„Es wird noch sehr blutig werden“

Der 34jährige Ahmad Omari aus Damaskus (Name aus ­Sicherheitsgründen geändert) ist Aktivist der syrischen Freiheitsbewegung rund um das über Facebook initiierte Netzwerk »Syrian Revolution«. Von Beruf ist er selbständiger Innenarchitekt…

Interview: Siamend Hajo
Jungle World v. 5. Mai 2011

Viele sagen, die syrische Revolution habe mit Facebook angefangen. Stimmt das?

Ja, bei uns in Syrien war Facebook ebenso die treibende Kraft wie in Tunesien und Ägypten. Am Anfang war es das wichtigste Medium, um zu mobilisieren. Mittlerweile sind BBC-TV und die Fernsehsender al-Arabiya und al-Jazeera ebenfalls sehr wichtig geworden. Auch sie berichten, wenn eine Demonstration geplant ist. Allerdings beziehen auch sie ihre Informationen oft von den verschiedenen Facebook-Seiten. Mittlerweile gelangen fast alle Informationen und Videofilme über das Internet an die Öffentlichkeit. Ohne Internet wäre unser Aufstand in dieser Form nicht möglich.

Die für die Mobilisierung in Syrien wichtigste Facebook-Seite »The Syrian Revolution 2011« hat mittlerweile über 165 000 »Fans«. Hat der syrische Staat versucht, Ihre Seite zu stoppen?

Die Seite hätte viel mehr Freunde, wenn es in Syrien schon länger möglich gewesen wäre, auf Facebook zuzugreifen. Bis vor zwei Monaten konnte Facebook nicht legal genutzt werden, das ging nur über technische Umwege. Dass das Regime sich entschlossen hat, den Zugang zu Facebook zu legalisieren, hat jedoch nichts mit einer Liberalisierung zu tun. Es geht allein darum, Internetnutzer effektiver zu kontrollieren und zu verfolgen. Es wurden bereits zahlreiche Personen festgenommen, weil sie zu Hause oder im Internetcafé regimekritische Seiten angesehen haben. Ich kenne Leute, die zu Hause vom Geheimdienst abgeholt worden sind. Der Geheimdienst hat die Leute samt ihrem PC mitgenommen und extra viel Aufmerksamkeit erregt, damit alle Nachbarn sehen, was passiert, wenn man sich die falschen Seiten ansieht. Dieses Vorgehen soll abschreckend wirken.

Wie ist es überhaupt möglich, in einem Überwachungsstaat wie Syrien eine Seite wie die »Syrian Revolution« zu machen?

Es ist sehr schwierig. Gleichzeitig nutzen Millionen das Internet. Allein aufgrund dieser Masse von Nutzern hat der Staat nicht die Möglichkeit, jeden Einzelnen zu überprüfen. Wie gesagt, wenn die Geheimdienste doch herausfinden, dass regimekritische Seiten besucht werden oder dass jemand sogar selbst kritische Inhalte ins Netz stellt, werden die Leute festgenommen und zumeist gefoltert.

Wie kommt es, dass gerade in den zwei größten Städten Syriens, in Damaskus und Aleppo, bislang vergleichsweise wenige Menschen gegen das Regime demonstrieren?

Zum einen ist die Mittelschicht noch nicht bereit, sich am Aufstand zu beteiligen. Die Mittelschicht, die in diesen beiden Städten stark ist, hat etwas zu verlieren. Sie denkt an ihren Profit, will ihre Geschäfte und Unternehmen nicht schließen oder deren Existenz gefährden, um sich an Demonstrationen zu beteiligen. Ein Teil hat sich zudem mit den Herrschenden arrangiert und profitiert direkt vom Regime. Gleichzeitig ist der Geheimdienst in diesen zwei Städten überdurchschnittlich präsent. In jeder Straße stehen Mitarbeiter irgendeines Dienstes, das schüchtert die Menschen natürlich ein. Als in Damaskus die Studenten protestiert haben, wurden sie innerhalb von Minuten auseinandergetrieben und geschlagen, viele sind festgenommen worden. Man könnte meinen, dass es an der Universität Damaskus inzwischen mehr Geheimdienstler als Studenten gibt. Sobald sich irgendwo an einem wichtigen Ort in Damaskus oder Aleppo eine Gruppe von drei, vier Leuten versammelt, ist der Geheimdienst da. Es hat in beiden Städten immer wieder Versuche gegeben zu demonstrieren, aber der Geheimdienst hat sofort eingegriffen.

Hat der Geheimdienst denn so viele Mitarbeiter?

Ein Freund von mir arbeitet bei einer Behörde, unter seiner Aufsicht stehen um die 1 500 Beamte. Seit Wochen sind diese Beamten verpflichtet, am Freitag und Samstag auf die Straße zu gehen. Dabei handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Tatsächlich werden die meisten Beamten in Damaskus gezwungen, sich freitags und samstags, wenn sie eigentlich frei hätten, an ihrem Arbeitsplatz einzufinden. Von dort werden sie mit Bussen abgeholt und vom Geheimdienst zu bestimmten Orten gebracht. Sie werden mit elektrischen Knüppeln aus dem Iran ausgestattet, und wenn es eine Demonstration gibt, müssen sie zuschlagen und die Leute auseinandertreiben. Einige weigern sich und werden festgenommen. Trotz dieser Repression steigt die Zahl der Demonstranten auch in Damaskus und Aleppo.

Es wird zuweilen behauptet, Bashar al-Assad habe gar nicht die Kontrolle über den Geheimdienst, er sei daher nicht verantwortlich für die brutale Niederschlagung des Aufstandes.

Ich glaube nicht an dieses Märchen. Bashar ist bestens informiert und für den Tod der Menschen verantwortlich. Es ist nichts als Propaganda seines Apparates, dass er eigentlich modern und reformbereit sei. Das ist Unsinn! Die Haltung der Armee ist weniger eindeutig. Viele Soldaten wollen nicht auf Demonstranten schießen, in Deraa wurden bereits einige von ihnen vom Geheimdienst umgebracht. Ein Bekannter von mir dient bei der fünften Einheit, die in Deraa stationiert ist. Er hat bei seinen Eltern angerufen und ihnen gesagt, dass ihre Einheit sich bisher weigert, auf Demonstranten zu schießen. Auch er will das nicht. Er sagt, es könne passieren, dass er deshalb umgebracht wird.

Wie wird es in Syrien weitergehen? Wird Bashar al-Assad zurücktreten?

Es wird noch sehr blutig werden. Bashar al-Assad wird nicht so schnell seinen Platz räumen. Dieses Regime ist gewillt, noch viele Menschen umzubringen, um sich selbst zu retten. Aber zum Schluss wird Bashar al-Assad gehen müssen.

Welche Rolle werden die jungen Menschen, die die treibende Kraft der Revolte sind, in einem neuen Syrien spielen?

Sie werden eine wichtige Position einnehmen. Mehr als 65 Prozent der Gesellschaft besteht aus Menschen unter 25 Jahren. Viele von ihnen sind jetzt politisiert, sie werden es sich nicht nehmen lassen, bei der Neugestaltung der syrischen Gesellschaft eine Rolle zu spielen.

Und werden auch radikale Islamisten eine Rolle spielen? Wie mächtig sind die Muslimbrüder? In Europa wird befürchtet, dass es nach einen Sturz Assads zu ethnischen oder religiösen Konflikten kommen wird.

Das ist Unsinn. Der Apparat verbreitet diese Gerüchte. Es ist doch der Staat selbst, der seit vielen Jahren radikale Gruppen protegiert. Wer unterstützt denn die Hamas in Palästina und die Hizbollah im Libanon? Viele radikale islamistische Gruppen, die Selbstmordanschläge und andere Aktionen im Irak durchführen, erhalten bis heute Unterstützung. Viele dieser radikalen Gruppen unterhalten Trainingslager in Syrien oder im Libanon, die sozusagen unter der Schirmherrschaft des syrischen Staates stehen. Insbesondere die Rolle der Muslimbrüder wird übertrieben. Sie sind nicht so stark, wie gerne getan wird. Die treibende Kraft dieser Revolution sind die jungen Leute und nicht irgendeine politische Richtung oder Partei. Und diese jungen Leute haben überall im Land dieselben Ziele. Bei allen Demonstrationen wird gerufen: »Syrien ist eine Hand« und »Syrien ist eine Einheit«. Diese Slogans sind dieselben, ganz egal, ob man sich in überwiegend syrisch-alawitischen, sunnitischen oder kurdischen Städten befindet.

Diese Slogans sind nicht sehr konkret. Welche Forderungen haben die Demonstranten?

Sie wollen Freiheit und Gleichheit. Sie wollen Demokratie. Dieser Staat ist durch und durch korrupt und ein Unrechtsstaat. Wir haben mindestens 13 Geheimdienste. Jeder Mitarbeiter des Geheimdienstes kann dich aus einem nichtigen Grund mitten auf der Straße, zu Hause, einfach überall, beleidigen, schlagen, mitnehmen. Und du kannst nichts dagegen machen. Es gibt keine Menschenwürde in diesen Staat. Dieser Staat ist ein Staat der Geheimdienste und der Familie Assad und ihrer Freunde. Sie beuten ihn für sich aus. Junge und Alte, alle wollen endlich ein freieres und gerechteres System.

Aus Deraa ist immer wieder zu hören, dass das Ausland intervenieren soll. Wie soll eine solche Intervention aussehen?

In Deraa sterben täglich Menschen. Entweder durch Schüsse des Geheimdienstes und des Militärs oder aufgrund der Einkesselung der Stadt durch Armee und Geheimdienste. Es gibt seit fast zwei Wochen keine Strom- und keine Wasserversorgung. Im Moment ist aber niemand in Syrien dafür, dass ausländisches Militär ins Land einmarschiert oder aus der Luft angreift. Die westlichen Regierungen sollten Bashar zusichern, dass er, wenn er jetzt das Land verlässt, später nicht vor ein internationales Gericht gestellt wird. Er ist noch jung, steht nicht kurz vor dem Tod wie Mubarak. Er soll mit seinen Kinder und seiner Frau den Rest seines Daseins in einem schönen Land verbringen. Sollte er auf diesen Vorschlag nicht eingehen, sollte ihm unmissverständlich klar gemacht werden, dass er für die Ermordung von Tausenden von Menschen zur Verantwortung gezogen werden wird. Ich glaube, eine solche Strategie würde Wirkung zeigen. Wenn nicht, und wenn auch klassische Sanktionen wie ein Embargo, Reisebeschränkungen oder das Einfrieren von Geldern nicht helfen, dann sollte auch über eine militärische Intervention nachgedacht werden.

*Name von der Redaktion geändert