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Psychoanalyse und Geschichte: Über die antisemitische Volksgemeinschaft

Gegenwärtige wie vergangene gesellschaftliche Prozesse sind ohne eine sozialpsychologische Perspektive nicht umfassend zu verstehen. Dies gilt insbesondere für irrationale, totalitäre Massenbewegungen wie den Nationalsozialismus und seine historischen Nachwirkungen. Warum folgten Millionen Deutsche einem autoritären Führer und seinen menschenverachtenden ideologischen, gesellschaftspolitischen und militärischen Zielen? Warum ordnen sich Menschen in destruktiv ausgerichtete imagined communities wie der nationalsozialistischen »Volksgemeinschaft« ein und nach welchen sozialen und psychischen Mechanismen erfolgt diese Einordnung? Wie war es möglich, dass zahlreiche Mitglieder dieser Volksgemeinschaft die von der Propaganda der Nationalsozialisten zum Feind erklärten Minoritäten ohne größere Widerstände verfolgten und ermordeten?…

Aus der Einleitung der Herausgeber zu „Volksgemeinschaft, Täterschaft und Antisemitismus – Beiträge zur psychoanalytischen Sozialpsychologie des Nationalsozialismus und seiner Nachwirkungen“ erschienen im Psychosozial Verlag.

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Markus Brunner, Jan Lohl, Rolf Pohl, Sebastian Winter

Aber nicht nur der in der Schoah kulminierende Nationalsozialismus, sondern auch die deutsche Geschichte nach 1945 bleiben ohne eine Analyse signifikanter psychosozialer Prozesse und Dynamiken nicht begreifbar. Der Versuch, diese Geschichte zu verstehen, kann (auch selbstreflexiven) Auseinandersetzungen mit dem Verhältnis von Kontinuitäten und Brüchen im und nach dem Übergang in die postnationalsozialistischen deutschen Gesellschaften, mit Fragen der Schuld und ihrer Abwehr, mit Erinnerungslücken, nationalen Identifizierungen und den Erscheinungsformen des sekundären Antisemitismus nicht ausweichen. Angesichts ihrer unbewussten Bedeutungsgehalte lassen sich die genannten Phänomene nur unter systematischer Einbeziehung psychoanalytischer Begriffe und Konzepte angemessen fassen. Hier muss historisch und psychologisch genauer jenen allgemein gehaltenen grundsätzlichen Fragen nachgegangen werden, die Rüsen und Straub angesichts des Vorherrschens individueller und kollektiver Abwehrmechanismen im Umgang mit dem Nationalsozialismus stellen: »Wie werden historische Erfahrungen unbewußt gemacht? Was geschieht mit ihnen im Unbewußten? Wie wirken sie als unbewußte in der historischen Erinnerungsarbeit in den verschiedenen kulturellen Sparten (einschließlich der Wissenschaft)?« (Rüsen/Straub 1998, S. 10; vgl. Plato 2004, S. 94)

Kognitionspsychologische Ansätze, »rational choice«-Theorien oder kybernetische Modelle der Psychologie, die zur affektiven Aufladung von Denk- und Handlungsmustern wenig zu sagen haben, helfen hier nicht weiter.
Das lässt sich am Beispiel der sozialpsychologischen Antisemitismusforschung gut verdeutlichen: Das antisemitische Ressentiment ist kein bloßes soziales Vorurteil, das als Folge einer defekten Informationsverarbeitung begriffen, mit kognitionspsychologischen Ansätzen der Einstellungsforschung erklärt und durch rationale Aufklärung oder lerntheoretisch orientierte Erziehungs- und Trainingsprogramme überwunden werden kann. Die psychischen Wurzeln des Antisemitismus liegen im unbewussten Affekthaushalt, d. h.: Die Hauptantriebskraft antisemitischer Einstellungen und Gewalttaten ist eine tief sitzende, bis zum Hass steigerbare Feindseligkeit, die letztlich aus einer spezifischen Umwandlung sozialer und persönlicher Ängste entsteht und unter der NS-Herrschaft aufgrund einer propagandistisch gelenkten Transformation sozialer Wahrnehmungsmuster ein fatales Bündnis mit gesellschaftlich hegemonial werdenden Bildern eingegangen ist.

Die Konzepte der sozialkognitiven Vorurteilsforschung reichen trotz ihrer neueren Fokussierung auf »implizite Vorurteile« an diese unbewusst-affektive Tiefendimension nicht heran. Daher ist die Irrationalität der Judenfeindschaft ohne den Versuch einer Vermittlung von individuellem und gesellschaftlichem Unbewussten, damit ohne eine Integration der subjekttheoretischen Perspektive der Psychoanalyse in die Untersuchung sozialer und historischer Vorgänge, nicht zu verstehen (vgl. Adorno 1955; Rensmann 1998).

Trotz der großen Bedeutung des Unbewussten und der mit ihm verbundenen Fragen und Themen nimmt die Geschichtswissenschaft die psychologischen Seiten sozialer und politischer Prozesse nur selten in den Blick, während umgekehrt die Psychologie oft dazu neigt, ihre Gegenstände von historischen Bezügen und den einschlägigen Befunden zeitgeschichtlicher Forschungen zu isolieren. Die sich in der Tradition der psychoanalytischen Sozialpsychologie verortende Politische Psychologie, wie sie in den Beiträgen des vorliegenden Sammelbands vertreten wird, versucht, dieser wechselseitigen Distanzierung zu begegnen und knüpft damit an die seit Wehlers Geschichte und Psychoanalyse (1971) relativ seltenen Vermittlungsversuche von Psychoanalyse und Geschichtswissenschaft an (Brückner 1982; Busch/Krovoza 1989; Gay 1994; Schneider 1997a, 1997b; Rüsen/Straub 1998; Rolnik 2002; Krovoza 2003; Laub 2003; Plato 2004). Aber Vorsicht ist geboten, denn eine bruchlose Integration beider Wissenschaften ist nicht möglich. Angesichts der verbreiteten Tendenz einer mechanischen Anwendung angeblich feststehender psychoanalytischer Konzepte auf historische Personen und Konstellationen, ist den Bedenken Platos gegenüber »voreilige[n] Generalisierungen durch Psychoanalytiker« zuzustimmen; gleichzeitig aber auch seiner grundsätzlichen Betonung der »Möglichkeiten der Psychoanalyse als heuristisches Instrument in mentalitätsgeschichtlichen oder biographischen bzw. autobiographischen Untersuchungen, als Theorie über Erinnerungen und das Gedächtnis oder über die Wirkung von unbewussten Motiven in der Geschichte« (Plato 2004, S. 102).

Um das Verhältnis der psychoanalytisch ausgerichteten Politischen Psychologie zu den Geschichtswissenschaften in einem ersten Schritt anzudeuten, ist darauf zu verweisen, dass diese Psychologie, wie die Psychoanalyse selbst, von Anfang an zwischen den Stühlen klarer disziplinärer Zuordnungen sitzt (vgl. Lorenzer 1986, S. 15). Politische Psychologie versteht sich im Unterschied zu einer Psychologie der Politik nicht als Teildisziplin der Psychologie, der Soziologie, der Politik- oder der Geschichtswissenschaft. Das Bemühen, sie in eine dieser Disziplinen einzuordnen, wird sofort problematisch, denn damit würde sie ihren interdisziplinären »Schwebecharakter« aufheben (ebd.), von dem sie epistemologisch als Theorie des individuellen und gesellschaftlichen Unbewussten zehrt (vgl. Krovoza 1996, 12f.).

Worin vor diesem Hintergrund die Erkenntnischance einer, wenn auch vorsichtigen Vermittlung von Geschichtswissenschaft und Psychoanalyse liegt, die »als Subjektwissenschaft einen Zugang zu latenten Strukturen und Bedingungen geschichtlicher Praxis« (Straub 1998, S. 14) hat, lässt sich mit Straub programmatisch folgendermaßen formulieren: »Wenn wir geschichtliche Formationen und Konstellationen, Ereignisse und Entwicklungen nicht zuletzt als Konstitutionsbedingung zahlreicher individueller und kollektiver Erlebnisse und Identitätsbildungsprozesse begreifen, lässt sich zusammenfassend sagen: die Psychoanalyse untersucht nicht zuletzt historische Bestimmungsgründe des Denkens, Fühlens, Wollens und Handelns von Individuen und Kollektiven in ihren jeweils biographisch-subjektiv und soziokulturell vermittelten Formen« (ebd., S. 27).

Das transdisziplinäre Vorhaben einer wechselseitigen Ergänzung und Durchdringung von psychoanalytischer Sozialpsychologie und Geschichtswissenschaft hat in einer daran orientierten Untersuchungsperspektive die verschiedenen Ebenen ihrer Erkenntnisobjekte in den Blick zu nehmen: Die Geschichtswissenschaft liefert Betrachtungen der Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse und der in ihnen vorherrschenden Ideologien, die in der aktuellen Forschung meist auf das Geflecht von »Diskursen« herunter gebrochenen werden. Vonseiten der Psychoanalyse werden theoretische Ansätze über die Konstitution und die Verfasstheit der Subjekte, ihre (oft unbewussten und irrationalen) Handlungsmotivationen und deren Kulturabhängigkeit beigetragen. Die mit diesen beiden unterschiedlichen Herangehensweisen vermittelten Prozesse verlaufen – das ist spätestens seit der Kritik an vulgärmaterialistischen Marxauslegungen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts deutlich geworden (vgl. Horkheimer 1932; Dahmer 1973) – partiell eigengesetzlich und sind doch voneinander nicht zu trennen. Die gesellschaftliche Entwicklung lässt sich weder aus den bewussten oder unbewussten Motivationen ihrer Mitglieder, noch diese Motivationen und ihr psychodynamischer Hintergrund aus der gesellschaftlichen Entwicklung bruchlos ableiten.

Es gibt viele gescheiterte Versuche, Psychoanalyse und Geschichtswissenschaft – gerade in Bezug auf den Nationalsozialismus – zusammen zu denken.

Zu nennen sind hier die auf Lloyd deMause zurückgehenden psychohistorischen Ansätze, wie sie etwa von Alice Miller vertreten werden. Aus der Ferndiagnose der Kindheitstraumata »großer Männer« soll deren Motivation zur Veranlassung historischer Ereignisse erschlossen werden. Das Ergebnis für den deutschen Faschismus lautet dann: Hitler »musste« Auschwitz organisieren, da er »unter dem tragischen Zwang« stand, »noch nach Jahrzehnten früh erfahrene narzisstische Kränkungen rächen« (Miller 1980, S. 170) und mit den Vernichtungslagern seine eigene Kindheit reinszenieren zu müssen.

Die Eigenständigkeit historischer Entwicklung fällt aus einer derart reduktionistischen, personenzentrierten Perspektive, die überdies das Kind und den Erwachsenen bruchlos gleichsetzt, ebenso heraus wie die den Subjekten vorgängige Rolle der gesellschaftlich bestimmenden Diskurse (vgl. kritisch Busch 1982; Gay 1994, S. 195ff.; Nyssen/Jüngst 2003).

Andere Ansätze operieren simplifizierend mit dem Sozialcharakterkonzept nach Erich Fromm (1932, 1936) und gehen von der These aus, dass sich historisch spezifische, gesellschaftlich bedingte Sozialisationspraktiken in bestimmbare, schon im Kleinkindalter fixierte Charakterstrukturen niederschlagen würden, die wiederum das erwachsene Subjekt für bestimmte politische Einstellungen disponierten. Auch hier ergibt sich das Problem eines deterministischen Kurzschlusses vom Kleinkind auf den sich politisch verortenden und gesellschaftlich verhaltenden Erwachsenen. Die postulierte Entsprechung zwischen den Ansprüchen der Gesellschaft und dem Seelenleben ihrer Mitglieder – »man will, was man muss« – reibt sich an der Empirie der widerspruchsvollen Konflikte der vergesellschafteten Subjekte mit sich und der Welt.

Völlig zu Recht wurde den ableitungslogischen, vor allem den personalisierenden und häufig pathologisierenden Ansätzen zum Verhältnis von Subjektivität und Geschichte seitens der zeitgeschichtlichen Forschung mit großer Reserviertheit begegnet. Eine psychoanalytische Sozialpsychologie, wie sie in dem vorliegenden Buch vertreten wird, fragt nicht psychologistisch wie die Psychohistorie nach (frühkindlichen) individuell-biografischen Konflikten, auf die das Handeln der historischen AkteurInnen kausallogisch zurückgeführt werden kann. Mit unterschiedlichen Akzentsetzungen geht es in den einzelnen Beiträgen vielmehr darum, den Zusammenhang von gesellschaftlichen Einflüssen, ideologischen Prägungen und individuellen Psychodynamiken als eine subjektiv gebrochene, nicht mechanistische und – im Gegensatz zur Annahme von Sozialcharakterologien – keineswegs schon im Kleinkindalter abschließend fixierte Aneignung kulturell angebotener Rationalisierungs- und Agierungsmuster zur Bewältigung intrasubjektiver Konflikte zu verstehen.

Die Verarbeitungen dieser Konflikte folgen nicht zwingend, aber historisch spezifisch und immer wieder in massenhafter Übereinstimmung über Diskurse und (Erziehungs-)Praxen vermittelten psychodynamischen Mustern von Abwehr, Spaltung und Projektion, die sich als »Normalität« behaupten und tradiert werden. Die Psychoanalyse selbst hat insbesondere mit der Theorie der Abwehrmechanismen und dem Konzept der »Nachträglichkeit« (vgl. Kirchhoff 2009) wichtige Instrumente für eine differenzierte Analyse dieser wechselseitigen Durchdringungen von Geschichte und Lebensgeschichte (Brückner 1982) bereitgestellt.

Feindbilder bieten vor diesem Hintergrund gesellschaftliche Schablonen, also falsche, präsentative und sprachliche Symbolisierungen für verpönte Impulse (vgl. Lorenzer 1981). Diese ideologischen Selbstbilder lassen das eigene Innen als harmonisch und »heil« erscheinen. Die psychische Sogwirkung von Ideologien und die affektive Attraktivität der auf sie gegründeten Massenbewegungen werden so erklärbar: Der subjektive Gewinn der Übernahme entsprechender Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster liegt, ganz allgemein gesprochen, in dem damit einhergehenden Versprechen, Konfliktfreiheit durch »Reinigung« des psychischen Raumes und des sozialen Krisengeländes zu erlangen. Der Psychoanalytiker Bohleber weist auf die wahnhafte Besessenheit der Nazis von der Idee eines arisch reinen Universums ohne störende Differenzen und Zweideutigkeiten hin: »Reinheit, Harmonie und Identität sind hier zusammengedacht, begleitet von einer paranoischen Angst, daß Fremdes bedrohlich und wuchernd einfallen könnte, um das Reine zu zerstören« (Bohleber 1998, S. 95). Funktion und Wirkung dieses volkshygienischen Reinheitswahns lassen sich sozialpsychologisch insbesondere an der Bedeutung der – inzwischen auch in den Fokus der einschlägigen zeithistorischen Forschung gerückten – Inklusions- und Exklusionsmechanismen für die Konstitution der NS-»Volksgemeinschaft« und ihrer direkten sowie intergenerationellen Nachwirkungen in den postnazistischen Gesellschaften festmachen.

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