Mahnwache für Doğan Akhanlı

Wir protestieren dagegen, dass der Kölner Doğan Akhanlı schon fast vier Monate willkürlich in türkischer Haft gehalten wird und am kommenden Mittwoch, den 8. Dezember 2010, in Istanbul vor Gericht erscheinen muss. Aus politischen Gründen fordert der Staatsanwalt eine lebenslange Haftstrafe…

Am Montag, den 6. Dezember, von 12-14 Uhr, findet auf dem Kölner Wallrafplatz eine Mahnwache für Doğan Akhanlı statt.

Zum Hintergrund ein Auszug aus dem Aufruf vom 29.10.2010:

„Der Schriftsteller und Menschenrechtler Doğan Akhanlı ist am 10. August 2010 in die Türkei ein-gereist. Nicht heimlich, nicht auf Umwegen, sondern unter eigenem Namen, mit eigenem deutschen Pass und über den Istanbuler Flughafen. Er wollte seinen Vater und sein Heimatdorf besuchen.

Seit dieser Stunde sitzt er in türkischer Haft. Die Staatsanwaltschaft will ihn lebenslang hinter Gitter bringen, unter verschärften Haftbedingungen. Der Vorwurf: Akhanlı sei Kopf einer bewaffneten linken Organisation gewesen, die die türkische Ordnung habe stürzen wollen. Deswegen habe er an einem Raubüberfall auf eine Wechselstube teilgenommen, der am 20. Oktober 1989 in Istanbul verübt und bei dem der Besitzer dieser Wechselstube getötet wurde.

Doğan Akhanlı hat nichts davon getan. Tatsächlich hat die Staatsanwaltschaft auch keine Beweise gegen ihn in der Hand. Ihre beiden ehemaligen Zeugen haben im August 2010 bei Gericht und damit aktenkundig zu Protokoll gegeben, dass ihnen die Doğan Akhanlı belastenden Aussagen 1992 durch Folter abgepresst oder schlicht untergeschoben wurden. Zudem wurde die besagte militante Organisation, deren Mitglied Akhanlı nicht einmal war, vom türkischen Innenministerium Mitte der 90er Jahre als nicht umsturzrelevant eingestuft.

Eine Justiz, die diese Fakten übergeht, erfolterte und überdies korrigierte Aussagen verwendet, muss sich fragen lassen: Warum hält sie einen offensichtlich Unschuldigen, der während seiner Haftzeit 1975 und 1985 schwer gefoltert wurde, dennoch in Haft, lehnt sämtliche Haftbeschwerden ab und macht ihm den Prozess?

Doğan Akhanlı war linker Aktivist, tauchte nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 unter, wurde verhaftet, saß mehr als zwei Jahre im Gefängnis und floh 1991 nach Deutschland. Im Exil wurde er Schriftsteller, kritisiert kompromisslos die staatlichen Gewaltverbrechen des 20. Jahrhunderts in der Türkei und anderen Ländern, darunter den Genozid an den Armeniern. Als Menschenrechtler organisiert er den Dialog von Menschen unterschiedlicher Herkunft über die Folgen von staatlicher Willkür und Völkermorden. Mit anderen fordert er die Aufklärung des Mordes an Hrant Dink. Soll er dafür büßen?!

Am 8. Dezember 2010 wird die 11. Strafkammer des Strafgerichts Istanbul den Prozess gegen Doğan Akhanlı eröffnen und zeigen müssen, ob sie den unseligen Traditionen der Gesinnungsjustiz anhängt oder die Fakten nach rechtsstaatlichen Kriterien wertet.

Wir fordern die sofortige Freilassung von Doğan Akhanlı.
Wir fordern Gerechtigkeit.

Unterstützerkreis ‚Gerechtigkeit für Doğan Akhanlı’ | c/o recherche international e.V.
www.gerechtigkeit-fuer-dogan-akhanli.de/blog/

Weitere Informationen:
http://www.hagalil.com/2010/09/29/dogan/

7 Kommentare zu “Mahnwache für Doğan Akhanlı

  1. Warum wird Doğan Akhanlı festgehalten, warum wurde er ganz offensichtlich aus politischen Gründen inhaftiert und von seiner Familie getrennt? Warum werden wir hier Zeugen und Beteilgte eines Dramas, in das die Türkei, die Armenier und Deutschland involviert sind?
     
    Weil die Türkei ganz ähnliche Probleme mit ihrer Vergangenheit hat wie wir Deutschen. Lieber Lügen, Verschweigen, Klittern, die eigene Geschichte glätten, als die unpopuläre Wahrheit endlich anzuerkennen.
     
    Erfreulicherweise hat haGalil keine Scheu gezeigt schon früh den Finger auf diese klaffende Wunde zu legen – trotz sehr langer Zeit relativ guter türkisch-jüdischer Beziehungen. Denn Menschenrechte sind Menschensache und daher auch jenseits von politischen Rücksichtnahmen stets und grundsätzlich zu vertreten.
     
    Ein ganz großer unter den jüdischen Schriftstellern, Franz Werfel, hat lange recherchiert, ehe er eines seiner umfangreichsten und bekanntesten Werke,
    „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ im Jahre 1933 veröffentlichte, ein Werk, welches sich dem Schicksal der Armenier in der Türkei widmet.

    Aber dieses Werk verdient auch noch aus anderen Gründen hier erneut zur Sprache gebracht zu werden. Werfel hat, Kunstgriff eines engagierten Autors, Charaktereigenschaften und Äußerlichkeiten deutscher Nazis in seinem Türkei-Epos auf seine Handlung und deren Aktanten übertragen. Wer die deutsche Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gut kennt, wird bei Lektüre des Buches von Werfel immer wieder auf diese Tatsache aufmerksam werden. Werfels Anliegen war es, die Menschen seiner Gegenwart aus den Erfahrungen der damals noch sehr nahen Vergangenheit lernen zu lassen. Leider fand sein Buch nicht den gewünschten Anklang, die Aufmerksamkeit, der es bedurft hätte, um Schlimmstes, Allerschlimmstes zu verhindern.

     
    Ich appeliere an die Türkei, der ich immer freundlich gegenübergestanden bin und der ich immer noch freundlich gegenüberstehe, ich rufe die Türken, unsere Türken und die Türken in der Türkei auf, ebenso wie ich meine deutschen Landsleute immer wieder dazu aufgerufen habe: Macht Schluss mit den Geschichtslügen, kärt Euer Volk auf, gebt zu, dass Eure Vorfahren Fehler gemacht, Verbrechen begangen, dass sie Generationen lang gelogen haben und die berechtigten Anliegen der Opfer bzw. von deren Nachkommen – den Anspruch auf Offenlegung der historischen Wahrheit – mit Füßen getreten haben.
     
    Nicht umsonst sind, so die Auskunft eines Mediziners aus meinem Bekanntenkreis, mehr Menschen als anderswo in Deutschland in psychotherapeutischer Behandlung oder haben massive psychische Probleme. Das sind mit Auswirkungen eines verlogenen, und damit sittenwidrigen Umgangs mit der eigenen Geschichte. Verdrängung ist eine gewisse Zeit lang möglich. Aber in einer vernetzten Welt mit einem nie vorher für möglich gehaltenen Informationsaustausch über Grenzen hinweg, ist es irgendwann einmal nicht mehr möglich weiter zu lügen, ohne seine Glaubwürdigkeit zu verlieren. Die derzeit häufig genannte Plattform Wikileaks ist nur eine von vielen modernen Web-Quellen, die die staatlich verordnete Geschichtsschreibung oder die angeblich so freie Presse immer wieder ‚überführen‘.

    Ich selbst habe auf haGalil die massiven deutschen Geschichtslügen in vielen Beiträgen offengelegt. Es wird nicht lange dauern und auch in der Türkei, oder außerhalb, werden türkische Menschen damit beginnen, die Lügen ihrer nationalen Geschichtsschreibung auf ähnliche Weise bloß zu stellen. Es ist bereits jetzt nicht mehr möglich den Massenmord an den Armeniern zu leugnen. Es kann für die türkische Regierung und die türkischen Menschen daher nur noch schlimmer werden, wenn sie sich weiter weigern das bisher Unaussprechliche endlich publik zu machen.
     
    Türken und Deutsche, zeigt, dass Ihr Menschen seid und steht zu Eurer Geschichte, zu deren Glanzseiten ebenso wie zu deren traurigen Kapiteln!
     
    Es ist, um nicht missverstanden zu werden, nötig, hinzuzufügen, dass ich mit diesem Aufruf an beide Völker, nicht die deutschen Verbrechen relativieren möchte, dass ich sie nicht mit denen der Türken vergleichen will.
     
    Zu Franz Werfel und seinem Buch:
    http://www.exil-club.de/html/30_projekte/32_projekte_02/reportagen/exil/werfel.htm
    http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/22881.html
    http://de.wikipedia.org/wiki/Die_vierzig_Tage_des_Musa_Dagh
    http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkermord_an_den_Armeniern
    http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Werfel
    http://de.wikipedia.org/wiki/Moses_Der_Kalousdian
    http://www.gegenwind.info/211/literatur_armenien1.html
    http://www.compass-infodienst.de/Julius_H__Schoeps__Der_verdraengte_Genozid__Armenier__Tuerken_und_ein_Voelkermor.251.0.html

  2. Ein trauriger Nachtrag: Dogan Akhanlis Vater – dessen Erkrankung den Anlass für Dogans Reise in seine frühere Heimat bildete, 19 Jahre nach seiner Flucht aus der Türkei – ist soeben in der Türkei gestorben. Dogan Akhanli hat seinen Vater nicht mehr wiedersehen dürfen: Der „Stern“ berichtet soeben: „Der in der Türkei inhaftierte deutsche Autor Dogan Akhanli hat seinen Vater verloren. Akhanli habe von seinem Anwalt in der Untersuchungshaft vom Tod seines Vaters im Nordosten der Türkei erfahren, erklärte die Organisation Netzwerk Recherche am Dienstag in Köln. Der türkischstämmige Akhanli war im August bei der Einreise in die Türkei verhaftet worden; er hatte damals seinen Vater besuchen wollen. Der Haftbefehl gegen Akhanli habe ein Wiedersehen von Vater und Sohn verhindert, kritisierte Netzwerk Recherche.“
    Wir dürfen nicht nachlassen, uns für Dogans sofortige Freiheit und Rückkehr nach Köln einzusetzen!

  3. Lass ab, Uri, Uri, lass ab.

    Dieser Typ will doch nichts weiter als den Nachweis für den gemeinsamen Ursprung und damit die Verwandtschaft von Antisemitismus, Islamhass, Xeonophobie, den ganz gewöhnlichen, primitiven Hass auf den Fremden, mit einem Wort ganz schlicht, den vulgären Fremdenhass erbringen, und das hier und nicht nur hier nicht zum ersten Mal, sondern, in gewohnter Frische, immer wieder.

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