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Millionen gegen Mubarak: Ein ganzes Volk steht auf

Ägyptens Opposition hat am Dienstag zu einem landesweiten »Marsch der Millionen« aufgerufen, und die Massen sind gekommen. Mit dem Ziel, Staatschef Hosni Mubarak ihre Forderung nach dessen Rücktritt näherzubringen, wollten die Demonstranten in Kairo zum Präsidentenpalast ziehen, der in dem wohlhabenden Viertel Heliopolis im Norden der Hauptstadt liegt…

Karin Leukefeld کارین لویکفلد

Auch in anderen Städten des Landes, darunter Mansura und Alexandria, fanden große Protestmärsche statt. Ein gleichzeitiger Generalstreik führte stellenweise zur Einstellung von Bus- und Bahnverkehr. Banken, staatliche Einrichtungen, Schulen und Universitäten sind ohnehin seit Tagen geschlossen.

Die Armee hatte im Vorfeld deutlich gemacht, daß sie die Demonstranten schützen werde. Man respektiere die »legitimen Forderungen« der Ägypter und werde keine Gewalt einsetzen. Militärische Kontrollen wurden um den zentralen Tahrir-Platz zwar verschärft, doch herrschte eine ausgesprochen freundliche Stimmung zwischen Soldaten und Demonstranten. Noch lange nach 15 Uhr, dem Beginn der Ausgangssperre, versuchten Menschen, den Platz zu erreichen. Sie stauten sich aber in umliegenden Straßen und auf der Kasr-Al-Nil-Brücke, wo es bei den Protesten in der vergangenen Woche bei massivem Polizeieinsatz viele Tote gegeben hatte. Bis jW-Redaktionsschluß hatte sich die Menschenmenge aus dem Zentrum der Stadt noch nicht auf den Weg zum Präsidentenpalast gemacht. Beobachtern zufolge waren mehr als zwei Millionen auf den Straßen.

Der von Hosni Mubarak ernannte Vizepräsident Omar Suleiman erklärte am Montag abend, er habe Kontakt zu Oppositionsgruppen aufgenommen, um einen Dialog über politische Reformen einzuleiten. Ein Sprecher des Parlaments hatte bereits zuvor geäußert, die weithin als gefälscht eingestuften Wahlen von November 2010 würden juristisch überprüft. Vertreter aller größeren Oppositionsparteien und -bewegungen in Ägypten verständigten sich am Dienstag auf eine gemeinsame Linie für einen Neubeginn in ihrem Land. Sie fordern einen Rücktritt Mubaraks und eine »Regierung der nationalen Einheit«. Außerdem sollten die beiden Parlamentskammern und die Regionalparlamente aufgelöst sowie eine neue Verfassung ausgearbeitet werden. Der Oppositionspolitiker Mohamed ElBaradei forderte Mubarak auf, sein Amt zur Verfügung zu stellen und bis Freitag das Land zu verlassen.

Die Berichterstattung für Journalisten wird derweil weiter massiv von staatlichen Stellen behindert. Auch am Dienstag blieben die Internetverbindungen unterbrochen und das Büro des arabischen Nachrichtensenders Al-Dschasira geschlossen.

US-Präsident Barack Obama schickte unterdessen mit Frank Wisner einen eigenen Unterhändler nach Kairo. Dieser soll dort mit führenden Regierungsvertretern zusammenkommen und den amerikanischen Aufruf zu demokratischen Reformen bekräftigen, wurde US-Außenamtssprecher Philip Crowley in der Presse zitiert. Auch mit Mohamed ElBaradei, der im Westen als möglicher Kandidat einer Übergangsregierung gehandelt wird, soll Wisner – 1986 bis 1991 diplomatischer Spitzenvertreter Washingtons in Ägypten, später US-Sondergesandter für Kosovo – zusammenkommen. Diplomatische Interventionen sind eine Art Familientradition: Frank Wisner sen. hatte u.a. die operative Abteilung der CIA aufgebaut und war einer der Hauptakteure der Operation Ajax 1953 gegen den damaligen iranischen Ministerpräsidenten Mossadegh.

Seit den frühen Morgenstunden dröhnt laute Musik aus großen Lautsprechern vor dem ägyptischen Außenministerium an der Corniche Al-Nil im Zentrum von Kairo. Als kurz nach acht, dem Ende der Ausgangssperre, die ersten Autos und Fußgänger den Nil von Zamalik her in Richtung Innenstadt überqueren, meldet sich zusätzlich ein Redner per Lautsprecher zu Wort. Er verspricht, daß die Regierung die Sorgen der Menschen kennt und sie lösen wird, damit dem Land Frieden und Wohlstand erhalten bleiben. Ein Mann hält ein T-Shirt in die Luft, von dem Präsident Hosni Mubarak entrückt lächelnd herabsieht. Gut drei Dutzend Männer schwenken die ägyptische Fahne und blicken verunsichert, einige auch düster den Menschen hinterher, die zügig an ihnen vorbei die Uferstraße entlang in Richtung Tahrir-Platz laufen, dem Platz der Befreiung. Während die einen – vermutlich aus Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes – das Mubarak-Regime hochleben lassen, werden die anderen auch an diesem Tag den Rücktritt des Mannes fordern, der seit 30 Jahren Ägypten regiert. Nur selten entsteht zwischen den zwei Lagern ein kurzes Wortgefecht, das rasch von Soldaten beendet wird, die seit Tagen das Nil­ufer zwischen dem Außenministerium und dem Tahrir-Platz gesperrt haben.

»Heute ist ein großer Tag für uns«, ruft ein junger Mann herüber, »danke, daß Sie gekommen sind.« Er hat eine ägyptische Fahne umgehängt und scheint mit seinen Freunden gar nicht schnell genug zum Tahrir-Platz zu kommen, wo sich heute eine Million Menschen treffen will, um zum Palast des Präsidenten zu marschieren. Die Absperrungen wurden über Nacht zwar verschärft, doch hatte Armeesprecher Ismail Etman schon am Vorabend erklärt, das Militär werde die Demonstranten schützen. »Jeder hat das Recht, friedlich zu demonstrieren«, erklärte er auf einer Pressekonferenz. »Die Armee respektiert die legitimen Forderungen der Ägypter.« Entsprechend fröhlich strömten die Massen an diesem historischen Dienstag ins Zentrum von Kairo. Junge Pärchen und ältere Ehepaare, Gruppen von Arbeitskollegen und Studierenden, Ärzte in ihren Kitteln, Richter in ihren Roben, schicke Damen und ältere Herren, mit Transparenten, Taschen, Fotoapparaten und lachenden Gesichtern, als seien sie zu einem Fußballspiel oder Konzert unterwegs. An den Militärabsperrungen helfen zivile Ordnerinnen und Ordner beim Durchsuchen der Taschen, um sicher zu sein, daß keine Waffen auf den Platz gelangen. Einige Männer werden als Provokateure abgeführt. Noch während die Menschen auf den Platz strömen, rufen sie laut ihre Parolen: »Nieder mit Hosni Mubarak. Mubarak verschwinde, verschwinde heute!« Auf einer großen Plakatwand am Rande des Platzes ist zu lesen: »USA, mischt Euch nicht ein. Wir demonstrieren so, wie wir es wollen. Ihr könnt Eure Spiele mit dem Tyrannen spielen.«

Das Bild ist bunt auf dem Tahrir-Platz. Frauen mit und ohne Kopftuch, Männer in moderner und traditioneller Kleidung, Wasser und Saft werden verteilt, jeder hat ein Lächeln oder ein freundliches Wort für Ausländer und Journalisten, die überall anzutreffen sind. Ein Mann fährt mit seinem Rollstuhl durch die Menge und wird auf einen sicheren Platz am Rande gewiesen, von wo er das Geschehen beobachtet. Als Mahmud Saad, ein prominenter Moderator des staatlichen Fernsehens, auf dem Platz erscheint, wird er auf Schultern getragen und von den Massen bejubelt. Erst vor wenigen Tagen hatte Saad aus Protest über die Berichterstattung des Senders seinen Job gekündigt.

Was immer sie greifen können, auf Stoff und Plastik, Milch- und Wasserkartons schreiben die Menschen ihre Forderungen. »Deine Zeit ist vorbei, jetzt bin ich an der Reihe«, hat ein junger Mann auf ein Stück Karton geschrieben, »Mubarak, wir hassen Dich«, steht in Englisch auf dem Plakat, das ein alter Mann sich umgehängt hat. »Bitte geh, damit die Ägypter in Frieden leben können.« Ob der Marsch tatsächlich stattfinden wird, sei nicht so wichtig, sagt ein junger Mann auf dem Tahrir-Platz. »Wenn heute eine Million Menschen hier oder woanders in Kairo oder in anderen Städten protestiert, ist die Botschaft an Mubarak klar: Er muß gehen.« Zum ersten Mal in seinem Leben fühle er sich als »mündiger Bürger« und nicht als Untertan, fährt der Mann fort, der sich »Horus« nennt, nach einer ägyptischen Gottheit. Alle Teile der Gesellschaft seien auf dem Platz versammelt, »Männer, Frauen, Alte, Junge, Christen, Muslime, Reiche und Arme.« Er habe immer gedacht, die Ägypter seien lethargisch, doch nun stünden sie alle aufrecht da. »Das hier ist die Antwort auf jahrzehntelange Unterdrückung«, sagt er. »Niemand kann das mehr rückgängig machen.«

Quelle: http://www.jungewelt.de, Erscheinungsdatum des Originalartikels: 02/02/2011, Artikel in Tlaxcala.