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Friedensverhandlungen: Die letzte Chance

Als ich vor zwei Jahren mit diesem Buch begann, verband ich damit die Absicht, die internen Vorgänge zwischen den Vereinigten Staaten, Israel sowie der arabischen und muslimischen Welt zu schildern, bei denen, allen Widrigkeiten zum Trotz, ein Frieden für den Nahen Osten ausgehandelt wurde. Heute jedoch muss ich sagen, dass daraus die Geschichte eines wiederholten Scheiterns geworden ist. Und dennoch – in meiner Region, wo Optimismus kostbarer ist als Wasser, können wir es uns nicht leisten, die Hoffnung aufzugeben…

König Abdullah II. von Jordanien im Vorwort zu seinem am 8. März in deutscher Sprache erscheinenden Buch: Die letzte Chance – Mein Kampf für Frieden im Nahen Osten

Was könnte ein Staatsoberhaupt veranlassen, ein Buch zu schreiben? Es gibt unzählige Gründe, die dagegensprechen. Das Regieren eines Landes, und sei es noch so klein, lässt einem kaum freie Zeit. Außerdem gilt es, Rücksicht auf die Nachbarn zu nehmen – von denen sich der eine oder andere durch die ehrliche Darstellung der Fakten aus der Sicht eines anderen Landes beleidigt fühlen könnte. Andere würden ihre Taten vielleicht lieber gar nicht erwähnt finden. Und dann sind da noch diejenigen, die über Gebühr gerühmt werden möchten.

Ich habe mich jedoch entschlossen, diesen Einwänden nicht nachzugeben. Ich schreibe mein Buch, weil sich im Nahen Osten, in diesem rauen Umfeld, in dem ich lebe, eine reale Krise anbahnt. Noch, so glaube ich, haben wir eine letzte Chance, zu einem Frieden zu kommen. Doch das Tor dorthin schließt sich in rasantem Tempo. Die internationale Gemeinschaft hat einen nahezu einhelligen Konsens zur Lösung des Konflikts gefunden, der uns eine nie da gewesene Chance bietet. Wenn wir sie nicht nutzen, werden wir, da bin ich mir sicher, in unserer Region einen Krieg erleben, schlimmer womöglich als alle seine Vorgänger und mit weit verheerenderen Folgen.

Die Menschen in unserer Region haben ein ausgezeichnetes Gedächtnis, und die letzten fehlgeschlagenen Versuche, die Konfliktparteien an einen Tisch zu bringen, sind ihnen noch gut in Erinnerung. Viele der Beteiligten sind weiterhin im Amt und werden es vielleicht noch Jahre bleiben. Man mag darin einen zwingenden Grund sehen, sensible Themen nicht öffentlich anzusprechen, aber ich bin der Meinung, dass die Welt wissen muss, welche Risiken wir eingehen, wenn wir untätig bleiben.
Die Generation meines Vaters erzitterte etwa alle zehn Jahre unter den Druckwellen eines Krieges.

Zunächst war da der Krieg nach der Gründung Israels im Jahr 1948, dann kam 1956, die Suez-krise, anschließend der verheerende Krieg von 1967, indem Israel das Westjordanland, den Sinai und die Golanhöhen eroberte. 1973 entfachten Ägypten und Syrien einen Krieg, um die 1967 verlorenen Gebiete zurückzugewinnen. Darauf folgten der Krieg zwischen Iran und Irak, Israels Invasion im Libanon in den achtziger Jahren und der Golf krieg 1991. Die dazwischenliegenden Zeiträume verdienen die Bezeichnung «Frieden« nur im entferntesten Sinn des Wortes. In meiner nunmehr elfjährigen Amtszeit als jordanischer König habe ich bereits fünf bewaffnete Konflikte erlebt: die al-Aksa-Intifada im Jahr 2000, die US-Invasion in Afghanistan 2001, den US-geführten Einmarsch im Irak 2003, die israelische Invasion im Libanon 2006 und die israelischen Angriffe auf Gaza in den Jahren 2008/09. Alle zwei, drei Jahre, so scheint es, wird unsere Unruheregion von einem neuen Konflikt erschüttert. Und wenn ich nach vorn blicke, dann fürchte ich, dass zwischen Israel und seinen Nachbarn, ausgelöst durch einen bislang noch unbekannten Brandherd, ein neuer Krieg ausbrechen und auf schreckliche Weise eskalieren könnte.

Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern reicht bis in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts zurück, doch die Folgen dieser Auseinandersetzung sind bis heute spürbar. Seit dem Zusammenbruch des Friedensprozesses im Jahr 2000 wurden etwa 1000 Israelis und mehr als 6500 Palästinenser getötet und viele tausend mehr verwundet. Der Nahe Osten steht vor der schwierigen Aufgabe, einen Konflikt zu lösen, der die moderne Geschichte dieser Region nahezu vollständig bestimmt hat. Doch wenn uns das gelingt, werden wir eine der wichtigsten Ursachen von Gewalt und Instabilität in unserer Region beseitigt haben.

Aus westlicher Sicht erscheint es vielen so, als gäbe es im Nahen Osten eine Reihe von isolierten Problemen: iranische Expansionsbestrebungen, einen radikalen Terrorismus, religiöse Spannungen im Irak und im Libanon sowie einen seit Langem schwelenden Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Doch in Wirklichkeit hängen all diese Problemfelder zusammen. Was sie verbindet, sind die Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Palästinensern.

Aus Sicht der Muslime hat der arabisch-israelische Konflikt eine besondere Eigenschaft, die ihn von allen anderen sie betreffenden Auseinandersetzungen unterscheidet. Anders als oft behauptet wird, geht es dabei nicht um Religion. Es ist ein politischer Kampf um Rechte und Land. Im Jahr 1900 lebten auf dem Gebiet des einstigen Palästina rund 60.000 Juden und 510.000 Araber. Nach einem Jahrhundert der Masseneinwanderung sind es inzwischen mehr als sechs Millionen Juden und nur fünf Millionen Araber. Viele jüdische Immigranten kamen während der Verfolgung durch das NS-Regime, die in einer der größten Tragödien der Geschichte gipfelte – dem Holocaust. Aber viele kamen auch später, als Israel seine Tore für Juden aus aller Welt öffnete. Der Krieg von 1948 führte zur Vertreibung Hunderttausender Palästinenser, die zumeist nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren durften. Im Krieg von 1967 kamen viele weitere – besonders im einst zu Jordanien gehörenden Westjordanland – unter israelische Besatzung. Heute leben Millionen von Palästinensern in von Israel okkupierten Gebieten, und das israelische Vorgehen dort gefährdet die Unversehrtheit Jerusalems als einer der drei heiligen Stätten des Islam. Die Bedeutung Jerusalems erklärt auch, weshalb die Palästinenserfrage für Araber und Muslime auf der ganzen Welt einen so hohen Stellenwert einnimmt.

Der Westen hat bisher noch nicht in vollem Umfang begriffen, dass es sich hier um ein Thema mit weltweiten Dimensionen handelt. Wenn ich nach Indonesien oder China fahre und dort auf Muslime treffe, möchten sie mit mir über Jerusalem sprechen. Während eines Besuchs in Neu-Delhi im Jahr 2006 fragten mich Vertreter der muslimischen Gemeinde in Indien: Wann werden die Araber das Israel-Palästina-Problem lösen? Und wenn Pakistaner auflisten, was ihnen auf den Nageln brennt, rangiert Palästina gleich hinter Indien. Die Palästinenserfrage bewegt 1,5 Milliarden Muslime auf der ganzen Welt.

Dies erklärt (rechtfertigt aber nicht), warum radikale Gruppen wie al-Qaida mit der Behauptung, Jerusalem »befreien« zu wollen, den Konflikt missbrauchen und andere dazu bewegen können, im Namen der Verteidigung des Islam und Jerusalems Terroranschläge zu verüben. Und es erklärt, warum Gruppen wie die Hisbollah und die Hamas – obwohl deren Ideologie und deren Ziele nicht mit denen von al-Qaida vergleichbar sind – zu den Waffen greifen und mit ihrem Ruf nach Widerstand gegen Israel bei einer wachsenden Zahl von Arabern und Muslimen Gehör finden. Die Aufforderung zum bewaffneten Kampf findet umso mehr Resonanz, als die Versuche arabischer Länder wie Jordanien, Ägypten und Saudi-Arabien, auf dem Verhandlungsweg zu einer Friedenslösung zu kommen, immer wieder scheitern.
Würde sich Israel hingegen auf einen Frieden mit den Palästinensern einlassen, welche moralische Rechtfertigung hätte dann noch eine Regierung oder eine Widerstandsgruppe, den Kampf fortzusetzen? Wäre Jerusalem eine geteilte Stadt und Ost-Jerusalem die Hauptstadt eines existenzfähigen, souveränen und unabhängigen palästinensischen Staates, welche Argumente könnte etwa die Regierung des Iran dann noch für ihre anti israelischen Tiraden und Aktionen vorbringen?

Gewaltbereite Extremisten bekämpft man am besten, indem man ihren Parolen die Grundlage entzieht. Mit der Gründung eines palästinensischen Staates in den alten Grenzen von 1967 und mit Ost-Jerusalem als seiner Hauptstadt wären das brennendste Problem und einer der größten Konfliktherde in der muslimischen Welt beseitigt. Ein gerechter und dauerhafter Frieden ist eine der stärksten Waffen gegen den Extremismus. Gewiss werden damit nicht alle Fanatiker verstummen, doch etwaige Auseinandersetzungen würden unter ganz anderen Bedingungen stattfinden. Und deshalb sollte dieser Frieden nicht nur für Araber von vorrangiger Bedeutung sein, sondern auch für die Vereinigten Staaten.

Ein weiterer oft missverstandener Aspekt des Konflikts ist seine Auswirkung auf die christliche Gemeinschaft und die heiligen Stätten in Jerusalem. Vor dem Krieg von 1967 wurden das Westjordanland und Ost-Jerusalem von Jordanien verwaltet, das auch heute noch der rechtlich und politisch legitime Hüter der heiligen Stätten in der Altstadt ist, der christlichen wie der muslimischen. Während Israel versucht, die Besatzung Ost-Jerusalems durch den Bau weiterer Siedlungen zu zementieren, verteidigt Jordanien unerschütterlich die Rechte der dort beheimateten christlichen und muslimischen Gemeinden. Heute leben nur noch etwa 8000 Christen in Jerusalem, im Gegensatz zu ungefähr 30 000 im Jahr 1945. Die israelische Politik und sozialer sowie wirtschaftlicher Druck haben die Mehrzahl der Christen in die Flucht getrieben. Viele der in Jerusalem gebürtigen Christen sind Araber, und während Israel ausländische Christen als Besucher Jerusalems willkommen heißt, erschwert es die Lebensbedingungen der christlichen Einwohner Jerusalems. Welch ein Paradox: Die arabische christliche Gemeinde in Jerusalem ist die älteste Christengemeinschaft der Welt; ihre Existenz geht bis auf die Zeit Jesu Christi zurück. Palästinensische Christen leiden unter der Besatzung ebenso wie die palästinensischen Muslime, und beide ersehnen gleichermaßen die Freiheit und einen eigenen Staat.

Bei den bisherigen Friedensgesprächen haben sich die Verhandlungspartner in der Regel auf Zwischenschritte beschränkt, sich mit einzelnen, sekundären Problemen befasst und kritische Punkte wie den endgültigen Status Jerusalems vorläufig ausgeklammert. Es ist aber so, dass wir niemals zu einem Ergebnis kommen werden, wenn wir die wichtigen Entscheidungen weiterhin vor uns herschieben. Wir müssen die Endstatus-Fragen jetzt klären: über Jerusalem, die Flüchtlinge, den Grcnzverlauf, die Sicherheit. Dies ist gegenwärtig die einzige Möglichkeit, zu einer Zwei-Staaten-Lösung zu kommen. Einen anderen Weg gibt es nicht.

Ich habe Israels Auftreten und Unnachgiebigkeit gelegentlich scharf kritisiert, doch selbstverständlich gibt es auf beiden Seiten Vorkommnisse, die für das Scheitern der Verhandlungen verantwortlich sind. Araber und Israelis müssen die jeweiligen Bedürfnisse der anderen anerkennen. Die Zwei-Staaten-Lösung setzt voraus, dass die Israelis das Recht der Palästinenser auf Freiheit und einen eigenen Staat akzeptieren, während die Palästinenser und der Rest der muslimischen Welt Israel das Recht auf Sicherheit zubilligen müssen. Wir haben keine andere Wahl, als zusammenzuleben. Beide Seiten haben die moralische Pflicht, sich für den Frieden einzusetzen. Davon abgesehen gibt es auch einen zwingenden pragmatischen Grund, dies zu tun: Die Alternative sind weitere Konflikte und noch mehr Gewalt.

Dafür, dass Jordanien am Prozess der Konfliktlösung beteiligt wird, sprechen allein schon seine geografische Lage, die Geschichte und das Völkerrecht. Wir beherbergen mit 1,9 Millionen die weltweit höchste Zahl palästinensischer Flüchtlinge aller Länder und pflegen freundschaftliche Beziehungen zu Israels arabischen Nachbarn, aber auch zu den Vereinigten Staaten. Außerdem sind wir eines von lediglich zwei arabischen Ländern, die einen Friedensvertrag mit Israel geschlossen haben.
Die Lösung des Palästinakonflikts ist die entscheidende Voraussetzung für eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und der gesamten muslimischen Welt. Inden letzten Jahren seiner Regierungszeit hatte mein Vater einen Vorschlag ausgearbeitet, der Israel einen umfassenden Frieden mit allen 22 arabischen Staaten ermöglichen würde, unter der Voraussetzung eines vollständigen Rückzugs der Israelis aus den besetzten arabischen Gebieten und der Gründung eines palästinensischen Staates. Leider entwickelte die Debatte darüber nie besondere Dynamik und kam mit dem Tod meines Vaters ganz zum Erliegen. Als ich König wurde, beschloss ich, die Diskussion wiederzubeleben, und bat unsere Regierung, mit Ägypten und Saudi-Arabien über die Sache zu sprechen. Schließlich verfassten die Saudis einen Entwurf, und Kronprinz Abdullah ihn Abd al-Asis Al Saud brachte die Sache einen Schritt weiter, indem er den Plan im Jahr 2002 auf dem Gipfel der Arabischen Liga in Beirut vorstellte. Sämtliche Gipfelteilnehmer akzeptierten den saudi-arabischen Vorschlag, der künftig als Arabische Friedensinitiative bezeichnet wurde.

Die Arabische Friedensinitiative fordert Israels vollständigen Abzug aus allen seit 1967 besetzten arabischen Gebieten, eine Vcrhandlungslösung für die Frage der palästinensischen Flüchtlinge und einen souveränen, unabhängigen Palästinenserstaat mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt. Im Gegenzug erklärten sich alle 22 arabischen Staaten bereit, den »arabisch-israelischen Konflikt als beendet zu betrachten, ein Friedensabkommen mit Israel zu schließen und die Sicherheit aller Staaten der Region zu gewährleisten«. Außerdem, so fügten sie hinzu, würden sie »im Kontext dieses umfassenden Friedens ihre Beziehungen zu Israel normalisieren«.

Dass die Israelis und sogar einige Mitglieder der US-Regierung unsere Initiative kurzerhand vom Tisch wischten, überraschte mich. In Gesprächen stellte sich später heraus, dass sie den Text nicht einmal gelesen hatten. Zum Thema der Fluchtlingc beispielsweise setzt sich die Initiative für »die Verständigung auf eine gerechte Lösung des palästinensischen Flüchtlingsproblems im Einklang mit der von der UN-Vollversammlung verabschiedeten Resolution 194« ein. Das entscheidende Wort hier ist »Verständigung«, und als ich das gegenüber den Israelis hervorhob, meinten sie erstaunt: »Oh!« Einige gaben dann zu, den Entwurf gar nicht gelesen zu haben. Die Arabische Friedens initiative wurde in der Folge von allen 57 Mitgliedstaaten der Islamkonferenz (Organization of the Islamic Conference, CIC) verabschiedet. In Israel jedoch wurde sie leider niemals ernst genommen. Niemand dort erkannte die beispiellose Chance, die sie bot. Wir sind immer noch in alten Vcrhaltcnsmustcrn gefangen, diskutieren Themen von nachgeordneter Bedeutung und schieben die schwierigen Entscheidungen auf die lange Bank.

Israel ist offenbar der Meinung, alle Zeit der Welt zu haben. Doch seine Verzögerungstaktik, Umkehrmanöver und Hinhaltestrategien fordern einen hohen Preis.
Die Ereignisse der letzten elf Jahre haben auf beiden Seiten Vertrauen zerstört, und der Glaube an den Friedensprozess liegt in Trümmern. Ein völlig zerstörtes Vertrauen zwischen zwei Seiten lässt sich aber womöglich nie wieder aufbauen. Alle Freunde Israels sollten das Land ermutigen, sich uneingeschränkt und unermüdlich für den Frieden einzusetzen. Und als alter und enger Freund Israels dürfen die Vereinigten Staaten nicht zögern, beide Parteien nötigenfalls auch mit Druck an den Verhandlungstisch zu bringen, um ein endgültiges Abkommen zu erzielen.

Der amerikanische Präsident Barack Obama erklärte seine Bereitschaft, zuzuhören und der arabischen und muslimischen Welt die Hand zu reichen, und öffnete damit ein Fenster der Hoffnung. Araber und Palästinenser sind jedoch enttäuscht, dass kaum konkrete Fortschritte folgten. Präsident Obama wurde kritisiert, als er Israels Premierminister Benjamin Netanjahu dazu drängte, den Siedlungsbau zu stoppen. Dass sich Israel so hartnäckig widersetzte, hat Amerikas Ansehen in unserer Region geschadet. Trotzdem wäre es ein schrecklicher Fehler, wenn Obama jetzt den Rückzug anträte. Wenn sich Amerika nicht auf seine moralische und politische Stärke besinnt und für eine Zwei-Staaten-Lösung einsetzt, wird sich eine Chance wie die jetzige vielleicht nicht noch einmal bieten. Der Spalt in der Tür wird immer kleiner, und wenn wir nicht bald handeln, werden uns künftige Generationen vorwerfen, unsere letzte Chance auf Frieden vertan zu haben.

Frieden allein wäre schon Lohn genug. Doch ich sehe auch Vorteile, die dieses kostbare Gut noch weit übertreffen. Kaum jemand wird bestreiten, dass die fortdauernde Besatzung und die daraus resultierende Ungerechtigkeit von Terroristengruppen ausgenutzt werden. Mit einer Lösung dieses Konflikts aber würden diese Organisationen ihre Anziehungskraft verlieren. Man mag einwenden, dass der Hass, den die Extremisten beider Seiten im Heiligen Land gesät und genährt haben, nicht mehr überwunden werden kann. Die Geschichte hat jedoch gezeigt, dass selbst die erbittertsten Feinde Frieden schließen können. Vor nicht allzu langer Zeit hätte niemand geglaubt, dass die Spannungen wegen der Berliner Mauer oder zwischen den Gruppierungen in Nordirland je gelöst werden könnten – und doch gehören sie inzwischen fast gänzlich der Vergangenheit an. Warum sollte uns das im Nahen Osten nicht auch gelingen?

Der Frieden ist nicht das einzige Ziel, das wir erreichen müssen. Zu unseren größten Herausforderungen gehören politische Reformen und die Entwicklung der Wirtschaft. Wir müssen lernen, Produkte herzustellen, die auf dem Weltmarkt gefragt sind, und den Lebensstandard für alle verbessern. Eine gute Ausbildung und sichere Arbeitsplätze sind der wirksamste Schutz vor dem Sirenengesang der Extremisten. Wir können es uns nicht leisten, dass so viele unserer jungen Männer ohne Beschäftigung sind. Und wir müssen dafür sorgen, dass die Frauen in unserer Wirtschaft eine größere Rolle spielen. Die Tendenz, Frauen aus angeblich religiösen oder kulturellen Gründen vom Arbeitsleben auszuschließen, entspringt einer tief sitzenden Unsicherheit. Es ist nicht hinnehmbar, eine Hälfte der Gesellschaft ihrer Rechte zu berauben und die Hälfte der Arbeitskräfte eines Landes ans Haus zu fesseln.

Man stelle sich eine Region vor, in der die Führungsqualitäten der Israelis, der Kenntnisreichtum der Jordanier, der Unternehmergeist der Libanesen und die Bildung der Palästinenser wirksam gebündelt werden. Eine derartige Partnerschaft hätte das Potenzial, zu einer regionalen Wirtschaftsmacht zu werden – zum Benelux des Nahen Ostens. Das ist keineswegs unerreichbar. Doch im Augenblick entgleitet uns die Situation vor Ort zusehends und lässt ein solches Ziel immer ferner erscheinen. Wenn dieser Trend nicht umgekehrt wird, werden wir kein Land mehr haben, das wir gegen Frieden eintauschen können – und die Palästinenser keinen Grund, ihr Schicksal in die Hände moderater Politiker zu legen anstatt, in die Hände von Extremisten. Dann sind wir zu Krieg und Dauerkonflikten verdammt.

So wie im Privatleben gibt es auch in der Politik die Neigung, am Status quo festzuhalten. Doch in unserem Fall ist die scheinbare Stabilität eine Illusion. Ärger und Wut wachsen spürbar an, und ich fürchte, dass sie bald alle Träume von Frieden und Versöhnung in den Hintergrund drängen. Mir scheint, die meisten Europäer und Amerikaner haben nicht erkannt, wie prekär die Situation bei uns geworden ist. Das war für mich der Anlass, dieses Buch zu schreiben. In den elf Jahren, in denen ich als Nachfolger meines Vaters im Amt bin, habe ich viel gesehen und viel gelernt. Und vielleicht, so meine Hoffnung, kann ich etwas bewirken, wenn ich offen und ehrlich von meinen Erfahrungen berichte.

Die Menschen in meiner Region leben Geschichte – im Guten wie im Schlechten. Was vielen aus der Ferne schwer verständlich und unfassbar erscheinen mag, ist für uns ein Bestandteil des täglichen Lebens. Daher glaube ich, dass ich mein Anliegen am überzeugendsten vermitteln kann, wenn ich meine eigene Geschichte erzähle – was ich erlebt und was ich getan habe – und zeige, wie das Politische und das Private ineinandergreifen.
Ich hatte nie die Absicht, die Position einzunehmen, die mir schließlich anvertraut wurde; vielmehr dachte ich, mein Leben lang in der Armee zu bleiben. So handelt ein Teil dieses Berichts von meinen Erfahrungen beim Militär, davon, was ich dort über Jordanien und über Führung im allgemeineren Sinne gelernt habe. Ich habe versucht, mich in einfachen Worten auszudrücken, in der klaren Sprache und Metaphorik von Militärs und nicht im Vokabular und den verschraubten Sätzen, die bei Politikern so beliebt sind.

Ich hoffe, mit diesem Buch einige Vorurteile über meine Heimatregion ausräumen zu können. Wenn Menschen im Westen die Worte »Araber«, »Muslim« oder »Naher Osten« hören, denken sie nur allzu oft an Terrorismus, Selbstmordattentate und Fanatiker mit wildem Blick, die sich in Höhlen verstecken. Ich hingegen wünsche mir, dass sie stattdessen die jungen, innovativen Elektronikunternehmen mit Millionenumsatz in Jordanien, Literaturnobelpreisträger in Ägypten und die historische Architektur in Damaskus mit unserer Region in Verbindung bringen.
Eine der gefährlichsten Thesen der letzten Jahre lautet, dass der Westen und die arabische Welt zwei separate Blöcke seien, die auf eine unausweichliche Kollision zusteuerten. Diese Theorie beruht jedoch auf Unkenntnis, ist hetzerisch und falsch. Muslime, Juden und Christen haben mehr als tausend Jahre friedlich zusammengelebt und sich gegenseitig kulturell befruchtet. Gewiss gab es Konflikte, wie die Kreuzzüge oder die europäische Kolonisation des Nahen Ostens nach dem Ersten Weltkrieg. Aber sie waren politischer Natur, geprägt durch die Bestrebungen und die Konstellationen der jeweiligen Epoche, und nicht Ausdruck von unüberwindbaren kulturellen Gegensätzen.

Nach meiner Militärausbildung in Sandhurst diente ich ein Jahr beim 13./18. Husarenregiment, einer stolzen Einheit, die fast scchzigjahrc vor der Schlacht von Waterloo gebildet wurde. Im 19. Jahrhundert kämpfte sie tapfer im Krimkrieg. In diesem Konflikt, der nicht zuletzt durch Alfred Tennysons Gedicht »The Charge of the Light Brigade« Berühmtheit erlangte, kämpften Engländer und Franzosen an der Seite der Osmanen, um die Russen am Eindringen in die Türkei zu hindern. Mehr als die Hälfte der dreißig Millionen Einwohner des Osmanischen Reichs waren Christen, und viele dienten im osmanischen Heer. Und muslimische Soldaten schlugen sich tapfer auf beiden Seiten, etwa in der französischen und der russischen Armee.
Das gefährliche Schlagwort vom »Kampf der Kulturen« hat Eingang in die Politik gefunden; es stärkt die Extremisten auf allen Seiten und jene, die Mann gegen Mann und Heer gegen Heer aufbringen möchten. Verübt ein Algerier, ein Afghane oder ein Jordanier einen terroristischen Anschlag, so wird der Täter im Westen unweigerlich als »muslimischer Terrorist« bezeichnet. Für die gleiche Tat eines Iren oder eines Sri-Lankers wird nur selten ein »christlicher« oder ein »hinduistischer Terrorist« verantwortlich gemacht. Vielmehr beschreibt man sie entsprechend ihren politischen Motiven oder ihrer Gruppierung als Aktivisten der IRA oder als tamilische Separatisten.

Wer einen allzu engen Blick auf die Geschichte hat, wird zu dem Ergebnis kommen, so wie es heute ist, sei es immer gewesen. Aber der wirtschaftliche und technologische Fortschritt des Westens ist relativ neuen Datums, er entspringt der erstaunlichen Blüte des Erfindungsreichtums in Europa und Amerika im 19. und 20. Jahrhundert. Blicken wir weiter zurück, bietet sich uns hingegen ein ganz anderes Bild. Im Mittelalter, als die US-Hauptstadt Washington noch ein Sumpf war, fanden sich die führenden Bildungs- und Wissenschaftszentren der Welt in den prächtigen Städten Jerusalem, Bagdad und Damaskus. Im Lauf der Zeit aber schlug das Pendel zur Seite des Westens aus, und im 20. Jahrhundert ist die arabische Welt weit zurückgefallen.
Ich stamme aus der Dynastie der Haschcmiten, die ihren Ursprung auf den Propheten Mohammed zurückführt und in unserer Region über viele Generationen hinweg Führungspersönlichkeiten und Herrscher stellte. Mein Vorfahr Kusai war im 5. Jahrhundert der erste Herrscher von Mekka. Mein Erbe sind Toleranz und Akzeptanz der verschiedenen Kulturen und Glaubensrichtungen.
Im Heiligen Koran heißt es: O ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. (Die Gemächer, 49:13)

Ich habe es nie so empfunden, dass meine Beziehungen zur westlichen Kultur meine Identität als Araber oder Muslim beeinträchtigt hätten. Als jemand, der im Osten geboren ist, aber im Westen zur Schule ging, verspüre ich eine große Affinität zu beiden Kulturen. Ich hoffe, mit diesem Buch eine Brücke zwischen ihnen schlagen zu können. Allzu oft wird unser Dialog von den Extremisten beider Seiten bestimmt; wir lassen zu, dass sie die Debatte beherrschen. Und allzu oft finden die Stimmen gemäßigter Araber inmitten derer, die am lautesten schreien, kein Gehör. Ich werde nicht schreien, aber ich wünsche mir, dass meine Botschaft Gehör findet. Ich möchte der Welt sagen, dass es trotz der großen Probleme in unserer Region Grund zur Hoffnung gibt.

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