- haGalil - http://www.hagalil.com -

Goldstones Reue

Noch nie hat ein Zeitungsartikel derartigen Wirbel in Israel ausgelöst. In der amerikanischen Zeitung „Washington Post“ hat der ehemalige südafrikanische Richter Richard Goldstone Reue kundgetan und Irrtümer eingestanden. Hätte er beim Verfassen des „Goldstone-Reports“ über vermeintliche Kriegsverbrechen Israels während des Gazakriegs 2008/2009 gewusst, was ihm heute bekannt sei, hätte er den Report anders formuliert…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 4. April 2011

Im Auftrag der Menschenrechtskommission der UNO, „mit Muammar Ghadafi als Ehrenvorsitzenden“, wie israelische Politiker heute zynisch kommentieren, hatte sich der jüdische Richter bereit erklärt, mögliche Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während der dreiwöchigen „Operation gegossenes Blei“ zu untersuchen. Das Mandat der UNO-Kommission war so angelegt, dass eine Verurteilung Israels feststand. Deshalb verweigerte die israelische Regierung dem Richter und seinen Mitarbeitern die Einreise nach Israel und jegliche Kooperation, obgleich Goldstones Tochter in Tel Aviv lebt und der Richter sich selber als „Zionist“ und Freund Israels bezeichnet. Das Ergebnis war eine verheerende Rufschädigung Israels und die Behauptung, dass Israel an der palästinensischen Zivilbevölkerung im Gazastreifen absichtlich „Massaker“ verübt habe. Vor allem diese Beschuldigung hat Goldstone jetzt in seinem Zeitungsartikel zurückgenommen. Im Report selber wurden lediglich „bewaffnete Gruppen“ im Gazastreifen des „kriminellen“ und „terroristischen“ Raketenbeschusses auf Israel bezichtigt, nicht aber die dort de facto herrschende Hamas-Organisation, wie Goldstone jetzt in seinem Artikel behauptet. Er lobte Israel für die Hunderten Untersuchungen möglicher Kriegsverbrechen, sei aber überzeugt, dass israelische Soldaten nicht absichtlich Zivilisten getötet hätten. „Die Hamas hat nichts getan“, gesteht der Richter. Es sei ein „Fehler“ gewesen, derartiges von der Hamas zu erwarten. Beiläufig erwähnt er, dass sich die israelischen Zahlen zu den palästinensischen Opfern (etwa zwei Drittel Hamas-Kämpfer und weniger als ein Drittel Zivilisten) als korrekt herausgestellt hätten.

Der unausgewogene Report hatte eine schwere Rufschädigung Israels zur Folge. Palästinensische Aktivisten in Großbritannien glaubten, israelische Politiker wie Zipi Livni und hohe Offiziere bei ihrer Landung in Heathrow verhaften und als Kriegsverbrecher aburteilen zu lassen. Namhafte Israelis wagten monatelang keine Besuche in London mehr.

Die New York Times hatte sich geweigert, Goldstones Artikel zu veröffentlichen, deshalb sei er in der Washington Post erschienen.

Amerikanische und israelische Presseberichte widerlegen Goldstones Behauptung, während seiner Untersuchungen im Gazastreifen vieles nicht gewusst zu haben. Er habe „etwas naiv“ der Hamas-Propaganda, parteiischen „Menschenrechtsorganisation“ und sorgfältig ausgewählten Zivilisten im Gazastreifen geglaubt, obgleich schon damals die UNO, internationale Hilfsorganisationen, die israelische Regierung und Journalisten viele in den Report eingefügte Details als Falschinformationen nachweisen konnten. „Goldstone irrte, wenn er den Kontext von Kampfhandlungen ignorierte, und Israel eines Massakers bezichtigte, nur weil ihm ein Zivilist erzählt, beschossen worden zu sein“, erklärte ein israelischer Militär.

Staatspräsident Schimon Peres forderte, den Goldstone Report in den „Papierkorb der Geschichte“ zu werfen. Im Kabinett verkündete der israelische Ministerpräsident am Sonntag, dass Israel die UNO auffordern wolle, den Report zurückzuziehen. Bisher hat die UNO nur eine einzige Resolution für ungültig erklärt: die Gleichsetzung von Zionismus mit Rassismus. Sprecher der Hamas und der Autonomiebehörde in Ramallah behaupteten, dass Goldstones Rückzieher einem Blankoscheck für Israel gleiche, „weitere Massaker an Palästinensern zu verüben“. „Zionisten“ hätten Goldstone eingeschüchtert und ihm Todesdrohungen zugesandt. Deshalb sei er eingeknickt. Alon Liel, ein ehemaliger Türkeibotschafter Israels und alter Bekannter Goldstones, bestätigte, dass der Richter erschreckt gewesen sei über Kritik und Hass vieler jüdischer und israelischer Freunde. Der Politologe Schlomo Avineri meint hingegen, dass Goldstone ein „aufrichtiger Mann“ sei. Er sei seinem Gewissen gefolgt und habe deshalb seine Irrtümer eingestanden. Zudem sollten Goldstone keine persönliche Vorhaltungen gemacht werden. Er sei an das Mandat der UNO-Menschenrechtskommission gebunden gewesen. Zudem hätten einige seiner Mitarbeiter aus ihrer anti-israelischen Haltung keinen Hehl gemacht. Goldstones größter Fehler sei es gewesen, sich als Jude hingegeben zu haben, und von der Menschenrechtskommission „ausgenutzt“ worden zu sein, diesen Report zu verfassen.

In unzähligen Talkshows und Zeitungsartikeln wurde inzwischen Goldstones „Bekehrung“ diskutiert. Menschenrechtsorganisationen wie Betzelem und „Schweigen brechen“ wurden kritisiert, Goldstone mit falschen Informationen gefüttert hätten. Denen habe er blindlings geglaubt, irrtümlich. Kritisiert wurde auch die israelische Regierung, wegen ihrer Weigerung, mit Goldstone zu kooperieren. „Vielleicht wäre der Report anders ausgefallen“, spekuliert Alon Liel. Jedoch eine Frau aus Sderot, deren Haus von einer Hamasrakete getroffen worden war und die dabei ihren Mann verloren hatte, war gegen den Willen der Regierung auf eigene Faust nach Genf gereist, um Goldstone als Zeugin „die israelische Seite“ vorzustellen. Im Rundfunk erzählte sie am Sonntag, dass Goldstone während ihrer Anhörung „eingeschlafen“ sei, und dass nichts von ihren Aussagen in den Report Eingang gefunden hätte. Im Report selber wurden offizielle israelische Erklärungen als „unglaubwürdig“ abgetan, sodass sich die israelische Regierung durch eine Kooperation mit der UNO-Kommission nur kompromittiert hätte.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com