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Regensburg in Zeiten des Plagiats und der Ritualmordkolportage

Die Trennungslinie in der teilweise noch schwelenden Plagiatsdebatte zur Bewertung der abgekupferten Dissertation von Karl Theodor zu Guttenberg verläuft gerade wie die vom ehemaligen Verteidigungsminister bemühte Wettertanne: einerseits das politisch motivierte verharmlosende Ablenkungsmanöver, das sich auf eine breite Basis von anti-intellektuellen Bewunderern eines adeligen Stammbaummilieus verlassen kann, und andererseits eine Gruppe aus vorwiegend Intellektuellen, Journalisten und nahezu der gesamten Lehrer- und Professorenschaft, die zu Recht befürchten müssen, dass ihnen das Fundament ihrer Tätigkeit unter den Füßen wegbrechen könnte. In Regensburg hingegen verkennt nicht nur ein Professor für Kunstgeschichte den Unterschied zwischen Quellenzitat und Plagiat…

Von J.B. Müller

Der Regensburger Plagiatsvorwurf richtet sich gegen den Leiter des Stadtarchivs Heinrich Wanderwitz, der, so die Kritiker, in seinem Katalogbeitrag für die zuletzt in Regensburg zu sehende Furtmeyr-Ausstellung (Regensburg zur Zeit Berthold Furtmeyrs, in: Christoph Wagner und Klemens Unger (Hg.), Furtmeyr, 2010, S. 21 – 29) wortwörtlich mehrere Passagen aus einem Aufsatz von Walter Ziegler (Regensburg am Ende des Mittelalters, in: Dieter Henrich (Hg.), Albrecht Altdorfer und seine Zeit, 1981, bzw. 2. unveränderte Auflage 1992) übernommen hat, ohne dies zu kennzeichnen.

Doch nicht genug damit – der Gegenstand des Plagiats stellt nicht weniger als die Kolportage der mittelalterlichen Regensburger Ritualmordbeschuldigungen dar, die zu den gefährlichsten der althergebrachten antisemitischen Ressentiments gehören.

Schon vor der Eröffnung der Furtmeyr-Ausstellung im Historischen Museum im November letzten Jahres wurde Wanderwitz aufgefordert, zu den Vorwürfen, er bringe Ritualmordlegenden erneut in Umlauf, Stellung zu beziehen. Eine Antwort blieb aus. Ohne dass in dieser Hinsicht öffentlich etwas zu vernehmen gewesen wäre, ist seitdem ein Vierteljahr ins Land gezogen. In Regensburg sitzt man unter Oberbürgermeister Schaidinger Kritik bekanntlich gerne aus.

Nun haben zum Abschluss der Furtmeyr-Schau sowohl die Herausgeber des Katalogs, Klemens Unger und Christoph Wagner, als auch Oberbürgermeister Schaidinger stolz Bilanz gezogen. Sie sei „exemplarisch und von überregionaler Bedeutung“ gewesen. Auf dezente Nachfragen hin, inwiefern die u. a. vom Internetmedium haGalil veröffentlichten Kritik gegen den Archivleiter Wanderwitz berechtigt sei, erklärte Schaidinger, dass sich dessen Vergehen schlimmstenfalls auf dem Niveau falscher Fußnoten bewege. „Wir werden das aushalten.“

Ohne die Kritik am Artikel des Furtmeyr-Katalogs zu benennen, wurde auf der Pressekonferenz versucht, die Vorhaltungen mitsamt der Kritiker zu diffamieren – nach dem Motto: es gibt Leute, die immer ein Haar in der Suppe finden. Schaidinger zögerte nicht, den Archivleiter sogar in eine Reihe mit Papst Benedikt zu stellen: es seien schließlich auch beim Papst bzw. dessen Regensburger Rede von 2006 Zitate aus dem Zusammenhang gerissen worden. Dass sich Benedikt, im Gegensatz zu Wanderwitz, längst von dem kritisierten Abschnitt seiner Rede distanziert und zur Schadensbegrenzung sanfte Worte des Bedauerns gefunden hat, braucht hier nicht weiter ausgeführt zu werden. Vielmehr soll die Argumentation des Regensburger Kunstprofessors Christoph Wagner unter die Lupe genommen werden, da auch dieser es sich auf der Pressekonferenz nicht nehmen ließ, Wanderwitz die Stange, die sich bei näherer Betrachtung als brüchig erweist, zu halten. Dem Professor zufolge habe der Stadtarchivar Wanderwitz nur Quellen zitiert und über sie referiert. Er beschreibe nur die Legitimation der damaligen Zeit, mache sie sich aber keinesfalls zu eigen.

Im Folgenden soll nun Zweierlei geklärt werden:

Zum einen die Frage, ob Wanderwitz die von ihm benutzte Literatur korrekt zitiert und zum Zweiten, wie er sich zum Gegenstand der Quellen, sprich den Ritualmordbeschuldigungen aus dem 15. Jahrhundert, die im Jahr 1519 einen wesentlichen Rechtfertigungsstrang für die Vertreibung der Regensburger Juden ausmachten, inhaltlich positioniert. Ob ein Autor in einer wissenschaftlich gehaltenen Arbeit Quellen korrekt zitiert oder eben nicht, ist in Zeiten der Aberkennung der Promotion bzw. des Rücktritts Guttenberg ohne Zweifel zu klären. Strittig bliebe gegebenenfalls die Bewertung.

Zitiert Wanderwitz Quellen korrekt oder plagiiert er die Arbeiten Anderer?

Die erste veröffentlichte Kritik an Wanderwitz endet mit der knappen Feststellung, dass er plagiatorisch vorgehe , „da er die oben zitierte Passage, wie auch mehrere Sätze davor und danach, Wort für Wort und ohne Kennzeichnung bei Walter Ziegler abgeschrieben hat.“ (R. Werner, http://www.regensburg-digital.de/aufsatz-im-furtmeyr-katalog-plagiatorisch-und-unserios/29112010/).

Dies sei zudem im Furtmeyr-Katalog (2010) nicht zum ersten Mal geschehen, da bereits in einem älteren Aufsatz (Wanderwitz, Regensburg um 1500, in: Museen der Stadt Regensburg (Hg.), 450 Jahre Evangelische Kirche in Regensburg, 1992, S. 29-38) die plagiierte Passage über die Ritualmordbeschuldigungen auftauche, was durch eine Gegenüberstellung bestätigt werden kann.

Weil auch Dr. Wagner, der von korrekter Zitierung der Quellen ausgeht und dem die grundlegende Unterscheidung von Zitat und Plagiat bekannt sein dürfte, seinerseits keine weiteren Erklärungen oder Belege dafür vorlegt, weshalb er seine schützende Hand über den Katalogbeitrag von Wanderwitz hält, folgt hier eine konkrete Gegenüberstellung.

Nach der Suche auf Übereinstimmung und (fehlenden)Anführungsstrichen kann man ein eindeutiges Ergebnis feststellen: Wanderwitz plagiiert bezüglich der Ritualmordbeschuldigung eine 25 Zeilen lange Passage („Gerade Regensburg … die Prozesskosten.“, 2010, S. 25 – S. 26). Er hat diese wortwörtlich und ohne Kennzeichnung von Zieglers Aufsatz (1992, S. 72) abgekupfert. Lediglich das Wort „bisher“ im ersten Satz ist entfernt.

Verändert hat Wanderwitz jedoch die Fußnoten. So verkürzt er in der Anmerkung Nr. 47 eine Quelle auf deren Kurztitel, fügt eine weitere, Nr. 48, zur Aktualisierung der Literatur, ohne diese einzuarbeiten, hinzu. Und eine dritte Fußnote (Nr. 49) variiert er fehlerhaft, anscheinend um den Anschein von Aktualität erwecken zu können. Hier wird aus Zieglers formal richtiger Quellenangabe (unter der Fußnote Nr. 46, zu Peter Herde: „… (1959) 359 – 395.“) eine ungültige bei Wanderwitz, mit: „Herde 1995, S. 359 – 395“.

Wem dieser Befund nicht reicht, der möge die Rechercheergebnisse zur Kenntnis nehmen, die sich aus weiteren Vergleichen ergeben. Hierbei soll Zieglers Aufsatz (1981 bzw. 1992) mit der jeweils ersten Seite der Arbeiten des Archivleiters Wanderwitz, seinem Text zu Regensburg um 1500 (1992, S. 29) und dem zu Furtmeyr (2010, S.21), gegenübergestellt werden. Auch die Ergebnisse aus diesen Vergleichen sind eindeutig und unerschütterlich.

Die erste Seite von Regensburg zur Zeit Berthold Furtmeyrs (2010, S. 21) besteht aus insgesamt 70 Zeilen, etwa 17 davon, d. h. circa 24%, sind wortwörtlich und ohne Kennzeichnung durch Anführungszeichen aus Ziegler (1992, S. 62-63) übernommen. Anders als in der Passage zu den Ritualmordbeschuldigungen wird Ziegler hier zumindest in einer Fußnote (Nr. 5) zu einem nicht als solchem gekennzeichnetem Zitat als Quelle angegeben (hier die 2. Auflage von 1992, S. 62-63,). An mindestens vier anderen Stellen unterlässt Wanderwitz den notwendigen Verweis auf die wortwörtliche Zitierung von Ziegler. Im weiteren Verlauf ersetzt er Zieglers Fußnoten durch eigene.

Untersucht man darüber hinaus die erste Seite von Regensburg um 1500 (Wanderwitz, 1992, S. 29), die insgesamt 41 Zeilen umfasst, ist festzustellen, dass etwa 19 davon (ca. 46%) aus (Halb-)Sätzen und Passagen bestehen, die abermals wortwörtlich und ohne Kennzeichnung durch Anführungszeichen aus Ziegler (1981, S. 62-63) entnommen sind. In den Fußnoten seiner Arbeit verweist Wanderwitz zwar zweimal auf Ziegler, trotzdem hätten aber weitere, wissenschaftlich gebotene, Anmerkungen folgen müssen.

Das Resümee bzw. die Bewertung der Frage, ob Wanderwitz korrekt zitiert oder aber plagiiert, geht leicht von der Hand. Es handelt sich eindeutig um ein weitreichendes Plagiat. Wie Professor Christoph Wagner zu einem gegenteiligen Ergebnis kommen konnte, ist unerklärlich.

Macht sich Wanderwitz die Ritualmordbeschuldigungen zu eigen?

Vorne weg ist es wichtig zu konstatieren, dass die Beschuldigung, Juden würden Christenknaben rituell ermorden, um an deren Blut zu gelangen, zu den schärfsten Waffen der genuin christlich motivierten Judenfeindschaft gehört. Auch in Regensburg waren diese Anwürfe grundlegender Bestandteil einer grausamen Verfolgung von Juden. Sie führten dort zu einem langjährigen Folterprozess, der auf die Vernichtung der jüdischen Gemeinde abzielte, jedoch von Kaiser Maximilian unterbunden wurde. Generationen von christlichen Chronisten und Geistlichen haben diese Vorwürfe bis ins 20. Jahrhundert wiederholt, als sie dann von der antisemitischen Rassenideologie aufgegriffen und in der staatlich organisierten Judenverfolgung des nationalsozialistischen Deutschland radikalisiert wurden.

Die Vorwürfe beruhen aber auf reinen Projektionen, die zur Begründung und Legitimation von Raub, Verfolgung und Ermordung von Juden benutzt wurden. Soweit zur geschichtswissenschaftlichen Ausgangslage, die allen seriösen Arbeiten zu dem Thema zugrunde liegen sollte.

Im lokalhistorischen Diskurs zu den Regensburger Ritualmordbeschuldigungen fehlt diese Grundlage allerdings oftmals. Die komplexen Hintergründe für diesen Umstand können hier nicht erörtert, ein Beispiel dafür soll gleichwohl genannt werden.

Der Stadtarchivar Carl Theodor Gemeiner, ein Vorgänger von Wanderwitz, erneuert Anfang des 19. Jahrhunderts in seiner „Chronik“, die im Jahr 1987 unverändert nachgedruckt wurde, die judenfeindlichen Ritualmord-Vorwürfe bzw. die Lüge über die von den Juden ermordeten unschuldigen Kinder“. Gemeiner meint, dass deren „Gebeine in einigen alten Gefäßen auf dem Rathaus noch vorhanden sind“ und spricht apodiktisch von einer „Gewissheit des Faktums an und für sich“ (Regensburgische Chronik Bd. III, 1821, ND 1987, S. 575 f.).

In diesem Zusammenhang ist weiterhin zu bedenken, dass die Regensburgische Chronik gemeinhin fälschlicherweise als neutrale Quellensammlung betrachtet wird und es bis dato keine wissenschaftliche Arbeit gibt, welche die Wirkungsgeschichte der Judenfeindschaft des Stadtarchivars Gemeiner aufgearbeitet hätte.

Vor diesem Hintergrund sind nun die zu analysierenden Ausführungen von Heinrich Wanderwitz zu sehen, der sich, soweit bekannt, nie explizit gegen die Historizität eines von Juden begangenen Ritualmordes ausgesprochen hat.

In seinem Aufsatz Regensburg zur Zeit Berthold Furtmeyrs führt Wanderwitz in die historischen Hintergründe ein. Nach einem kurzen Abriss über die Reichsstadt im 15. Jahrhundert zeichnet er, ausgehend von einer angeblich judenfreundlichen Politik, die weitere Entwicklung nach. Das Verhältnis zu den Juden habe sich u. a. mit aufkommenden Ritualmordgerüchten zusehends verschlechtert:

„Dann drang 1476 eine Nachricht von einem angeblichen Kindsmord in Trient durch Deutschland, und als dortige Aussagen auf Verbindungen zu Regensburg deuteten, hier daraufhin verhaftete Juden unter der Folter aussagten, verschiedene Kinder ermordet zu haben, und man auf dem von ihnen bezeichneten Platz tatsächlich Kindergebeine fand, war kein Halten mehr: Es gab weitere Verhaftungen, man besetzte das Getto und beschlagnahmte ihr Vermögen.“ (2010, S. 25-26)

Schon in der o. g. ersten Kritik an Wanderwitz wurde darauf hingewiesen, dass die hier dargebotene Chronologie und die Rede von „kein Halten mehr“ von sachlicher Unkenntnis und grundlegenden Fehlschlüssen zeugen:

„Denn die Absperrung des jüdischen Viertels und die Beschlagnahme von Eigentum und Pfändern geschahen bereits Ende März 1476, also schon vier Wochen vor dem angeblichen Fund der Gebeine (vom 25.4.). Die von Wanderwitz angeführten ´weiteren Verhaftungen´ wurden Anfang April (9.4.) vorgenommen, sprich bereits über zwei Wochen bevor die Gebeine aufgetaucht sind.“ (Werner, regensburg-digital vom 29.11.2010)

Noch schwerer wiegt, dass Wanderwitz keinerlei Zweifel an der „Beweiskraft“ der angeblich aufgefundenen Gebeine in Erwägung zieht, geradeso, als ob diese, wie sein Vorgänger Gemeiner behauptet, bis heute als anerkanntes und hinreichendes Beweismittel im Regensburger Rathaus zur Verfügung stünden.

Wanderwitz leitet also aus den Folteraussagen der verhafteten Juden ein Täterwissen der Angeklagten her – nämlich eines über den Vergrabungsort:

„Insgesamt gesehen suggeriert Wanderwitz mit dem Konstrukt, Aussagen und preisgegebenes Täterwissen hätten am ‚bezeichneten Platz‘ zu einem ‚tatsächlichen‘ Fund von Kindergebeinen geführt, dass die rituelle Ermordung von ‚verschiedenen Kindern‘ durch die damals Angeklagten eine historisch belegbare Tatsache sei.“ (regensburg-digital, 29.11.2010)

Man kann die Ausführungen des Archivleiters Wanderwitz sachlogisch nicht anders verstehen, zumal sie frei sind von jeglichem Zweifel an der Historizität eines Regensburger Ritualmordes. Oder anders gesagt: da Wanderwitz all die Studien nicht zu Wort kommen lässt, die mit seiner Darstellung der Vorgänge unvereinbar sind, muss man davon ausgehen, dass er die unterstellten Ritualmorde als historisch belegbare Tatsache betrachtet und als solche auch darlegen wollte.

Aus dieser Schlussfolgerung ergeben sich aber weitere Fragen und Ungereimtheiten, da Wanderwitz in seinen Quellenangaben mit Herde (1959, 1995) bemerkenswerterweise einen profunden Fachmann und Kenner für die damaligen Ereignisse angibt, der in eben dieser Problematik zu gegenteiligen Ergebnissen gelangt. Nach Herde kann an der Unschuld der angeklagten Juden und dem projektiven Charakter der Vorwürfe „kein Zweifel bestehen“. Angesichts der historischen Tatsache, dass in diesem Zusammenhang kein einziges Christenkind vermisst wurde, spricht er von „Ritualmordpsychose“. Herde, der im Gegensatz zu Ziegler und Wanderwitz eigene Forschungen zu den mittelalterlichen Blutbeschuldigungen und der Regensburger Ritualmordlüge betrieben hat, schlussfolgert: „Was die herbeigeschafften Skelette anbetrifft, so ist es sehr wahrscheinlich, daß sich einige Ratsherren eines offenkundigen Betruges schuldig gemacht haben.“ (Herde 1959, in ZBLG, S. 382).

Mit Blick auf die unzweifelhaften und eindeutigen Forschungsergebnisse von Peter Herde, die Wanderwitz in seinen beiden Aufsätzen aus den Jahren 2010 und 1992 keinesfalls referiert, jedoch kontrafaktisch als Quellenbelege missbraucht, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass der Regenburger Archivleiter Heinrich Wanderwitz die Lüge vom Ritualmord für bare Münze nimmt. Da er nicht zwischen einerseits einem mittelalterlich-judenfeindlichen Vorwurf und, andererseits, einer geschichtswissenschaftlich nicht belegbaren Ermordung mehrerer Kinder unterscheidet, schreibt Wanderwitz, unter missbräuchlicher Verdrehung von Vorarbeiten, die judenfeindliche Ritualmordbeschuldigung faktisch fort. Der Stadtarchivar stellt sich mit seinen Aufsätzen aus den Jahren 1992 und 2010 offenkundig in die judenfeindliche Tradition seines Vorgängers Carl Theodor Gemeiner.

Alle diejenigen, die Wanderwitz in dieser Situation beispringen und ihm die brüchige Stange halten, haben die gegen ihn vorgebrachte Kritik entweder sachlich nicht korrekt geprüft, und/oder sie verfolgen eigene Interessen, so z. B. Prof. Christoph Wagner, der als Herausgeber des Beitrages im Furtmeyr-Katalog Verantwortung trägt und sich kritisch mit seinem Mit-Kurator Wanderwitz, dessen Plagiat und seiner Ritualmordkolportage auseinandersetzen und sich davon distanzieren müsste.

„Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden“ (Theodor W. Adorno)

Die Regensburger Ritualmordbeschuldigungen folgten ursprünglich auf ein angebliches Geständnis, das 1475 in Trient unter Folter erzielt wurde. Demnach bekannte ein Illuminierer und Buchbinder namens Israel, den man am 19.1.1476 auf das Rad band und verbrannte, er wisse nicht nur von der rituellen Ermordung des Simon von Trient, sondern auch von der Ermordung eines Knaben in Regensburg. Die jüdische Gemeinde in Trient wurde daraufhin ausgerottet und in Regensburg kam es 1476 zu einem Ritualmordprozess gegen 17 Juden, der erst nach vier Jahren durch die Intervention des Kaisers unterbunden und beendet wurde. Die 1475 in Trient entstandene überregionale „Märtyrer-Wallfahrt“ mündete im Jahr 1588 in die umstrittene Seligsprechung des Simon, die erst 1965 von Papst Paul VI. mit der Erläuterung annulliert wurde, die Trienter Juden seien Opfer eines Justizirrtums geworden. Das Eingeständnis, dass die Trienter Anschuldigungen, Aussagen und Verurteilung haltlos bzw. fingiert sind, hat in den lokalhistorischen Diskursen Regensburgs bislang keinen nennenswerten Eingang gefunden.

Im Gegenteil ist festzustellen, dass in Regensburg anlässlich der „Wiederentdeckung“ und Zurschaustellung der Werke des Illuminierers Furtmeyr, ein Zeitgenosse des in Trient hingerichteten Israel, die antisemitischen Ritualmordbeschuldigungen und das Gerücht vom tatsächlichen Auffinden der Gebeine verschiedener ermordeter Regensburger Kinder erneut bemüht werden – und einem Kunstprofessor, der daraufhin von außerhalb mit dezidierten Hinweisen angesprochen wurde, fällt nichts Anstößiges dabei auf.

Darin liegt die exemplarische und überregionale Bedeutung der Furtmeyr-Ausstellung.