Der Islam im 21. Jahrhundert: Das Verhältnis des Islam zur modernen westlichen Welt.

Es ist eine Sache, den Fortschritt zu wollen, eine andere, wie man ihn verwirklichen will. Nun ist dieser Fortschritt, ob man will oder nicht, zunächst ein technischer Fortschritt westlicher Prägung, was wiederum die Frage aufwirft, in welchem grundsätzlichen Verhältnis der Islam zu dieser Art von Fortschritt steht…

André Miquel, Henry Laurens

Eine Kultur beschränkt sich natürlich nicht auf den Einsatz von Maschinen (F. Braudel), und die maschinelle Arbeitsweise hat die alten Strukturen des Westens, bei dem sie zuerst auftrat, nicht zerstört oder von Grund auf verändert. Europa hatte bereits vor der industriellen Revolution andere Erschütterungen überstanden, hatte den Konflikt zwischen dem Glauben und dem Ansturm von Wissenschaft, Rationalismus und Laizismus ertragen. Der Islam aber muß diese Prüfungen beinahe alle auf einmal über sich ergehen lassen. Deshalb ist es begreiflich, daß er oft eine abwartende Haltung einnahm oder noch einnimmt, zumal in der Auseinandersetzung mit dem Marxismus, denn dieser fügt dem Glauben an die Technik noch den Materialismus hinzu, der dem Wesen des muslimischen Geistes ganz und gar widerstrebt.

Der Islam will weder auf das Glück verzichten, noch sein Wesen verlieren. Der mittlere und eigene Weg, den die meisten Staaten der islamischen Welt zusammen mit vielen anderen Entwicklungsländern im 20. Jahrhundert gegangen sind, ohne sich für Kapitalismus oder Marxismus, für den Westen oder den Osten zu entscheiden, dieser nicht weniger schwer zu bestimmende als einzuhaltende Weg der Neutralität kann auch unter veränderten Bedingungen fortgesetzt werden.

So fordert zum Beispiel die Entwicklung nicht nur die Befreiung der Frau, sondern auch ihre aktive Teilnahme am öffentlichen Leben. All diejenigen in den Reihen des Islam, die wissen, daß ein modernes Land nicht auf die Kraft der Hälfte der Bevölkerung verzichten kann, geben sich nicht damit zufrieden, die Beseitigung der letzten Überbleibsel der Polygamie und ein Ablegen des Schleiers zu fordern. Sie wollen die Frau völlig emanzipieren, ihr freien Zugang zu Bildung und Berufsleben verschaffen, sie über ihre Bestimmung selbst entscheiden lassen. Doch ist die Frau im Islam, wie auch sonst, traditionell die höchste Hüterin der überlieferten Sitten, die sie in den Zeiten der Fremdherrschaft eifersüchtig bewahrt hat; sie ist, wie J. Berque sehr schön gesagt hat, das »Licht in der Nacht der Kolonialzeit« gewesen. Auch hierin hegen die Gründe für die vielfach zögernde, neutrale Haltung des Islam unter dem Leitmotiv: Emanzipation ja, doch mit Rücksicht auf die bestehenden kulturellen Unterschiede.

Diesen Frauen und Männern der islamischen Welt kann der Westen nur wünschen, daß sie ihren Weg finden und ihn glücklich zu Ende gehen. Sein Interesse und seine Schuldigkeit gebieten dem Westen aber auch, ihnen bei dieser Aufgabe zu helfen. Das Ziel von morgen ist das Ziel der ganzen Welt: Wohlstand und Gerechtigkeit. Die Pflicht von heute ist die Zusammenarbeit aller, ohne Einschränkung und ohne Vorbehalte. Der Islam hat sich immer, in seiner Geschichte wie in den neueren Ideen seiner kulturellen Wiedergeburt, als eine Brücke zwischen den verschiedenen Gruppen der Menschheit verstanden. Warum sollte er heute nicht in der Lage sein, sobald er erst einmal seine eigene Bestimmung mit der der Welt in Einklang gebracht hat, die Tradition der alten Beziehungen und der Dialoge, die niemals hätten unterbrochen werden dürfen, nach allen Seiten wieder aufzunehmen?

Aus p.476ff – André Miquel, Henry Laurens: Der Islam – Eine Kulturgeschichte

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