- haGalil - http://www.hagalil.com -

Jüdischer Respekt und Bewunderung für muslimische Religiösität

In der jüdischen Tradition gibt es Quellen, die nicht nur Toleranz gegenüber Teilen muslimischer Religiösität ausdrücken; sie drücken echte Bewunderung sowie einen positiven intellektuellen wie religiösen Respekt aus. Es ist wichtig für beide, Juden und Muslime, sich mit diesen Quellen bekannt zu machen und daraus zu lernen…

Von Zvi Zohar

JERUSALEM – Hier nun verweise ich auf eine solche Quelle, die aus den Schriften des Rabbi Yitzhak Farhi von Jerusalem (1782-1853) stammt. Sie erzählt von der Beziehung zweier außergewöhnlicher Männer aus dem Damaskus des späten 18. Jahrhunderts: einem großen Sufi-Scheich und dem Oberrabbiner von Damaskus.

Einer der beiden Helden in Farhis Erzählung, der Sufi-Scheich, erlangte große Meisterschaft über die Sieben Weisheiten; das sind die Grundlagen des allumfassenden menschlichen Wissens. Weil eines Menschen Fähigkeit, diese Weisheiten zu beherrschen, dem Zufall unterliegt, war der Scheich darin allen Juden seiner Generation überlegen, mit Ausnahme des Rabbiners von Damaskus, der ihm gleich war, wenn nicht noch ein wenig überlegen, auf dem Gebiet dieser allumfassenden Weisheit.

Die Sieben Weisheiten sind selbstverständlich nur ein Aspekt religiöser Vollkommenheit: die höchste Form religiösen Strebens ist die Begegnung mit Gott und die Nähe zu Ihm. In diesem Gebiet, dem Gebiet der religiös-mystischen Erfahrungen, so läßt sich aus Rabbi Farhis Bericht klar herauslesen, war der Scheich auf einer höheren Ebene als der Rabbi. In diesem Bericht war es der Scheich, der den Rabbi auf Wegen mystischer Erfahrung leitete, durch den Garten und den Teich bis zu dem Eingang zum Heiligen des Heiligsten, zur Begegnung mit dem Göttlichen Selbst, widergespiegelt im göttlichen Namen. Die Worte auf dem goldenem Täfelchen, auf das sie starrten waren: „Ich habe den Herrn allzeit vor Augen“. Diese Formulierung kann in jeder Synagoge gefunden werden. Jedoch, wie sich durch Farhi beziehen läßt, derjenige, der das Versprechen, welches bei diesem Vers geboren war, erneuerte, die Person, die tatsächlich in der Lage war, sein Bewußtsein zu öffnen für: „Er Sprach und die Welt wurde erschaffen“, es war nicht der jüdische Rabbiner, sondern der muslimische Scheich.

Am Ende ihrer gemeinsamen Reise vergoss der Rabbi viele Tränen, erkannte den Vorsprung des Scheichs in diesem entscheidenden Gebiet an und schloss: „Es ist an uns, sogar mehr als dieses zu tun.“

Rabbi Yitzhak Farhi, der eine Leserschaft in Jerusalem und dem Osmanischen Reich des vierten Jahrzehnts im 19.Jahrhundert ansprach, stellte den Sufi-Scheich als eine geistige Größe dar, der die höchsten Höhen der Ehrfurcht vor Gott erreichte.

Nebenbei wird so auch dem Leser herausgestellt, daß der weise Sufi seinen jüdischen Kollegen auch in dem Bereich der persönlichen Vorzüge übertraf: er liebt die Wahrheit selbstlos; er entwickelt zu seinem jüdischen Kollegen eine Beziehung aus intellektueller Attraktion und ohne eigennützige Vorteilsnahme; er ist nicht eifersüchtig auf jemanden, dessen intellektueller Ruf größer als sein eigener ist; er zeigt aufrichtige Bewunderung dem Rabbi als einem Mann von Weisheit gegenüber, unabhängig von der religiös niedrigeren Stufe der Leute, zu denen der Rabbiner gehörte.

Aus der Erzählung läßt sich herauskristallisieren, daß auf dem höchsten Niveau religiöser Geistlichkeit ein Gutteil von Überschneidungen und Ähnlichkeiten zwischen Judentum und Islam besteht. Diese Überschneidung wird schon im ersten Teil der Erzählung ausgedrückt, wo der Leser entdeckt, daß es ein Gebiet eines universellen intellektuellen Diskurses gibt – die Sieben Weisheiten – welches ein hoch beachtetes Wissensfeld für den Scheich und den Rabbi darstellt. Außerdem wird offenbar, was diese Welten teilen ist nicht nur eine unspezifische intellektuelle Ebene, sondern erweitert sich in die praktischen Vorbereitungen zu mystischen Erfahrungen: Fasten, Reue, Waschungen und Kleidungswechsel. Und über all dem gibt es gemeinsame Elemente  und eine Verbindung in der mystischen Erfahrungswelt selbst – wie auch in der Zusammenfassung: „Er Sprach und die Welt wurde erschaffen.“ Kein muslimischer Gott, auch kein jüdischer Gott, der Gott jeder Existenz, der Schöpfer von allem.

Rabbi Yitzhak Farhi vermittelt seiner jüdischen Gemeinde in Jerusalem die Annahme, daß eine Person, herangewachsen und erzogen als Muslim, Ergebnis einer elitären muslimischen Erziehung, im Ergebnis nicht weniger befähigt ist (vielleicht sogar fähiger), sich mit der Göttlichkeit zu „verbinden“, als eine Person des vergleichbaren jüdischen Pfads. Einigen mag es unangemessen erscheinen, daß ein religiöser Lehrer solchen Respekt und Bewunderung gegenüber der Leistung einer Person hat, die in einer Tradition wurzelt, die nicht die eigene ist. Anderen, wie dem Schreibenden hier, drückt Rabbi Farhis Haltung eine geistige Größe aus, die uns allen gut täte berücksichtigt zu werden – und verinnerlicht zu werden.

Zvi Zohar ist Professor für Sefardisches Recht und Ethik an der Bar Ilan Universität, wo er auch dem Rappaport Center for Assimilation Research and Strengthening Jewish Vitality vorsteht. Er ist Senior Research Fellow am Shalom Hartman Institut for Advanced Judaic Studies in Jerusalem. Eine komplette Übersetzung, Analyse und Diskussion von Rabbi Farhis Bericht wird bald im Jewish Studies Quarterly unter dem Titel „The Rabbi and the Sheikh“ veröffentlicht. Dieser Artikel ist Teil einer speziellen Reihe zu Juden und Muslimen in der jeweils anderen Betrachtung und wurde für Common Ground News Service (CGNews) geschrieben.

Deutsche Übersetzung: A.mOr