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Ein altes antisemitisches Stereotyp

Interessierten Passanten wurde Anfang des Jahres auf der Kölner Domplatte ein inkriminierendes Bild von einer massiven Person mit Davidstern präsentiert. Unzweifelhaft sollte hier ein Jude dargestellt werden, der  in den Farben der US-Flagge mit Messer und Gabel ein auf einem Teller liegendes Kind zerteilt und verspeist. Die „Keifja“ im Bild legt nahe, das es sich um ein palästinensisches Kind handeln soll. Neben dem Teller steht ein Glas mit dem Blut des Kindes…

Von Jürgen Wilhelm und Marcus Meier*

Das Bild ist eindeutig, das Motiv historisch tausendfach in unterschiedlichsten Ausrichtungen reproduziert und in variierenden antisemitischen Stereotypen verwendet worden. Diese „Karikatur“ war Bestandteil der „Kölner Klagemauer“, dessen Betreiber Walter Hermann ein altes antisemitisches Stereotyp aufgreift, das seit dem frühen Mittelalter zur Verunglimpfung von Juden Verwendung gefunden hat. Der „Ritualmord“-Legende zufolge töten Juden zum Pessachfest christliche Kinder und trinken deren Blut. Zunächst wurde das Bild von Juden als Kindermörder vor allem im christlichen Kontext verwendet, später häufig von den Nationalsozialisten aufgenommen und auch in die islamische Welt exportiert. Kein Wunder also, dass zahlreiche Fraktionen des Kölner Stadtrates — CDU, FDP und Grüne — die Anzeige durch den Kölner Schauspieler Gerd Buurmanns gegen dieses Schandbild begrüßten und sich die Kölnische Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit mit einer weiteren Anzeige den Protesten anschloss.

Erstaunlich war allerdings die Reaktion der Kölner Staatsanwaltschaft auf die Anzeige wegen des Verdachts der Volksverhetzung. In ihrer Stellungnahme sehen sie in der Zeichnung eine legitime Meinungsäußerung, die als Kritik am Staat Israel und nicht etwa als Hetze gegen Juden zu verstehen sei. Es ginge, so die Staatsanwaltschaft, darum, wie „das verständige Durchschnittspublikum den Erklärungsgehalt unter Berücksichtigung der Umstände des Einzelfalles und der Verkehrsanschauung auffassen würde.“

Die Logik der Staatsanwaltschaft verblüfft. Der abgebildete massive Körper ist unübersehbar mit einem Davidsstern versehen, nicht mit der israelischen Flagge. Die blaue Farbe der Bekleidung und des Davidssterns ist Symbol für Menschen jüdischen Glaubens. Blau-weiß sind die Farben jüdischer Ritualkleidung, des Gebetsmantels bzw. Schals (Tallit) und wurden in dieser Eigenschaft in die israelische Nationalflagge übernommen. Sie ist also nicht primär als politisches, sondern als religiöses Bekenntnis zu sehen. Daraus folgt zwingend, dass auf der Abbildung — wie die Staatsanwaltschaft in ihrem Bescheid formuliert — „der Jude schlechthin“ und nicht die „israelische Militärpolitik“ dargestellt wird. Somit wird dieser „Jude schlechthin“ als Person dargestellt, die ein palästinensisches Kind verspeist.

Völlig unverständlich sind auch die Ausführungen der Staatsanwaltschaft, eine Bilddarstellung sei nicht antisemitisch, wenn ein Jude nicht mit Stereotypen wie einer Hakennase als hässlich und rassisch minderwertig und dazu noch mit einem gelben Stern dargestellt werde (S. 4/5). Dabei reicht doch der in „Stürmer“-Manier dargestellte massive Körper mit dem Davidsstern vollkommen aus, um die karikierte Person als Juden zu identifizieren. Voraussetzung der Identifizierung kann ja wohl nicht sein, dass sämtliche antisemitische Klischees benutzt werden. Diese sind so vielfältig, dass sie kaum in einer Zeichnung Verwendung finden könnten. Die bekannte „Stürmer-Karikatur“, die einen Arm und eine Hand mit einem Geldbeutel zeigt, wäre nach dieser Interpretation nicht antisemitisch, weil die Krummnase fehlt. Eine solche Behauptung wäre absurd.

Lokalhistorisch bedeutsam ist dieser Fall auch deshalb, weil schon 1929 ein Kölner Gericht den damaligen Gauleiter der NSDAP, Robert Ley, verurteilte, weil er sich in Hetzschriften traditioneller antisemitischer Stereotypen bediente. Ley tat dies durch Veröffentlichung einer Karikatur, die die Ritualmordlügen gegen Juden propagierte. Die Justiz in der Weimarer Zeit galt gemeinhin nicht als Bollwerk der Demokratie, trotzdem gab es, zumindest in Köln, ein Verständnis für diskriminierende und stereotypisierende Karikaturen. Auch die Argumentation der Staatsanwaltschaft, Herrmann habe sich in der Presse vom Antisemitismus distanziert und werde die umstrittene Karikatur nicht mehr zeigen, kann nicht überzeugen. Laut „Kölner Stadtanzeiger“ sagte Herrmann, er wolle mit dem Pressefoto eine „offene Diskussion“ über die Politik Israels einfordern. Mit Antisemitismus habe er nichts im Sinn, jedoch meine er, „dass die israelische Politik in der Pflicht ist, alles zu vermeiden, was tiefsitzende antijüdische Ressentiments aufleben lässt.“ Dass der „Jude“ selber am Antisemitismus schuld ist, ist ein beliebtes antisemitisches Argumentationsmuster — gerade auch in Bezug auf die Politik Israels.

Darüber hinaus kann das Argument beim besten Willen nicht greifen, hier werde im Kontext des Nahostkonfliktes eine legitime Israelkritik zum Ausdruck gebracht. Von Menschen, die bekennen, „israelkritisch“ zu sein, den Vorwurf des Antisemitismus aber scharf zurückweisen, wird oft prophylaktisch betont, dass es möglich sein müsse, Israel zu kritisieren, ohne in „diese Ecke“ gedrängt zu werden. Dieser Forderung ist ohne wenn und aber zuzustimmen. Wer in Deutschland jedoch Israel kritisiert, muss damit rechnen, eine lebhafte Debatte auszulösen, die jedoch keineswegs tabuisiert ist. Ein Israelkritiker, der nicht einfach nur sein Ressentiment in einer neuen Packung versteckt, wie dies Walter Hermann mit seiner Karikatur tut, darf sich um den Preis seiner Integrität also nicht antisemitisch äußern.

Das ist, allen Unkenrufen zum Trotz, ohne weiteres möglich. Wo die Grenze zum Antisemitismus verläuft, ist vielfach definiert worden. Demnach ist Kritik am jüdischen Staat dann antisemitisch, wenn sie Israel als „Jude unter den Staaten“ (Leon Poliakov) dämonisiert oder delegitimiert. Etwa indem man den Juden das Recht auf nationale Selbstbestimmung abspricht und behauptet, der Staat Israel sei ein rassistisches Projekt. Antisemitisch ist, wenn die israelische Politik mit Nazimethoden gleichgesetzt wird und wenn man die Juden kollektiv für Israel haftbar macht.

Die Karikatur der Kölner Klagemauer hat also deutlich nichts mit  einer legitimen Israelkritik zu tun. Sie ist auch nicht der reale Ausdruck des Leids von Kindern in Gaza, das u.a. auch eine direkte Folge der Tatsache ist, dass Gaza von einer islamistischen Terrororganisation beherrscht wird. Das an der „Klagemauer“ gezeigte Bild folgt im Gegenteil dem Versuch, Juden als Monster darzustellen.

Dieser Kölner Klagemauerskandal steht somit im Kontext zahlreicher Hinweise durch Studien, die deutlich auf den immer wieder stattfindenden Versuch hinweisen, dass über den Umweg der Kritik an dem Staat Israel antisemitische Stereotypen verbreitet werden. Die Erscheinungsformen des Antisemitismus sind also durchaus facettenreicher geworden. Diese vereinzelt auch als „neuer Antisemitismus“ charakterisierte Form der Judenfeindschaft bedient sich im Kern derselben Stereotype wie eh und je. Diese werden jedoch zeitgeschichtlichen Entwicklungen angepasst und so weitergetragen. Antisemitische Vorurteile werden somit häufig über den Umweg einer scheinbar „rationalen“ Israel-Kritik kommuniziert — dem entgegenzuwirken, bleibt eine schwierige Herausforderung, umso mehr, als Antisemitismus auch „in der Mitte“ der Gesellschaft beständig Zustimmung findet.

Diesen politischen und historischen Kontext ignoriert die Kölner Staatsanwaltschaft vollkommen und übersieht dabei auch die fatale Wirkung, die von ihrem Urteil ausgeht. Denn diese „Karikatur“ bedient die niedersten rassistischen Vorurteile und darf weder vom hohen Verfassungsgut der Presse- und Meinungsfreiheit, noch etwa von der künstlerischen Freiheit der Satire gedeckt werden. Mit diesem „Argument“ könnte die Staatsanwaltschaft auch gleich die Texte und Karikaturen des Nazi-„Stürmer“ wieder rehabilitieren. Zudem lässt sie vollkommen außen vor, dass mit einer Einstellung der Klage zukünftig Rechtsextreme und Neofaschisten rassistische Vorurteile ungestraft heraus posaunen dürften.

Bisweilen fiel Hermann durch fragwürdige Aushänge an der Grenze zwischen einseitiger politischer Kritik und antizionistischer Rhetorik gegenüber dem Staat Israel auf, die häufig auch implizit antisemitische Konnotationen in sich bargen — allerdings niemals so deutlich wie mit dieser Zeichnung. Bisher waren wir immer der Meinung, dass diese Klagemauer zwar politisch kritikwürdig sei, aber dennoch durch die freie Meinungsäußerung gedeckt sei. Wenn wir nun versuchen, diese Form der politischen Meinungsmache zu kritisieren, so geht es uns nicht nur um den konkreten Fall, schon gar nicht nur um die Person Walter Hermann, sondern vielmehr um die in den letzten Jahren schon inflationär gewordenen Übergänge vom Antizionismus hin zum Antisemitismus. Wir möchten durch die sich entwickelte produktive Diskussion, die seit der jüngsten Auseinandersetzung um die „Kölner Klagemauer“ stattgefunden hat, Parteien, Gewerkschaften, zivilgesellschaftlich aktive Gruppen und engagierte Bürger ermuntern, sich mit dem Thema weiter auseinanderzusetzen.

Diese Studie ist zuvor in der traditionsreichen Zeitschrift TRIBÜNE. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums (49. Jg., Heft 195, August 2010) erschienen. Wir danken der Redaktion und dem Verlag für die freundlich erteilte Nachdruckgenehmigung.

Dr. Jürgen Wilhelm ist Vorsitzender und Dr. Marcus Meier ist Geschäftsführer der Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

* Dieser Text stützt sich auf Ausarbeitungen von unserem Vorstandsmitglied Werner Fricke.

„Mossad, Mossad!!!“ – Die Akte „Kölner Klagemauer“ oder: Mossad Ermittlungen in Kölner Bürgerzentrum