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Eisbär Knut und die Judenfrage

Ich hatte es schon immer geahnt. Immer. Auch früher schon. Immer wenn ich mich gefragt habe, warum mag man uns Juden nicht, hab ich es geahnt…

Von Ramona Ambs

Es hat nämlich nichts mit den Dingen zu tun, die wir haben. Also nach Meinung derer, die glauben, dass wir das haben. Geld und Intelligenz, einen zu ausgeprägten Sexualtrieb und krumme Nasen. Nein, das ist es alles nicht. Man mag uns nicht deshalb nicht, weil wir etwas (an uns) haben, sondern, weil uns etwas fehlt. Zum Beispiel fehlt uns das Gespür für gelungene Vornamen. So heißen unsere Kinder David, Ella oder meinetwegen Leonid. Aber mit diesen Vornamen kann man ja keinen Blumentopf gewinnen. Und dann unser Äußeres. Dunkle Haare, helle Haare, dunkle Haut, helle Haut, dunkle Augen, helle Augen – uns gibts in allerlei Schattierungen.

Aber – und das scheint unser größtes Manko: wir haben kein weißes Fell. Gar keins. Kein bißchen. Und ich persönlich kenne auch keinen einzigen Juden mit einer schwarzen feuchten Nase. Das alles fehlt uns. Und deshalb mag man uns auch nicht ganz so gerne. Würden unsere Kinder Knut und Flocke heißen, hätten sie weißes Fell und eine schwarze feuchte Nase, dann würde man sie nicht nur mögen, sondern sogar richtig ganz doll lieb haben.

Jedenfalls wär man bestimmt ein bißchen traurig, wenn sie ums Leben kämen. Und wenn sie ermordet werden würden, wie zum Beispiel drei jüdische Kinder und ihre Eltern in Itamar, dann gäbe es einen Riesenaufschrei. Und vielleicht sogar echte Trauer -und Anteilnahme. Es gäbe vielleicht eine sechsseitige Sonderbeilage in der BILD-Zeitung . Man würde sich nochmal ins Gedächtnis rufen, wie sie zur Welt kamen, wie sie ihre ersten Schritte machten. Es gäbe Photos vom ersten Eis und Portraitbilder im Schabbeskleidchen. Man würde nochmal daran erinnern, welche Pläne sie hatten und was gerade sie so besonders gemacht hat. Aber es fehlt ihnen halt etwas. Die schwarze feuchte Nase und das weiße Eisbärenfell um genau zu sein.

Und deshalb sind sie deutlich weniger intressant als ein Eisbär. Dass sie bestialisch ermordet wurden, ist eine Randmeldung, der Tod von Eisbär Knut jedoch tragische Titelschlagzeile. „Das Schicksal des Bären hatte weltweit viele Menschen berührt“, heisst es denn auch treffenderweise überall. Ist ja auch logisch. Es ist natürlich ein schlimmes Schicksal, an einem Hirnschaden zu sterben. Ganz offensichtlich viel schlimmer als ermordet zu werden. Dieses weissfellige Raubtier mit Fischgeruchschnauze war ja auch so liebenswert. Da kann unsereins nicht mithalten.

Aber immerhin hat das zeitliche Zusammentreffen dieser Ereignisse einen neuen Aspekt für die Antisemitismusforschung aufgeworfen. Zukünftig werden sich Wissenschaftler auch darum kümmern müssen, was uns Juden zum liebhaben fehlt. Dass es weisses Fell ist, dürfte anhand dieser kleinen Episode evident sein, aber möglicherweise gibt es ja noch mehr…

Und wir Juden sollten überlegen, ob wir zukünftig neben der Hatikva nicht auch noch den alten Schlager von Grauzone innbrünstig schmettern sollten: Ich möchte ein Eisbär sein…

http://www.youtube.com/watch?v=8-FbIyKRH08