Tunesien: Gewerkschaftler, Internet-Atktivisten und Landarbeiter an der Spitze der „Jasmin-Revolution“

„Islamische Themen spielen keine, wie auch immer geartete dominante Rolle. Es scheint, als handle es sich um eine vorwiegend säkulare Bewegung“…

Ein Interview mit Juan Cole, von Amy Goodman, Democracy Now!

Kurz nach dem Sturz des tunesischen Präsidenten, Zine El Abidine Ben Ali, sprechen wir nun mit Juan Cole, Professor für Geschichte an der University of Michigan: „Dies ist die erste Revolution des Volkes seit 1979 (in Tunesien)“, sagt Prof. Cole. „Bislang stehen die Gewerkschaften, Landarbeiter und Internet-Aktivisten an der Spitze der Revolution“, sagt er. „Es ist eine Volksrevolution. Islamische Themen spielen keine, wie auch immer geartete dominante Rolle. Es scheint, als handle es sich um eine vorwiegend säkulare Bewegung.“

Unser Gast, Juan Cole, ist Geschichtsprofessor an der University of Michigan. Sie finden seine „Informed Comments“ im Internet. Sein akutelles Buch heißt: ‚Engaging the Muslim World‚.

Amy Goodman: Wir widmen die folgende Stunde dem Thema: ‚Revolution in Tunesien‘ – eine Revolution, die noch im Gange ist. Soeben haben wir erfahren, dass drei Mitglieder der Regierung der Nationalen Einheit (Repräsentanten der Demonstranten auf den Straßen) die Einheitsregierung verlassen haben. Wir schalten nun zu Juan Cole, Professor für Geschichte an der University of Michigan.

Juan Cole: Nun, was wir hier sehen, ist der erste Volksaufstand seit 1979. Das Besondere daran ist, dass diese Revolution bis jetzt von Gewerkschaftsbewegungen, Internetaktivisten und Landarbeiter angeführt wird – im Gegensatz zur Iranischen Revolution 1979, die umgehend von von den Ajatollahs, der klerikalen Elite also, vereinnahmt wurde, sodass eine demokratische Entwicklung erst gar nicht möglich war. Doch dies hier ist eine Volksrevolution, bei der islamische Themen nicht sonderlich im Vordergrund stehen. Es scheint sich um eine vorwiegend säkulare Bewegung zu handeln. Hinzu kommt, dass dies eine Revolution in einem arabischen Sunnitenstaat ist – auch das ist ein Unterschied zum Iran. Der Iran ist schiitisch bzw. persisch geprägt. Die aktuelle Revolution ereignet sich in einem Land, das mit anderen Gesellschaften, die unter der Knute eines autoritären Regimes stehen, vieles gemein hat. In diesen Ländern herrscht Unterbeschäftigung und langfristige wirtschaftliche Stagnation. Wir sehen hier also eine interessante Entwicklung. Sie könnte eine Inspiration für andere arabische Staaten sein (zumindest für die Öffentlichkeit dieser Staaten).

Amy Goodman: Wie sieht es mit der Berichterstattung aus: Ich habe mich dieses Wochenende durch sämtliche TV-Kanäle gezappt, um etwas über Tunesien zu erfahren. Es erwies sich als extrem schwierig, auf eine Berichterstattungen zum Thema ‚Revolution in Tunesien‘ zu stoßen.

Juan Cole: Oh, das U.S. 24-hour cable news networks hat den Job vermasselt, was Tunesien betrifft. Ben Wiedeman, ein erfahrener CNN-Reporter, hat sich heroisch bemüht, bis Tunis durchzukommen und hat es auch geschafft. Ich hatte allerdings das Gefühl, dass seine Redakteure im fernen Atlanta seine Berichte nicht sendeten. Aus dem amerikanischen Fernsehen, aus dem amerikanischen Kabelfernsehen – mit seinen massenhaften Kanälen – war nicht zu erfahren, was in Tunesien vor sich ging. Dazu musste man schon ins Internet. Es gibt einen Twitter-Kanal – „SidiBouzid“ – der einfach exzellent ist. Es gibt auch entsprechende Sparten auf Facebook. Die französische Presse war wesentlich besser – allerdings muss man dazu Französisch können. Doch die amerikanischen Konzern-Nachrichtenmedien haben die Story einfach vermasselt. Für sie ist sie uninteressant. Sie können sich nicht vorstellen, dass sie interessant sein könnte. Vielleicht spielt Angst eine kleine Rolle. Schließlich haben wir es mit einer Revolution der Arbeiter zu tun. Konzernamerika wird bei diesem Thema immer etwas nervös.

Amy Goodman: Juan Cole – und wenn es sich nun doch um eine islamische Revolution handelt?

Juan Cole: Nun, wenn es tatsächlich eine Revolution unter Führung der islamischen Partei ‚Ennahda‘ des langjährigen Oppositionsführers Rashid Ghannoushi wäre, würde bestimmt 7 Tage die Woche und 24 Stunde am Tag darüber berichtet, davon bin ich überzeugt. Viele dieser Pseudo-Stories wären aus den Nachrichtenprogrammen geflogen, damit DARÜBER berichtet werden könnte. Doch da es sich um eine Revolution der Gewerkschaftbewegung und der Internet-Aktivisten handelt, sah man keinen Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen und dem Leitmotiv der amerikanischen Außenpolitik. Dieses Leitmotiv ist nach wie vor der ‚Krieg gegen den Terror‘. Natürlich nennen sie es anders.

Siehe auch: SidiBouzid

Amy Goodman: Was sagen Sie zu Al Dschasierahs Tunesien-Berichterstattung, Juan Cole? In den USA ist es äußerst schwierig, Al Dschasierah reinzubekommen. Das geht natürlich nur über das terrestrische Fernsehen. Ich glaube, nur in Vermont, Toledo und Burlington kann man Al Dschasierah über Kabelfernsehen empfangen.

Juan Cole: Ja und in Dearborn. Ich glaube, das war’s. Übrigens, in der Region ‚Washington D.C.‘ kann man es über den Sender Verizon rein bekommen. Al Dschasierah English ist schwer zu bekommen. Aus irgendeinem Grund bekommt man es auch mit Satellitenschüssel nicht rein – obwohl man andere ausländische Sender reinbekommt. Al Dschasierah auf Arabisch ist viel leichter rein zu bekommen, weil es über DISH ausgestrahlt wird. Al Dschasierahs Berichterstattung über das Thema (Tunesien) war einfach großartig. Allerdings ist anzumerken, dass viele Tunesier sauer auf Al Dschasierah sind, weil Al Dschasierah den muslimischen Aktivisten angeblich zuviel Sendezeit eingeräumt habe. Schließlich verträten diese nicht die Bewegung, heißt es. Al Dschasierah sei ein wenig voreingenommen, zugunsten islamischer Bewegungen.

Amy Goodman: Können Sie uns sagen, welche Auswirkungen diese Ereignisse auf die Gesamtregion haben werden? Sie haben ja die Berichterstattung und die Reaktionen auf der ganzen Welt mit verfolgt. Ich denke da vor allem an Saudi-Arabien. Muss sich das dortige autokratische Regime, das seit Jahrzehnten an der Macht ist, jetzt Sorgen machen?

Juan Cole: Ich denke, angesichts der Entwicklung sind alle Regime in der arabischen Welt sehr nervös. Hier passiert etwas Neues. Ich habe die Reaktionen mit verfolgt. Ich fand es interessant, dass sich auch der stellvertretende israelische Premierminister besorgt geäußert hat: Wer weiß, ob sich die Sache nicht ausbreitet; demokratischere Regime könnten an die Macht kommen – das heißt, demokratische Regime, die feindseliger gegenüber Israel eingestellt wären. Man denke zum Beispiel nur an Ägypten und Jordanien. Es ist auch interessant, dass Libyens langjähriger Diktator, Muammar Gaddafi, der selbst einst als Revolutionär angefangen hat, die Tunesier jetzt als unreif und ungeduldig verurteilt. Vor kurzem sagte er: „Ihr hättet Ben Ali einfach aussitzen sollen. Warum seid ihr denn so scharf darauf, einen neuen Präsidenten zu bekommen?“ Er klang wie ein verwirrter Alter, und ich glaube, er hat sich damit keinen großen Gefallen getan. Natürlich waren seine Worte in erster Linie an das eigene Volk gerichtet. Er bat sie um etwas Geduld. Andere Länder habe es etwas indirekter ausgedrückt.
Die Araber in Kirkuk, die in immer stärkerem Maße unter kurdischer Vorherrschaft stehen, drohen mit einem ähnlichen Aufstand wie dem tunesischen – sollte man ihnen ihre Rechte vorenthalten. Unterdrückte Menschen, wie die Menschen von Gaza, demonstrierten aus Solidarität mit. Unterdrückte Gemeinden in der ganzen Region sind begeistert. Länder, in denen ein Status quo herrscht – seien es Revolutionsregime, wie Libyen oder Status-quo-Mächte wie Israel -, sind äußerst nervös angesichts der Entwicklungen.

Amy Goodman: Hinzu kommt natürlich, dass Ben Ali nach Saudi-Arabien geflohen ist. Sie haben vielleicht gehört, was Fares Mabrouk (tunesischer Oppositionspolitiker) gesagt hat. Sie fordern, dass Ben Ali nach Tunesien ausgeliefert wird, um vor Gericht gestellt zu werden.

Juan Cole: Nun, Saudi-Arabien ist schon lange ein Refugium für abgesetzte Politiker. Nawaz Sharif aus Pakistan ging nach Saudi-Arabien, als er von General Pervez Musharraf gestürzt wurde. Auch Idi Amin (Uganda) ging damals nach Saudi-Arabien. Das ist nichts Neues.
Eines dürfen wir nicht vergessen: Tunesien ist kein Ölstaat. Das Land hat unter einem Nepotismus extremster Art gelitten. Ich denke an die US-Telegramme, die WikiLeaks durchsickern ließ. Darin steht, dass in Tunesien 50% der Wirtschaftseliten irgendwie mit dem Präsidenten oder seiner First Lady, Leila Ben Ali und deren Clan (Trabelsi), verwandt seien. Tunesien hat keine besonderen Ressourcen, mit denen es Leute bestechen und mit Geld ruhigstellen könnte. Das zum einen. Hinzu kommt, dass die Ressourcen des Landes in den Händen einiger weniger Mitglieder einer Familie konzentriert sind. Beides zusammen macht Tunesien einmalig. Ich meine, es gibt vergleichbare Beispiele, aber es war einfach extrem…

Amy Goodman: Dennoch sagen Sie, es sei nicht…

Juan Cole: … was das tunesischen Regime gemacht hat.

Amy Goodman: Dennoch sagen Sie, dies sei keine WikiLeaks-Revolution, sondern eine Hungerrevolte?

Juan Cole: Nun, es ist eine Revolution. Wissen Sie, alle Revolutionen sind im Grunde Mehrfach- Revolutionen. Der ökonomische Protest ist ein wichtiger Faktor, und es gibt auch einen Klassen-Faktor. 20% der College-Absolventen sind arbeitslos. In den ländlichen Gebieten herrscht extreme Armut. Hinzu kommt, dass das Regime Dinge getan hat, die der wirtschaftlichen Entwicklung sehr abträglich waren. So benutzten sie Banken, um Kredite an ihre Günstlinge zu vergeben. Doch diese Günstlinge zahlten den Banken die Kredite nicht zurück. Das hat natürlich das Finanzsystem untergraben. Der Extremismus der Diktatur, der ständige Bedarf an Bestechungsgeldern – das alles wirkte abschreckend auf ausländische Investoren. Zum Schluss stand das Regime alleine da. Sie taten Dinge, die kontraproduktiv waren und den Interessen vieler sozialer Gruppen in der tunesischen Gesellschaft – wie den College-Absolventen oder den Arbeitern – geschadet haben. Die drei Minister, die sich heute aus der Einheitsregierung zurückgezogen haben, sind aus der Gewerkschaft (General Union of Tunisian Workers), einer traditionsreichen, altgedienten Arbeiterorganisation. Wir haben es hier also mit einer Massenbewegung zu tun, und Menschen aus allen Lebensbereichen beteiligen sich daran.

Amy Goodman ist Moderatorin des TV- und Radioprogramms ‚Democracy Now!‚, das aus rund 500 Stationen in Nordamerika täglich/stündlich internationale Nachrichten sendet.

2 Kommentare zu “Tunesien: Gewerkschaftler, Internet-Atktivisten und Landarbeiter an der Spitze der „Jasmin-Revolution“

  1. Das ist das Beste, was in den arabischen Ländern passieren kann. Sie entledigen sich ihrer Gewalt Machthaber und haben so die einmalige Chance, bessere Demokratie zu gestalten, als in den sogenannten demokratischen Staaten, USA, Europa, u.s.w. Wir haben hier eine lächerliche Schein Demokratie, das Geld regiert auf grausame Art und Weise. – Es bietet sich den arabischen Staaten und der dritten Welt eine wunderbare Möglichkeit, die Schäden der Kolonialisierung, den grausamen Einfluss der Industrie Länder, der Ausbeutung, Korruption, der Verseuchung durch Konzerne, den Menschenrechtsverbrechen u.s.w. zu begegnen, und durch gerechte, ökologische, nachhaltige, intelligente Politik den Schein-Demokratien etwas besseres gegenüber zu stellen. Diktatoren dieser Welt, fangt schon mal an zu rennen ! Liberte, egalite, fraternite, und, diktatorische religiöse Gewalt-Herrschaft ist genauso unbeliebt, wie die momentane Regierung. Es ist also ein Schritt in Richtung Aufklärung. Nur eine Frage der Zeit, bis die Revolution auch auf den Gaza Streifen und den Iran übergreift, denn dort haben die Leute genauso die Nase voll von Gewalt Regierungen und wissen nun, wer ihnen die Gewalt brachte !

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