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Mit Kipa und Kopftuch – zum Dialog zwischen Juden und Muslimen

Mit orientalischer Pünktlichkeit, die noch einen Tick länger weilt als das akademische Viertel, begann am 13. Dezember der Workshop „muslimisch- jüdische Begegnungen“ in Kiel…

Von Svenja Naudszus

Shalom und Salam! Diese Worte, mehr als nur Begrüßungsfloskeln, prangen an der Leinwand und dominieren mit ihrer Bedeutung – Frieden – die ganze Veranstaltung. Trotz des Schnees auf den Straßen und der Eiseskälte haben sich knapp 30 Teilnehmer eingefunden. Die Organisatoren, die Islamische Hochschulgruppe Kiel (IHG) und das Islamische Wissenschafts- und Bildungsinstituts e.V. (IWB), haben ursprünglich gerade einmal mit der Hälfte gerechnet. Das Interesse am Dialog ist groß.

Es sei das erste Mal in Deutschland, dass eine rein muslimische Organisation ein solches Projekt wagt, erklärt Younes Al-Amayra, Vorsitzender der IHG und Koordinator des Projekts. Viele Jugendliche haben ein begrenztes Wissen über die eigene Religion – wie soll es dann erst bei anderen Glaubensrichtungen aussehen? Unter Muslimen ist zudem der Antisemitismus gestiegen, was nicht zuletzt am Gazakrieg liegt. Um dem entgegen zu wirken, um den jüdisch-muslimischen Dialog wieder zu beflügeln, sollen sich die Teilnehmer im Workshop in aktiven Arbeitskreisen mit Experten Wissen erarbeiten.

Für die Referenten ist dies sicherlich kein leichtes Unterfangen. Wolfgang Seibert, erster Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Pinneberg, ist seit 63 Jahren Jude, sein ganzes Leben schon, und sagt, er weiß immer noch nicht alles; wie soll er da das Judentum in zehn Minuten erklären? Aber den Organisatoren ist es wichtig, nicht nur aus Büchern zu lesen, sondern etwas über das praktische Leben zu hören – das Lernen vom „Subjekt“ selbst. Es sind oftmals die Berührungsängste, die auch Vorurteile aufkommen lassen, aber davon ist heute nichts zu bemerken.

In der Gruppe um Raja Israel aus der Einheitsgemeinde Berlin geht es um die Geschichte des Judentums, um Bräuche, um Traditionen, um das jüdische Leben. Die Teilnehmer sitzen dicht gedrängt um den Tisch und lauschen den Berichten Frau Israels. Die kleine blonde Frau hat sich extra für den Workshop frei genommen – sie unterrichtet Deutsch für ausländische Kinder inmitten von Berlin – Neukölln. Ihre Schüler, so erzählt sie, halten ihren Einsatz im interreligiösen Dialog für wichtig und seien sogar bereit, die ausgefallenen Stunden an einem freien Tag nachzuholen. Auf die Frage, was ihr Lieblingsbrauch als Jüdin sei, erzählt sie vom Kerzenzünden zu Shabbatbeginn, des heiligsten Feiertages. Und nun wird sie mit Fragen überhäuft – wofür die zwei Kerzen stehen, wollen die Teilnehmer wissen. Wann hört der Shabbat auf? Was muss man an diesem Tag machen? Die Teilnehmer versuchen zu verstehen, hinterfragen immer wieder. Die persönliche Auslegung, so finden sie heraus, spielt eine große Rolle – und die Traditionen im Judentum können sehr vielfältig sein.

Im Arbeitskreis zur „Exegese und Vergleich von Koran und Torah“ sitzen die Frauen und Männer zwar an gegenüberliegenden Seiten des Tisches, aber bei der Diskussion zeigen alle vollen Elan. Dr. Ali Ozgür Özdil, Direktor des IWB und Schirmherr des Projekts, erklärt unterschiedliche Auslegungsarten, spricht über Passagen im Koran, die sich auf bestimmte Gruppen von Juden richten und auch nur auf diesen Zusammenhang zu beziehen sind. Es geht um Suren, um die gemeinsame Geschichte, Leidenswege, um den Bruderkrieg.

Dem Schatten, den die Ereignisse im Nahen Osten über die interreligiöse Beziehung legen, kann man auch heute nicht entkommen. Man schafft es jedoch, auf religiöser Ebene zu bleiben. Die Frage, wie die Ereignisse in Israel erklärt und geklärt werden können, wenn doch der Brudermord in der Torah verurteilt wird, kann man in dieser Runde ebensowenig behellen wie die Frage, warum sich viele Muslime für Attentate in die Luft sprengen, obwohl Selbstmord nach muslimischen Verständnis verboten ist.

Aber auch positive Ereignisse lassen sich finden. So berichtet Herr Seibert von einer Nazi-Demonstration vor ein paar Jahren, die an der Synagoge in Kiel vorbeiführte. Und schützend habe sich sich eine Gruppe Jugendliche vor diese gestellt – muslimische Jugendliche!

Einen ganz anderen Zugang zum Verständnis bietet Richard Lazar aus Prag an: an diesem Abend leitet er den Arbeitskreis „Jüdische Witze“. Jüdischer Humor hat eine ganz eigene Art und besonders wenn so ein Witz religiöse Inhalte hat, ist er für viele befremdlich. Im jüdischen Witz wird sich mit dem Erlaubten und Verbotenen auseinandergesetzt. Oftmals geht es um Grauzonen und so wird der Mensch – oder spezifischer der Jude – auf humorvolle Weise mit einem Problem konfrontiert und dazu angeregt, sich selber Gedanken dazu zu machen. Die eigene Interpretation – ein wichtiger Bestandteil des Judentums.

Schließlich lösen sich die Gruppen auf, um ihre Ergebnisse darzustellen und zu diskutieren. Es geht um Speisevorschriften, Kleidungsvorschriften und Vorurteile. Es geht um das Verhältnis des Menschen zu Gott – Wer Recht hat ist eine Sache des Glaubens, nicht des Beweises. Es wird festgestellt, dass Juden und Muslime viele Gemeinsamkeiten haben; Wolfgang Seibert fasst zusammen: „Christen sind meine Freunde, Muslime sind meine Brüder“.

Es wird erklärt und diskutiert, das anvisierte zeitliche Ende ist längst überschritten und die Teilnehmer aus Hamburg nehmen schließlich einen Zug später, um nichts zu verpassen. Am Ende gehen auch sie mit vielen Eindrücken und Erkenntnissen zu später Stunde nach Hause. Die Organisatoren haben für das Projekt mit vielen weiteren Veranstaltungen insgesamt zwei Jahre kalkuliert. Aber zum Ziel, einer Gesellschaft, in der Juden und Muslime nicht nur in einem Nebeneinander und Miteinander existieren, sondern auch Füreinander da sind, ist es noch ein langer Weg.