Agnes Heller – Eine jüdische Intellektuelle und Weltbürgerin

Agnes Heller, die 81-jährige international renommierte jüdische Philosophin, hat schon viel überlebt – sie wird auch dies überstehen: In ihrem ehemaligen Heimatland Ungarn, aus welches man sie vertrieben hat, wird aus durchsichtigen Motiven eine Kampagne gegen sie lanciert: Die in New York, zeitweise auch in Budapest lebende Philosophin soll EU-Gelder nicht korrekt abgerechnet haben. Hintergrund dieser Angriffe ist ihre Kritik am neuen ungarischen Mediengesetz. Pessismus ist jedoch nicht angesagt: Die Angriffe gegen diese außergewöhnliche Intellektuelle, die sich schon vor Jahrzehnten von allen ideologischen Heilsversprechen und „-ismen“ losgesagt hat, haben eine internationale Solidaritätsbewegung für diese außergewöhnliche jüdische Frau hervorgerufen. Vor wenigen Tagen, am 1. März 2011, sprach sie auf Einladung der Fraktion GRÜNE/EFA im Europäischen Parlament zur Frage „Hungarian democracy in danger?“…

„Ich habe deutsch nie gelernt, ich habe deutsch nur vergessen…“
Agnes Heller, 2010

Von Uri Degania

Prominente wie Jürgen Habermas und Nida-Rümelin haben in einem Aufruf ihre tiefe Besorgnis über die Angriffe gegen die jüdische Philosophin Agnes Heller formuliert. In ihrer Stellungnahme heben sie hervor:

„Wir machen uns Sorgen um das politische und berufliche Schicksal ungarischer Kollegen. Im Mittelpunkt des Konflikts stehen Agnes Heller, Mihály Vajda und Sándor Radnóti, die den Ministerpräsidenten Orbán wegen der Einführung des fragwürdigen Mediengesetzes öffentlich kritisiert haben. Heller und Vajda wurden schon während der kommunistischen Herrschaft als Dissidenten verfolgt. Sie verloren 1973 ihre Professuren und mussten 1977 emigrieren.“[01]

In einem Interview mit dem STERN hat Agnes Heller zu den Motiven der Angriffe gegen sie und ihre Freunde Stellung bezogen. Sie führt hierin aus:

Ist Ungarns Kulturszene durch die rechtsnationale Regierung von Viktor Orban bedroht?

Heller: „Orban will alle ausschalten, die irgendeine kritische Stimme haben. Er ist kein Diktator, aber er hat die entsprechende Gesinnung. Wie alle Menschen mit diktatorischer Gesinnung glaubt er, dass alle, die ihn kritisieren, ein Hindernis sind, das man beseitigen muss.“

Wie kam es zu den schweren Vorwürfen gegen Sie und andere Philosophen, bei denen es um Zweckentfremdung von Geldern geht?

Heller: „Die Vorwürfe gehen von einigen kleinen Philosophen aus, die große Philosophen sein wollen. Sie sind eifersüchtig. Sie haben das Material über uns an die regierungstreue Presse gegeben.“

Ist es ein politischer Angriff?

Heller: „Sie machen gar kein Geheimnis daraus, dass es ein politischer Angriff ist. In den entsprechenden Zeitungsartikeln werde ich als „liberale Philosophin“ bezeichnet und es wird immer wieder zitiert, was ich über Orban gesagt habe. Was hat denn das damit zu tun? Sie machen es so offen. (…)

Er (Orban) glaubt an sich selbst. Er ist nicht zynisch, nicht antisemitisch und nicht rassistisch. Nur glaubt er, dass nur er weiß, was für das Land gut ist. Er benutzt den Antisemitismus für populistische Zwecke, obwohl er selber kein Antisemit ist. Er ist ganz egozentrisch. Er liebt nichts in seinem Leben außer Macht. Es ist der Wille zur Macht – nicht in Nietzsches Sinne, sondern im prosaischen Sinne. Das ist seine emotionelle Triebkraft.“[02]

Die Angriffe mögen ein Anlass dafür bilden, den außergewöhnlichen Lebensweg dieser jüdischen Philosophin in Erinnerung zu rufen.

Agnes Heller wurde am 12. Mai 1929 in Budapest geboren. Ihr Vater war Rechtsanwalt und sah für seine Tochter, im Widerspruch zur Tradition, eine Karriere als Komponistin oder Philosophin vor.

Sie hörte den unorthodoxen Philosophen George Lukacs an der Budapester Universität, wurde seine Schülerin, später seine Assistentin. Mit sehr viel Glück überlebte sie als jüdisches Mädchen mit ihrer Mutter die antisemitische Verfolgung, vermochte immer wieder zu fliehen. Ihr Vater wurde in Auschwitz ermordet. Nach dem Ungarn-Aufstand 1956 hatte sie kurzzeitig Hoffnung, dass auch in Ungarn eine Äera der Freiheit im Denken entstehen könnte – ein Irrtum. Die Kommunistische Partei schmiss die Jüdin und Philosophin aus der Universität heraus, 20 Jahre später emigrierte sie nach Australien, wo sie von 1978 – 1983 als Professorin Philosophie lehrte. 1986 wurde die 58-jährige nach New York berufen, wo sie als Nachfolgerin Hannah Arendts deren Lehrstuhl für Philosophie an der New School for Social Research inne hatte.

Seit ihrer Emeritierung pendelt sie zwischen New York und Budapest.

Foto: Agnes Heller im Juni 2010,  © Vadas Róbert

Dem Internetmagazin FemBio: Frauen-Biographieforschung e.V.[03] möchten wir folgende biografische Passagen entnehmen:

„Als verfolgte Jüdin wurde sie nach 1945 überzeugte Zionistin, Marxistin und Kommunistin. Der historische Optimismus und die Erlösungsgedanken dieser Weltanschauungen hielten sie in Bann. Viele ihrer Familienmitglieder in Budapest, Wien und Brünn waren im KZ verschwunden. (…) Die Pfeilkreuzler, eine nationalistische und antisemitische Gruppierung in Ungarn, waren mit Hilfe der deutschen Besatzung 1944 zu politischer Macht gelangt und übten einen blutigen Terror besonders gegenüber der jüdischen Bevölkerung aus.

Agnes und ihre Mutter versteckten sich in Budapest immer wieder in einem anderen Stadtteil, um den Razzien zu entgehen. Schließlich wurden sie doch gefangen und in einem langen Zug, neben ihnen marschierte der vierzehnjährige Imre Kertész, zum Bahnhof zur Deportation getrieben. (…) Jahrelang litt Agnes Heller unter schweren Ängsten. Sie konnte weder ans Donauufer gehen noch die Donau auf einer Brücke überqueren. Die grauen Wasserwirbel der Donau verfolgten sie, Donau und Todesangst verschmolzen zu einem einzigen Alptraum.

1947 machte Agnes Abitur, 1949 heiratete sie und bekam eine Tochter. Diese Ehe wurde geschieden, bald darauf heiratete sie den Studenten und späteren Literaturkritiker und Philosophen Ferenc Fehér, mit dem sie häufig gemeinsam publizierte. 1964 wird ein Sohn geboren.

Agnes und ihr Mann sind Mitglieder der Budapester Philosophenschule um Georg Lukács, verkehren mit Künstlern und Intellektuellen und leben in diesen dürftigen Nachkriegsjahren – Agnes hatte immer Hunger und fror und hatte kaum etwas anzuziehen – von leidenschaftlichen Diskussionen über philosophische und literarische Themen im Kreise Gleichgesinnter und jüdischer LeidensgenossInnen. Alle waren sie von der Judenverfolgung geprägt – Fehér mußte als Zehnjähriger Leichen aus dem Ghetto karren – alle hatten sie nächste Angehörige im KZ verloren.

Agnes Heller publizierte sehr viel, kam bald mit der kommunistischen Partei in Konflikt, es wurde ihr mangelnde Linientreue vorgeworfen, sie wurde aus der Partei ausgeschlossen, verlor ihre Stelle an der Universität und unterrichtete fünf Jahre an einem Mädchengymnasium. Die engen Denkvorgaben der Partei akzeptierte sie nicht, Intrigen und Denunziationen beherrschten das ungarische Geistesleben. Heller bekam Publikationsverbot und wurde von ehemals Befreundeten ängstlich gemieden.

Der ungarische Aufstand 1956 ließ sie auf Befreiung von der kommunistischen Indoktrination hoffen (…), doch letztlich folgten keine Erleichterungen. Gleichzeitig liebt sie ihr Ungarn so sehr, daß für sie eine Flucht ins Ausland nicht in Frage kommt. “Ich bin eine ungarische Jüdin und ich liebe die ungarische Sprache”, sagt sie mehrmals in ihrer Autobiographie. In ihrer Philosophie wollte sie, wie sie sagt, eine neue Welt errichten, “ich wollte mein ganzes Leben lang Auschwitz und den Stalinismus verstehen, deswegen beschäftigte ich mich immer wieder mit Geschichtsphilosophie und Moralphilosophie.”

1973/74 (…) begann eine Treibjagd auf die Mitglieder der Budapester Schule. Hausdurchsuchungen, Bespitzelungen und in der Wohnung versteckte Wanzen machten das Leben unerträglich. Agnes und Ferenc verloren wieder ihre Stellen. (…) 1978 schließlich gelingt es Heller und Fehér, nach Australien zu emigrieren (…)

Sie genießt die Freiheit, bereist ganz Europa und besucht internationale Kongresse. Sie bekommt die australische zu ihrer ungarischen Staatsbürgerschaft hinzu. 1984 erhält sie die Hannah-Arendt-Professur an der New Yorker New School for Social Research (New School University).”

Für ihr Gesamtwerk erhielt Agnes Heller zahlreiche Auszeichnungen.

Literatur & Quellen

Heller, Agnes. 1970. Alltag und Geschichte – Zur sozialistischen Gesellschaftslehre. Neuwied. Luchterhand.
Heller, Agnes. 1980. Theorie der Gefühle. Hamburg. VSA.
Heller, Agnes. 1998. Ein Essay über die Schönheit der Freundschaft, in: Querelles, Jahrbuch für Frauenforschung, Band 3. Stuttgart. Metzler. S.48-61.
Heller, Agnes. 1999 [1998]. Der Affe auf dem Fahrrad: Eine Lebensgeschichte. Bearbeitet von János Köbányai. Aus dem Ungarischen von Christian Polzin & Irene Rübbert. Berlin; Wien 1999. Philo.
Heller, Agnes. 2002. Die Auferstehung des jüdischen Jesus. Aus dem Ungarischen von Christina Kunze. Berlin; Wien. Philo.

Internetverweise

http://www.greenmediabox.eu/archive/2011/03/01/agnesheller/
http://jungle-world.com/artikel/2010/34/41610.html
http://www.wdr5.de/sendungen/erlebte-geschichten/s/d/10.05.2009-07.05/b/wie-auschwitz-und-stalin-verstehen.html
http://www.stern.de/politik/ausland/agnes-heller-im-interview-ungarische-philosophin-kritisiert-ministerpraesident-orban-1654984.html
http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/agnes-heller/
http://www.youtube.com/watch?v=c1tydB1czbA
http://www.helgatruepel.de/aktuelles-zum-ungarischen-mediengesetz-%E2%80%93-agnes-heller-im-europaischen-parlament/
http://www.sueddeutsche.de/kultur/aufruf-von-habermas-und-nida-ruemelin-schuetzt-die-philosophen-1.1050449

  1. http://www.sueddeutsche.de/kultur/aufruf-von-habermas-und-nida-ruemelin-schuetzt-die-philosophen-1.1050449 []
  2. http://www.stern.de/politik/ausland/agnes-heller-im-interview-ungarische-philosophin-kritisiert-ministerpraesident-orban-1654984.html []
  3. http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/agnes-heller/ []

4 Kommentare zu “Agnes Heller – Eine jüdische Intellektuelle und Weltbürgerin

  1. „Heller: “Die Vorwürfe gehen von einigen kleinen Philosophen aus, die große Philosophen sein wollen. Sie sind eifersüchtig. Sie haben das Material über uns an die regierungstreue Presse gegeben.”“

    Es spielt doch keine Rolle, wer wie oder warum ‚eifersüchtig‘ .. nicht bei Frau Heller und nicht bei Karl-Theodor ..

    Die einzig wirklich wichtige Frage ist, hat sie EU-Gelder falsch abgerechnet?
    Wenn denn der Vorwurf falsch ist, ist dies schnell zu belegen .. schliesslich ist Mathematik nicht auslegungsfähig ..
    Wenn denn der Vorwurf berechtigt ist, .. sie selber spricht über „material“, was übergeben wurde .. dann hilft auch kein Hinweis auf Neider oder sonstwen ..

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