- haGalil - http://www.hagalil.com -

Nach dem Eichmann-Prozess war hier ein anderes Land

Diese Woche vor 50 Jahren, am 11. April 1961, fand die erste Sitzung des Eichmann-Prozesses statt – ein Prozess, der sich über mehrere Monate hinzog und den ganzen Staat an die Rundfunkgeräte fesselte. Ich war damals ein junger Bursche, aber wie jeder damals heranwachsende Israeli erinnere ich mich an jedes einzelne Detail dieses Prozesses…

Von Rubik Rosenthal

An die „sechs Millionen Ankläger“ in der besonderen Artikulation Gideon Hausners, an den deutschen Rechtsanwalt mit dem dicken Bauch, an das leidgeplagte Gesicht Abba Kovners, an die Aufzeichnungen von Chaim Guri, an den gesichtslosen Mann, der in dem Glaskäfig saß, und vor allen anderen an K. Zetnik, den Holocaust-Schriftsteller, der erstmals seine Identität preisgab und im Zeugenstand in Ohnmacht fiel.

Heute lässt sich ganz gewiss sagen, dass der Eichmann-Prozess eines der drei grundlegenden Ereignisse in der Geschichte des jüdischen Staates gewesen ist: der Sechstagekrieg, der Rabin-Mord und der Prozess. Die Bedeutung des Eichmann-Prozesses lag nicht darin, dass der Judenstaat mit dem Nazi-Regime eine Rechnung beglich. Eine solche Rechnung kann nicht durch die Gefangennahme und das Erhängen eines Menschen voll beglichen werden. Die Energie des Schmerzes und des Verlustes, die vom Holocaust freigesetzt wurde, legte sich nicht nach diesem Prozess, und sie wird sich noch Generationen lang nicht legen.

Die Bedeutung des Eichmann-Prozesses lag darin, dass er die Israelis mit dem Holocaust verband. Anscheinend hätte dies schon viel früher geschehen müssen. Die Israelis wurden den Holocaust-Überlebenden und dadurch den Schrecken des Holocausts unmittelbar nach dem Krieg ausgesetzt. Den Rettungsaktionen und der Einwanderung wurde große Aufmerksamkeit zuteil. Nicht wenige Holocaust-Überlebende nahmen am Krieg teil, und viele von ihnen fielen in ihm. Die Jugendlichen der Jugend-Aliyah kamen und brachten ihre Geschichte mit. Aber die Botschaft verfing nicht.

In vielen Fällen glaubte man den Geschichten nicht, und auch wenn man ihnen glaubte, gab es viel Leugnung, da das satanische Ausmaß der Vernichtung des Volkes zu groß war. Zum Teil gingen die Reaktionen von Leugnung in Hohn und Verachtung gegenüber dieser Gruppe von gebrochenen Menschen über, die auch nicht einen Funken der Selbstsicherheit des Zabars [d.h. des im Lande geborenen Israelis] besaßen.

All dies endete mit dem Eichmann-Prozess. Warum gerade da? Weil der Eichmann-Prozess es ermöglichte, das Wissen um den Holocaust, die Energie dieses Schmerzes in das staatliche Zeremoniell einzufügen. Kein kurzes und phrasenhaftes Zeremoniell, sondern ein andauerndes, widerhallendes Zeremoniell, durchwirkt mit immer wieder einmaligen Momenten.

Die Worte waren abgewogen, die Leute, die auf das Podium traten, waren solche, denen man zuhören konnte, denen man glauben musste, und so wurden auch sie Teil des israelischen Volkes, das sie zuvor abgelehnt hatte. Und als der Prozess mit dem unwichtigen Ereignis der Hängung des grauen und langweiligen Massenmörders und der Ausstreuung seiner Asche im Meer zum Ende kam, war hier ein anderes Land.

Seither haben sich das Holocaust-Andenken, das Holocaust-Bewusstsein und das Holocaust-Verständnis langsam und konsequent in allen Bereichen des israelischen Lebens ausgebreitet, und dies nicht nur am Holocaust-Gedenktag. Die Holocaust-Überlebenden werden alt und gehen dahin, aber der Holocaust lebt ohne sie fort. Er ist ein Teil von uns.

Nicht jeder freut sich über diesen Erfolg. Es ist vielleicht bequem, sich an die (angeblichen) Heldengeschichten aus der Zeit der Richter und der Makkabäer anzuschmiegen, an die Massentötung der Gegner in Susa und an den im Meer versinkenden Streitwagen des Pharaos.

Dazu muss man sagen, dass es in der Geschichte allgemein, und ganz gewiss in der jüdischen Geschichte sehr wenige Helden und sehr viele Opfer gibt; und wer die Geschichte verstehen will, muss diese Opfer kennenlernen, denn sie sind unsere wirklichen Vorväter.

Es gibt mache, die überzeugt sind, dass die enge Verbindung zwischen dem Staat Israel und seinen Juden und dem Holocaust es uns unmöglich macht, weiter zu gehen. Sie fragen, ob der Holocaust eine ausreichende Rechtfertigung für die Existenz des Staates Israel ist. Diesen Leuten muss man sagen, dass es viele Rechtfertigungen für die Existenz des Staates Israel gibt – wenn auch ganz gewiss nicht für alle seine Taten -, der Holocaust aber die größte von ihnen ist.

Ja. Und man braucht sich dafür nicht zu schämen. In jenem schrecklichen Krieg haben wir niemanden umgebracht, sondern man brachte uns millionenfach um; und der davon herrührende Kredit in der Bank der Geschichte ist noch immer groß. Dass wir ihn nur nicht verschwenden.

Aus Maariv, 14.04.11, übersetzt f.d. Newsletter der Botschaft, die hier veröffentlichten Kommentare geben nicht grundsätzlich den Standpunkt der israelischen Regierung wieder, sondern bieten einen Einblick in die politische Diskussion in Israel.