Das Jahrhundert der Wölfe

Parascha 377. Ansprache für Freitag, den 29. April 2011 (Kedoschim)…

Von Prof. Dr. Daniel Krochmalnik, Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg

Nächsten Montag ist der Holocaust-Gedenktag in Israel, eine gute Gelegenheit zu einem Rückblick auf die Hitler-Stalin-Ära, die Nadeschda Mandelstamm das „Jahrhundert der Wölfe“ genannt hat.

Auf den Solowezki-Inseln im Weißen Meer knapp unterhalb des Polarkreises steht eines der bedeutendsten Klöster Russlands. Weil es dort keine Wölfe gibt, erschienen den Mönchen diese Inseln als heiliges Land. Die russische Revolution wandelte die Klosteranlagen in die erste Strafkolonie der Sowjetunion um; von hier aus streute der GULAG wie ein bösartiger Tumor über das riesige Land. Alexander Solschenizyn, der Reiseführer dieses Archipels, kontrastiert das fleißige und beschauliche Leben der Mönche mit dem Terror und der Schinderei im kommunistischen Arbeitslager: „Uns wollen jene Mönche fast als Engel erscheinen. Schlemmen hätten sie können und nahmen – in der Golgatha-Kreuzigungsklause – selbst Fisch, die Fastenspeise, nur an hohen Feiertagen zu sich. Schlafen hätten sie können von früh bis spät und wachten doch auch die Nächte durch und lasen den Psalter (…) jeden Tag, jede Nacht, das ganze Jahr und allezeit.(Bd. 2, S. 2, Anm.) Die Mönche in diesem nördlichen Arkadien waren aber nicht weltfremd. Schließlich sind auch die Gesänge des Schafhirten David, die sie Tag und Nacht anstimmten, keine idyllische Schäferpoesie, sie stammen aus einer Welt, in der der Mensch dem Menschen ein Wolf ist.

Von Davids Psalmen verweisen nicht weniger als 13 bereits in der Überschrift auf eine ausweglose Notsituation, in der nur noch Gott helfen konnte. David selbst schildert sich in Psalm 23 als verfolgtes Schaf der Herde Gottes. Oft malt er sich seine Feinde wie sprungbereite Raubtiere aus:  „Er lauert im Versteck wie der Löwe in seinem Dickicht, er lauert den Gebeugten zu haschen, er hascht den Gebeugten (…)“ (10, 9); er ruft Gott zu Hilfe: „Rette mein Leben (…) vor der Pfote des Hundes, befreie mich aus dem Maul des Löwen“ (22,22); ständig streunen die Kläffer um ihn herum: „Allabendlich kehren sie wieder, heulen wie das Hundepack und umkreisen die Stadt, da geifern mit ihrem Maul sie, Schwerter sind in ihren Lippen (….) (59, 7. 8); er verliert den Lebensmut: „Mein Leben ist inmitten von Löwen (…) deren Zähne sind Lanzen und Pfeile, deren Zunge ein scharfes Schwert“ (57, 5). Fast ein Drittel des Psalters besteht aus derartigen Klagen des Verfolgten. Die Psalmen passen also besser als man denkt in das Jahrhundert, das der russisch-jüdische Dichter Ossip Mandelstamm selbst als Raubtier beschrieb: „Mein Wolfshund-Jahrhundert, mich packts, mich befällts“ – ehe er vom GULAG Stalins verschluckt wurde. Dem Diktator waren die Psalmen übrigens nicht fremd. Simon Sebag Montefiore schildert in seiner preisgekrönten Biographie, wie beliebt der Psalmengesang des jungen Stalin war. Er erwähnt auch seine Talente als Zeichner, wovon seine Wolfszeichnungen übrig blieben.  

Der andere große Diktator dieses Jahrhunderts, der es ganz besonders auf das Volk Davids abgesehen hatte, identifizierte sich offen mit einem Wolf – wofür die beinahe ausgerottete Tierart natürlich nichts kann. Er ließ sich Wolf nennen, nannte seinen Hund, sein Hauptquartier und seine Schwester so. 

Das Wesen des wölfischen Jahrhunderts von Hitler und Stalin erkannte ein anderer großer russisch-jüdischer Dichter, Wassili Grossmann, schlagartig bei der Betrachtung von Raffaels Sixtinischer Madonna (1512/13). Dieses Altarbild wurde weltbekannt, weniger wegen der Madonna, als wegen der beiden süßen Putten, die sie im gemalten Bilderrahmen anhimmeln und beinahe auf jeder zweiten Weihnachtsverpackung entzücken. Seit Kurfürst August III. von Sachsen diesen Raffael für die Dresdner Gemäldegalerie erworben hatte, galt die Madonna deutschen Klassikern wie Romantikern als Schönheitsideal. Der Legende nach soll eine Büttnertochter, die einen Eremiten im Wald vor einem Wolfsrudel gerettet hatte, dem Maler Modell gestanden haben. Nach dem Sieg Stalins über Hitler wanderte auch die Sixtinische Madonna mit der Beutekunst nach Moskau. Vor der Rückerstattung wurde sie neunzig Tage lang im Puschkin-Museum gezeigt. Dort stand nun Wassili Grossmann, der Weltkriegskorrespondent an vorderster Front gewesen war und die ersten Reportagen über die deutschen Todeslager veröffentlicht hatte, vor dem Bild der jungen Mutter, die ihr nacktes Kind darbringt.

Was sah er? Was viel ihm zu der Madonna ein? Das Todeslager Treblinka! „Sie war es, erzählt er, die mit ihren leichten, nackten Füßen von der Entladungsrampe des Transportzuges bis zur Gaskammer über die schwankende Erde von Treblinka lief (…). Raffael hat sie vor vierhundert Jahren gemalt – so tritt der Mensch seinem Schicksal entgegen“. Grossmann, dessen eigene Mutter am 15. September 1941 mit 18.600 anderen Juden von deutschen Einsatzkommandos am Rande seiner Geburtsstadt Berditschew in der Ukraine erschossen worden war, malt in dieser Mutter seine Zeit: „Eine junge Mutter hat in unserer Zeit ihr Kind geboren. Schrecklich, unter dem Herzen einen Sohn zu tragen und das Gebrüll des Volkes beim Hitlergruß zu hören. Aufmerksam betrachtet die Mutter das Gesicht des Neugeborenen und hört das Klirren und Knirschen der zerbrochenen Fensterscheiben (…). Ein Chor von Wölfen stimmt auf Berlins Straßen das Horst-Wessel-Lied an. (…) Die Mutter gibt dem Kind die Brust, und Tausende und Abertausende errichten Mauern, ziehen Stacheldraht, bauen Baracken  (…). Und in friedlichen Amtsstuben werden Gaskammern entworfen, Vergasungswagen, Kremationsöfen (…). Es ist eine wölfische Zeit gekommen. In dieser Zeit leben die Menschen ein wölfisches Leben, Wölfe führen das Leben von Menschen. In dieser Zeit hat eine junge Mutter ihr Kind geboren und aufgezogen“ (Tiergarten, S. 126).

Vom Holocaust schweifen die Gedanken Grossmanns weiter zum „Holodomor“, dem stalinistischen „Hungerholocaust“ in der Ukraine in den Jahren 1932/33, zum großen stalinistischen Terror der Jahre 1937/38 – und überall, mitten in den Menschheitskatastrophen sieht er immer wieder die Madonna mit ihrem Kind – „sie das sind wir, ihr Sohn – das sind wir“ – schließt der Erzähler.

Radio Schalom. Sendung des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinde in Bayern auf Bayern 2Freitag um 15:05 Uhr