Träger einer unerbittlichen völkischen Idee und der Rächer für alle Bestialitäten, die deutschem und artverwandtem Volkstum zugefügt wurden. […] Deshalb muß der Soldat für die Notwendigkeit der harten, aber gerechten Sühne am jüdischen Untermenschentum volles Verständnis haben. Sie hat den weiteren Zweck, Erhebungen im Rücken der Wehrmacht, die erfahrungsgemäß stets von Juden angezettelt wurden, im Keime zu ersticken. […]“

    Adolf Hitler bezeichnete den Reichenau-Erlass als „ausgezeichnet“ und befahl allen Armeekommandanten an der Ostfront, Reichenaus Beispiel zu folgen.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Walter_von_Reichenau
     
    Der erwähnte Stadtpfarrer Josef Pommer, ein Goldener-Ehrenring-Träger der Stadt Deggendorf (seit 1989):
    http://www.deggendorf.de/index.php?id=766&L=0
     
    Die Abhaltung der wahnwitzigen ‚Gnad‘-Wallfahrt zu Deggendorf kostete offensichtlich auch so manchem Katholiken das Leben, wie aus einem alten Artikel hervorgheht, einzukalkulierende Kollateralschäden, eben:
     
    Artikel in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 9. Oktober 1872: „Aus Bayern, 2. Oktober (1872). In dem niederbayerischen Städtchen Deggendorf findet in diesen Tagen (vom 29. September bis 5. Oktober) die Feier der ‚Gnadenzeit‚ statt. In dichten unabsehbaren Scharen wandern die Gläubigen aus weiter Ferne, namentlich aber aus Böhmen, zu dem ausgestellten Gnadenbilde, um des päpstlichen Ablasses teilhaftig zu werden. Fragen wir nun, aus welchen Gründen diese Kirchenfeierlichkeit abgehalten wird, so erhalten wir die Antwort: sie ist der Erinnerung an einen Massen-Judenmord gewidmet. Es war nämlich im Jahre 1337, als die in Deggendorf wohnenden Juden des Diebstahls einer Hostie beschuldigt wurden; ohne weitere Untersuchung wurde die Niedermetzelung der ganzen Judengemeinde beschlossen und so fanden etwa 400 Personen, Männer, Weiber und Kinder, unter schrecklichen Misshandlungen ihren Tod. Um nun diese edle im Namen der Kirche und der Religion begangene Tat den Nachkommen in Erinnerung zu halten, findet alljährlich in Deggendorf eine besondere Kirchenfeierlichkeit statt, deren Teilnehmern von Seiten des Papstes vollkommener Ablass verliehen wird. Wir sehr übrigens derartige der Erinnerung an einen Massenmord gewidmete Kirchenfeierlichkeiten den Geist der Humanität befördern, dafür möge der Umstand den Beweis liefern, dass bereits am ersten Tage des Festes mehrere Raufereien in Deggendorf stattfanden; ein zwischen zwei Burschen entstandener, mit Messern geführter Streithandel endete damit, dass der eine Bursche sofort tot auf dem Platze liegen blieb, während der andere eine tödliche Verletzung erhielt. (Frankfurter Zeitung).“

    http://www.alemannia-judaica.de/deggendorf_juedgeschichte.htm

    Hier Biographisches zu Emilie Schindler:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Emilie_Schindler
     
     
    Danke an Herrn Westerholz für seine Mühe um die Aufarbeitung unserer Geschichte und danke bes. für die detaillierten Angaben zu KZ-Leiter Josef Leipold; über den ist nämlich in den einschlägigen Nachschlagewerken (Klee, Weiß, Wistrich) zum „Dritten Reich“ und im Internet nichts Konkretes zu finden gewesen – außer dem Eintrag von wikipedia/Polen:
    http://pl.wikipedia.org/wiki/Josef_Leipold
     
     

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