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Gegen die Wand

Vom zweiten Stück zum Spielzeitschwerpunkt Türkei des Heidelberger Theaters… 

Von Ramona Ambs

Warum gegen die Wand rennen, wenn zwei Meter daneben eine verschlossene Tür ist, an der man sich ebenfalls vorzüglich den Kopf stoßen kann? Ganz einfach: weil es schneller geht, bis der Kopf aufhört zu denken. Sibel und Cahit, die beiden Hauptfiguren, rennen dauernd gegen Wände. Cahit (Frank Wiegard) tut dies tatsächlich: er versucht seinem Leben ein Ende zu setzen, indem er mit einem Auto gegen eine Wand fährt. Diese Szene, die er gleich zu Beginn von seinen Mitspielern mehrfach umsetzen lässt, kommentiert er mit „Nicht immer die totale 1:1 Scheiße“ – und überschreibt damit im Grunde die Konzeption des Stückes.

Anders als die Inszenierung von 2007 am Maxim Gorki Theater Berlin, wo man den türkischen Bezug komplett negieren wollte, versucht die Heidelberger Inszenierung türkische Elemente, zumindest teilweise, zu integrieren. Dabei wird die Bühne eine einzige große Turnhalle. Mit Wänden aus Matten. Und auf diesen Matten wird ,- nein – nicht gespielt, geliebt und geredet, es wird geturnt, gefickt und gebrüllt. Und bleibt deshalb und dabei ganz nah an Akins Sprache. Die Schauspieler imitieren teilweise Kanaksprak und Sibels Vater (Ronald Funke) äußert sich nur auf türkisch. 

Gleichzeitig hat man das blondeste Gretchen, dass das Heidelberger Theater zu bieten hat, für die Rolle der Sibel ausgesucht: Franciska Beyer. Diese spielt ihre Rolle zwar ausgesprochen gut, aber gänzlich untürkisch. Da helfen auch die drei türkischen Sätze nicht weiter. Man kauft ihr die Verzweiflung nicht ab. Erschwerend kommt hinzu, dass der erste Teil des Stücks nahezu ausschließlich Klamauk ist. Alles wird ins Lächerliche gezogen, die wenigen ernsten Momente ersticken in der Komik der jeweiligen Szenen.


Cahit Tomruk (Frank Wiegard) und Sibel Güner (Franziska Beyer), © Markus Kaesler

Man hat den Eindruck, dass aus Akins Liebestragödie eine akrobatische Komödie zelebriert wird, die zwar -zweifelsohne- äußerst originell in der Ausführung ist, jedoch der Geschichte nicht gerecht wird. Dabei ist die Geschichte selbst bereits eine Überdosis von allem. Nachdem Cahits Selbstmordversuch, mit dem Auto gegen die Wand zu fahren, gescheitert ist, lernt er in der Psychiatrie Sibel kennen, die ähnlich suizidal veranlagt ist. Cahit lässt sich auf eine Scheinehe mit Sibel ein, damit diese legitim aus ihrer Familie ausbrechen kann. Das funktioniert alles solange gut, bis Cahit sich in Sibel verliebt…

Die Heidelberger Theateradaption des Films von Fatih Akin bringt viel Action auf die Bühne, viel Witz und einige gelungene Bilder: Klebestreifen-Bärte, die wie Knebel wirken, die rosa Wattewolke, in der Sibel gern untertauchen würde oder das kleine Schiff, dass auf dem goldenen Meer dahintreibt. Auch die Videosequenzen, die abseitige Szenen noch abseitiger, aber präsenter werden lassen und der DJ, der im Geschehen aushilft, sind originelle Ideen. Dennoch fehlt der Inszenierung das türkische Herz, ohne dass die Geschichte nunmal nicht vollständig funktioniert.


Seref (Axel Sichrovsky) und Cahit Tomruk (Frank Wiegard), © Markus Kaesler

Gegen die Wand ist nach SCHNEE die Fortsetzung des Spielzeit-Schwerpunkts Türkei. Beide Produktionen werden auch am HEIDELBERGER STÜCKEMARKT 11 zu sehen sein.

Weitere Aufführungen am 27. und 28.1.2010 u.f.

Gegen die Wand
nach dem Film von Fatih Akin

Regie Mareike Mikat
Bühne & Kostüme Maike Storf
Dramaturgie Kerstin Grübmeyer
Musik Neville Attree
Video / Kamera Maya Dietrich

Mit Ute Baggeröhr, Franziska Beyer; Jan Andreesen, Ronald Funke, Thomas Halle, Axel Sichrovsky, Frank Wiegard

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