Keine Bombe, kein Anschlag

Im Jahr 1998 begann für die türkische Schriftstellerin und Soziologin Pinar Selek ein juristischer Alptraum, dem vergangene Woche ein vorläufiges Ende gesetzt wurde. Selek wird vorgeworfen, für eine töd­liche Explosion in Istanbul verantwortlich zu sein, obwohl es nicht belegt ist, dass eine Bombe gelegt wurde. Nun wurde sie von einem Istanbuler Gericht zum dritten Mal freigesprochen. Ein endgültiges Urteil steht noch aus…

Von Sabine Küper-Büsch
Jungle World v. 17. Februar 2011

Der kleine Gerichtssaal in Istanbul ist ein Ort mit Geschichte. Früher tagte hier das mittlerweile abgeschaffte »Staatssicherheitsgericht«. Doch auch heute urteilt die 12. Kammer des Strafgerichts von Besiktas viel zu oft im Geiste der noch von Militärrichtern nach dem Putsch von 1980 eingerichteten Behörde.

Seit 13 Jahren beteuert die Schriftstellerin Pinar Selek ihre Unschuld. Der mittlerweile in Berlin lebenden Türkin wird vorgeworfen, im Jahr 1998 an einem Attentat auf den historischen Gewürzbasar in Istanbul beteiligt gewesen zu sein. Bereits zwei Mal wurde sie freigesprochen, doch immer wieder bestanden die Richter des Revisionsgerichts in Ankara auf einer erneuten Anklage. Die Strategie der Ankläger besteht darin, die Gutachten zu ignorieren, die die fatale Explosion vom 9. Juli 1998 als Unfall und nicht als Bombenattentat ansehen.

Pinar Selek ist bei der Verhandlung nicht anwesend. Da sie sich mit einem Stipendium des deutschen Pen-Clubs in Deutschland aufhält, muss ein Amtshilfeantrag gestellt werden, um ihre formal notwendige Aussage dort durch einen Staatsanwalt einholen zu lassen. Auch die türkische Botschaft könnte damit beauftragt werden. Dann wird Pinar Selek erneut erklären müssen, dass sie damals an ihrer Doktorarbeit über die Auswirkungen des Kriegs zwischen der kurdischen PKK und dem türkischen Militär auf die Geschlechterrollen in den kurdischen Provinzen arbeitete. Und dass sie Kontakt zu allen möglichen kurdischen Fraktionen hatte, aber nicht als Mitglied, sondern als Wissenschaftlerin.

Selek ist eine Istanbuler Türkin, die frankophon aufwuchs, im französischsprachigen Istanbuler Gymnasium Notre Dame de Sion zur Schule ging und Soziologie an der Kunsthochschule Mimar Sinan studierte. Noch als Studentin übersetzt sie für den Belge-Verlag das Buch »Genug« über die Diskriminierung der Ureinwohner Mexikos. Dass die damals 27jährige Doktorandin in einen juris­tischen Alptraum hineingezogen wurde, der ihr zweieinhalb Jahre Haft, Folter und einen Ruf als Bombenlegerin einbrachte, liegt vermutlich daran, dass sie eine engagierte Bürgerrechtlerin, eine Feministin und Kritikerin des türkischen Militarismus ist.

Der 9. Juli 1998 war ein untypischer Istanbuler Sommertag. Es war heiß, aber der Himmel zog sich in den Morgenstunden zu. Gegen Mittag trieb ein plötzlich einsetzender Regen die Menschen in den Eingang des Ägyptischen Basars, eine Einkaufsmeile für Touristen und Istanbuler auf Schnäppchenjagd. Denn neben den viel zu teuren Gewürzen kann man dort in den Seiten­straßen rund um die historische Passage billig Gemüsestauden, Blumen, Blutegel sowie köstliche und günstige Käsesorten aus dem ganzen Land kaufen. Auch der Dönerverkauf am Eingang des Basars war zum Bersten voll, einige Besucher waren wegen des Essens hereingekommen, andere nur, um nicht nass zu werden. Die Explosion um 14.15 Uhr tötete sieben Menschen, darunter drei Kleinkinder, 127 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

Ich musste damals für einen großen deutschen Privatsender kurz nach dem Anschlag eine Live-Schaltung machen. Die Verletzten waren gerade abtransportiert worden, der Ort sah aus wie ein Kriegsschauplatz. Im deutschen Fernsehen interessierte sich die Moderation vor allem dafür, ob auch deutsche Touristen betroffen waren. Eine perfide Krankheit im teutonischen Fernsehen.

Die Händler auf dem Basar waren verstört, viele von ihnen litten unter Gehöreinschränkungen. Niemand hatte verstanden, was passiert war. War das eine Bombe oder eine Gasexplosion? Die Istanbuler Polizei weigerte sich zunächst, eine Stellungnahme abzugeben, es würde Tage dauern, die Explosionsspuren auszuwerten, hieß es. Es dauerte Wochen. Da die PKK damals tatsächlich den Krieg aus den kurdischen Bergen in die türkischen Metropolen bringen wollte, war ein Bombenanschlag durchaus denkbar. Und es gab Aussagen, zwei Männer seien kurz vor der Explosion aufgeregt aus der Dönerbude herausgekommen und schnell verschwunden. Einer von ihnen habe ein kariertes Jackett getragen. Diese Beschreibung traf damals auf etwa die Hälfte der Männer in der Umgebung des Basars zu. Eilig hatten es dort auch immer viele Menschen, denn es ist ein belebter Platz. Wochen nach dem Vorfall stellten die Experten fest, die Spuren hätten keine Bombenexplosion bestätigt. Sie deuteten auch nicht auf eine explodierte Gasflasche, sondern auf eine defekte Gasleitung hin. Vermutlich entströmte der den Dönerspieß erhitzenden Leitung das hochexplosive Gas, der Spieß verwandelte sich in eine fatale Gasfackel.

Pinar Selek wurde zwei Tage später in Istanbul festgenommen. Als Begründung wurden ihr ihre Kontakte zur PKK genannt. Mit Elektroschocks habe man sie verhört, berichtete sie später, damit sie ihre Kontaktpersonen nenne. Die Beamten wurden immer wütender, weil aus der jungen Frau nichts herauszubekommen war.

Am gleichen Tag wurde auch Abdülmecit Öztürk in Aksaray festgenommen. Der damals 19jährige war 1992 aus der Provinz Agri an der Grenze zu Armenien mit seiner Familie nach Istanbul gezogen. Er hatte keinerlei politische Kontakte und verstand deshalb auch nicht, warum die Polizisten ihn nach der Festnahme »Azad« nannten. Dann stellte sich heraus, dass sein Cousin in Agri auf der Polizeistation schwer gefoltert worden war, weil einige junge Männer aus seiner Familie der PKK beigetreten waren. Um weiteren Misshandlungen zu entgehen, nannte der Cousin schließlich Öztürk als PKK-Mitglied, mit dem angeblichen Codenamen Azad, wohl in dem Glauben, seinem Cousin in Istanbul werde schon nichts passieren. Auch Öztürk wurde gefoltert.

Der 19jährige unterschrieb schließlich, dass er zusammen mit Pinar Selek, die er zu dem Zeitpunkt gar nicht kannte, eine Bombe im Basar gelegt habe. Auch Pinar Selek erfuhr erst einen Monat nach ihrer Verhaftung, dass sie die Bombenlegerin vom Ägyptischen Basar und ein Gründungsmitglied der PKK mit dem Codenamen »Leyla« sein solle. Es folgte eine Odyssee durch die türkischen Gerichte. Zweieinhalb Jahre saß die Soziologin in Untersuchungshaft. Erst 2006 entschied die 9. Kammer des Gerichts in Besiktas, dass eine Bombenexplosion nicht nachgewiesen werden konnte und folglich weder Pinar Selek noch Abdülmecid Öztürk schuldig seien. Der schon zehn Jahre währende Alptraum war jedoch noch nicht zu Ende. Ein Jahr später widerrief das Revisionsgericht in Ankara den Freispruch. Wieder dauert es ein Jahr, bis das Gericht in Besiktas erneut zum selben Urteil kam: ohne Bombe kein Anschlag. Das Revisionsgericht in Ankara annullierte jedoch jedes Mal die Freisprüche. Bis heute.

Der Raum ist viel zu klein für die Menschenmenge, die sich vor dem Istanbuler Strafgericht versammelt hat. Günter Wallraff ist angereist, Osman Okkan vom Kulturforum Köln ist ebenfalls hier, sowie Helene Flautre von der Gruppe türkisch-europäischer Abgeordneter des Europäischen Parlaments und Angelika Graf, stellvertretende Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses des deutschen Bundestags. Rund 100 türkische Intel­lektuelle befinden sich im Saal, und mindestens genauso viele, die nicht mehr hineingelassen wurden, warten draußen vor dem Gerichtsgebäude. Sie tragen Schilder mit der Aufschrift: »Wir sind immer noch Zeugen, wir erwarten endlich Gerechtigkeit.« Dann die Überraschung. Das Gericht beharrt unerwartet auf der Entscheidung von 2008 und weist das Revisionsurteil zurück. Im Saal ist es kurz still, dann bricht ein Freudentumult aus. Tränen fließen, kurze Zeit später, als die ersten es geschafft haben, den Saal durch den engen, von Polizisten flankierten Korridor zu verlassen, ertönt von draußen Jubel. »Congratulations«, strahlt einer der Polizisten die ausländischen Gäste an. Doch auch, wenn diese Schlacht gewonnen scheint, haben die obersten Revisionsrichter noch einmal die Möglichkeit, die umfangreiche Pinar-Selek-Akte zurückzuschicken. Als Begründung könnte die fehlende Aussage Pinar Seleks herhalten.

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