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Wendepunkt Adolf Eichmann

Der Prozess gegen Adolf Eichmann, dem Organisator des Genozid der Nazis an den Juden, war neben der Gründung eines jüdischen Staates „nach 2000 Jahren im Exil“ für die Juden möglicherweise das prägendste Ereignis im zwanzigsten Jahrhundert… 

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 16. März 2011

Zu diesem Schluss kamen mehrere Forscher bei einer Konferenz im Jerusalemer Konrad Adenauer Zentrum aus Anlaß des fünfzigsten Jahrestages jenes Prozesses. Die Konferenz wurde unter dem Titel „Wendepunkt“ abgehalten, vom Goethe Institut, der Claims Conference und der Jerusalem Foundation gefördert.

Adolf Eichmann war vom israelischen Mossad in Argentinien nach Israel entführt worden und in Jerusalem zum Tod durch den Strang verurteilt. Es war der erste große Prozess gegen einen „Schreibtischtäter“, der für die systematische Ermordung von sechs Millionen Menschen zur Verantwortung gezogen worden war. Hanna Arendt hatte damals den Begriff „Banalität des Bösen“ geprägt.

Unter den Forschern auf dem Podium saßen neben Anderen die Professoren Irmtrud Wojak, Danny Gutwein und Mosche Zuckermann, Tom Segev und der bekannte Fernsehmoderator David Wizthum.

Nach der Gründung des Staates 1948 waren die Israelis wegen Krieg, Masseneinwanderung und wirtschaftlicher Probleme allein „auf die Zukunft“ gerichtet. Erst mit dem Eichmann-Prozess 1961 holte sie die Vergangenheit ein. Während vorher die Überlebenden des Holocaust in der Wir-Form, als Kollektiv, über ihre Erfahrungen während der Schoah berichteten, hätten die Zeugen während des Prozesses erstmals als Individuen in der Ich-Form geredet. Jeder vierte Israeli habe damals die KZ erlebt. Tom Segev behauptete, dass die Schoah bis zum Eichmann-Prozess in Israel ein Tabu gewesen sei. Die Eltern hätten aus Scham nichts erzählt, während ihre Kinder nicht gewagt hätten, Fragen zu stellen. Bei manchen Überlebenden habe es Schuldgefühle gegeben wegen der Frage: „Warum habe ausgerechnet ich überlebt.“

Gleichwohl sei der Holocaust stets präsent gewesen, etwa bei Familienfeiern, wo Großeltern, Onkels und Tanten fehlten, weil sie in Europa „verschwunden“ waren.

Der Eichmann-Prozess habe „wie eine Therapie“ auf die israelische Gesellschaft gewirkt. Während des Unabhängigkeitskrieges von 1948 hätten die Israelis trotz Tausender Tote in die Zukunft schauend gekämpft. In der Folge des Eichmann-Prozesses hätten die Israelis bei den Kriegen von 1967 und 1973 geglaubt, das es um ihre physische Existenz und pures Überleben ginge. „Mit dem Prozess hat die Vergangenheit sie eingeholt.“ Beiläufig erwähnte Segev, dass es bei den Nürnberger Kriegsverbrecher Prozessen nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt nicht um den Holocaust ging. Der amerikanische Chefankläger in Nürnberg habe möglichst keine Juden als Zeugen vorgeladen, weil die „bei der Beschreibung ihrer Erlebnisse maßlos übertreiben“.

Der Eichmann-Prozess habe auch eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der deutsch-israelischen Beziehungen im Vorfeld der Aufnahme diplomatischer Beziehungen 1965 gespielt. Bundeskanzler Konrad Adenauer habe die Anklageschrift des Staatsanwalts Gideon Hauser vorab zu lesen bekommen. Wo „Deutsche“ stand, forderte Adenauer, stattdessen „Nazis“ oder „deutsche Nazis“ einzusetzen. Segev monierte, dass in Deutschland bis heute Tausende für Forscher unzugängliche Akten zu Eichmann in den Archiven lägen.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com