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„Die Juden zu Passau“ und „Des Knaben Wunderhorn“

Kaum ein deutscher Gymnasiast dürfte sein Abitur ablegen, ohne zuvor im Deutschunterricht nicht wenigstens einmal von jener legendären Sammlung deutscher Volksliedtexte „Des Knaben Wunderhorn“ gehört zu haben. Nur wenigen Deutschen, in erster Linie Germanisten und Antisemitismusforschern, wird bekannt sein, dass in diesem Kompendium deutscher Lyrik zwei Stücke mit jüdischer Thematik enthalten sind. Eines davon besingt eine angebliche Hostienschändung im niederbayerischen Passau…

Von Robert Schlickewitz

Die unten wiedergegebene Fassung von „Die Juden zu Passau“ stammt aus dem „Bayern-Buch“ des zu seiner Zeit weithin anerkannten bayerischen Publizisten Joseph Maria Mayer von 1869. haGalil-Lesern ist dieser Autor inzwischen wohl vertraut – wir veröffentlichten bereits mehrfach kommentierte Kapitel aus diesem und aus seinem zweiten Werk, dem „Münchener Stadtbuch“.

Die Juden zu Passau

1477.

Mit Gott, der allen Dingen
Ein Anfang geben hat,
So heben wir an zu singen
Eine wunderliche That.

Der C h r i s t o p h   E i s e n h a m m e r
Durch sein groß Missethat
Fing an ein großen Jammer
Zu Passau in der Stadt.

Zu’n Juden thät er laufen,
Und fragen sie behend:
„Ob sie nit wollten kaufen
Das heilig Sakrament?“

Alsbald sie Antwort gaben:
„Er soll’s ihnen bringen nun,
Sie wollten ihm mit Gaben
Ein völlig G’nüge thun.“

In stürmischer Nacht, im Finstern,
Brach er die Thüre auf
Von unserer Frauen Münster,
Nahm acht Partikel aus.

Um einen Gulden, merk‘ eben,
Er sie alle acht verkauft,
Daß einer, wie zu sehen,
Auf dreißig Pfennig lauft.

Die Juden ließen’s zum Tempel
Bald tragen auf den Altar,
Ein Messer sie auszogen,
Und stachen grimmig drein.

Bald sahen sie heraus fließen
Das Blut ganz wild und reich,
Gestalt sich sehen ließen
Ein’m jungen Kindlein gleich.

Das brachte großen Schrecken,
Sie gingen bald zu Rath:
Zwo Hostien zu schicken
Gen Salzburg in die Stadt.

In die Neustadt auch zwo senden,
Zwo schickten sie gen Prag,
Zwo hielten sie bei Händen,
Hätten darüber Frag.

Sie meinten und verhofften,
Christum auszutilgen gar,
Drum heizten sie ein’n Ofen,
Worin die Hostien war’n.

Doch seht! Vor ihren Augen
Flogen zwei Engel raus,
Dazu zwo schöne Tauben,
Das machte Furcht und Graus.

C h r i s t o p h, der Uebelthäter,
In Sünden hart verblendt,
Wie Judas der Verräther,
Stiehlt weiter was er findt.

Als er zu  G e r m a n s b e r g e n
Angriff den Kirchenstock,
Ergriffen ihn die Schergen,
Sie schlugen ihn in Stock.

Da er nun lag gefangen
Zu Passau im Oberhaus,
Was er je hätt begangen,
Bekennt er frei heraus.

Da wurden die Unthaten
Der Juden auch vermehrt,
Wie sie gerathen hatten,
Das Sakrament entehrt.

Dem Bischof ging zu Herzen
Solch lästerliche That,
Darauf ohn alles Scherzen
Er nach ihnen greifen hat.

Da haben sie bekennet,
Daß sie das Sakrament
Gestochen und gebrennet,
Und in drei Städt‘ gesendt.

Zwar vier aus den Gefangnen
Haben sich weisen la’n,
Die Seligkeit zu erlangen
Den Glauben g’nommen an.

Die andern sind verbrennet;
Die vier, so sich bekehrt,
Die Christen sich genennet,
Die gab man zu dem Schwert.

C h r i s t o p h, der’s angefangen,
Das Sakrament verkauft,
Ward auch mit heißen Zangen
Nach etlich Wochen gestraft.

 

Zum geografischen und historischen Hintergrund: Passau in Niederbayern ist die südöstlichste größere Stadt Deutschlands, am Zusammenfluss von Donau, Inn und Ilz gelegen, katholischer Bischofssitz, Universitätsstadt und zählt mehr als 50 000 Einwohner. Besonderheiten Passaus sind: Es beherbergt die größte Kirchenorgel der Welt und es stand noch bis vor wenigen Jahren im Ruf die „braunste Stadt Deutschlands“ zu sein. Als die bekannteste Persönlichkeit Passaus von nach 1945 dürfte Anna Rosmus gelten, die durch ihre Enthüllungen über die weit über das Kriegsende hinaus andauernde Nazizeit in Passau sich auch international einen besonderen Ruf erwarb.

Die Gründung der Stadt geht auf eine Keltensiedlung aus dem ersten Jahrhundert vor der Zeitrechnung zurück, die sich auf dem Fleck Land zwischen Donau und Inn befand. Später bestimmten die Römer die Geschicke der Region und ab dem 7. Jahrhundert herrschten Agilolfinger und Karolinger. Seit 1803 gehört Passau zu Bayern.

Eine erste Erwähnung von Juden in Passau enthält die sog. „Raffelstätter Zollordnung“ von um 900, die sich der Regelung des Handelsverkehrs zwischen Bayern, Böhmen und Mähren annahm.

Erst für das 12. Jahrhundert liegen Nachweise über jüdisches Leben in der Stadt vor, als die Angehörigen der Minderheit der Jurisdiktion des Bischofs von Passau unterstanden. Der vorliegenden Literatur nach war die Stellung der Juden anfangs günstig, weil ihnen eine gewisse wirtschaftliche Bedeutung zukam. Jedoch bereits für 1210 wird von der Plünderung jüdischen Besitzes berichtet, wobei sich allerdings anscheinend die Obrigkeit für die Juden eingesetzt hat, denn es ist auch von sehr großzügiger Entschädigung für jene ungesetzlichen Akte die Rede. Es soll sich darauf, im 13. Jahrhundert, erneut eine Periode einvernehmlichen Auskommens zwischen Juden und Bischof eingestellt haben. Juden durften Zins nehmen und sie stellten dem Kirchenfürsten, wenn er darum ersuchte, Darlehen zur Verfügung. Erst der 1267 in Wien gefasste Beschluss, Juden und Christen voneinander zu trennen, verschlechterte wieder die Lage der Angehörigen der Minderheit in Passau und anderswo. Als weitere Eckdaten werden genannt: für 1314 die Erwähnung in Urkunden einer Synagoge, für 1328 einer „Judenstraße“ und für 1418 eines eigenen Friedhofs. Bis dahin waren Passauer Juden offensichtlich verpflichtet gewesen ihre Toten im, damals noch mehrere Tagesreisen entfernten, Regensburg zu bestatten. Judenverfolgungen sind für die Jahre 1349, im Gefolge einer Pestepidemie, und für 1390 belegt. Vorübergehende Verhaftungen von Juden von gegen Ende des 14. Jahrhunderts werden in der Literatur mit einem Schuldentilgungserlass des Königs Wenzel in Verbindung gebracht.

Im März 1478 soll ein Dieb ‚gestanden‘ haben, Hostien gestohlen und an Juden verkauft zu haben. Zehn Juden gaben darauf unter Folter zu, die Hostie mit dem Messer durchstoßen zu haben, wodurch diese heftig angefangen habe zu ‚bluten‘. In der Folge wurden diese Juden, einschließlich des Diebes, zum Tode verurteilt. 40 Juden sollen nun spontan das Christentum angenommen haben, während die übrigen aus der Stadt vertrieben worden seien. Die Synagoge und die Behausungen der Juden wurden anschließend abgerissen und an Stelle der Synagoge eine Wallfahrts-(„Sühne-„)kirche errichtet.

Der Wikipedia-Eintrag zu dieser Passauer St. Salvator Kirche nennt folgende teils ergänzende, teils von der mir vorliegenden Literatur zum Teil abweichende Einzelheiten:

„Die Kirche St. Salvator wurde 1479 bis 1495 als Sühnekirche für einen angeblichen Hostienfrevel an Stelle einer Synagoge … errichtet.

Den in Passau im heutigen Ortsteil Ilzstadt ansässigen Juden wurde 1477 nachgesagt, eine geweihte Hostie mit einem Messer durchstochen zu haben, woraufhin aus ihr Blut geflossen sei. Die Angeklagten wurden verbrannt, die Juden aus Passau vertrieben, die Synagoge und das Judenviertel niedergerissen. Der Ablauf wurde auf einem Holzschnitt drastisch dargestellt, das für die angebliche Schändung benutzte Messer machte man zu einer Reliquie.“

Weiter entnimmt man dieser virtuellen Quelle zur Geschichte des Bauwerks, dass die sich einstellenden Wallfahrten niemals die Bedeutung etwa der „Deggendorfer Gnad“ um die Deggendorfer Grabkirche erlangten. Ferner sei nach der Säkularisierung von 1803 die Kirche profaniert und verkauft worden. Der neue Eigentümer habe sie in ein Wohnhaus umgebaut und genutzt. 1842 sei der Bau von Bischof Heinrich erworben und regotisiert worden; 1861 habe eine erneute Weihe stattgefunden und die Kirche sei dem Orden der Englischen Fräulein überlassen worden. Heute werde der Sakralbau wegen seiner besonderen Akustik als Konzertsaal genutzt und sei sonst nicht für die Allgemeinheit zugänglich. Vom sogenannten Hostienfrevel zeugten in der Gegenwart noch Tafelbildreihen, die aus dem 17. bis 19. Jh. stammten und die zum Teil im Oberhausmuseum aufbewahrt würden.   

Das Jüdische Lexikon von 1927 weist darauf hin, dass „noch heute“ – „dort (wohl in der Kirche; R.S.) einige Erinnerungen an den Prozeß gezeigt“ würden.

Von beträchtlichem Interesse dürfte sein, wie die katholische Kirche, die in Passau immer noch einen bedeutenden Einflussfaktor darstellt, in ihrer höchsteigenen Geschichtsschreibung die jüdischen Spuren der Bischofsstadt darstellt. Als pdf-Dokument ist im Internet zu Beginn des Jahres 2011 unter dem Titel „Die Geschichte der jüdischen Bevölkerung Passaus“ ein Aufsatz des Passauer Diözesan-Archivars Dr. Herbert Wurster abrufbar gewesen, aus dem einige Passagen hier wiedergegeben werden sollen.

„… Die Geschichte der jüdischen Bevölkerung Europas, Deutschlands, Passaus ist eine leidvolle Geschichte, deren Tragik auch den nicht unmittelbar Betroffenen die unvermeidbare Einsicht beschert, daß die heute so sehr beschworene humane Kultur- und Wertegemeinschaft Europas in frühen Tagen oft nur ein Ideal weit abseits der rauhen Wirklichkeit war. In der Geschichte Europas waren nicht nur die Juden Opfer, es hat auch andere Gruppen und Gemeinschaftsbildungen gegeben, die zu Opfern wurden, die Juden aber hat es immer wieder getroffen, und daher beachten wir ihren Leidensweg zurecht mit besonderer Aufmerksamkeit.

Wie vielerorts hat auch in Passau alles friedlich begonnen…

Schon 1210 wurden die Juden erstmals verfolgt, bei einer innerstädtischen Aufruhr, wobei neben dem innerbürgerlichen Konflikt wohl doch auch das jüdische Geldleihgeschäft eine Rolle spielte. Bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts konnten die Passauer Juden sich dann ihrer Heimatstadt erfreuen; die Brüche des Spätmittelalters haben danach in mehreren Verfolgungsphasen das Ende der jüdischen Gemeinde gebracht. Dies waren zunächst die bayerisch-österreichischen Hostienfrevelanklagen von 1338 wie die Pogrome der Pestzeit ab 1349; die Passauer Gemeinde scheint davon aber nicht zerstört worden zu sein und weiter bestanden zu haben…

Nach 1420 kamen aus Österreich vertriebene Juden hierher und ließen das „Oppidum Judaeorum“ auf 54 Familien anwachsen. Damit konnte sich doch eine recht eigenständige und differenzierte Gemeinde mit dem Brauch der Landshuter Juden entwickeln, u.a. mit einem eigenen Judenrichter.

Schließlich führte die von dem spanischen Hauptwerk der antisemitischen Propaganda, dem „Fortalitium Fidei“ (1471), ausgelöste Ritualmordhysterie von Trient und Regensburg (1474-1476) zur Passauer Judenverfolgung 1478. Deren Anlaß war ein angeblicher jüdischer Hostienfrevel im Jahre 1477. Sogar in dem berüchtigten Flugblatt von 1480 über die Passauer Ereignisse wird jedoch klar, daß der angebliche jüdische Hostienfrevel seinen Ausgang bei einem christlichen Kirchendieb nahm, der nach seiner Verhaftung die Passauer Juden denunzierte. Alle Männer der jüdischen Gemeinde wurden daraufhin inhaftiert. Aufgrund von unter Folter gemachten Schuldbekenntnissen wurden 10 davon am 10.3.1478 hingerichtet, etwa 40 Juden ließen sich taufen, die übrigen wurden aus der Stadt verwiesen. Die Judensiedlung und die Synagoge wurden niedergerissen, und 1479 wurde an Stelle der Synagoge diese Kirche St. Salvator errichtet…“

Die apologetische Strategie des Autors in bischöflichen Diensten tritt nur zu deutlich zu Tage: Ablenkung auf andere und scheinbar vergleichbare Ereignisse und Orte (Europa, Deutschland, Österreich, Spanien, Trient, Regensburg etc.), Ablenkung von der Fixierung auf das Schicksal der Juden (auch andere Opfergruppen), Verständnis wecken für die eigenen Passauer Vorfahren, die doch nicht anders konnten, angesichts von so viel jüdischer Bosheit („wobei… wohl doch auch das jüdische Geldleihgeschäft eine Rolle spielte“), Verharmlosen der historischen Wirklichkeit („Bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts konnten die Passauer Juden sich dann ihrer Heimatstadt erfreuen“), Ausflüchte ins Unkonkrete („die Brüche des Spätmittelalters“), platte Feststellungen zur ‚Aufpolsterung‘ („Wie vielerorts hat auch in Passau alles friedlich begonnen“, „die Passauer Gemeinde scheint davon aber nicht zerstört worden zu sein und weiter bestanden zu haben“, “Damit konnte sich doch eine recht eigenständige und differenzierte Gemeinde … entwickeln“), erneute Ablenkung von der Verantwortung der Kirche, ‚die ja grundsätzlich an allem unschuldig war‘, dabei Verwendung eines unpassenden Schlagwortes – bekanntlich spricht man bei judenfeindlicher Haltung bis zum 19. Jh. von (zumeist kirchlichem) Antijudaismus und nicht von (Rassen-)Antisemitismus  („führte die von dem spanischen Hauptwerk der antisemitischen Propaganda … ausgelöste Ritualmordhysterie…“).

Ganz entsprechend fehlt jedwedes Eingeständnis kirchlicher Verantwortung oder gar Schuld am Schicksal der Juden. Diözesan-Archivar Wurster steht mit seinem Beitrag zur jüdischen Geschichte Passaus weit hinter den Einsichten des Historikers und katholischen Geistlichen Ignaz von Döllinger („Die Juden in Europa“) zurück, der bereits im ausgehenden 19. Jh. die Schuld der Kirche anerkannte, sie detailliert benannte und ehrliche Worte menschlichen Bedauerns fand.

Literatur:

Joseph Maria Mayer, Das Bayern-Buch, München 1869; S.421-425
„Passau“ in: Klaus-Dieter Alicke, Lexikon der Jüdischen Gemeinden im Deutschen Sprachraum, Gütersloh und München 2008
„Passau“ in: Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bdn., Leipzig und Mannheim 2006
„Passau“ in: Jüdisches Lexikon, Berlin 1927
„Passau“ in: Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971
Herbert Wurster, Die Geschichte der jüdischen Bevölkerung Passaus, pdf-Dokument:
http://www.untergrund.de/g-lock/media/geschichte_juden_in_passau.pdf, aufgerufen am 4.1.2011
http://de.wikipedia.org/wiki/St._Salvator_(Passau),  aufgerufen am 4.1.2011
http://de.wikipedia.org/wiki/Des_Knaben_Wunderhorn, aufgerufen am 4.1.2011
http://archiv.twoday.net/stories/5422165/, aufgerufen am 4.1.2011
http://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Elisabeth_Rosmus, aufgerufen am 14.1.2011
http://nachrichten.t-online.de/rechtsextremismus-in-passau-neonazis-greifen-nach-beerdigung-menschen-an/id_15721692/index, aufgerufen am 14.1.2011
http://www.welt.de/politik/article2944036/Der-Fall-Passau-und-die-ganz-grosse-Ratlosigkeit.html, aufgerufen am 14.1.2011
http://de.wikipedia.org/wiki/Passau, aufgerufen am 14.1.2011