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Požehnaný jsi, Hospodine*: Ein tschechisch-hebräischer Sidur – neu aufgelegt!

Der Sidur, das jüdische Gebetsbuch, war immer öffentlicher Ausdruck der historischen jüdischen Erfahrung, aber auch ein privates Bekenntnis zu vielen geistigen Werten und Konzepten. Deswegen gewährt uns jeder Sidur – zur gegebenen Zeit und am gegebenen Ort – einen Einblick in die jüdische Seele und ihr Potential. Jede Liturgie stellt etwas Ewiges, Verlässliches und Beständiges dar, gleichzeitig bemüht sie sich um Integration zeitgemäßer Empfindsamkeit und der aktuellen Einstellungen. So ist es auch im Falle dieses progressiven Sidurs…

Aus dem Vorwort von Rabbiner Dr. Tomas Kučera

Das Adjektiv „progressiv“ basiert vor allem auf dem Bemühen um Wahrhaftigkeit der Begriffe in den Texten. Dies bezieht sich sowohl auf egalitäre Bezeichnungen, die von Frauen angenommen werden, wie auch auf Auslassungen bestimmter Vorstellungen, die in der jüdischen Geschichte eine erhebliche Rolle gespielt haben, die wir aber aus dem Blickwinkel der Gegenwart für nicht erfüllbar betrachten. Im progressiven Sidur finden wir deshalb bei jedem Erwähnen der Urväter (awot) auch Urmütter (imahot). Auf der anderen Seite finden wir hier nicht die Bitten um Wiederaufbau des Tempels, Wiedereinführung der Tieropferung und Wiedereinführung von Davids Monarchie. Trotz der gegenwärtigen Diskussion über die Renaissance des Konzepts der Auferstehung der Toten (techijat hametim) im progressiven Judentum, belässt dieser Sidur die universelle Formulierung.

Ein weiteres Merkmal des progressiven Sidurs ist die Kürzung einiger Texte, damit der Gottesdienst (tefila) einen Rahmen bietet, innerhalb dessen es möglich ist, sich ohne Eile und bewusst in die Bedeutung der Texte zu versenken und in diese aktiv einzubinden. Deswegen sind sowohl sich wiederholende Textpassagen wie auch Textverzierungen ausgelassen. Dies mindert nicht die poetische Kraft des Ursprungstextes.

Denjenigen, denen die Transkription aller hebräischen Texte zu einfach erscheint, kann ich nichts entgegenhalten, ich kann nur auf Zugeständnisse und Motivation für die weitere Entwicklung verweisen. In jedem Augenblick der Nutzung dieser Texte muß der „kategorischer Imperativ“ hervorgehoben werden, mit dem Lauf der Zeit immer mehr und mehr von der Transkription wegzukommen.

Der Sidurtext ist nicht nur für den Gottesdienst (tefila), sonder auch für das Studium (limud) bestimmt, zur Unterweisung, zum Nachdenken und zur Erziehung weiterer Generationen, die die Fortdauer der jüdischen Zivilisation sichern sollen. Deswegen ist im progressiven Sidur, trotz allen erwähnten Änderungen, die klassische Struktur sichtbar, die von vielen Generationen vor uns bereits praktiziert wurde.

Sie halten das Resultat der Bemühungen vieler Einzelner in der Hand. Einen besonderen Dank möchte ich Jan David Reitschläger aussprechen, für die Zusammenstellung der ersten Version dieses Sidurs, für die eigenständige und feinsinnige Übersetzung vieler Texte aus dem Hebräischen ins Tschechische, für die vielen Änderungen und die endgültige Textsetzung.
Für Anmerkungen zum hebräischen Teil des Sidurs möchte ich mich bei den Rabbinern Andrew Goldstein, Yehoram Mazor, Jonathan Magonet und Norman Patz bedanken. Herzlichen Dank auch an alle erwähnten und nicht erwähnten Helfer.

Eine Besonderheit dieser Ausgabe sind einige Grafiken von Hugo Steiner-Prag, der 1880 in Prag als Sohn einer der ältesten Prager jüdischen Familien geboren wurde. 1936 wurde er gebeten, die grafische Gestaltung des Machsors zu übernehmen, des Gebetsbuchs für die Hohen Feiertage. Dieses bedeutende Projekt wurde zwar zu Ende geführt, wegen der deutsche Okkupation der Tschechoslowakei im Jahre 1938 aber nie realisiert. Die Grafiken gelangten mit der Familie Steiner-Prag nach Schweden und in die USA. Der Künstler arbeitete an ihnen weiter und verfeinerte sie. Wir sind stolz darauf, dass nach 70 Jahren diese Grafiken an der Stelle erscheinen, für die sie bestimmt waren – im Sidur. Für die Überlassung danken wir Carol Kahn Strauss und Renate Stein vom Leo-Baeck-Institut New York.

Die erwähnte Spannung zwischen Tradition und der sich entwickelnden Gegenwart spiegelt sich in den beiden hebräischen Worten im Namen dieses Sidurs. Higajon bedeutet Logik – Handhabe, Nachdenken, Studium, praktische Bedeutung. Lev bedeutet Ästhetik – das Herz, Verstehen, Fühlen, Entschluss. Der Name des Sidurs verbindet kognitive und emotionale Seiten eines Menschen. Das Denken und Fühlen kann man nicht voneinander trennen. Alle rationalen Entscheidungen sind immer begleitet von emotionalen Erwägungen. Hegjon lev ist die Einstellung eines Menschen, der über sich und seine Umwelt nachdenkt, seine Überzeugung formuliert, Spannungen und Gegensätze wahrnimmt, aber gleichzeitig um Gleichgewicht bemüht ist. Möge dieser Sidur dazu beitragen.

*) Požehnaný jsi, Hospodine… Gelobt seist Du, Ewiger… Barukh atah, Adonaj…
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