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Jüdisches Bayern: Die Juden von Thannhausen

Die bayerisch-schwäbische Kleinstadt Thannhausen im Landkreis Günzburg beherbergte einst eine bedeutende Judengemeinde, die sogar über eine eigene Druckerei verfügte und auch noch Sitz des Landesrabbinats war. Im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts jedoch vertrieben die christlichen Thannhauser ihre jüdischen Mitbürger aus Gründen, die bis heute nicht erschöpfend geklärt werden konnten, und – nie wieder siedelten Juden dort an…

Von Robert Schlickewitz 

Thannhausen, das zwischen Augsburg und Memmingen, bzw. zwischen Ulm und Landsberg am Lech, liegt, zählt heute etwa 6000 Einwohner. Es wird 1109 (oder 1120) erstmals urkundlich erwähnt, erwarb sich 1293 den Status Marktort und gehört seit 1806 zu Bayern.

Über die Anfänge jüdischen Lebens in der Stadt sind sich die beiden herangezogenen modernen Nachschlagewerke zum deutschen Judentum nicht einig: Entweder ab etwa 1400 oder ab Beginn des 16. Jh. wird heute von der Anwesenheit von Angehörigen der Minderheit in Thannhausen ausgegangen. Die Herren des Ortes scheinen die Ansiedlung von Juden gefördert zu haben, da sie sich, ebenso wie andernorts auch, davon einen wirtschaftlichen Aufschwung, vor allem aber ‚mehr Geld im eigenen Säckel‘ versprachen. Bekanntlich konnte man in jenen Zeiten als christlicher Adeliger oder Stadtpatron Juden, gleichsam nach Belieben, Abgaben und Sondersteuern auferlegen: Schutz- und Neujahrsgebühren, Synagogensteuern, Sterbegelder, Gebühren für Zuzug und Abwanderung etc.

Außer einer Synagoge besaßen die Thannhauser Juden ab 1566 oder 1567 (auch hier differieren die Angaben) einen eigenen Friedhof. Bis dahin mussten jüdische Tote auf Friedhöfen von Nachbargemeinden bestattet werden, so verlangte es die Willkür der christlichen Obrigkeit. Aus der Zeit 1592/1594 datiert der Druck des Machsor, eines wertvollen Gebetbuchs aus einer Thannhauser jüdischen Druckerei, von dem ein einziges Exemplar in Oxford erhalten geblieben ist. Die zeitweise bis zu 400 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde, die auch aus Günzburg und Burgau  vertriebene Familien und Einzelpersonen aufgenommen hatte, gehörte um 1620 zu den größten und einflussreichsten in Schwaben. Dies war u.a. einem kaiserlichen Dekret von 1618 geschuldet, das den Juden der Region ungehindertes Wohnrecht einräumte. Natürlich hatte es der auf seinen materiellen Vorteil erpichte, christliche Herrscher nicht versäumt, sich dafür von den Juden eine Extraabgabe, den jährlich zu entrichtenden „Opferpfennig“, einfallen zu lassen.

1628 konnte sich die jüdische Gemeinde an den Neubau einer geräumigeren Synagoge machen –  trotz der üblen Propaganda und des massiven Widerstands des örtlichen katholischen Klerus‘, für den die Juden, jene „Gottesmörder“ bzw. „Feinde unseres Herrn Jesu“, einen steten Dorn im Auge darstellten. Selbstverständlich unterhielten die Thannhauser Juden auch eigene Bildungseinrichtungen, die „Judenschuol“ und die „Juden-Studentenschuol“.

Der Dreißigjährige Krieg (1618-48) mit seinen Hungersnöten und Seuchen verschlechterte die allgemeinen Lebensbedingungen der Region und führte zu einem Bevölkerungsrückgang, von dem Christen wie Juden betroffen waren. Erst gegen Ende des 17. Jh. trat wieder eine gewisse Regeneration ein. Die Juden lebten in erster Linie vom Kleinhandel mit Produkten der näheren und ferneren Umgebung, vom Salz-, Vieh- und Textilhandel, sowie, seltener, von der Pfandleihe bzw. von Kreditgeschäften.

Für die tatsächlichen Gründe der endgültigen Vertreibung der Juden aus Thannhausen in den Jahren 1717 bzw. 1718 liegen keine belastbaren Argumente vor. Belegt ist lediglich eine judenfeindliche Stimmung im Ort zu Beginn des 18. Jh. Die Vertriebenen fanden vor allem in den umliegenden Dörfern, in Ichenhausen, Altenstadt/Iller, Fellheim und Osterberg neue Aufnahme.

Die Thannhauser Synagoge ist nicht erhalten geblieben; nach deren Abriss im Jahre 1722, erbauten die Stadtbewohner an ihrer Stelle eine christliche, die gräfliche von Stadionsche Kapelle, die, folgt man den Angaben von Israel Schwierz, heute noch von den Ortsbewohnern „Synagoge“ genannt wird. Außerdem hielten sich in der Umgangssprache die „Judengasse“, der Name eines Hauses, „Abraham-Haus“, der Flurname „Aberhau“ (für: Abrahamteile) und der Name jenes Waldabschnitts, „Judenbegräbnis“, wo einst der, heute ebenfalls nicht mehr vorhandene, Friedhof lag.

In der deutschsprachigen jüdischen Presse der 1920er Jahre fanden sich zwei Beiträge, die gleichfalls die Geschichte der Thannhauser Juden behandeln. Der erste stammt aus der „Bayerisch Israelitischen Gemeindezeitung“, Nr. 6, vom 8. 6. 1926 von Isidor Kahn. Dieser Autor wirkte ab 1897 als Lehrer sowie Heimathistoriker im schwäbischen Krumbach; er unterrichtete bis zu seiner Pensionierung 1924 und verstarb im Jahre 1930.

„Die Juden in Thannhausen“ von Isidor Kahn

Überall zeigt sich ein reges Streben, das Heimatleben in Gegenwart und Vergangenheit betrachten und verstehen zu lernen, die Wechselbeziehungen zwischen Gedanken, Gefühlen und Bestrebungen der Menschen zueinander zu erforschen, um daraus Schlüsse und Folgerungen für die Zukunft zu ziehen. Dieses Suchen und Forschen förderte auch die Geschichte der Juden in Thannhausen, einem schwäbischen Marktflecken im Mindeltale, zutage. Daselbst befand sich ehedem eine blühende jüdische Gemeinde, welche zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges aus 48 steuerpflichtigen Mitgliedern und einer Seelenzahl von etwa 300 Personen bestand. Eine Klageschrift besagt: „es wären schier der dritte oder vierte Teil Juden.“ Das Salbuch (Steuerliste) 1599-1602 enthält die Namen Lazarus Judt, Isaak Barlen Judt, Seligmann, J., Mayer J., Veis Niederländer J., Kauffmann J., Aberlen Schatz, Bebers J., Samuel, Schwarz Szigle, Benjamin, Doktor, Eberlen, Doktors Sohn, Jocklin, Doktors Sohn, Isaak Maler, Jakob Fillenschreiber, Schemuel, Veis Lene, Jakob, genannt Blattfus, Jecklin von Neuburg, Jakob, genannt Schattoh. Von dem Rabbiner Günzburger, der eine Anzahl Bachurim (Jünger) hielt, fordert die Herrschaft 30 Heller für jeden Jünger. Die Steuern, die an die Herrschaft zu entrichten waren, bestanden aus einer Besitzsteuer von 5-8 fl. (= Gulden), dem Neujahrsgeld von 1 Gulden 30 Kreuzer und dem Gansgeld, das 1599 für jede Person auf 20 Kreuzer festgesetzt wurde.

Einige Juden besaßen auch Grundbesitz, wofür sie Grundsteuer entrichten mussten. 1599 bezahlte die Judengemeinde jährlich für die Benützung der Mindelbrücke 21 Gulden, Weid- oder Rossgeld im Betrage von 17 Gulden. Über ihre Tätigkeit gibt das Steuerbuch wenig Anhaltspunkte; einige besaßen wohl Grundbesitz, doch dürfte der größere Teil sich mit Nothandel seinen Lebensunterhalt erworben haben. Ihre Häuser lagen im ganzen Markt zerstreut, doch scheinen sie im Bachgassenwinkl vorherrschend gewesen zu sein. Dort lag auch ihre Schule im Haus des Juden Jecklin. Jecklin und Anstall waren die jüdischen Lehrer. Auch am Marktplatze standen zwei Judenhäuser, darunter eine Weinschenke, die von einem Juden namens Blattfus geführt wurde.

Bemerkenswert ist, dass sich in Thannhausen eine jüdische Druckerei befand, in welcher 1592-94 das Machsor nach Minhag aschkenes gedruckt wurde. Ein Exemplar befindet sich noch in der Bibliothek zu Oxford. Das Titelblatt bezeichnet als Verfasser Maharil Jszchak Masi*, der die Herausgabe im Namen und Auftrag des Rabbiners Günzburger ausführte. Der Titel ist hellrot, die Lettern ziemlich groß, das Portale hat oben drei Fische, unten eine Hand aus den Wolken, welche 2 andere begießt (Levi), an den Seiten 2 geharnischte Männer mit Schildern, worauf die Namen der Herausgeber stehen.

Anfänglich mussten sie ihre Toten nach Kriegshaber bei Augsburg im Dunkel der Nacht überführen. Später wies ihnen die Herrschaft eine entlegene Stelle als Gottesacker an, „und jed Judt, sey alt, jung, Mann oder Weib, so er stirbt, ist man der Herrschaft 1 Gulden 30 Kreuzer schuldig“.

In Zeiten religiöser Aufregungen bot der „Judenschutz“ nicht mehr die nötige Sicherheit. So wurde 1610 Klage geführt, ein Jud habe die religiösen Gefühle der Christen verletzt und es kam zu einer großen Schlägerei. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde die Beschuldigung erhoben, die Juden hätten die Brunnen vergiftet.  Die Pest, die hier wütete, im Verein mit der herrschenden Not, die der schreckliche Krieg gebracht hatte, machte die Juden zum Sündenbock, und ihre Vertreibung aus Thannhausen war die Folge. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts siedelten sie sich in geringerer Zahl wieder an und im Jahre 1708 zählte man im Markte wieder 20 Familien. In diesem Jahre erwarb Graf Stadion die Herrschaft Thannhausens. Schon beim ersten Besuch äußerte die Gräfin ihr Missfallen über die jüdische Bevölkerung. An ihrer Kinderlosigkeit sollten die Juden Schuld sein, „sie sollten die Gräfin verhext haben“, und so erlangte der Graf beim Kaiser Karl IV. die Erlaubnis, sämtliche Juden aus Thannhausen zu vertreiben. Das geschah am 24. August 1718. Die Vertriebenen lagerten einige Zeit in der Talebene und schickten eine Gesandtschaft an den Kaiser, um den Ausweisungsbefehl rückgängig zu machen. Wohl reute es den Kaiser, das Glück so vieler unschuldiger Menschen geopfert zu haben, aber sein gegebenes Wort wollte er nicht zurücknehmen. Die Vertriebenen siedelten sich in den benachbarten Gemeinden Hürben, Ichenhausen und Altenstadt an. Als durch kaiserliches Reskript allgemein Familiennamen anzunehmen befohlen wurde, wählten einige den Namen Thannhauser, der heute noch vielfach geführt wird. Die Synagoge in Thannhausen wurde in eine Kapelle umgebaut und führt noch heute den Namen „Judenkapelle“. Am Eingang derselben steht ein Opferstock, der alten Synagoge entnommen und trägt eine auf die Umwandlung bezügliche Darstellung. Oben ist Moses mit den Gesetzestafeln dargestellt mit der Inschrift „Antiquum documentum“. Unten ist eine Monstranz und darunter die Schrift „Novo cedat ritui.“

*Dieser Familienname (kommt) noch heute in Rußland (vor).

In der Zeitschrift „Der Israelit“ erschien am 29. Juli 1926 ein Beitrag über die jüdische Druckerei von Thannhausen, verfasst von David Wallersteiner. Dieser Autor wurde am 15. 9. 1854 in Kappel geboren und später als Kultusbeamter (Kantor und Schochet) in Ansbach ansässig. Im hohen Alter von 80 Jahren sah sich Wallersteiner 1934 angesichts der barbarischen Judenfeindschaft in seiner bayerischen Heimat gezwungen, Deutschland zu verlassen; er emigrierte nach Palästina, wo er 1938 verstarb.

Die jüdische Druckerei in Thannhausenvon David Wallersteiner.

Das Suchen und Forschen nach dem Bestand der einstmals blühenden schwäbischen Geruschgemeinden (solche Gemeinden, aus denen Juden vertrieben wurden), gab Herrn Hauptlehrer Kahn in Krumbach Veranlassung einen diesbezüglichen Aufsatz in Nr. 6 der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung ‚Die Juden in Thannhausen‘ erscheinen zu lassen.

Ich verweise hiermit auf den sehr interessanten Artikel und in Ergänzung desselben teile ich folgendes mit: 

Der Herr Bibliothekar der hiesigen Regierungsbibliothek ersuchte mich, die dort aufbewahrten, einstmals in der Markgrafenzeit konfiszierten hebräischen Werke bzw. deren Titel, behufs Aufnahme in den Katalog, ins Deutsche zu übertragen. Dabei fand ich das von Herrn Kahn beschrieben Machsor (Gebetbuch) in einem Quartlederband. Das von Herrn K. beschriebene Machsor befindet sich in Oxford.
Dort scheint aber nur der erste Teil Machsor vorhanden zu sein, während der hiesige Band zwei Teile enthält, und zwar der erste Teil das Machsor, dessen Titelblatt leider fehlt. Das Titelblatt des zweiten Teils ist vollkommen erhalten und entspricht genau der Beschreibung in oben angeführtem Artikel, nur daß der Titel nicht in Rot, sondern in Schwarzdruck gehalten ist.

Der Titel dieses zweiten Teils lautet: (…)

Das Buch war Eigentum des Moyses aus Fürth, ehemaligen markgräflichen Hofjuden. Sein Name steht auf einem auf dem Deckel aufgeklebten Papierschild. Weiteres ist auch mit der Lupe nicht mehr zu entziffern.

Bezüglich der Konfiskation macht mich Herr Rabbiner Dr. Weinberg in Neumarkt auf Hänle, „Geschichte der Juden im ehemaligen Fürstentum Ansbach“, S. 85 und 86 und Ziemlich „Eine Bücherkonfiskation in Fürth im Jahre 1702“ aufmerksam, wofür ich dem Herrn auch an dieser Stelle danke.

Ob die von Ziemlich namentlich aufgeführten Bände und ihre Druckorte mit den in der besagten Bibliothek befindlichen identisch sind, kann ich erst nach Sichtung sämtlicher Bände bestimmen und werde ich dann nicht säumen, von weiteren Funden Mitteilung zu machen.

Das Thannhauser Druckwerk ist bei Ziemlich nicht registriert.

Wie Herr Hauptlehrer Kahn mitteilt, wohnen in Th. keine Juden mehr und nur der Name Thannhauser (auch Dannhauser) erinnert noch an die einstige Heimat. Ich gestatte mir dabei zu bemerken, dass die Urahnen meiner seligen Frau (…) – sie ruhe in Frieden – geb. Dannhauser, aus Thannhausen stammten und nach dem Gerusch (Vertreibung) nach Hürben, dem heutigen Krumbach übersiedelten. Der Großvater (Rabbiner Mosche seligen Andenkens), des hochberühmten  (in Ehren Ruhenden) war Rabbiner in Thannhausen.

Literatur und Internetinformationsquellen:

„Thannhausen“ in: Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, 21. Aufl., Leipzig u. Mannheim 2006.
„Thannhausen“ in: Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, München 1992; zugleich: Bayerische Landeszentrale für politische Bildung, Veröffentlichung A 85
„Thannhausen“ in: Klaus-Dieter Alicke, Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, Gütersloh und München 2008
http://de.wikipedia.org/wiki/Thannhausen_(Schwaben)
http://ikg-bayern.de/frs/fr_056.html
http://www.alemannia-judaica.de/thannhausen_synagoge.htm
http://familytreemaker.genealogy.com/users/s/i/l/Gary-Silverstein/ODT4-0035.html
http://adressbuecher.genealogy.net/entry/show/42884
http://www.compactmemory.de/library/seiten.aspx?context=pages&ID_0=68&ID_1=985&ID_2=27423&ID_3=82221&&tzpid=68
http://www.steinheim-institut.de/cgi-bin/epidat?function=Ins&sel=ans&inv=0102
http://star-of-david.blogspot.com/2008_07_15_archive.html