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Als die Fahne mit dem Davidstern über Dachau wehte

Nach der Shoa gründeten Überlebende am Ort des Terrors eine Gemeinde…

Von Jim G. Tobias

Die kleine Stadt vor den Toren Münchens ist weltberühmt: Als „Schule der Gewalt“ wurde hier 1933 mit dem KZ Dachau ein Modell für alle späteren NS-Konzentrationslager errichtet. In den zwölf Jahren seiner Existenz verschleppten die Nazis rund 200.000 Menschen an diesen Ort des Grauens. Über 40.000 politische und jüdische Häftlinge sowie sowjetische Kriegsgefangene fielen den NS-Mördern zum Opfer.

Nach der Befreiung am 29. April 1945 konnten die US-amerikanischen Truppen noch rund 30.000 Häftlinge retten. „Alle Lagerinsassen, Juden und Nichtjuden, brennen darauf, das Lager zu verlassen“, berichtete die deutsch-jüdische Zeitung AUFBAU schon wenige Tage später. Doch aufgrund einer Typhusepidemie dauerte es noch drei Monate, bis die Überlebenden wirklich frei waren. Zur „Aufrechterhaltung der Sicherheit und Ordnung“ gründeten die ehemaligen Gefangenen ein „Internationales Häftlings-Komitee“, in dem alle Nationen vertreten waren. Da die rund 2.000 Juden jedoch keinen Delegierten in dieses Gremium entsenden durften, wählten sie eine eigene Interessenvertretung, das „Zionistische Zentrum“, und hissten als Ausdruck ihrer nationalen Identität an einem Wachtturm die blau-weiße Fahne mit dem Davidstern. Etwa zu dieser Zeit verfasste ein ehemaliger Häftling einen Hilferuf: „Von Gott verlassen leben wir hier in Dachau und wissen immer noch nicht, wann wir diese als Hölle bekannten Welt verlassen können“.

Im Gegensatz zu den nichtjüdischen Überlebenden hatten die Juden, insbesondere die vielen osteuropäischen, keine Heimat mehr, in die sie zurückkehren konnten. Ihre Gemeinden waren zerstört und ihre Angehörigen ermordet worden. Deshalb errichtete die Besatzungsmacht für diese Menschen eigene Displaced Persons (DP) Camps beziehungsweise brachte sie in Wohnungen und Häusern unter, aus denen die deutsche Zivilbevölkerung zuvor ausquartiert worden war. Mitten im Land der Täter warteten die jüdischen DPs sehnsüchtig darauf, in Palästina beziehungsweise in Amerika, Kanada oder Australien eine neue Heimat zu finden. Doch der Staat Israel wurde erst im Mai 1948 gegründet und die klassischen Emigrationsländer hielten ihre Tore zunächst fest verschlossen.


Briefkopf Jüdisches Komitee Dachau. Repro: jgt-archiv

Im Dezember 1945 waren 110 Juden in der Stadt Dachau registriert, die sich zum „Jewish Committee Dachau“ zusammengeschlossen hatten. Es liegt nahe, dass es sich bei diesen Personen um befreite Häftlinge handelte. Doch drei Monate später lebten knapp 200 jüdische DPs in der Stadt, deren Anzahl bis November 1946 auf über 300 anwuchs. Was war geschehen? Pogromartige Ausschreitungen gegen Shoa-Überlebende in Polen und anderen osteuropäischen Staaten hatten eine panische Fluchtwelle in Richtung Westen ausgelöst. So zählte man im Sommer 1946 rund 34.000 Juden allein im Distrikt München (Oberbayern und Schwaben), die bestehenden Auffanglager waren überfüllt, sodass immer mehr jüdische Flüchtlinge in Städten untergebracht werden mussten.

Wie in allen DP-Gemeinden und -Lagern wurde die politische Führung demokratisch gewählt. In Dachau leiteten Joel Sack und Isidor Seligmann die Geschicke der jüdischen Gemeinschaft, deren Administration in den Räumen des Cafés „Alt Dachau“ in der Frühlingstraße 4 residierte. Schnell entwickelte sich ein ausgeprägtes soziales und kulturelles Leben. Ihre Freizeit verbrachten die DPs im Gasthaus „Unterbräu“, das sich ins „Jewish Culture Home Dachau“ verwandelt hatte. Zum Pessach-Fest 1946 versammelte sich wahrscheinlich hier die Gemeinde, um den Auszug der Israeliten aus Ägypten und ihre Befreiung aus der Sklaverei zu feiern. Für viele DPs war damit aktuell die Hoffnung auf eine rasche Einwanderung nach Erez Israel verbunden.


Pessach-Feier in Dachau 1946. Das Foto wurde wahrscheinlich im „Jewish Culture Home“ aufgenommen. Repro: ushmm

Im jüdischen Kulturheim sollte auch eine eigene Bibliothek entstehen, wie ein Brief an das „Zentralkomitee der befreiten Juden“ in München dokumentiert. „Bis jetzt haben wir aber noch kein Buch erhalten“, klagte der Vorsitzende im August 1946, „wir schöpfen noch aus dem Wissen, das uns vor dem Krieg geblieben ist – aber das ist wenig.“ Zumindest für die Schulkinder waren offensichtlich Bücher vorhanden. An der kleinen jüdischen Volksschule unterrichtete eine Lehrkraft zehn Schüler und brachte den Jungen und Mädchen die hebräische Sprache, Lesen, Schreiben und Rechnen bei. Gleichzeitig erfuhren die Kinder im Fach Palästinografie erste Informationen über ihr zukünftiges Zuhause im noch zu gründenden jüdischen Staat. Denn es bestand die feste Überzeugung, „dass diese Kinder unbedingt nach Palästina gebracht werden müssen!“ Im Sommer 1947 lebten 43 Kinder in Dachau; darunter waren 16 Säuglinge, die entweder in der Stadt oder in der jüdischen Klinik in München Bogenhausen das Licht der Welt erblickt hatten.

Die Juden in Dachau bildeten eine sehr junge Gemeinschaft. Keiner der 183 Männer und keine der 130 Frauen war älter als 45 Jahre. Wie im Übrigen auch die Mitglieder des Kibbuz Nizanim (dt. etwa Neubeginn), der am Rande Dachaus auf einem Gehöft im Ortsteil Rothschwaige errichtet worden war. Auf dem sogenannten Hachscharot-Kibbuz erhielten die jungen Leute Grundkenntnisse von Ackerbau und Viehzucht, um später in Israel als Landwirte beim Aufbau des Staates mitzuhelfen. Die teilweise über 100 Mitglieder des Kibbuz Nizanim gehörten der Organisation Hanoar Hazioni (dt. Zionistische Jugend) an und bestellten zirka 90 Hektar Boden. Der deutsche Eigentümer, der große Teile seines Anwesens auf Befehl der Militärregierung abtreten musste, durfte jedoch weiterhin auf dem Bauernhof wohnen und seine Felder bestellen. Im Frühjahr 1948 löste sich der Kibbuz auf, die Beschlagnahmung wurde aufgehoben und der deutsche Landwirt konnte wieder vollständig über seinen Hof verfügen. Die jüdischen Bauernschüler hatten sich auf den Weg nach Israel gemacht.

Auch das städtische „Jewish Committee Dachau“ zerfiel gegen Ende der 1940er Jahre. Zu welchem Zeitpunkt der letzte Jude die Stadt verlassen hat, ist nicht bekannt. Komiteevorstand Joel Sack meldete sich mit Ehefrau Gina jedoch schon am 13. Februar 1948 mit dem Ziel USA ab.